Kapitel 1: Vicky Williams
Anwesen der Williams / Cole Valley
Unsere Stimmen schwirrten durcheinander; wir redeten und lachten, während wir mit der ganzen Familie Williams an dem großen Tisch auf der Terrasse saßen und darauf warteten, dass unsere Haushälterin Claire das Abendessen serviert. Es war ein warmer Sommerabend Anfang Juli und der leichte Abendwind brachte angenehme Abkühlung nach einem heißen Tag.
Mum und Dad hatten darauf bestanden, Grandpa George und seine Frau Barbara zum Essen einzuladen, damit sie sich von mir verabschieden konnten! Ich fand das ein bisschen übertrieben, denn schließlich würde ich nur die Sommerferien bei meiner Großmutter in der Toskana verbringen und Ende September nach San Francisco zurückkehren, um mit dem College zu beginnen.
"Nonna Gianna" war die erste Frau meines Grandpas und die Mutter meines Dads. Sie war mit ihren vierundsiebzig Jahren immer noch gut drauf und führte das Gasthaus in Lucca energisch weiter; dabei wurde sie von Onkel Max, dem jüngeren Bruder meines Dads, sowie Nichten und Neffen unterstützt!
"Ich beneide dich, Vicky! Ich würde so gern die Ferien bei Nonna Gianna in Lucca verbringen; im Gasthaus kann man so schön entspannen!", sagte mein Bruder Paul mit leisem Bedauern.
"Grandpa und Dad bestehen darauf, dass ich den ganzen Juli in der Firma mitarbeite! Dabei habe ich doch Semesterferien und ein Recht darauf, mich auszuruhen..."
Unser Grandpa räusperte sich laut und Dad warf seinem Sohn einen strengen Blick zu.
"Also wirklich, Paul! Es ist doch nur ein Monat und du musst dich langsam an den Arbeitsrhythmus in der Firma gewöhnen.", erwiderte er mit Nachdruck.
"Schließlich machst du nächstes Jahr deinen College-Abschluss und steigst dann als Juniorchef bei uns ein. Außerdem darf ich dich daran erinnern, dass auch du nach der High School drei Monate bei deiner Nonna in Lucca verbracht hast!"
Paul verdrehte genervt die Augen, gab aber keine Antwort. Meine Augen wanderten zwischen ihm und unserem Dad hin und her und ich stellte amüsiert fest, wie ähnlich sie die Beiden waren; nicht nur im Aussehen, sondern auch in ihrer Art, die Dinge ruhig und gelassen anzugehen. Gut, dass nicht sofort auffiel, wie es in ihrem Inneren brodelte!
"Komm schon, Paul, es ist doch nur ein Monat! Danach kannst du endlich Ferien machen.", sagte Mum aufmunternd und legte sanft ihre Hand auf seinen Arm.
"Du willst doch mit deinem Freund nach Kuba fliegen, stimmt's? Wer weiß, wann du ihn uns endlich vorstellst!"
Mein Bruder zuckte leicht zusammen und mein Dad warf einen unsicheren Blick zu Grandpa. Dieser war zwar neunundsiebzig, doch geistig war er voll auf der Höhe und gut hören konnte er auch!
"Wieso fliegst du mit einem Freund nach Kuba, Paul? Hast du deine Freundin nicht mehr?! Wie hieß sich gleich noch mal; Sanna oder so ähnlich!", meinte er und sah seinen Enkelsohn fragend an.
Paul wich seinem prüfenden Blick verlegen aus und räusperte sich nervös. Ich saß neben ihm und drückte aufmunternd seine Hand, während unsere Eltern einen bedeutungsvollen Blick tauschten.
"Sie heißt Savannah und wir sind schon seit über einem Jahr nicht mehr zusammen, Grandpa!", erwiderte er zögernd.
Just in diesem Augenblick kam Claire auf die Terrasse und brachte ein Tablett mit den köstlichen Vorspeisen an den Tisch! So brauchte Paul ihm keine weitere Erklärung zu geben, denn Grandpa war sofort abgelenkt, als Claire das Tablett in der Mitte des Tisches placierte und Barbara ihm die Vorspeisen auf den Teller legte. Paul atmete erleichtert auf und zwinkerte mir von der Seite zu. Da ich seine Hand immer noch festhielt, konnte ich spüren, wie sich seine Anspannung löste; das war noch einmal gutgegangen!
Mein Bruder und ich verstanden uns super und konnten uns fast alles anvertrauen; ich wusste schon lange, dass er bisexuell war! Es fiel selbst meinen Eltern nicht auf, denn er war immer mit Mädchen zusammen gewesen... Vor einem Jahr lernte er Alex kennen, der neu aufs College kam, und begann eine Beziehung mit ihm! Ich erfuhr als erste davon, doch auch meine Eltern wurden bald eingeweiht, denn wir hatten ein sehr gutes Verhältnis zu ihnen und konnten ihnen sagen, wenn wir etwas auf dem Herzen hatten.
Sie freuten sich für Paul, genauso wie ich, weil er endlich glücklich mit Alex war... trotzdem hatte er ihnen seinen Freund bisher nicht vorgestellt. Ich habe Alex kennengelernt, als wir mit unseren Freunden Sam, Valerie und Ashley ausgegangen sind! Sam ist Pauls bester Freund; er ist der Sohn von Andy Bennett, dem besten Freund unseres Dads. Ashley und Valerie sind die Töchter von Andys Bruder Frank und Sally, die außerdem Mums beste Freundin ist.
Ashley und ich sind gleichaltrig und von klein auf unzertrennlich; sie ist meine allerbeste Freundin! Da unsere Eltern seit ewigen Zeiten gut befreundet sind, sind wir Kinder zusammen aufgewachsen und ebenfalls gute Freunde geworden.
Das Abendessen schmeckte hervorragend, was nicht zuletzt meiner Mum zu verdanken war. Sie war eine gute Köchin und hatte die zarten Hähnchenschnitzel sowie den Gemüserisotto zubereitet, während Claire für die Vorspeisen zuständig war. Da wir uns genüßlich einen Bissen nach dem anderen in den Mund schoben und mit dem Kauen beschäftigt waren, herrschte eine zufriedene Stille am Tisch!
Nach dem Essen halfen Mum und Barbara der Haushälterin, den Tisch abzuräumen. Paul und Dad gingen in den Garten hinaus, denn sie hatten etwas zu besprechen und wollten ungestört sein.
"Komm Vicky, setz dich einen Moment zu mir!"
Ich zuckte zusammen, als ich die tiefe Stimme meines Grandpas vernahm, während ich die Nachricht von Sam in meinem Handy las und ihm bestätigte, dass er mich morgen früh um neun Uhr abholen sollte. Er und seine Kusine Ashley wollten mich gemeinsam zum Flughafen fahren! Als ich den Kopf hob, begegnete ich dem warmen Blick aus Grandpas blauen Augen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er noch am Tisch saß!
"Sorry Grandpa! Sam hat mir geschrieben und wollte wissen, wann er mich morgen früh abholen soll; er und Ashley fahren mich zum Flughafen!", erklärte ich ihm und legte mein Handy auf den Tisch.
Dann erhob ich mich, um meinen Platz zu wechseln und mich neben ihn zu setzen. Grandpa legte seine große Hand auf meine und drückte sie sanft.
"Ich wünsche dir morgen eine gute Reise und tolle Ferien bei deiner Nonna! Sie wird dich bestimmt verwöhnen, so wie ich sie kenne.", meinte er schmunzelnd.
"Lass dich trotzdem nicht davon abhalten, ihr im Gasthaus zu helfen! Versprichst du mir das, Vicky? Gianna ist zwar fünf Jahre jünger als ich, aber sie kann auch nicht mehr so wie früher."
Er sah mich erwartungsvoll an und ich nickte bestätigend.
"Natürlich werde ich der Nonna helfen, Grandpa! Schließlich bleibe ich drei Monate in Lucca und kann doch nicht die ganze Zeit faulenzen, während die anderen arbeiten.", erwiderte ich mit Nachdruck.
Grandpa lachte und beugte sich vor, um sanft meine Wange zu streicheln.
"Das ist meine Vicky! Aber nimm dir trotzdem genug Zeit, um dich zu erholen. Paul hat Recht; es ist so schön in Lucca und man kann dort wunderbar entspannen!"
Er starrte an mir vorbei ins Leere und sah plötzlich sehr alt aus. Mich beschlich ein seltsames Gefühl; was war mit ihm?!
"Ich denke so gern zurück an das letzte Mal, als wir alle zusammen im Gasthaus waren. Das war vor drei Jahren, als Max seinen vierzigsten Geburtstag gefeiert hat!", sagte er und seine Stimme klang wehmütig.
"Unsere ganze Familie war da, Sofias Eltern und die Verwandten aus Berlin! Ich fand's toll, als wir nach langer Zeit wieder alle zusammen waren. Wer weiß, ob ich noch einmal nach Lucca komme..."
WAS?! Ich erschrak heftig, denn seine Worte klangen irgendwie bitter! So hoffnungslos hatte er noch nie geklungen; selbst nach seinem schweren Herzinfarkt vor fünf Jahren nicht, von dem er sich nur mühsam erholt hatte. Mein Grandpa war zeit seines Lebens hart im Nehmen gewesen und hatte das Gleiche von seinen Kindern und seinen Mitarbeitern in der Firma erwartet, was ihn nicht gerade beliebt machte!
Vor allem mein Dad hatte als Teenager sehr unter seiner Härte zu leiden und geriet aus Wut und Verzweiflung auf die schiefe Bahn, schloss sich einer Gang von Drogendealern an... Aber das ist eine andere Geschichte! Doch als Dad meine Mum kennenlernte, war sie es, die mit ihrer Lebensfreude und ihrer Warmherzigkeit einen besseren Menschen aus ihm machte!
Grandpa hat nach anfänglichen Zweifeln erkannt, dass sie einen positiven Einfluss auf seinen Sohn hat, und hat sie in sein Herz geschlossen. Als Paul geboren wurde und vier Jahre später auch ich, war er ganz aus dem Häuschen vor Freude! Er hatte eine neue Aufgabe: er war jetzt Grandpa und wollte sich um seine Enkelkinder kümmern! Vielleicht wollte er etwas gutmachen und ein besserer Großvater als Vater sein?!
"Geht es dir nicht gut, Grandpa? Du hast mir doch gesagt, dass die letzten Untersuchungen in Ordnung waren; oder nicht?!", fragte ich ängstlich und legte besorgt den Arm um seine Schultern.
Er atmete tief durch und bemühte sich um ein Lächeln.
"Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Vicky! Ich werde in letzter Zeit immer so schnell müde... Ich darf aber nicht vergessen, dass ich schon neunundsiebzig bin!", antwortete er seufzend.
"Solange du dich gut fühlst, brauchst du nicht ständig an dein Alter zu denken, Grandpa! Du bist doch noch fit!", meinte ich aufmunternd und half ihm beim Aufstehen.
Das war gar nicht so einfach, denn ich hatte zwar viel Kraft, aber mein Grandpa war immer noch ein großer stattlicher Mann!
"Da bist du ja, George! Wir sollten jetzt nach Hause fahren; es ist spät geworden!", sagte Barbara, die uns im Flur entgegenkam, und nahm den Arm ihres Mannes.
Mum war ihr in den Flur gefolgt und Paul und Dad kamen aus dem Garten zurück. Als George und Barbara sich von uns verabschiedeten, drückte Grandpa mich besonders lange; länger als sonst! Er wirkte sehr emotional, was ungewöhnlich für ihn war, und rührte mich fast zu Tränen. Es war doch kein Abschied für immer...
Nachdem die Beiden in ihrem Jeep davongefahren waren, sagte uns mein Bruder "Gute Nacht" und ging in sein Zimmer hinauf, weil er noch mit seinem Freund telefonieren wollte.
"Ist mit Grandpa alles in Ordnung? Er war heute Abend so seltsam.", sagte ich mehr zu mir selbst.
Meine Eltern standen neben mir und sahen mich verwundert an.
"Er ist nicht seltsam, sondern ein bisschen traurig, weil du morgen nach Lucca fliegst und drei Monate bei deiner Nonna bleibst!", erwiderte Dad mit einem tiefen Seufzer.
"Du weißt doch, wie gern er dich hat! Du wirst ihm fehlen, piccola; du wirst uns allen fehlen..."
Ich verdrehte genervt die Augen, denn es passte mir nicht, wenn Dad mich wie ein kleines Mädchen behandelte!
"Du wirst uns allen fehlen!". sagte er tatsächlich, nur weil ich zum ersten Mal für längere Zeit allein verreiste. Dabei würde ich die drei Monate Ferien doch bei meiner Großmutter verbringen!
"Hast du alles gepackt, mein Schatz?", fragte Mum mit sanfter Stimme, um mich auf andere Gedanken zu bringen.
Sie hatte natürlich bemerkt, dass Dad's Worte mich verärgert hatten! Als sie ihn vorwurfsvoll ansah, wich er ihrem Blick schnell aus.
"Ich habe fast alles gepackt, muss nur noch ein paar Sachen in den Koffer legen! Ich gehe mal in mein Zimmer, damit ich fertig werde.", antwortete ich gähnend.
“Ich will nicht so spät schlafen gehen, denn morgen früh muss ich um acht Uhr aufstehen. Sam und Ashley holen mich um neun ab, um mich zum Flughafen zu fahren! Hoffentlich kann ich heute Nacht schlafen; ich bin so schrecklich aufgeregt..."
Ich mochte kein kleines Mädchen mehr ein, doch plötzlich verspürte ich das Bedürfnis, meine Eltern zu drücken, denn nach wie vor hatte ihre Umarmung eine beruhigende Wirkung auf mich! Sie waren ganz gerührt, als ich sie spontan umarmte, Mum mit dem rechten und Dad mit dem linken Arm, und hielten mich fest. Es tat gut, ihre Zuneigung und Wärme zu spüren!
"Gute Nacht, Mum und Dad!", sagte ich leise und löste mich sanft aus ihrer Umarmung.
"Gute Nacht, Vicky!" riefen sie mir nach, als ich mit eiligen Schritten nach oben in mein Zimmer lief.