Alltagsmethoden
„Denkt daran, hört ihr? Selbst wenn jemand im ersten Moment unhöflich oder aggressiv wirkt, kann etwas ganz anderes dahinterstecken. Deswegen ist es wichtig, dass wir immer was?“ Frau Brenner hob ganz dramatisch den Zeigefinger und deutete auf eines der vielen Mädchen in der Bankreihe hinter mir. „Annalena?“
„Dass wir allen Patienten mit Empathie, Kongruenz und unbedingter Wertschätzung begegnen.“
„Genau!“ Frau Brenner fuhr herum und krakelte die Worte an die Tafel, als wären sie in irgendeiner Art und Weise tatsächlich wichtig.
„Wenn das so weitergeht“, murmelte Tina neben mir und legte den Kopf in den Nacken, „zeige ich ihr gleich meine Kongruenz und schlafe ein.“
Ich schmunzelte und bastelte meinen Kugelschreiber wieder zusammen. Das vierte Mal in Folge. „Ich wecke dich, wenn sie in deine Richtung schaut.“
„Vielen Dank.“ Sie hob den Daumen, ließ ihren Worten aber keine Taten folgen. Schade eigentlich, Frau Brenner wurde lustig, wenn sie schrie. Ihr wütendes Gesicht erinnerte mich entfernt an das eines übergewichtigen Ochsens. Und eine entfernte Tante von mir leitete einen Rinderzuchtverein, ich wusste also, wovon ich sprach.
„Okay. Das war’s für heute. Ihr seid entlassen.“
„Endlich.“ Tina glitt aus ihrem Stuhl und zog sich ihr Sweatshirt über. Wofür es eigentlich schon zu warm draußen war.
Ich folgte ihrem Beispiel und quälte mich in die Senkrechte. „Lass uns gehen. Ich fahre dich.“
Sie warf mir ein Lächeln zu, während ich unsere beiden Rucksäcke nahm und voranging, um ihr die Tür aufzuhalten.
„Wie überaus höflich.“ Als sie an mir vorbeilief, schwang ihre Hüfte ein wenig zu sehr, um es natürlich aussehen zu lassen.
„Immer doch.“ Ich beäugte ihre Kehrseite. Minimale Gewichtsreduktion. Stand ihr gut.
„Und so ganz ohne Hintergedanken.“ Sie blieb an der Beifahrertür meines alten Volkswagens stehen und wartete, bis ich sie ihr öffnete. Etwas zu selbstsicher für meinen Geschmack.
„Und so ganz ohne Hintergedanken“, bestätigte ich trotzdem und kam ihrem Wunsch nach. Sie stieg, ihrem Kleidungsstil sei Dank, arg umständlich ein, während ich unsere Taschen auf den Rücksitz verfrachtete. Im Seitenspiegel sah ich, dass ihre Wangen von einem seichten Rotschimmer durchzogen waren.
Grinsend nahm auf der Fahrerseite Platz und startete den Motor. „Zu dir?“ Eine rein rhetorische Frage. Der Rock war kurz genug, um Absicht gewesen zu sein.
„Klar.“ Sie machte es sich bequem, so bemüht entspannt, dass es schon fast affig war.
„Dann zu dir.“ Ich fuhr los.
Es war eine Art Routine geworden, dass ich sie daheim ablieferte. Ihre Adresse lag auf meinem Weg und manchmal, wenn ich mich von meiner besonders netten Seite zeigte, so wie heute, nahm sie mich auf einen kurzen Abstecher mit hinein.
„Wie viel Zeit haben wir, bis du losmusst?“ Sie friemelte an einer losen Masche ihrer Strumpfhose herum.
„Nicht viel, vielleicht eine halbe Stunde. Montags hole ich Emma immer aus der Grundschule ab.“
„Ah, stimmt.“ Viel zu langsam strich sie sich eine Strähne hinters Ohr und blinzelte mich an. „So einen großen Bruder hätte ich als Kind auch gerne gehabt.“
Das bezweifelte ich allerdings stark.
„Sie ist einfach eine tolle kleine Schwester.“ War sie nicht. Aber Tina hatte selbst drei Geschwister, also konnte ich davon ausgehen, dass ihr Familienfreundlichkeit am Herzen lag.
„Total süß, wie du über sie sprichst.“
Sie lächelte, ich lächelte. Dann bewegte sich ihre Hand auf meinen Oberschenkel zu. „Vielleicht hast du ja später nochmal kurz Zeit, nachdem du sie abgeholt hast?“
„Tut mir leid.“ Ich verzog theatralisch das Gesicht. „Aber danach darf ich direkt babysitten. Ein andermal?“
„Okay.“ Jetzt wirkte ihr Lächeln gestellt, aber darum musste ich mich nicht kümmern, weil ihre Hand trotzdem brav weiter nach oben wanderte. Dorthin, wo sie hingehörte.
Ich lehnte mich zurück, ließ ihre Fingerkuppen über meine Leisten tanzen. Wie Federn.
„Paul?“ Tina stoppte. „Soll ich jetzt schon, oder …?“
Bingo.
„Wo warst du denn so lange?“
„Unterwegs.“ Ich schob Emma mit einer Hand im Gesicht von mir.
„Du weißt, dass Mama es nicht mag, wenn du mich allein lässt!“
„Mama mag es aber noch viel weniger, wenn wir uns streiten, also halt den Rand.“
Sie plusterte die Wangen auf. Wie ein hellhäutiger Kugelfisch. Dann gab sie auf. Gegen mich konnte sie eh nicht ankommen. „Kochst du uns wenigstens was? Mama und Papa kommen heute erst nachts zurück.“
„Sie kommen um sieben.“
„Ja.“ Sie sah mich an, als hätte ich einen mittelschweren Dachschaden. „Sag ich doch – nachts.“
Die einzige Achtjährige der gesamten Milchstraße, die um sechs Uhr schlafen ging. Freiwillig, wohlgemerkt.
„Machst du uns Lasagne?“ Sie folgte mir in die Küche, hüpfte um mich herum.
„Emma“, murmelte ich, „hör auf damit, bevor ich böse werde.“
„Du bist immer böse.“
Oh, sie hatte mich noch nie ernsthaft böse erlebt.
„Haben wir denn alles für eine Lasagne da?“, wich ich aus, um einen Grund zu finden, ihr keine zu machen, ohne es direkt aussprechen zu müssen. Sonst wurde das Biest wieder patzig.
„Hackfleisch fehlt.“
Siehe da – meine perfekte Ausflucht, um sie loszuwerden. „Geh halt einkaufen.“
„Ich kann nicht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin zu klein. Und als ich letztens mit Mama im Supermarkt war, war da so ein gruseliger Typ. Der hat mich gefragt, wo ich wohne.“
„Der wollte dich bestimmt mitnehmen.“ Ich beugte mich zu ihr hinunter und sah ihr mitten in die Augen. „Es gibt auch Erwachsene, die auf kleine Mädchen stehen.“
Mit zusammengekniffenen Augen wich sie einen Meter nach hinten weg. „Der war aber nicht erwachsen. Der war sogar noch jünger als du!“
„Auch Jugendliche können pädophil sein.“
Ein schiefgelegter Kopf und eine gerunzelte Stirn kamen dazu. Innerlich machte ich mir eine Notiz, in ihrer Gegenwart nicht mit Fachwörtern um mich zu werfen.
„Was heißt das?“
„Das heißt“, sagte ich, „dass der Junge aus dem Supermarkt dich gegen deinen Willen heiraten will.“
„Ihhh!“ Würgegeräusche. „Dann gehe ich nie wieder dort einkaufen!“
Im Nachhinein betrachtet, hätte ich ihr den Dreck erst nach unserem Shoppingtrip erzählen sollen. Denn keine zwanzig Minuten später klebte Emma wie Pech an mir, weil sie sich ohne fremden Geleitschutz nicht mehr traute, den Laden zu betreten. Dabei klammerte sie sich an meinem Ärmel fest, als würde sie ihn mir abreißen wollen. Es war ätzend.
„Beeil dich!“, drängte sie und sah sich im Laden nach dem Kinderdieb um, während ich extra lange vor der Fleischtheke herumstand. „Paul!“
„So viel Auswahl“, seufzte ich und wollte mich gerade erbarmen und nach der billigsten Variante greifen, als sie laut quiekte. Heute hatten irgendwie alle mehr Ähnlichkeit mit Tieren als mit Menschen.
„Da!“ Sie grapschte nach dem Saum meines Shirts und zerrte heftig daran. „Da ist der komische Kerl! Guck!“
Ich folgte ihrem ausgestreckten Arm und blickte auf eine zusammengesunkene Gestalt. Ernsthaft, das war keine gesunde Körperhaltung, fettige Haare inklusive.
„Na, dem würde ich das tatsächlich zutrauen“, sagte ich und hörte Emma erschrocken Luft holen.
„Nicht so laut!“, zischte sie – übrigens wesentlich lauter als ich soeben. Bestätigt dadurch, dass Schwesterchens Stalker sich just in diesem Moment umdrehte.
Unsere Blicke trafen sich.
Er befand sich nicht weit von uns entfernt, dementsprechend gut konnte ich dem Wechselspiel seiner Mimik folgen, von Verwirrung zu Entsetzen, als seine Augen schließlich zu Emma ruckelten, bevor sie wieder bei meiner Wenigkeit hängenblieben.
Wer hätte das gedacht? Der schien wirklich einer von dieser Sorte zu sein. Wie abartig.
„Lass uns gehen!“ Emma zupfte wieder an mir, dieses Mal an meiner Jeans.
Ich schüttelte den Kopf. „Warte hier, ich rede mit ihm.“
„Was? Nein!“
Ihr Einwand fiel auf taube Ohren. Langsam bahnte ich mir den Weg durch die Regalreihen zu ihm hin. Er rührte sich während der Aktion keinen Zentimeter von der Stelle, nur sein Brustkorb erzitterte unter Atemzügen, die ihm hitzig von den Lippen perlten. Seinen trockenen, rissigen Lippen.
Ungepflegt.
„Gefällt dir der Anblick?“, wollte ich wissen, kaum ich war bei ihm angekommen, und trat etwas zur Seite, damit er Emma besser sehen konnte.
Er riss die Augen auf. „W-was?“
„Ob“, ich überbrückte den letzten Abstand und brachte meinen Mund gefährlich nahe an sein Ohr, „dich das anmacht.“
Klirr.
Dosen regneten zu Boden. Eingelegte Ananas und Erbsen.
„Ich-!“ Er fiel auf die Knie und sammelte die Konserven hastig wieder ein, schaufelte sie sich auf die Unterarme.
Ich betrachtete ihn von oben herab und platzierte meinen Fuß auf dem Blechdeckel der letzten Dose, damit er sie nicht aufheben konnte. Der Junge fuhr merklich zusammen, dann schaute er zu mir hoch, mit riesigen Rehaugen.
Erbärmlich.
„Kriege ich Rabatt?“, fragte ich beiläufig und nickte vage hinter mich. „Damit ich nicht aus Versehen etwas über diesen kleinen Vorfall hier ausplaudere. Was meinst du?“
„R-Rabatt?“ Er hockte immer noch auf den Fliesen. Aus diesem Winkel konnte ich feine, weiße Schuppen erkennen, die sich zwischen seinen öligen Haaren festgefressen hatten. Fast wie Mehl.
„Mhm.“ Mit der Schuhspitze schob ich ihm die Konserve zu, die ich eben noch fest gegen den Boden gepresst hatte. „Ich denke, kein Manager hört gerne, dass seine Angestellten sich an kleinen Mädchen vergehen wollen.“
„Kleine Mädchen …?“ Er wirkte ein bisschen dümmlich, wie er alles, was ich sagte, wiederholte. Und noch ein gutes Stück dümmer wirkte er, als er vollkommen entgeistert zu Emma blickte und meine Drohung endlich zu verstehen schien. „Ich habe nicht-!“
„Ah, keine Lügen“, tadelte ich und sah mich kurz um, ob irgendein anderer Kunde in der Nähe war, doch ich hatte Glück. Niemand in Hörweite. „Sieh mal, ich weiß, dass ihr diese superpraktischen Etikettiermaschinen habt. Magst du nicht schnell eine holen gehen?“
Er schluckte. Seine Pupillen waren geweitet, zuckten wild hin und her. Dann verfrachtete er die Dosen unordentlich zurück ins Regal, ehe er sich wieder auf die Beine kämpfte. Seitlich aus der Hosentasche zog er rote Aufkleber, auf den in dicken, fetten Buchstaben billiger stand.
„Damit“, nuschelte er, „k-kriegt man an der Kasse direkt fünfzig Prozent Nachlass. Die … die sind eigentlich nur für fast a-abgelaufene Ware.“
„Vielleicht ist meine das ja.“ Ich nahm ihm die Klebchen ab und steckte sie mir in die hintere Buchse. „Vielen Dank auch.“
Er schwieg, nestelte an seiner grünen Arbeitsschürze herum. So, wie er dastand, schien er noch kleiner als ohnehin schon.
Ich hob eine Braue. „Wasch dich mal.“
„W-wie?“
„Und zieh dir etwas Anständiges an.“ Meine Mundwinkel hoben sich. „Oder bist du gerne ekelhaft?“
Er sagte nichts, senkte den Blick bloß noch tiefer, wenn das überhaupt möglich war. Ich nahm es als Antwort hin und trat den Rückzug an.
Hoffentlich nahm er sich meine Worte zu Herzen und unternahm etwas gegen seine Widerwärtigkeit. Die Innere und die Äußere.
„Woher hattest du die roten Sticker?“ Emma hielt meine Hand fest. Sie lief neben mir her wie ein dressierter Köter.
„Hat der nette Junge aus dem Supermarkt mir geschenkt. Als Entschuldigung, weil er dir Angst gemacht hat.“
„Ehrlich?“
Ich nickte. „Mhm.“
„Dann hast du ihm gesagt, dass ich ihn nicht mag?“
So ähnlich. „Ich glaube kaum, dass er jemals wieder ein Wort mit dir wechseln wird.“
Sie stemmte ihre freie Hand in die Hüfte. „Gut so!“
Selbstverständlich war das gut so, allerdings hatte die Anzahl meiner Sticker nach unserem Shoppingtrip gerade rapide abgenommen. Aber wo die herkamen, hatte der Herr Wareneinräumer mit Sicherheit noch weitere.
„Paul.“ Meine Mutter hängte seufzend ihren Blazer an die Garderobe und rollte ein paar Mal mit den Schultern. „Hast du deine Schwester heute Mittag von der Schule abgeholt?“
„Weißt du doch.“ Ich lächelte besonders lieblich.
Sie musterte mich einen Moment lang, entschied dann, dass sie mir wie immer misstraute, und rief im nächsten Atemzug auch schon nach Emma. Die tippelte im Pyjama die Treppen runter, ihren braunen Lieblingsteddy fest im Arm.
„Ich habe schon geschlafen“, maulte sie und rieb sich gähnend über die Augen.
Unsere Mutter kümmerte sich nicht darum. „Liebling, hat Paul dich nach der Schule abgeholt oder bist du allein gelaufen?“
„Hm?“ Emma blinzelte und schüttelte schließlich den Kopf. „Nein, er hat mich abgeholt. Wie jeden Montag.“
Mein Lächeln wurde breiter. „Siehst du?“, säuselte ich. „Auf mich ist Verlass.“ Und auf die Bestechlichkeit meiner zuckersüßen Schwester, die glücklicherweise noch kein Taschengeld bekam, um sich Schokolade selbst kaufen zu können.
„Okay.“ Mütterchen beugte sich zu ihr runter und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. „Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Geh wieder schlafen.“
Emma nickte knapp und torkelte wieder hoch in ihr Zimmer.
Ich lehnte mich derweil mit verschränkten Armen an die Wand im Hausflur. „Und wo ist meine Entschuldigung?“
Sie antwortete nicht.
Also stieß ich mich wieder ab und entspannte meine Körperhaltung, ließ die Arme zur Seite fallen. „Ich habe Lasagne gekocht. Reste sind im Kühlschrank. Ist noch genug für dich und Papa übrig.“
„Danke.“ Sie zog sich die Schuhe von den Füßen und lief barfuß an mir vorbei, um im ersten Stock zu ihrem Schlafzimmer zu gelangen.
„Soll ich sie schon aufwärmen?“, rief ich ihr hinterher und begab mich nach ihrer Zusage in die Küche, um den vorbereiteten Teller in die Mikrowelle zu schieben. War nicht viel Arbeit, eine größere Menge zuzubereiten, wenn ich eh schon kochte, brachte mir allerdings eine nicht unerhebliche Menge an guter-Sohn-Punkten ein. Von denen ich so in etwa minus Sechshundertsechsundsiebzig besaß. Grob geschätzt.
Ich stellte den Timer auf drei Minuten und tatsächlich rauschte meine Mutter genau in dem Moment herein, in dem es monoton zu piepen begann.
„Du bist heute ausgesprochen hilfsbereit“, meinte sie und ließ sich auf die kleine Eckbank fallen, die hier stand, seit meine Großeltern verstorben waren. Den Blick hatte sie auf mich fixiert, wie ich ihr Teller, Besteck und ein Glas Saft anrichtete, bevor ich mich auf den Stuhl ihr gegenüber fallen ließ.
„Bin ich das nicht generell?“
Ihr Schweigen daraufhin sprach Bände. Sie besaß nicht einmal den Anstand, mir vorzuspielen, als erwartete sie hinter meiner Nettigkeit keine Intrige. Ihr Gesichtsausdruck blieb verkniffen, ihre Grundstimmung wachsam. Dann wechselte sie das Thema: „Wie war dein Tag?“
„Langweilig.“ Ich stellte meine Ellbogen auf den Tisch und stützte mein Kinn auf meine überkreuzten Handflächen. „Ich war nach der Schule nochmal bei Tina, aber nur kurz.“
„Deine Sitznachbarin?“
„Genau.“
Sie nahm einen Bissen und kaute darauf herum, ehe sie mit der Gabel in meine Richtung zeigte. „Endet dein Unterricht nicht genau so, dass du direkt danach Emma abholen musst?“
Ha, Fettnäpfchen.
Ich schnaufte. „Wir hatten früher aus. Deswegen sagte ich doch, war ich bloß kurz bei ihr.“
„Ah.“ Eine weitere Ladung verschwand in ihrem Mund. „Das schmeckt übrigens lecker.“
„Ist Fertig-Lasagne aus der Tüte.“
„Normale Menschen bedanken sich nach so einer Aussage einfach.“
Wie gut, dass ich laut ihrer Definition also nicht normal war.
Ich zog die Schultern an. „Danke.“
Anschließend erneut Stille. Zu hören war nur das Matschen ihrer Gabel, die mittlerweile ohne Ziel in dem Hackfleisch-Tomaten-Nudelgemisch auf ihrem Teller herumbohrte. Scheinbar ging ihr gerade der Gesprächsstoff aus und proportional dazu wuchs ihr Unwohlsein und verringerte sich ihr Appetit.
Ich schob den Stuhl zurück. „Es ist schon spät. Ich gehe hoch und lerne.“
Sie sah auf, mit diesem ganz bestimmten Blick, den ich nicht deuten wollte. Er machte sie hässlich, die Falten auf ihrer Stirn so viel prominenter. „In Ordnung. Schlaf gut.“
„Werde ich.“ Ich stemmte mich hoch, die Lippen zu einem Lächeln verzogen, obwohl mir eigentlich nicht danach war. „Schlaf du auch gut, Mama.“
Und schon kroch er mir entgegen, der Hauch von etwas, der über bloße Unsicherheit hinausging.
Ich wandte mich zum Gehen. „Wann kommt Papa?“
„Bald.“ Sie hatte aufgehört zu essen. „Wieso?“
„Ich möchte ihm auch noch eine gute Nacht wünschen.“
Sie schluckte. Ich beobachtete, wie ihr Kehlkopf dabei sachte hüpfte, bei jeder einzelnen Bewegung.
Weil sie Angst hatte. Hinter all dem Getue und der Fassade einer heilen Familie hatte sie Angst. Und sie wuchs, je älter ich wurde. Mit jedem Zentimeter, den ich an Körpergröße zunahm. Jedem Kilogramm Gewicht.
„Bis morgen.“ Ich verließ die Küche, hörte sie laut ausatmen.
„Bis morgen, Paul“, flüsterte sie.