Valentino: Streets of blood

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Summary

VALENTINO, EIN 19-JÄHRIGER JUNGER MANN AUS ROM, STREBT DANACH, DURCH ILLEGALE MACHENSCHAFTEN IN DIE WELT DER REICHEN UND MÄCHTIGEN AUFZUSTEIGEN. SEIN KALTES HERZ, GEZEICHNET VON DEN WUNDEN SEINER VERGANGENHEIT, TREIBT IHN DAZU, ÜBER LEICHEN ZU GEHEN, UM SEIN ZIEL ZU ERREICHEN. DOCH DANN TRITT DIE LIEBE IN FORM VON MIRA IN SEIN LEBEN UND STELLT ALLES AUF DEN KOPF. WIRD VALENTINO SEIN STREBEN NACH MACHT UND REICHTUM ÜBERWINDEN KÖNNEN, UM WAHRE LIEBE ZU FINDEN?

Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
4.5 2 reviews
Age Rating
18+

Familie

Italien, Rom, monday, 5 june 2019

»Ich würde jetzt nicht behaupten, dass ich Minderwertigkeitskomplexe habe. Im Gegenteil. Die ganzen Schönheitsoperationen, die ich an meinem Körper durchführen ließ, waren reine Ästhetikpflege. Kunst am eigenen Fleisch. Ich wollte mich einfach nur so sehen, wie ich es verdiene – als attraktive Frau.«

»Kannst du den Fernseher nicht leiser machen?! Siehst du nicht, dass ich hier schlafe?!« Ich weiß nicht, was schlimmer ist: die Matratze aus Stein unter meinem Rücken oder die kreischende Stimme dieser hyperaktiven Frau, die aus dem alten Fernseher dröhnt, als wolle sie mein Trommelfell sexuell belästigen. Noch besser kann man einen Menschen wirklich nicht aufwecken. Ich öffne die Augen – und stelle fest, dass es natürlich noch schlimmer geht. Die Decke über mir hängt schief, bereit, sich jeden Moment auf mich zu stürzen. Perfekt. Mein Leben in einem Bild: Alles steht kurz davor, mir auf den Kopf zu fallen. »Musst du erst noch wach werden oder was soll das Gerede?!« Onkel Alberto? Ohne jetzt sentimental oder – Gott bewahre – homosexuell klingen zu wollen: Er ist mein körperliches Vorbild. Nicht wegen der paar schwarzen Strähnen, die sich verzweifelt an seiner Glatze festhalten, sondern wegen der Muskeln. Diese verdammten Muskeln. Selbst unter dem weißen Tanktop zeichnen sie sich ab, als hätte Michelangelo persönlich an ihm herumgemeißelt. Wenn ich ihn nicht kennen würde, würde ich meinen, dieser 35-jährige Sack wäre ein Fitness-Influencer, der seine Proteinshakes aus purem Testosteron mischt.

Seine Oberarme sind doppelt so groß wie meine – und das sage ich als jemand, dessen Bindegewebe angeblich: robust und attraktiv - ist. So steht’s zumindest in meinem Datingprofil. »Tut mir leid, Onkel. Ich dachte, Enrico wäre dort. Du weißt, dass ich dir gegenüber nicht so respektlos bin. Wer erlaubt mir denn sonst, heimlich zu kiffen? Onkel Alessandro vielleicht? Der würde mich lieber den Löwen vorwerfen.« Ich fahre mir durch meine schwarzen, vollen, gewellten Haare, kratze kurz am Undercut an den Seiten und zwinge mich von dieser gottverdammten Matratze. »Sieh dir die Nutte an! Schau sie dir mal an!«, brüllt Onkel Alberto und fuchtelt mit der Fernbedienung Richtung Bildschirm. »Ich frage mich immer wieder, wer in den Gehirnen der Frauen Scheiße produziert hat!« Es ist nicht untypisch für ihn, über belanglosen Mist auszurasten. Unsere Gespräche sind emotionale Kriegsschauplätze. Einmal haben wir ernsthaft stundenlang darüber diskutiert, warum eine Bio-Tomate den Transport von Spanien bis Deutschland nicht überlebt hat. Eine Tomate! Aber er sprach darüber, als hinge die Menschheit davon ab. »Hat sie dir etwa das Herz gebrochen?« frage ich, während auf dem Bildschirm die Frau schon wieder unters Messer geht. Ich kann mir das auf nüchternen Magen nicht geben, also hebe ich die Matratze hoch – leichter als mein Selbstwertgefühl – und versuche, etwas Essbares zu finden. »Sie hat Millionen ausgegeben – für dieses schiefe Gesicht! Bin ich der Einzige, dem das auffällt? Ihr Gesicht ist doch komplett schief! Ey, Valentino! Hol mal ein Lineal!« Die Fernbedienung überlebt seine Wut nicht und landet auf dem Glastisch, der inzwischen aussieht, als hätte dort eine Müllhalde Unterschlupf gefunden. Geld ist für ihn ein rotes Tuch. Seit meine Eltern gestorben sind, ist alles anders. Alberto und Alessandro – nur Freunde meines Vaters, aber sie haben mich großgezogen, als wäre ich ihr leiblicher Sohn. Mein Vater war einst einer der schlimmsten Intensivtäter des Landes, reich durch Drecksgeschäfte, elegant in der Tarnung. Bis der Staat ihn erwischte. Dann kam die große Säuberung: Autos weg, Villa weg, Konten gepfändet, selbst die Erinnerungen wurden konfisziert. Mir blieb nur ein einziger Brief meiner Mutter. Und den will ich nie wieder lesen.

»Du regst dich über ein Gesicht auf, das mehr gerade Linien hat als unser Leben. Immerhin hat sie wenigstens kein schiefes Bankkonto – was man von uns nicht behaupten kann. Von mir aus kann sie untenrum so krumm sein wie eine Serpentinenstraße, ich würde sie trotzdem ficken«, sage ich lachend und schleppe die Matratze, die früher einmal weiß gewesen sein muss, neben den Kleiderschrank. Das Ding ist so instabil, dass es nicht einmal schafft, sich an die Wand zu lehnen. Stattdessen rutscht sie langsam herunter, schlaff wie das beste Stück eines alten Rentners. »Lass dein Goldstück einfach in der Hose«, sagt er. »Deinetwegen werde ich ständig von Frauen angerufen, die sich für deine verirrten Schäferstunden bedanken wollen. Wie kommen die überhaupt an meine Nummer? Die Weiber sind schlimmer organisiert als die Mafia!« Onkel Alberto zeigt mit dem Zeigefinger auf die Fernbedienung – sein Zepter der Macht – und fordert mich auf, sie ihm zu bringen. In dieser winzigen Einzimmerwohnung ist Bewegung sowieso ein Glücksspiel. Wenn man hier zu schnell atmet, stößt man an die Wand. Vierundvierzig Quadratmeter – so nennen wir unser Königreich. Das Wohnzimmer ist eine Art offene Wunde, die Küche steckt wie ein Geschwür im hinteren Teil. Jeder hat seinen eigenen: Platz – so nennen wir das, um uns nicht elender zu fühlen, als wir ohnehin sind. Zwei Matratzen für Onkel Alessandro und mich. Bevor wir schlafen, müssen wir jedes Mal den Tisch wegrücken, um unsere Betten auszubreiten. Es ist ein Ritual der Erniedrigung. Aber immerhin besser, als auf der Couch zu liegen – das Schicksal von Onkel Alberto und Enrico. In der Nacht ist es manchmal fast komisch, wenn man sieht, wie Onkel Alberto, dieser fleischgewordene Muskelberg, auf einem Sofa liegt, das kleiner ist als seine Selbstachtung. Seine Füße hängen über das Ende hinaus, groß wie Grabsteine. Und ich? Ich liege genau gegenüber. Erster Blick am Morgen: seine Zehen. Zweiter: die Sinnlosigkeit meines Lebens. »Das ist nur versehentlich passiert, eigentlich wollte ich Enricos Nummer geben«, sage ich und kratze an der Brust. Ich greife nach der Fernbedienung, die neben einem überfüllten Aschenbecher liegt, und reiche sie ihm. »Also hast du jedes Mal versehentlich meine Nummer weitergegeben, ja? Willst du mir erzählen, du warst nüchtern?« Er nimmt sie, schaltet den Sender um, seufzt.

»Ich würde das nicht so nennen. Sagen wir einfach, ich war… angetrunken.«

»Bist du wieder feiern gegangen, du Idiot?«, tönt es plötzlich hinter mir. Diese Stimme – halb Nerv, halb Familienpflicht – gehört niemand anderem als Enrico. Ich drehe mich um. Da steht er, wie immer mit dieser Mischung aus Trotz und Schlafmangel. »Sieh dir mal ein Beispiel an mir«, predigt er, »und renn nicht jeden Abend wie ein streunender Hund durch die Straßen. Ich räume immer deine Scheiße weg!« Enrico, der moralische Kompass im Wrack. Der Sohn meines Onkels Alessandro, achtzehn, also nur ein Jahr jünger als ich – aber geistig schon in Rente. Wir sind zusammen aufgewachsen, zwei Produkte eines kaputten Systems, das man Familie nennt. Über seine Mutter redet niemand. Onkel Alessandro schweigt, Enrico stellt keine Fragen, und ich bin zu müde, um sie zu stellen. Er hängt an seinem Vater wie ein schmutziges T-Shirt an der Wäscheleine. Immer bemüht, ihn nicht zu enttäuschen. Doch sobald ich in der Nähe bin, kippt das brave Bild. Ich bin das Gift in seinem Blutkreislauf, die Versuchung zur Rebellion. Enrico ist der ruhige Typ, der glaubt, dass Konflikte von selbst verschwinden, wenn man sie ignoriert. Ich dagegen weiß: Ignoranz ist nur die höflichere Form von Feigheit. Also provoziere ich ihn. Nicht, weil ich es muss – sondern weil ich’s kann. Und weil’s Spaß macht. Vor einem Jahr sah er noch aus wie ein wandelndes Bewerbungsschreiben. Dann kam ich. Ich habe ihn von seiner Streberhaut befreit – Muskeln, Boxerschnitt, Selbstbewusstsein, das nur halb echt ist. Jetzt sieht er fast wie ein Mann aus. Fast. Viele halten uns für Brüder. Lächerlich. Ich meine, bitte – schau ihn an, und dann mich. Ich bin das Upgrade. Der Deluxe-Modus des Lebens. Mein Teint ist dunkler, mein Blick heller, meine Augen blau mit einem dunklen Ring um die Iris – teurer als Honig aus der Tube. Ich bin 1,95, laufe die Straße entlang, als wäre sie mein Catwalk. Enrico? 1,78, also groß genug, um Frauen an die Brüste zu fassen, aber nicht groß genug, um Eindruck zu machen.

»Mein Vater sagt, dass wir alle gegen Abend bereit sein sollen – besonders du, Tino.«

Ah, da ist sie wieder: die drohende Katastrophe in einem Satz. Onkel Alessandro. Ich weiß nie genau, wie ich ihn beschreiben soll. Strenger trifft es vielleicht – härter, kälter, ein Mann, der seine Gefühle in Schubladen sortiert und die Schubladen nie aufschließt. Onkel Alberto ist Lärm; Alessandro ist Stille mit einem Orden. Er hat hier im Haus das Sagen. Humor? Fehlanzeige. Ehrlich gesagt: Ich habe ihn noch nie lachen sehen. Sein Gesicht ist eine Dauerkarte für Ernst, die sich nur in Ausnahmefällen löst. Er trägt seine vollen schwarzen Haare zurückgekämmt, wie ein Mann, der nie etwas dem Zufall überlässt. Der Dreitagebart ist akkurat. Sein Körper ist athletisch, nicht protzig – ein Werkzeug, das zweckmäßig funktioniert. Wenn er den Raum betritt, klingt das wie ein Befehl. Leute wie er sind nicht laut; sie sind einfach effizient darin, andere kleiner wirken zu lassen.

Er versucht uns von großen Dingen fernzuhalten. Ironisch, wenn man bedenkt, dass wir Einbrüche lernen – handwerkliche Kleinkriminalität, Präzisionsdiebstahl, wie man Safes küsst und Türschlösser überredet. Große Geschäfte, sagt er, sind etwas anderes: Kokainhandel, internationale Deals, Netzwerke mit Namen, die man nachts nicht flüstern sollte. Das ist etwas für Männer, die bereit sind, ihre Familien zu opfern - sagt er immer. Er hat Recht – auf seine Art. Aber Recht haben und Recht bekommen sind unterschiedliche Dinge.

Ich frage mich seit Tagen: Warum bleibt die Tür zu einem Millionendeal für uns verschlossen? Warum sind wir die Handwerker der Nacht, die lieber Fernseher aus Wohnungen klauen, statt ganze Karren voller Geld zu lenken? Einbruch ist sauber, sagt Onkel Alessandro. Keine Bandenfehden, keine Verräter, keine Drogenkuriere mit Wut im Bauch. Einbruch ist ein Job - sagt er: Drogen sind Krieg. Ich weiß, was er denkt: Risiko gleich Tod. Risiko gleich Polizei. Risiko gleich Familie auf dem Altar der Gier. Aber ich habe diese andere Stimme in mir, die er nicht versteht – die Stimme, die Flitter, Glanz und Macht verlangt. Nicht nur genug, um zu überleben; genug, um zu dominieren. Geld ist Macht, und Macht bedeutet, nicht mehr betteln zu müssen. Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen, statt aufgezwungene Anweisungen zu befolgen.

Er wird heute Abend reden. Er wird uns anweisen, klare Linien zu ziehen. Er wird uns erzählen, warum man bestimmte Türen nicht öffnen darf. Und ich werde nicken, höflich sein, seine Worte aufsaugen. Aber innerlich notiere ich mir jede Lücke, jede Begründung, jedes Argument. Denn Valentino steht auf alles, was glänzt. Und glänzen heißt nicht immer sauber.