Verflixter Rapper!

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Summary

⩥ ROMANCE ⩤ Popsängerin Cynthia Gale ist auf dem Weg nach oben. Auf der Bühne fühlt sich die sonst so schüchterne junge Frau frei und selbstbewusst. Mit Ehrgeiz und harter Arbeit erzielt sie erste Platzierungen in den Charts. Der zynische Rapstar Wyatt Shaw hat die besten Zeiten längst hinter sich und steckt in einer Sinnkrise. Der ehemalige Hitgarant hat weder Motivation noch Ideen und vertreibt sich seine Langeweile mit Affären, Partys, schnellen Autos und Alkohol, während das Geld in seinen Händen zerfließt. Weil Wyatt der Newcomerin Cynthia in einem seiner Songs vorwirft, über kein Talent zu verfügen und sich nur hochgeschlafen zu haben, entbrennt zwischen den beiden ein heftiger Streit in den sozialen Medien. Als ihre Manager aus Publicitygründen eine Scheinbeziehung zwischen dem Popsternchen und dem Rapstar inszenieren, um ihm wieder zum Erfolg und ihr zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen, ist das Chaos vorprogrammiert. Gefangen in ihren Vorurteilen trauen sich die beiden nicht über den Weg - doch was tun, wenn plötzlich die Funken sprühen? © 2022 Anna_Valentin

Status
Complete
Chapters
63
Rating
5.0 23 reviews
Age Rating
18+

PROLOG

Zehn Jahre zuvor

»Was hältst du von rosa Elefanten?«

»Was?«

Verblüfft blinzle ich, als diese absurde Frage mich von meiner lähmenden Angst ablenkt und ruckartig ins Hier und Jetzt zurück katapultiert. Ich schüttle den Kopf und wende mich meinem Bruder zu, der erleichtert aufatmet, als ich ihn ansehe.

»Na endlich. Du starrst seit fünf Minuten auf diese Knarre. Ich dachte schon, du wärst in so 'ne Art Wachkoma gefallen.« Ein aufmunterndes Grinsen schleicht sich auf seine Lippen und ich zwinge mich zu einem schwachen Lächeln, obwohl mir kotzübel ist. »Komm schon. Wenn wir das jetzt nicht durchziehen, haben wir nächste Woche nicht mal mehr was zu beißen.«

Er sitzt neben mir auf dem Beifahrersitz, seine blauen Augen, in denen fast so etwas wie Vorfreude glitzert, sind erwartungsvoll auf mich gerichtet. Ich senke meinen Blick wieder auf die Pistole, die schwer wie Blei in meiner Hand liegt, und tippe dabei nervös mit dem Fuß auf den Boden des alten Jeeps.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich das tue. Zwar finde ich meist einen anderen Weg, um an genug Geld zu kommen, damit wir davon existieren können, aber in letzter Zeit sind ein paar Dinge schief gelaufen. Und sonst war immer einer von den Jungs dabei, wenn ich zum allerletzten Mittel greifen musste.

Nicht mein kleiner Bruder.

Verdammt, er ist vierzehn. Er sollte nicht hier sein, sondern zu Hause, in Sicherheit. Wenn man die abgefuckte Wohnung in der Bronx, in der wir seit einigen Jahren leben, überhaupt so nennen kann. Trev hätte heute dabei sein sollen, aber ich habe es beim besten Willen nicht geschafft, ihn aus seinem Rausch zu wecken. Und Jesse hat natürlich sofort begeistert angeboten, an seiner Stelle mitzukommen.

Ich atme tief ein, aber die stickige Tabakluft im Auto liefert nicht genug Sauerstoff. Hektisch kurbele ich das Fenster herunter und schnappe nach Luft, bevor ich mich Jesse wieder zuwende.

»Vielleicht könnte ich es noch mal mit einem Rap-Battle versuchen. Wenn ich mich ...«

»Die letzten beiden Male hast du's aber verbockt, Wy. Du hast es drauf, aber wenn du die Nacht davor durcharbeitest und dich null vorbereitest, dann wird's eben nichts.«

Meine Augenbrauen zucken in die Höhe. »Soll das jetzt ein Vorwurf sein, dass ich Doppelschichten schiebe? Glaubst du, ich finde es cool, mir nach einem Tag in diesem beschissenen Diner noch die halbe Nacht als Türsteher vor dem Galaxy um die Ohren zu schlagen?«

»Fuck nein, Mann. Aber du musst dich trotzdem aufs Rappen konzentrieren. Du bist gut, Wy. Du bist verdammt gut, und trotzdem vertrödelst du deine gesamte Zeit mit diesen Billigjobs für viel zu wenig Kohle. Trev ...«

»Schon klar, dass der dir wieder diese Schnapsidee eingepflanzt hat. Vergiss es, Kleiner. Mit dem Rappen werde ich niemals genug verdienen, um uns durchzubringen.«

Das begeisterte Funkeln in seinen Augen erlischt mit einem Mal und er senkt den Kopf. »Doch, wenn du einer der Besten bist. Und das bist du, Wy. Du kannst es schaffen«, murmelt er leise.

Ich sehe zu, wie die Regentropfen auf die Frontscheibe prallen und ihre Bahnen nach unten ziehen. »Daran glaub' ich nicht mehr, Jesse.« Stirnrunzelnd senke ich meinen Blick und starre wieder auf die Waffe in meiner Hand. »Und das hier sollte ich besser auch nicht tun.«

Mein Bruder hebt den Kopf und seine Augen weiten sich überrascht.

»Willst du, dass wir den ganzen Sprit umsonst verbraucht haben? Wir sind eine Stunde lang gefahren, Mann. In der Gelddose sind nur noch zwei Dollar! Mehr ist es nicht mehr, seit Dad sich gestern seinen Wodka geholt hat. Wir schulden Trev hundert Dollar Leihgebühr für das Auto und die Waffe. Und Katie? Soll sie vielleicht hungern müssen?«

Katie.

Nein, das soll sie ganz sicher nicht. Dafür werde ich sorgen.

Ich schnaube angewidert. »Vielleicht sollte ich lieber ein paar Flaschen Wodka klauen, damit der Alte wenigstens für eine Weile seine Pfoten von unserem Geld lässt.«

»Klau einfach Geld und Wodka, dann sind alle zufrieden. Wy, dieser miese Tankstellentyp hat es doch nicht besser verdient. Vergiss nicht, er hat sie uns weggenommen! Komm schon! Es wird alles gut gehen. Hier ist es total abgelegen und im Moment ist kein Kunde da drin. Das ist unsere Chance! Oder soll ich es machen?«

»Denk nicht mal dran, Kleiner.«

»Wieso? Du warst auch vierzehn, als du zum ersten Mal eine Tanke überfallen hast.«

»Fünfzehn. Verdammt, ich hab Trev gesagt, er soll nicht mit dir darüber reden! Und hey, ich hatte auch keinen großen Bruder, der die Kohle rangeschafft hat. Ich werde dich aus diesem ganzen Mist raushalten so gut es geht, und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Alles, was du tun wirst, ist das Auto zu fahren, wenn die Sache gelaufen ist. So wie wir es besprochen haben. Kriegst du das hin?«

Das entzückte Glitzern in seinen Augen angesichts unseres Vorhabens beunruhigt mich nicht nur ein bisschen. »Na klar, du weißt gar nicht, wie oft ich das Autofahren schon mit Trev geübt ...«

»Jesse, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du nicht andauernd mit Trev rumhängen sollst. Der Typ ist verdammt noch mal nicht gut für dich. Okay, und jetzt langsam zum Mitschreiben: Du bleibst hier im Auto, solange ich da drin bin. Untersteh dich, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Ich will dich auf keinen Fall irgendwo draußen sehen!«

Ich bohre meinen Blick so intensiv in die Augen meines Bruders, dass er sie kurz darauf niederschlägt.

»Mensch, Wy! Du gönnst mir auch gar nichts«, mault er vor sich hin. Ich wuschele ihm mit der Hand durch die dunklen Haare, in dem Wissen, dass er das hasst. Sofort verdreht er genervt die Augen, was mir nun doch ein kleines Grinsen entlockt.

Dann stoße ich hörbar die Luft aus, ziehe mein Basecap tief ins Gesicht und das schwarze Halstuch über Mund und Nase, so dass nur noch ein schmaler Streifen mit meinen Augen frei bleibt. Meine rechte Hand umfasst den Griff der Pistole, bevor ich den Sicherungshebel zur Seite schiebe. Ich habe ganz bestimmt nicht vor, damit auf jemanden zu schießen, aber es war schon mal nötig, einen Warnschuss abzugeben.

»Gut. Wenn ich aussteige, setzt du dich auf den Fahrersitz und wartest hier mit laufendem Motor, bis ich wieder da bin. Dann fährst du, wie besprochen, auf den Parkplatz am Waldrand. Von dort aus fahre ich weiter. Und was tust du auf gar keinen Fall?«

Erneut ein hingebungsvolles Augenrollen. Ich ziehe eine Braue hoch, als die Antwort auf sich warten lässt.

»Aussteigen.«

»Du hast es erfasst.«

Ich öffne die Tür und verlasse das Auto, während er sofort über die Mittelkonsole auf den Fahrersitz klettert. Er grinst und zeigt mir den Daumen nach oben, als ich sie leise wieder zufallen lasse.

Fuck. Irgendjemand sollte dem Kleinen mal beibringen, dass das hier kein Spaß ist. Aber neben meinen Jobs habe ich einfach viel zu wenig Zeit für ihn und Katie. Abgesehen davon, dass ich vermutlich der Letzte bin, der ein zehnjähriges Mädchen und einen vierzehnjährigen Jungen erziehen sollte. Ich bin schon für immer verkorkst, aber wenigstens für die beiden will ich etwas Besseres.

Doch zuerst mal brauchen sie was Vernünftiges zu essen. Und dafür muss eben Geld her.

Inzwischen hat der Regen aufgehört und auf dem nassen Asphalt spiegeln sich die Lichter der kleinen Tankstelle, die nur vier Zapfsäulen hat. Das geliehene Auto steht fünfzig Meter entfernt am Straßenrand, damit es nicht von den Überwachungskameras erfasst wird.

Ich atme tief durch und setze mich in Bewegung. Mein Herzschlag dröhnt in meinen Ohren, als ich mich im Schutz der Dunkelheit und der Büsche, die am Straßenrand stehen, an mein Ziel heranschleiche. Meine Hand ist schweißnass und zittert leicht, so dass ich die Pistole noch fester umklammere. Obwohl ich weiß, was das Ding anrichten kann, gibt es mir Halt.

Der typische Tankstellen-Dieselgeruch drängt sich trotz des Tuches in meine Nase und verstärkt mein Übelkeitsgefühl. Ich muss diese Sache so schnell wie möglich erledigen, bevor mir so schlecht wird, dass ich nicht mehr dazu in der Lage bin.

Zügig lege ich die Strecke bis zum Tankstellenshop zurück und öffne, begleitet von einem schrillen Klingeln, die Tür. Mein Blick schweift kurz über die Einrichtung und bleibt an der Kasse links von mir hängen. Hinter dem Tresen steht ein grauhaariger Typ mit Vollbart, rot-schwarz kariertem Hemd und – einem Colt in der Hand.

»Na warte, Bürschchen! Nicht schon wieder! Diesmal knall ich dich ab wie einen räudigen Hund!«, höre ich ihn brüllen. Noch bevor ich die Waffe heben kann, fällt ein Schuss.

Erschrocken reiße ich die Augen auf. Ein scharfer Schmerz durchzuckt meine linke Schulter. Die Wucht des Aufpralls wirft mich fast zu Boden.

Meine Sicht verschwimmt. Ein weiterer Knall zerreißt die Stille. Der Schuss schlägt hinter mir in der Wand ein.

Adrenalin brennt durch meine Adern. Es betäubt den Schmerz. Ich drehe mich um, stürze zur Tür, renne um mein Leben.

Das schrille Klingeln verrät mir, dass auch der Typ den Laden verlassen hat. Er verfolgt mich. Ich drehe mich um. Schieße blind. Hoffe, ihn damit in die Deckung zu zwingen.

»Wy!«

Jesses Schrei lässt mich zusammenzucken. Ohne dass ich weiß, woher er kommt, steht mein Bruder auf einmal neben mir.

»Fuck, was tust du hier draußen, du Idiot!«, brülle ich ihn an. »Lauf!«

Wir rennen nebeneinander auf unser Auto zu. Das rettende Ziel. Nur noch wenige Meter!

Ein weiterer Schuss durchschneidet die Luft.

Jesse stöhnt. Er verdreht die Augen, röchelt und kippt wie in Zeitlupe nach vorne.

Ich erstarre. Entsetzt weiten sich meine Augen. Völlig überfordert versucht mein Verstand zu begreifen, was ich sehe. Der Anblick brennt sich für immer unauslöschlich in mein Gedächtnis. Gleichzeitig dreht sich mein Magen um.

Mein kleiner Bruder liegt mit dem Bauch auf dem nassen Boden.

Da ist Blut. So viel Blut.

Unaufhaltsam sickert Blut durch den Stoff seines hellgrauen Shirts.