Kapitel 1: Leyla Burkhardt
Es fällt mir immer noch sehr schwer, über den Unfall zu sprechen. Jedes Mal, wenn ich daran denke, habe ich wieder dieses Gefühl von unendlicher Leere in mir!
Gerade noch saßen wir alle zusammen im Auto, Mama, Papa, Jasmin und ich, auf dem Rückweg von unserem Wochenendausflug an die holländische Küste. Wir waren ausgelassen und fröhlich und sangen die Lieder aus dem Autoradio mit.
Dann ging alles ganz schnell; der LKW rechts vor uns zog plötzlich auf die mittlere Fahrspur rüber, um zu überholen. Papa konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen, fuhr mit voller Wucht auf den LKW auf und unser Auto landete unter dem Fahrzeug!
Das Letzte, woran ich mich erinnere, waren die furchtbaren Schreie meiner Eltern, dann wurde alles schwarz um mich.
Als ich Tage später aus dem Koma erwachte, war ich allein auf der Welt; sie waren alle tot, Mama, Papa und Jasmin. Ich hatte wie “durch ein Wunder” überlebt!
Welches Wunder? Ich habe mich oft gefragt, warum ausgerechnet ich überlebt habe und ganz allein weiterleben muss!
Onkel Lars und Tante Birgit haben mich aufgenommen und wollten von nun an meine Familie sein! Doch ich hatte einen so grossen Schock erlitten, dass ich nicht mehr sprechen konnte. Außerdem hatte ich jede Nacht Albträume und wachte schreiend auf; ich vermisste meine Eltern und meine Schwester so sehr, dass ich mir wünschte, auch tot zu sein!
Mein Onkel und meine Tante haben wirklich alles versucht, um mir zu helfen, doch irgendwann mussten sie aufgeben. So kam ich in die Wohngemeinschaft für traumatisierte Jugendliche. Das war das Beste, was mir passieren konnte! Ich konnte den anderen stundenlang zuhören, wenn sie mir von ihren Traumata erzählten.
Ja, und der Wunsch, mir endlich alles von der Seele zu reden, wurde so stark in mir, dass ich wieder sprechen konnte!
Es tat mir gut, mich mit den Jungen und Mädchen auszutauschen, die ebenso viel Leid erfahren hatten wie ich.
Da ist Amelie, meine beste Freundin, oder besser gesagt, sie ist wie eine Schwester für mich!
Sie hat zwar eine Familie, aber so eine Familie möchte wohl keiner haben: eine Mutter, die sich nicht um sie kümmert und einen Stiefvater, der sie missbraucht hat...
Amelie hat so viel Wut im Bauch, vor allem auf die Männer! Also muss ich ihr gut zureden und sie beruhigen. Sie hängt wie eine Klette an mir - und ich an ihr - und obwohl jeder Bewohner ein eigenes Zimmer im Haus hat, schlafen sie und ich oft in einem Zimmer. Wir haben Beide immer noch Albträume und trösten uns gegenseitig!
Und dann ist da noch Manuel! Er ist noch nicht lange bei uns und es ist nicht leicht, ihm näher zu kommen, denn er wirkt unnahbar, ja fast arrogant.
Ich glaube, einige Mitbewohner haben sogar Angst vor ihm, denn er war sechs Monate im Jugendknast, wegen Körperverletzung!
Aber irgendwas an ihm zieht mich magisch an, vor allem wenn er mich so ansieht, mit seinen schönen Augen. Zu mir ist er jedenfalls sehr lieb und hilft mir, wo immer er kann. Wir verstehen uns richtig gut und können über alles reden.
In seiner Nähe fühle ich mich sicher und geborgen. Mein Herz klopft wie verrückt und mir wird ganz warm, wenn er mich anlächelt und sanft den Arm um mich legt oder einfach meine Hand festhält.
Heilige Scheiße, ich bin auf dem besten Weg, mich in Manuel zu verlieben!