Trauer
Sechs Monate waren seit Caleb's Tod vergangen. Sechs qualvolle Monate, die mich auszehrten. Tagsüber versuchte ich das Rudel bei Laune zu halten, was sich als äußerst schwierig herausstellte. Vor allem da alle geblieben waren. Sie alle.
Nicht ein Alpha war mit seinem Rudel zurück in ihr Revier gekehrt. Sogar Logan war geblieben. Weshalb es in unserer Hütte recht beengt geworden war. Die Alpha's waren sich recht schnell einig, sie bauten einfach an. Erweiterten den Wohnraum unserer Behausung. Einerseits war ich dafür sehr dankbar, denn ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung wie man ein Rudel führte. Andererseits verlangte es mir einiges ab, jeden Tag auf heile Welt zu spielen. Denn das war es nicht. Ganz und garnicht.
Jeden Abend weinte ich mich in den Schlaf, einzig die Mädels der Rudel wussten davon. Aber keine von ihnen, nicht mal Oliv wagte es darüber zu reden. Cay fehlte mir so sehr, dass ich dabei war, mich selbst zu verlieren. Nur das kleine Bündel, welches in mir heranwuchs, hielt mich davon ab, etwas ganz dummes zu tun.
Meinen Eltern hatte ich alles berichtet. Dad verstand mich, Mom jedoch riet mir zur Abtreibung. Zuerst war ich schockiert gewesen. Dann wusste ich, dass sie dies nicht böse meinte. Ich war halt noch sehr jung, sie sorgte sich um die Gespräche der vielen Leute hier. Mir jedoch war dies egal. Niemals würde ich Caleb's Liebe zu mir, das Leben nehmen. Das könnte ich nicht, dafür war die Frucht in mir zu wertvoll für mich.
Mom bestand darauf, dass ich wieder Zuhause einziehen sollte. Erst nachdem Dad und ich ihr erklärt hatten, dass dies nicht so einfach vonstatten gehen würde, lenkte sie ein.
Denn ich war nun der Alpha von Caleb's Rudel. Wenn auch unfreiwillig und würde es auch so lange bleiben, bis irgendjemand mir diese Bürde abspenstig machen würde. Was sich natürlich niemand von den Anwesenden traute. Erstens achteten sie viel zu sehr, was Cay für sie alle getan hatte. Immerhin hatte er sein Leben gelassen, um uns alle zu schützen. Und zweitens mochten sie mich zu sehr. Innerlich wünschte ich mir, jemand würde mir die Last nehmen. Andererseits hoffte ich, das irgendwann Caleb's Sohn meine Stelle einnehmen würde. Wenn es denn ein Sohn und keine Tochter werden würde.
Wöchentlich musste ich Caleb's Eltern einen Besuch abstatten. Sie sorgten sich sehr um mich und wollten wissen wie es mir mit alldem erging.
Außerdem stand mir Albert mit Rat und Tat zur Seite. Ihnen fehlte Caleb ebenso sehr wie mir und ich spürte von mal zu mal, dass gerade Albert mir etwas verschwieg. Leider bekam ich ihn nie alleine, so konnte ich auch nichts erfragen. Denn Cay's Mutter wurde von Schuldgefühlen übermannt. Sie hatte damals den Kontakt zu ihm abgebrochen, als Sarah sein Rudel verlassen hatte. Marry gab ihm die Schuld daran und wollte ihn weder sehen, noch mit ihm sprechen. Für sie war es sehr schwer, damit klar zu kommen. Das letzte was Marry zu ihrem Sohn sagte war, geh mir aus den Augen und lass dich nie wieder hier blicken. Natürlich durfte er seinen Vater besuchen, sie war kein Unmensch. Nur hatte sie es nie über das Herz gebracht, sich mit ihm auszusprechen.
Ich lag in Cay's Bett und starrte zur Decke. Unten herrschte bereits reges Treiben. Es polterte und klirrte. Sarah bestand auf das morgendliche gemeinsame Frühstück. Zur Schule ging ich nicht mehr, der Schwangerschaft wegen. Ich war zu schwach. Dieses Kind raubte mir sämtliche kraft.
Nur als Wölfin, war ich so stark wie eh und je. Das leise klopfen an der Tür, riss mich aus meinen Gedanken. Klein Lola rollte genervt mit ihren Augen und wandte sich um.
„Lola, kommst du? Wir warten alle auf dich", gab Emma zögerlich leise von sich.
„Ich komme Emma. Gib mir noch ein paar Minuten. Bitte", antwortete ich mit rauer Stimme und stand schwerfällig aus dem Bett.
Aus Cay's Bett.
Mein Herz verkrampfte sich. Wie immer, wenn es darum ging sein Reich zu verlassen.
Ich fühlte mich kalt und leer. Die Ameisen hatten ihren Bau verlassen, was zurück blieb, fiel langsam in sich zusammen.
Ich wusste Emma würde im Korridor auf mich warten. Ich zog eines seiner Shirts an. Welche mittlerweile um den Bauch herum spannten und nahm mir ebenso eine seiner Jogginghosen. Dann öffnete ich die Tür.
„Wir können", gab ich nur knapp von mir, während Emma pikiert den Kopf schüttelte.
„Du könntest dir wenigstens deine Haare kämmen Lola", sah sie mich flehend an.
Augenrollend machte ich kehrt, stampfte ins Badezimmer und kämmte mir lieblos durch die Haare. Meine roten Locken waren seit der Schwangerschaft nicht mehr zu bändigen. Deshalb war es mir auch schnuppe, wie es aussah. Glanzlos, stumpf und wilder denn je.
„Zufrieden", krächzte ich, als ich zurück zu Emma kam.
„Besser", nickte sie, unterdrückte aber ihr seufzen.
Unten im Gemeinschaftsraum saßen alle bereits an dem gigantischen Tisch, welchen die Jungs angefertigt hatten. Kaum das wir den Raum betraten, sahen mich alle an. Sarah hatte Emma und mir einen Platz bei ihr freigehalten.
„Möchtest du Orangensaft? Er ist frisch gepresst", lächelte sie mir entgegen.
„Gerne", war meine Antwort. Genauso kurz wie immer.
Erstaunlicherweise war es sehr harmonisch an diesem Morgen. Entweder war wirklich ausnahmsweise alles gut, oder sie alle rissen sich zusammen.
„Wirst du heute meinen Vater besuchen?",wandte sich Sarah erneut an mich.
„Ja, möchtest du denn mitgehen? Erlaubt es Logan", klang meine Stimme nun sehr viel mehr nach mir, als zuvor.
Mein Blick huschte zu Logan. Er sah nicht gerade glücklich aus. Natürlich hatte er unser Gespräch mitbekommen. Seid dem Kampf ließ er Sarah nicht mehr aus den Augen. Die Jungs waren sich sicher, das dies die Ruhe vor dem Sturm war. Es war viel zu ruhig geworden. Mason war zwar tot, doch da draußen lauerte sicherlich ein weiterer Gegner. So zumindest dachten die andern Alpha's. Wir Mädels hielten dies für über vorsichtig. Auch Sarah blickte nun ihren Gefährten an, flehend.
„Von mir aus. Aber sobald euch etwas seltsam vorkommt, ruft nach uns", gab er sich geschlagen.
„Danke Liebling, das bedeutet mir sehr viel", hauchte Sarah ihm zu.
Emma brauchte ich nicht zu fragen, sie wich mir sowieso nicht von der Seite. Es war schon schwer genug Midori oder Liv davon zu überzeugen, hier zu bleiben.
„Was geht dir durch den Kopf Lola", flüsterte Sarah, als sie sicher war, dass gerade niemand unserem Gespräch folgte.
„Dein Vater verschweigt mir etwas. Da bin ich mir sicher. Leider habe ich bisher nie die Chance gehabt, ihn danach zu fragen. Da Marry immer dabei war. Aber heute, heute weiß ich genau, dass sie nicht da sein wird", sprudelte es aus mir heraus und ich biss von meinem Käsebrötchen ab.
„Wie genau meinst du das?", hakte Sarah nach.
„Wegen Cay...", brach meine Stimme und ich spürte wie die Tränen mir in die Augen stiegen. Verschwommen wurde meine Sicht.
„Vater liebte ihn, niemals würde er etwas verschweigen", wisperte sie und war ebenso den Tränen nahe, wie ich.
„Das werden wir heute erfahren", hauchte ich und wusch mir über die feuchten Augen.
Emma strich mir sanft über den Rücken. Natürlich hatte sie alles mitbekommen. Genauso wie der Rest der Mädels aller Rudel hier. Meine Gedanken waren für sie nicht verborgen. Dennoch schwieg jede einzelne. Sie würden mich nicht verraten. Niemals.
„Wann möchtest du aufbrechen?", war es nun Emma die das Wort weiterführte.
„Sobald wir fertig sind", nickte ich und stopfte mir den Rest meines Brötchens in den Mund.
Das kleine Bündel in mir bewegte sich. Weshalb ich hinab auf meinen Bauch sah und ihn liebevoll streichelte. Klein Lola wurde zappelig. Sie wusste genau, dass wir uns nicht in menschlicher Gestalt auf den Weg machen würden. Dafür war ich zu schwach. Wie auf Knopfdruck standen Midori und Liv auf. Sie trugen das Geschirr ab und nickten mir zu.
„Unglaublich das wir alle dich immer noch hören können", gab Sarah so leise von sich, dass nur meine Ohren dies vernahmen.
„Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass Albert mir etwas verschweigt", lächelte ich schwach und erhob mich von meinem Stuhl.
Emma und Sarah folgten meinen Bewegungen.
Während alle Augen erneut auf mich gerichtet waren.
„Wirst du Albert aufsuchen?", wandte sich Simon an mich.
„Ja, du weißt doch, dass ich jede Woche einmal zu ihm kommen soll", nickte ich ihm zu.
„Benötigst du Schutz auf dem Weg?", nickte er und sprach weiter.
„Nein Simon. Ich habe Emma und Sarah an meiner Seite. Was soll auch groß geschehen? Hier gibt es keine anderen Rudel außer die unseren", lächelte ich ihn an.
„Das wissen wir nicht. Aber du hast ja zwei sehr aufmerksame Mädels dabei. Gibt auf euch acht und ruft, falls euch etwas seltsam vorkommt", gab er mit versteinerter Miene nickend zurück.
„Danke, das werden wir. Sorgt euch nicht", nickte ich und verließ gemeinsam mit Emma und Sarah den Gemeinschaftsraum.
Ihr Gehabe machte mich allmählich verrückt. Anscheinend waren die Alpha's nur zufrieden, wenn es irgendwo etwas zu tun gab. Sie waren dieses friedvolle Leben nicht gewohnt. Kein Machtgehabe, keine Konkurrenz und kein Kampf. Seit nunmehr als sechs Monaten. Seit dem Bündnis der Rudel. Einerseits war es wirklich schön, andererseits auch sehr anstrengend.
„Ich nehme an, du möchtest nicht in dieser Gestalt los", wandte sich Emma an mich und riss mich zurück in die Realität.
„So ist es. Seid ihr soweit?", flüsterte ich und sah ihre nickenden Gesichter.
Ich ließ klein Lola freien Lauf. Begrüßte die Freiheit, die nur ein Wolf zu kennen vermochte. Längst hatte ich keine Schmerzen mehr. Für mich war es eine Erlösung. Ich fühlte mich wieder stark und unerschütterlich. Wie der Blitz lief ich los. Gefolgt von Emma und Sarah. Seit einer Woche war ich nun endlich wieder frei. Mehrfach hatte ich überlegt, einfach in meiner wölfischen Gestalt zu verharren und die Rudel zu verlassen. Doch dies konnte ich nicht. Dann würde das Konstrukt, den Zusammenhalt auseinander brechen. Niemals könnte ich das Caleb's Rudel antun. Ich hechtete über den Moosbedeckten Waldboden. Sprang über Wurzeln und Steine. Witterte die vielen Gerüchte des Waldes und vergewisserte mich, dass kein anderer Wolf in unserer Nähe war. Allmählich färbte das Gehabe der Alpha's auf mich ab.
Kaum das wir die kleine Hütte im Wald erreicht hatten, wandelten wir uns zurück. Albert saß wie immer auf der Veranda und wartete. Als er Sarah erblickte stand er lächelnd auf.
„Schön das du mitgekommen bist", krächzte Albert und schloß seine Tochter in seine Arme.
„Ja Logan hat es mir erlaubt", nuschelte Sarah an seine Brust.
„Leider ist heute deine Mutter nicht zugegen", sprach er weiter, gab Sarah frei und schloß nun auch mich in seine Umarmung.
„Lola sag, wie geht es dir heute", führte er die Unterhaltung fort.
„Den Umständen entsprechend", wisperte ich.
Mein Herz erhöhte allmählich seinen Takt, während wir Albert ins Innere der Hütte folgten. Ich hatte keine Ahnung, wie genau ich dieses Thema anschneiden sollte. Wir setzten uns auf das große Sofa und Albert warf ein Stück Holz ins Feuer.
„Albert, ich... ich weiß nicht wie ich das sagen soll...", begann ich zu stottern und sah seinen verzweifeln Blick.
„Aber ich habe seit längerem schon das Gefühl... das du mir etwas verschweigst... etwas was Cay betrifft...", fiepte ich und brach so mit der Tür ins Haus.
Qualvolles schweigen erfüllte den Raum. Albert schien mit sich selbst zu Ringen. Mehrfach rieb er sein Kinn, dann blickte er mich traurig an.
„Du bist ein intelligentes Mädchen, dir kann man nichts vor machen. Kein Wunder, das mein Sohn so von dir angetan war. Da gibt es tatsächlich etwas. Allerdings ist dies äußerst gefährlich. Ich habe Monate lang die alten Schriften durchsucht, nach einer anderen Lösung gesucht, doch es gibt nur die eine Möglichkeit...", brach er nun ab und blickte uns eine nach der anderen an.
„Was genau?", kam aus unser aller Münder. Während Sarah mich schockiert ansah.
„Wir können Caleb zurück holen. Allerdings kann dies zu einer Kette von Ereignissen führen, die mehr als nur gefährlich sind", flüsterte Albert nun mit geschlossenen Augen.
Während mein Herz Salti schlug. Mir war es egal, was dies auslösen könnte. Ich wollte meinen Caleb zurück, mit allen Mitteln.
„Wie", schrie ich beinahe dieses kleine Wort in die Stille hinein.
Es folgte erneut qualvolles schweigen.