Ryan - 1
Ryan Walker war schon einige Male im Vollrausch einer Party gewesen und hatte danach starke oder weniger starke Kater gehabt. Aber just in diesem Moment fühlte sich sein Kopf wie ein schwerer Amboss an und egal wie sehr er es versuchte, er konnte ihn nicht mal ansatzweise heben. Er nahm nicht viel wahr und hinzu kam, dass ein kaum durchsichtiger, schwarzer Stoffsack über sein Haupt gestülpt war. Stimmen drangen um ihn herum auf, aber er verstand gerade kein Wort. Alles war wie, als spräche jemand durch eine dicke Glasscheibe. Jemand schliff ihn über den Boden und er bemerkte schwach das goldene Licht, das durch die winzigen Maschen des Sacks zu erkennen war. Ryan wollte den Sack von seinem Kopf ziehen, doch er konnte keinen einzigen Finger rühren, geschweige denn seine Arme, was ihn an überzogene Schläfchen erinnerte. Einmal falsch gelegen und alles war taub, nur dass das gerade eine ganze Stufe extremer war. Trotzdem war da eine Sache, die er klar fühlen konnte. Es war ein Stechen in seiner linken Brust, in der definitiv etwas hineingestochen worden war, aber seltsamerweise konnte er nichts Verdächtiges sehen. Brachte man ihn deswegen etwa gerade in ein Krankenhaus? Spürte er deswegen nichts? Hatte er einen Unfall? Falls ja, behandelte man ihn nicht gerade sanft und allmählich hörte er Wortfetzen.
»... und die Nacht fing gerade erst an«, beschwerte sich eine kratzige Männerstimme.
»Beunruhigend«, sagte eine zweite, grobe Männerstimme. Es folgten weitere Worte, aber die meisten drangen erneut nicht durch das Glas. »Einäschern und fertig.«
»Was auch sonst? Lady .... wird nichts anderes tun.«
»In solchen Nächten ... ... unmöglich.«
Es war eine kurze Konversation. Allerdings begannen Gerüche in Ryans Nase zu kriechen, die seine ansonsten betäubten Sinne erreichten und alle kannte Ryan nicht, doch er erkannte: Vanille, Rosen, Pfeffer, Curry, Steak, frischer Salat, Zitrone, ja sogar Meerwasser war dabei und egal wie viel mehr in seine Nasenflügel gelangte, Ryan konnte diese Bombe an Düften klar trennen. Parfüm und After Shave gesellte sich ebenfalls dazu.
»Der Säugling wird munter«, stellte die kratziger Männerstimme fest. »Zu schade, dass er nicht lange etwas davon hat.«
Die grobe Stimme gab Ryan scheinbar einen Klapps Hinterkopf. »Hörst du das? Gewöhn dich nicht daran. Bald bist du Staub.«
Ryan versuchte zu sprechen, aber er brachte keinen Ton heraus, als er zum Stillstand kam. Man brachte ihn auf seine Knie, so dass er aufrecht saß und zog ihm den Sack vom Kopf. Das Licht blendete ihn, als würde er direkt in die Sonne starren, zumindest so lang man seinen Kopf festhielt. Kaum ließ man ihn los, fiel sein Haupt nach Vorne und Ryans Augen bekamen eine Pause. Bald nahm er halb verschwommen Notiz von den vielfältigen Mustern und den edlen, weinroten Fäden eines teuer wirkenden Teppichs. Aus den Augenwinkeln meinte er noch jemanden neben sich Knien zu sehen, aber er war sich nicht sicher, ob das wirklich der Fall war. Ohne den Sack und mit fortschreitender Zeit, konnte er dafür jedoch besser hören, als über ihm eine Frau ihre sanfte, aber mit einem ernsten Tonfall versehene Stimme verlauten ließ.
»Einen guten Abend wünsche ich Ihnen allen«, sage die Frau, die einmal an Ryan vorbei lief. Mehr als die Hüfte war von ihr nicht zu sehen, doch sie trug klar ein kirschrotes Abendkleid, das auf der rechten Seite bis zum Knie frei war und nicht zu eng anlag. »Und ich danke allen für Ihr zahlreiches erscheinen, wo es doch eine der Nächte ist, in denen viele lieber im Schatten verweilen. Leider ließen mir die Umstände keine andere Wahl, denn eines unserer heiligsten Gesetze wurde heute Nacht gebrochen.«
Gesetz gebrochen? Ryan verstand die Welt nicht. Wenn er eines von sich sagen konnte, dann dass er stets ein aufrichtiger, rechtschaffener Mann gewesen war. Was also sollte er getan haben? Und die Polizei war das hier ganz bestimmt nicht.
»Ich spüre die Zweifel mancher hier, doch die Beschuldigte wurde auf frischer Tat ertappt«, behauptet die Frau. Sie ging ein Stück zur Seite, wo die vermeintlich andere Person kniete und sie sprach harsche Worte aus. »Und selbst nach einer ersten Befragung, weigert sich Julia Perkins den Grund für ihr Handeln zu erklären, wo wir doch alle wissen, dass es unter absolut keinen Umständen erlaubt ist, die dunkle Gabe während eines Blutmondes weiterzureichen.«
Julia? Dunkle Gabe? Zumindest an das Erste konnte Ryan sich erinnern. Hatte er doch heute eine wunderschöne, warmherzige Frau Namens Julia in einer Bar kennen gelernt. War sie etwa hier? Neben ihm? Er strengte sich an so gut er konnte und schob Kopf und Augen Millimeter zur Seite – in der Tat, da war sie.
Julia verharrte in einer ähnlichen Pose wie er, doch wurde sie von keiner einzigen Hand festgehalten. Viel mehr schien es, als wäre sie in einer Art Trance oder überhaupt gar nicht anwesend
Ryan konnte sich keinen Reim daraus machen. Seine Gedanken waren schwammig, doch er war sich recht sicher, dass er und sie keinerlei Drogen hatten, die Julias Zustand erklären würde. Zumindest nahm er an, dass Julia nichts genommen hatte. Klar, Alkohol war ordentlich geflossen und auf der Toilette des Klubs hatte er einen harmlosen Joint geraucht. Doch Ryan besaß Erfahrung mit leichten Drogen und die waren längst legal. Ein bisschen Gras würde niemals solch einen Einfluss auf ihn haben und allmählich konnte Ryan einen besseren Blick auf die ihm unbekannte Barbekanntschaft werfen. Er sah zwar nur eine Seite von ihr, doch er konnte sich noch an den Rest erinnern.
Julias Zustand änderte nichts an ihrer Attraktivität, wo es nicht eine Auffälligkeit auf ihrer rosigen Haut gab, die man Makel nennen konnte. Ihr Haar war wie dunkles Feuer, das an der linken Seite stufenweise kurz geschoren war, wodurch der Eindruck unterschiedlicher, roter Farbtöne entstand. Auf ihrem Haupt und der rechten Seite verhielt es sich hingegen eher so, dass ihre Frisur perfekt geglättet war und an die Schwingen eines Vogels erinnerte, der seine prächtigen Flügel zum Sturzflug angelegt hatte und dessen Schwingenspitzen sich am Hinterkopf berührten. Es war aber nicht nur ihr Haar, denn die Augen von Julia, an den Rändern mit violett geschminkt, strahlten Selbstbewusstsein aus. Nicht etwa in der Form von Streitsucht oder Arroganz. Man sah sie einfach an und wusste, dass sie einem eher den ersten Drink ausgab, als umgekehrt. Hinzu kam ihre Kleidung, die eine fesche Mischung aus lockerer Abendgarderobe und Rocker war, mit einer Asche grauen Lederjacke, deren Ärmel auf der rechten Seite nur bis zum Ellenbogen ging.
»Julia«, sprach die Frau, die zuvor einen schwerwiegenden Gesetzesbruch in den Raum geworfen hatte. Sie blieb mit ihrer Vorderseite vor der Angeklagten stehen und in ihren Worten lag eine Menge Gewicht. »Niemand soll sagen, dass die Lady von Great Kingston einem keine Chance ließe. Zumindest, um das Wort zu erheben. Nicht dass Sie das vor Ihrer Strafe retten wird, denn dafür sind die Gesetze zu deutlich und strikt. Vielleicht jedoch, können wir Ihre Gründe nachvollziehen und Sie in würdiger Erinnerung behalten, wenn Sie reden.« Die fremde Frau im roten Abendkleid ging so spielend leicht in die Hocke, als gäbe es ihre Kleidung nicht.
Ryan sah sie nun auf Augenhöhe. Eine junge Schönheit, die kaum älter als dreißig sein konnte und einen hellen Kakao Teint besaß. Ein wenig dünn war sie vielleicht, doch dafür versteinerte Ryan, als sich sein Blick mit ihrem kreuzte.
Es waren bloß Sekunden Bruchteile, doch die tiefblauen Augen der Fremden wirkten wie aus Eis, durchsichtig und ohne jegliches Gefühl, eingerahmt von langem, schwarzem Haar. Ihr Blick galt jedoch ganz Julia und sie hob ihr zartes Handgelenk hin zu einem Holzpfahl.
Was zum?!, ging Ryan durch den Kopf. Ja, da steckte wahrhaftig ein Pfahl in Julias Brust, den er, auch wegen ihrer verbergenden Jacke, jetzt erst bemerkte.
Die Fremde legte ihre schlaksigen Finger um den Pfahl. Sie zog ihn heraus, als wäre es kein Aufwand und erhob sich wieder über die Kniende. »Hier ist Ihre Chance.«
Was folgte war eine schwerer Husten von Julia, bei dem nicht wenig Blut aus ihrem Mund gefeuert wurde und den feinen Teppich besudelte. Mit einem Mal allerdings, konnte sie sich plötzlich wieder bewegen und wie sie das konnte. »Lady!«, sagte sie aufbrausend und musste von Händen, die sie nun hastig packten, kraftvoll gebändigt werden. Als Julia merkte, dass es aus ihrer Sitzpose kein Entkommen gab, wurde sie wieder ruhiger. Ihre Stimme ging in eine normale, aber trotzdem widerspenstige Art über, denn sie schien sich nicht zu fürchten. »Viele von Euch sind schon zu lange in der Nacht, als dass Ihr mich verstehen würdet und ich gebe Euch auch nicht die Befriedigung zu wissen, warum ich tat was ich tat.« Stets sah sie zu der sogenannten Lady auf und würdigte Ryan keines Blickes. »Aber ich weiß, wie hinterhältig manche von Euch sein können und das eine sage ich ganz klar – niemand wusste davon und niemand half mir in irgendeiner Form. Ich war es, ich ganz alleine, die in dieser Nacht ein neues Kind gezeugt hat!«
Während Ryan mit jedem neuen Wort mehr in der Ratlosigkeit versank, hob die Lady ihr Kinn an. Sie schien zu einer weit höheren Position zu sehen, ehe ihre Augen leicht verärgert auf die Beschuldige zurückfielen. »So wollen Sie also in Erinnerung bleiben? Eine Schande für unsere Gesellschaft?«
»Wenn ich so bedeutend bin, dass man mich in Erinnerung behält, nur zu«, schmunzelte Julia bissig. »Es ist gut zu wissen, dass ich in manchen, verstaubten Köpfen für immer weiterleben werde.«
»Sie wollen es so?! So sei es!«, verkündete die Lady bemessen. Elegant und bedeutsam zugleich, drehte sie sich zur entgegensetzten Seite. Kurz war zu sehen, dass von ihrem rechten Handgelenk aus ein langer Stoffstreifen zu ihrer Taille ging und Teil des Überwurfes war, denn sie über ihren Schultern trug. »Werte Gemeinde, Sie haben es selbst gesehen und gehört: Keine Einsicht, keine Hoffnung, aber so wie Julia Perkins ihre Haltung hat, so wird die Tenebrae antworten - ein Verständnis und keine Gnade.«
Gern hätte Ryan ein Wort an Julia gerichtet, die sich sichtlich geschlagen ihrer Verurteilung, für was auch immer, ergab. Überhaupt hätte Ryan gerne gesprochen, doch obgleich seine Sinne schärfer wurden, konnte er weder seine Lippen noch irgendeinen Muskeln rühren.
»Doch wir sind eine gerechte und gesetzestreue Gemeinschaft«, sagte die Lady und präsentierte ihre Hände, zu einer Art einladender und erbetener Haltung. »Euer Ehren, das Wort ist Ihres.«
Wer immer nun angesprochen war, kam langsam zu dem roten Abendkleid und blieb einen Moment davor stehen. Seine Aufmachung war weniger spektakulär und eher Alltag. »Natürlich, Lady Gardner«, sprach eine zu freundlich klingende, aber bald harschere Männerstimme. Als sich die Gestalt ebenso herumwand, klang sie wie jemand, der seine Pflicht tat. »Unsere Lady spricht die Wahrheit. Zeugen wurden befragt und der eindeutigste Beweis ist direkt neben Julia Perkins. Wir alle können es sehen, riechen und fühlen. Die aufkeimende Dunkelheit, die sich in diesem jungen Mann zu manifestieren beginnt, gleich der seiner Mutter und dieselben, smaragdgrünen Augen.«
Smaragdgrüne Augen? Hatte Ryan was verpasst? Er hatte schon immer hellbraune Augen gehabt und riechen? Fühlen? Mutter?! War seine Mutter hier?! Auf einmal konnte Ryan sich ein Stück weit rühren, ein riesen Fortschritt zu den letzten zehn Minuten, und er konnte vieles sehen.
Wo immer dieser Ort war, es gab eine Menge Tische, meist mit zwei Stuhlpaaren und zu sagen dass die Ausstattung Luxus und Protz war, wäre untertrieben gewesen. Weiter Hinten war eine doppelte, Schnee weiß gestrichene Tür, wie man sie aus Restaurants kannte. Überall saßen Männer und Frauen verteilt, vielleicht an die 30 bis 40 und alles war gegeben: Feine Trachten, normale, Rocker, Banker Anzüge, Punker, ja sogar ein Mechaniker?
Noch nie hatte Ryan eine einzige Person aus diesem Haufen gesehen und er verlor die Kraft, seinen Blick aufrecht zu halten. Dennoch drang ihm ein Laut in die Ohren, ein erstauntes Raunen aus der Menge.
»Seine Kraft zeigt sich«, sagte der Richter mit einem Deut auf Ryan. »Nur ein weiterer Beweis, aber es braucht auch nicht mehr davon und unsere Gesetze sind unumstößlich in dieser Angelegenheit. Ich bestätigte hiermit die Legitimität dieses Falles und dass Lady Gardner berechtigt handelt. Mein Urteil als Richter von Great Kingston - lautet Tod.« Nachdem er dieses endgültige Tatsache ausgesprochen hatte, entfernte sich der Richter wieder.
Tod?! Wollen die Julia etwa hier und jetzt umbringen?! Ryan musste einen schlechten Traum haben! Anders konnte er sich diese Situation nicht erklären und er hob seine Augen wieder so weit er konnte.
»Meine liebe Dalia, seien Sie so gut und bringen mir das Schwert«, bat Lady Gardner.
Auf die Bitte hin kam eine Frau zu dem Geschehen, die nicht nur mit ihren gut zwei Metern imponierte, sondern auch körperlich ziemlich stark erschien. Eine Amazon, das war die treffendste Beschreibung und eingehüllt in ein durchsichtiges, schwarzes Seidentuch, führte sie wahrhaftig ein Schwert mit sich.
Es war ein Langschwert, dessen Klinge so breit wie eine Handfläche war und spiegelnd glänzte. Der goldene Naht gespickte Rundknauf stach heraus, mit einem Augenmerk auf den im Zentrum eingefassten, blutroten Rubin. Seine aggressive Form kam fast einer Verhöhnung des heiligen Kirchkreuzes gleich und um den Edelstein fand sich ein gerade schwer zu erkennendes Symbol, wie das eines bedeutenden Adelshauses.
»Sie sind der Tenebrae und mir stets eine treue Dienerin«, lächelte Lady Gardner Dalia an. »Vollstrecken Sie das Urteil und lassen Sie die Ordnung in unsere Gesellschaft zurückkehren.«
»Wie Ihr wünscht, meine Lady«, erwiderte Dalia mit geschlossenen Augen und in respektvoll bescheidener Haltung. Sie war deutlich größer als Gardner und doch ordnete sie sich ihr gehorsam unter, bevor Dalia das Zweihänder-Schwert griff und sich parallel zu Julias rechter Wangen Seite aufstellte.
War Julia zuvor aufmüpfig gewesen, leistete sie nun keinerlei Widerstand, als sie ein Stück vorgebeugt wurde und sie freiwillig ihren Nacken streckte.
Weder fiel noch ein Wort, noch gab es im Publikum eine hörbare Regung. Dalia holte mit einer weiten Kreisbewegung von Hinten aus.
Ryan konnte sich das nicht mit ansehen und ließ sich in seine gelähmte Haltung zurückfallen, so dass er nur den sauberen Schnitt hören konnte. Glücklicherweise rollte ihm kein Kopf vor die Füße, doch auf einmal hörte er etwas. Es war wie, als würde jemand Sand ausschütten und für wenige Sekunden, flog Ryan anscheinend Asche vor die Augen, die noch von einer schwachen Glut erfüllt war, bevor die Partikel gänzlich verschwanden.
»Und so währt die ewige Nacht«, sprach Lady Gardner mantraartig aus und überkreuzte dabei ihre Arme vor der Brust, doch das hielt nicht lange. Nun schmälerten sich ihre Augen und ihr kalter Blick bekam zusätzlich eine abwägende Note. »Aber wir sind noch nicht fertig, werte Gemeinschaft. Es bleibt das Kind.«
Das verstand Ryan, denn er war gemeint. Er sah zu, wie Lady Gardner nun zu ihm kam und ihre Hand zu seinem linken Armseite ausstreckte. Sie zog etwas aus ihm heraus und mit einem Mal, konnte er sich rühren. Allerdings hielten ihn die Männer hinter ihn weiterhin gut fest und so wie bei Julia zuvor, sah Ryan nun einen Blut tropfenden Holzpflock in Lady Gardners Hand. Hatte der etwa in ihm gesteckt?! »Was ist-?!«
»Shhht«,kam es leise von der Lady. Sie sah ihm tief in die Augen und legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen und wie durch Zauberhand, ließ sie den verwirrten Mann verstummen. Danach erhob sie sich, um ruhig und mit Verständnis zu den Zuschauern zu sprechen. »Nun stehen wir allerdings in einem Konflikt. Die Gesetzte sind deutlich: Wiedergeboren in der Dunkelheit, ist jedes Kind rein. Es widerspricht unserer Ordnung, ein unschuldiges Kind zu töten, aber wir alle wissen, wie seit tausenden Jahren normal mit Blutmond-Kindern verfahren wird. Lassen wir dieses Kind nicht länger als nötig leiden und geben ihm Frieden. Das alles hier, ist nicht seine Schuld.«
Das klang gar nicht gut und Ryan wollte schreien, doch er konnte es einfach nicht. Er hörte seine eigenen Worte im Kopf, doch sie wollten partout nicht seinen Mund verlassen. Den restlichen Körper konnte er weiter bewegen, doch seine Aufpasser legten mühelos die nötige Kraft an den Tag und hielten ihn fixiert, aber zumindest konnte er sich nun richtig umsehen.
Plötzlich schnaufte eine der Zuschauer abschätzend. »Ich hoffe doch, die Lady von Great Kingston tut das nicht, weil sie abergläubisch ist.«
Der Satz ließ ein unschlüssiges Raunen durch die Reihen der Anwesenden gehen und Lady Gardner verschränkte überlegt ihre Arme vor dem Bauch. »Wollen Sie damit etwa meinem Vorschlag widersprechen, Herr Forkner? Oder wie darf ich Ihre Aussage verstehen?«
»Genau so, wie ich sie gemeint habe – sind Sie abergläubisch?«
»Schwerlich. Warum?«
»Seit tausenden von Jahren«, wiederholte Forkner in einer Art, die man als subtile Provokation deuten konnte. Es passte irgendwie zu dem auf einem Lehnstuhl sitzenden Unbekannten, dessen Aufmachung einer Mischung aus gebräuntem Gigolo und Geschäftsmann ähnelte. Einige Schmuckstücke zierten seine Finger, eine extravaganten Goldkette hing um seinen Hals und das Abendhemd trug er offen, mit erkennbarem Brustansatz. Der klassische Fassonschnitt seines Haares ging einher mit dem gepflegten Vollbart und jede Strähne auf seinem Kopf war dunkel und wurde zum Gesicht hin zu einem hellgrau. »Habe ich etwas verpasst? Eine neue Hungersnot? Eine Sonnenfinsternis? Oder der neue Krieg im Nahen Osten? Ist das die Schuld dieses Blutmond-Kindes, so wie in den alten Tagen?«
»So ist das also«, schmunzelte Lady Gardner, als sie wohl verstand, was der Mann zuvor gemeint hatte. Sie erklärte sich gelassen. »Natürlich leben wir nicht mehr in Zeiten, in denen jedes Unheil auf das Unbekannte geschoben wird oder wir uns furchtsam einem Tier gleich verhalten. Ich frage mich bloß, warum Sie das Wort erhoben haben? Hegen Sie etwa den Wunsch, dieses Kind in Ihre Familie aufzunehmen?«
»Nein, meine neuen Pflichten als Patriarch spannen mich vollends ein«, verneinte Forkner mit einem dankenden Handwink. »Deswegen kann ich diese Verantwortung nicht übernehmen.«
»Und warum würden Sie sonst meinen Vorschlag infrage stellen und mit blindem Glaube von früher vergleichen?«
»Das ist es doch, früher. Ich sehe mich ja als progressiven Vampir«, behauptete Forkner, als wasche er seine Hände in Unschuld. Hatte er gerade Vampir gesagt?! »Es ist längst nicht mehr Sitte, ein Blutmond-Kind zu töten. Ganz abgesehen davon, dass es gegen unsere Gesetze verstößt.«
Lady Gardner ließ sich nicht aus der Reserve locken und stemmte ihre rechte Hand schon beinahe präsentierend in die Hüfte. »Nun, wir hatten in den letzten 300 Jahren auch nicht viele, bekannte Blutmond Zeugungen.«
»Sie sagen es«, stimmte Forkner zu und machte eine Fingerpistole. »Ich möchte die Anwesenden sogar daran erinnern, dass das letzte bekannte Blutmond-Kind vor siebenundsechzig Jahren ebenfalls verschont wurde und einen erheblichen Teil dazu beigetragen hat, dass wir die Augen der Apostel aus Großbritannien vertreiben konnten.«
Blutmond-Kind? Augen der Apostel? Vampir?! Ryan musste einfach im falschen Film sein und obwohl er sich bewegen konnte und mit aller Kraft versuchte loszukommen, rührte er sich nicht einen Zentimeter. Was er jedoch vernahm, war das Geräusch von brechendem Stein unter dem Teppich.
Lady Gardner schielte flüchtig zu dem Festgehaltenen zurück und seufzte künstlich, da sie sich offenbar von Ryan gestört fühlte. Oder galt der Ton Herr Forkner? »Die Frage ist – wer würde sich des Kindes annehmen?«, richtete sie an alle und breitete ihre Handflächen vor ihrem Bauch aus, als würde sie auf ein Angebot warten. »Sie ja nicht, Herr Forkner und das verständlicherweise. Haben Sie doch so viel zu tun, als frischer Patriarch.«
»Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis«, erwiderte Forkner wohlwollend, doch es klang nach politischer Höflichkeit. Nicht dass er und die Lady sich mit Blicken zerrissen, doch es schien eine gewisse Rivalität in der Luft zu sein. »Gerade Sie als Lady, wissen um das übergeordnete Wohl der Gemeinschaft, weswegen ich tatsächlich meine Bedenken wiederholen muss - sollen wir wirklich gegen unsere tausende Jahre alten Gesetze verstoßen? Vampire der Vergangenheit waren nicht so aufgeklärt wie wir, weswegen man ihnen das vielleicht verzeihen kann, aber heute? Bitte. Heutzutage wissen wir, warum sich der Mond in Nächten wie heute rot färbt, warum es Dürren oder Seuchen gibt und das auf dieser Welt nichts von höheren Mächten bestimmt wird. Nur von Personen, die wirklich Macht haben.«
»Ich muss meine Verwirrung eingestehen, Patriarch Forkner«, gab Lady Gardner zu bedenken und warf dem Mann einen Blick zu, als hätte gerade eine Falle zugeschnappt. »Wenn wir so aufgeklärt sind, warum befolgen wir dann uralte Gesetze, wie etwa dass an einem Blutmond keine Kinder gezeugt werden dürfen?« Diese Frage schien die Stimmung im Publikum zu Gunsten der Lady zu kippen und ein siegreiches Schmunzeln formte sich auf ihren Lippen, ehe es plötzlich stoppte.
»Ordnung«, antwortete Forkner, gleich einem verwegenen Konter, der ihm nicht mal eine klitzekleine Schweißperle entlockte.
In ihrem Triumph gestoppt, bebten Lady Gardners Mundwinkel für einige Sekunden in Wut, doch schnell formte sich ein matter Strich auf ihren Lippen. »Ordnung ... ein Wort, ein starkes Wort. Nur, was könnte Sie damit meinen?«
»Egal ob Vampir, Mensch, ja sogar Werwölfe leben nach Regeln. Wir brauchen Regeln«, zementierte Forkner, indem er seinen spitz gestreckten Zeigefinger wiederholt auf die Lehne seines Stuhls tippte. »Und die Tenebrae hat gar nicht so viele Regeln. Wenn also eine Regel sagt –Zeuge keine Kinder an einem Blutmond – und jemand tut es dennoch, erkennt dieser jemand unsere Gesellschaft nicht an. Hätte es Julia umgebracht noch einige Nächte zu warten? Oder es vor dieser Nacht zu tun? Bestimmt nicht. Dafür diesen jungen Mann zu bestrafen, ist daher absolut falsch.«
Nun kippte die Stimmung unter den Anwesenden endgültig zu Gunsten von Forkners Vorschlag. Es war kein Aufruhr, doch Lady Gardner hatte wohl kaum eine Wahl. »Ich sehe, wir alle wollen progressiver sein – so sei es«, stimmte sie zu und sprach mit ihrer Autorität abermals ihren letzten Trumpf aus. »Nur, wer nimmt sich des Kindes an? Denn diese Bedingung stelle ich. Das Kind lebt, wenn sich jemand seiner annimmt.« Der Blick von Lady Gardner war eisern und stach durch die Menge und irgendwann, hob sie ihren Blick höher. »Patriarch Stein, Ihr seid so schweigsam. Immerhin gehörte Julia zu Eurem Haus und Ihr seid bekannt dafür, die Euren nicht im Stich zu lassen. Sollte dieses Kind etwa die Ausnahme bilden?«
Ryan reckte erst jetzt seinen Kopf mit dem Blick der Lady hinauf. Er war sich vorher nicht bewusst gewesen, dass dieser große, rund gebaute Raum von Oben eingesehen werden konnte.
Ein offenes Geländer aus blank polierter Bronze trennte die oberen Bereiche von einem Sturz und mehr Tische mit Stuhlpaaren fanden sich dort. Von zwei Stockwerken aus konnte man hinunter sehen, auch wenn diese Ränge kaum von Zuschauern besetzt waren.
Es gab allerdings einen charakteristisch auffälligen Mann. Ihm galt die Frage von Lady Gardner, aber er wirkte in sich gekehrt, wie die Ruhe selbst und womöglich lag es an der oberen Lage, aber sein Kinn war erhaben in die Höhe gereckt, als stünde er über allen. »Die meinen sind mir teuer wie sonst nichts auf dieser Welt, das ist ein offenes Geheimnis«, sprach der Unbekannte, dessen Stimme tief und einprägsam war, einem Erzähler gleich. Sahen bisher alle in diesem Raum nicht wirklich alt aus, reflektierten alleine die Gesichtszüge dieses Mannes Erfahrung und Weisheit. Sein Gesicht war wie aus Stein geschlagen, mit Falten und Furchen an markanten Stellen und einem strammen, langen Nasenrücken. Silbergraues, glattes Haar formte eine Glatzen Krone auf seinem Haupt und wenn das wirklich Vampire waren, entsprach sein dunkelbrauner Umhang, ausgestopft mit breiten, dunkelroten Schulterpolstern und einem Kinn hohen Kragen, am ehesten dem Bild eines solchen Wesens. »Aber genauso erwarte ich gehorsam von den Kindern und Angehörigen meines Hauses. Würde ich mich des Kindes von Julia annehmen, wäre das das falsche Signal an mein Haus und die Tenebrae. Haus Stein zu Nassau wird solch ein Verhalten nicht dulden, auch wenn mich Julias Verlust schmerzt.«
»Weise gesprochen, wie ich es von Patriarch Stein erwartet habe und da sich anscheinend niemand dieses Kindes annehmen will, bleibt nur-«
»Verzeihung, Lady Gardner«, kam es von einer jungen, französischen Akzent begleiteten Frauenstimme aus dem Publikum.
Die Ohren der Lady mussten unglaublich sensibel gewesen sein. »Vivienne«, sagte Gardner mit zusammengepressten Lippen und nahm die hinterste Ecke, neben der Doppeltür, ins Auge. »Was möchte eine Chronistin zu diesem Fall beitragen?«
»Einen Vorschlag unterbreiten.«
»Oh, statt zu beobachten greifen Sie aktiv ein? Das ist ungewöhnlich, also bin ich sehr neugierig. Sprechen Sie.«
»Zu gütig, werte Lady«, dankte Vivienne. So weit Hinten, war sie nur schwer zu erkennen, doch kam sie beim sprechen weiter nach Vorne. Anmutig und klein war sie, umschlungen von einer schwarzen Latex Jacke, die ihr bis zu den Knien ging. Schneeweiße Haut zierte ihr Gesicht, das vom brünetten Scheitel ihrer langen, fransigen Frisur halb verdeckt war und ihre teuflisch roten Augen, waren wie der Gegenpol zum Eisblau von Lady Gardner. »Ich stimmte Patriarch Forkner zu. Unsere Gesetze sind klar und Julia hat ihre Strafe bekommen. Diesen Mann zu töten, würde bloß zeigen wie rückständig wir immer noch sind und das geziemt sich nicht, wenn man an der Spitze dieser Welt steht.« Vivienne ging nicht bis zur Front, aber das war auch nicht nötig. Alleine ihre Stimme war süßer Honig, so dass ihr alle Aufmerksamkeit galt. »Wie wäre es also, wenn sich die Tenebrae selbst des Kindes annimmt?«
Bisher war Lady Gardners Fassade zumeist solide gewesen, aber diese Aussage ließ ihre linke Augenbraue höher wandern. »Wenn Sie Tenebrae sagen, meinen Sie mich, denn in Great Kingston vertrete ich die Tenebrae ...«
»Das wollte ich damit ausdrücken, Lady Gardner.«
»Ich dachte immer, Sie seien eine Frau von Fakten und suchen die Wahrheit«, zweifelte Gardner und verlor ein wenig ihre Gelassenheit. »Wie würde das aussehen, wenn ich dem zustimme? Patriarch Stein hat weise gesprochen, als er den Grund seiner Ablehnung nannte. Würde ich das Kind nun unter den Schutz der Tenebrae stellen, würde ich Julias Verbrechen belohnen oder wie sehen Sie das?!«
»Eine nachvollziehbare Sichtweise, keine Frage«, erwiderte Vivienne und legte ihren Zeigefinger nachdenklich an ihre Unterlippe. Es hatte auch etwas spielerisches und neckendes. »Ich sehe es aber eher so, dass Sie mit gutem Beispiel voran gehen würden. Vielleicht hatte Patriarch Forkner Recht. Natürlich nicht was Sie angeht, werte Lady, aber womöglich zögern die anderen Anwesenden hier, weil irgendwo immer noch ein wenig Aberglaube mitschwingt. Die Boten des Unheils, Blutmond-Kinder, die uns nur Leid und Elend bringen. So wie ich das sehe, sollten Sie als Oberhaupt dieser Stadt das Wagnis der Progressivität eingehen und wenn es Früchte trägt, wird der Rest künftig bestimmt aufgeschlossener sein.«
Dieses Mal hielt sich die Menge bedeckt, obwohl allen ein Vorwurf gemacht wurde und Lady Gardner schmunzelte mit amüsiertem Ton. »Nehmen wir an ich sage ja: Was genau haben Sie im Sinn? Denn ich werde nicht bloß handeln, um mit gutem Beispiel voranzugehen.«
»Nichts geringeres habe ich erwartet. Ein Test böte sich an. Besteht das Kind, darf es leben. Wenn nicht, wird es bei seiner Aufgabe verschieden sein oder wird das Urteil der Tenebrae erwarten.«
»Und wenn es versagt, ist mein Name beschmutzt, weil ich ja gesagt habe ...«
»Nicht doch, Lady Gardner«, schüttelte Vivienne ihren Kopf. Wer immer sie war, sie ging alles recht differenziert an. »Hat das Kind Erfolg, stehen Sie für Fortschritt. Versagt es, stehen Sie für Tradition, denn Sie werden unsere Gesetze einhalten und es bestrafen, genauso wie Sie es laut unserer Gesetze verschont haben.«
Es klang wahrlich, als könnte Lady Gardner nicht verlieren und wer hatte nicht gerne solch eine Situation? »In der Tat, ich bin sowohl für Tradition als auch Fortschritt«, gab sich Gardner demonstrativ, mit geweiteten Armen. »So sei es verfügt. Sollte keiner der Anwesenden einen Einwand vorbringen, so werde ich, als Lady von Great Kingston, dieses unter einem Blutmond gezeugte Kind gemäß unserer Gesetze verschonen.« Sie wartete einige Momente ab, doch weder gab es einen Ton, noch eine Bewegung unter den Zuschauern. »Damit ist es beschlossen - dieses Kind wird vorerst unter den direkten Schutz der Tenebrae gestellt und getestet, ob es würdig ist des Nachts zu wandeln. Damit erkläre ich dieses Treffen offiziell für beendet.«
Ryan war weniger als die Zuschauer, die sich nun in geordneter Manier nach und nach erhoben und den Saal verließen. Er war für diese Leute nur ein Objekt, ein Es. So viel hatte er mitbekommen, aber er war sicher und ihn überkam eine kurze Erleichterung, trotz der anhaltenden Anspannung.
Lady Gardner stand vor ihm. »Mein lieber Herr Saunders«, sagte sie. Ein älterer Mann, der trotz Geschäftsanzug und Aktenkoffer einem Totengräber glich, trat wortlos neben sie. »Seien Sie so gut und organisieren alles und halten Sie Vivienne auf ... Sie bringt den Vorschlag? Sie bringt das Kind zu seinem neuen Heim.«
»Wie Sie wünschen. Ich werde alles nötige in die Wege leiten, Lady Gardner«, antwortete Saunders. Er deutete eine leichte Verbeugung an, mit der rechten Hand quer über seine Brust gelegt, was eine gewisse Butler Attitüde mit sich brachte. »Dalia, gehen Sie bitte Vivienne nach.«
»Natürlich«, nickte die Amazone, auch wenn sie es anscheinend nicht gerne tat. Vorher wob sie das große, unblutige Schwert jedoch wieder in seine edle, schwarze Tuchhülle und ging mit der Waffe in ihren Händen Vivienne hinterher.
»Exzellent«, seufzte Lady Gardner, als hätte sie eine anstrengende, mehrstündige Arbeitsschicht hinter sich gebracht. Sie beugte sich tief vor und legte ihren Finger abermals auf den Mund ihres Gefangenen, so dass ihre Augen relativ nahe waren. »Wenn Sie gleich wieder sprechen können, werden Sie sich die ganze Nacht über benehmen und alles brav befolgen, was Herr Saunders Ihnen aufträgt. Würden Sie das für mich tun?«
Auf einmal wich jegliche Panik und jegliches Fluchtgefühl aus Ryans Körper und Geist, während er direkt und so nahe in die Augen der fremden Frau sah. Jedes Wort von ihr drang deutlich, aber schon fast flüsternd in sein Gehör und jede Silbe schien ihm pure Wahrheit, die er gehorsam befolgen musste. »I-ich werde keinen Ärger machen und auf Herr Saunders hören, Lady Gardner.«
»Braves Kind«, lächelte sie. Das war aber bloß eine Gestik, denn sie sah zu den Wärtern und gab Order, als wären all ihre Sinne beleidigt worden. »Wir sind hier fertig. Sorgt dafür, dass ein Reinigungsteam mein Restaurant von jedem Krümel reinigt, den Julia hinterlassen hat. Und wehe die Arbeiter bekommen diesen ekligen Geruch nicht weg, den mancher Gast mitgebracht hat. Das manch einer ein Vampir ist, ist unfassbar. Urgh, stinkt es hier.«
Und so kam es, dass Ryan zwar noch auf den Knien war, doch er wurde losgelassen und hatte anscheinend seine Freiheit.