Das Murnenfest
Knarzend schwang die schwere Eichentür auf. Ein eiskalter Wind pfiff herein und blies vereinzelte Schneeflocken sowie die toten Blätter vertrockneten Herbstlaubes in die warme Kammer. Alle Gespräche verstummten und ein Dutzend mandelförmiger Augenpaare richtete sich auf die Tür. Grobe Wolldecken und Schafspelze bedeckten den Boden, auf dem eine Handvoll Kinder mit handgeschnitzten Holzpuppen, Kastanienmännchen und einigen Stofffetzen lautstark gespielt hatten. Nur das Knistern und Knacken des lodernden Kaminfeuers traute sich, die Stille zu zerbrechen.
Auf ihren knotigen Stock gestützt, trat eine alte in dicke Lumpen gehüllte Frau herein. Ihre schlohweißen langen Haare verbarg ihre Fellkappe nur unzureichend, sodass die Spitzen Ohren deutlich an ihrem faltigen Haupt hervortraten.

„Was ist?“, fragte sie heiser. „Will mich denn keiner begrüßen?“
„Valva!“, rief Elris, der Kleinste in der Kinderschar, mit heller Stimme und stürmte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, kaum dass sie die Tür geschlossen hatte. „Du bist zurück! Hast du uns eine spannende Geschichte mitgebracht?“
„Sicher mein Kleiner, sicher.“ Damit humpelte sie zu einer der Bänke, die eine der Mütter zügig freimachte, und ließ sich ächzend nieder.
„Ihr wisst, was heute für ein Tag ist?“
„Natürlich“, riefen sie alle im Chor. „Das große Fest!“
„Kennt ihr denn die Legende, wie es entstanden ist?“, fragte sie und beugte sich vor.
Sie wartete kurz das gemeinschaftliche Kopfschütteln der Rasselbande ab
„Aber habt acht, das ist nichts für schwache Nerven. Nicht, dass ich nachher Klagen von eueren Eltern höre, weil ihr Albträume hattet.“
„Valva“, warf erneut der vorlaute Junge ein, „wir sind doch schon groß!“
„Natürlich, da hast du recht. Nun denn. Es ist die finstere Geschichte eines mutigen Mädchens und ihres über alles geliebten Bruders. Damals war der Kleine kaum älter als du, Elris ...“