DEAR JONATHAN

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Summary

Camila Flores und Jonathan Bates - zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie, die pflichtbewusste Schülerin mit einem festgelegten Plan für ihre Zukunft. Er, der charmante Draufgänger, der scheinbar ohne Regeln lebt. Als Jonathan Camila aus einer brenzligen Situation rettet, ahnt sie noch nicht, dass dies der Beginn einer unerwarteten Reise sein würde. Immer wieder kreuzen sich ihre Wege, und Jonathan öffnet ihr die Augen für eine Welt jenseits ihrer streng geplanten Existenz. Er zeigt ihr, was es bedeutet, wirklich zu leben. Doch während Camila beginnt, sich in der Freiheit seiner Welt zu verlieren, stellt sie fest, dass das Leben nicht immer so einfach ist, wie es scheint. Zwischen ihnen entsteht eine Verbindung, die ihre Vorstellungen von Liebe, Freundschaft und Glück auf den Kopf stellt. Eine Geschichte über Mut, Selbstfindung und die Magie des Lebens - und darüber, dass man manchmal erst dann wirklich lebt, wenn man alles, was man zu wissen glaubt, über Bord wirft.

Status
Ongoing
Chapters
13
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1

Ich verließ das Backsteingebäude und trat in den strömenden Regen hinaus. Der Regen hatte mich bereits komplett durchnässt, noch bevor ich die Bushaltestelle erreichte. Jeder Schritt auf dem gepflasterten Gehweg ließ das Gummimaterial meiner Stiefel quietschen.

Es dauerte nicht lange, bis der Bus kam. Als ich auf dem Sitzplatz am Fenster Platz nahm, atmete ich kurz durch.

Es war, als hätte der Alltag für einen winzigen Moment seine eiserne Faust um mich gelockert, und ich konnte kurz durchatmen.

Doch die Ruhe war von kurzer Dauer. Kaum hatte ich mich entspannt, erklang bereits die monoton klingende Stimme der Durchsage, die meine Haltestelle ankündigte. Ich fühlte mich wie ein Packesel, als ich den Beutel mit meinen Schulbüchern schulterte und mich immer noch im strömenden Regen zum Haus meiner Mutter schleppte.

Als ich endlich das Haus erreichte, fiel mein Blick auf die tristen, grauen Wände und das regennasse Dach. Es schien, als spiegelte das Wetter meine eigenen Gedanken wider. Gegen halb fünf trat ich durch die Haustür und ließ mit einem erleichterten Seufzen den Beutel fallen. Meine Mutter kam in den Flur und warf einen abschätzigen Blick auf meine Schuhe.

„Bitte sag mir nicht, dass du die hässlichen Dinger wieder anhattest.” Sie fuhr sich mit einem Stöhnen durch die Haare. Ihre Worte trafen mich hart, und ich konnte die mühsame Fassade der Gleichgültigkeit kaum aufrechterhalten. Ich zuckte mit den Schultern, unfähig, ihr zu erklären, warum gerade diese alten Stiefel mir so viel bedeuteten.

„Du weißt doch, wie uns das dastehen lässt. Als könnten wir uns keine vernünftigen Klamotten leisten.”

Ich zuckte mit den Schultern. Um ehrlich zu sein hatte ich gerade nicht wirklich Lust, mir eine Standpauke von meiner Mutter anzuhören. „Ich verstehe ja, dass dein Vater sie dir geschenkt hat, aber diese Schuhe haben ihre besten Zeiten schon erlebt!” Ihr entfuhr ein Schnaufen und ich starrte unbeholfen auf meine weinroten Docs, die mittlerweile tatsächlich alles andere als neu waren. Auf der Stelle fiel mir so Vieles ein, so viele Worte, die ich gerne loswerden wollte. Stattdessen zuckte ich nur erneut mit den Schultern.

„Erzähl doch mal, wie war die Schule heute?“-„Ganz okay, schätze ich.”

„Hast du irgendwelche Zensuren bekommen?“, fragte meine Mutter und ich schüttelte eilig den Kopf, denn ich wollte ihr nicht davon erzählen, dass ich heute schon wieder eine 4- in Mathematik bekommen hatte. Ich wollte sie nicht noch mehr enttäuschen. Wider meiner Erwartungen nickte sie nur und setzte schließlich ein Lächeln auf.

„Ich bin froh, dass dir Schule so leicht fällt. Dein Vater hatte damals Probleme in Mathematik, er wäre stolz, zu sehen, dass das bei dir nicht der Fall ist.”

Ich schluckte und meinte, für einen Augenblick einen Anflug von Trauer in den Augen meiner Mutter zu sehen, jedoch schon ich diesen absurden Gedanken sofort wieder zur Seite, als sie ihr typisches Millionen-Dollar Lächeln aufsetzte. „Was möchtest du heute essen? Auguste hat noch nicht gekocht, weil du noch nicht da warst.“

„Ich habe nicht wirklich Hunger. Ich will eigentlich nur noch in mein Zimmer, heute war ein anstrengender Tag”, teilte ich meiner Mutter mit. Und das war nicht einmal gelogen.

„Bist du dir sicher? Gerade dann musst du doch was essen”, forschte sie nach. „Ja. Und ich muss sowieso noch für einen Test lernen”, log ich. „Achso, natürlich. Geh ruhig hoch, das ist wichtig.” Ich nickte und ging rasch die Treppen hoch, darauf bedacht, weiteren Fragen meiner Mutter auszuweichen.

Das helle Zimmer, welches ich betrat, fühlte sich nicht wirklich wie meins an, was doch wirklich verwunderlich war, wenn man bedachte, dass meine Mutter sich so viel Mühe gegeben hatte, die beste Innenarchitektin im Land einzusetzen. Ich ließ meinen Blick durch den großen Raum schweifen und brummte.

Auguste hatte schon wieder bei mir aufgeräumt.

Die Unordnung war das einzige, was diesem Zimmer einen persönlichen Touch verlieh.

Meinen persönlichen Touch.

Mit einem Seufzen ließ ich mich auf das große Bett fallen und starrte an die Decke. Sie war kalt und leer, genau wie meine Gedanken. Der Regen prasselte weiter gegen das Fenster, und ich konnte das Gefühl der Einsamkeit nicht abschütteln, das mich umfing.

Mit einem zarten Quietschen öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer. Mein Kopf fuhr herum. Meine Mutter blieb in sicherer Distanz im Türrahmen stehen. „Ich wollte dir nur sagen, dass Ilja morgen zum Abendessen vorbeikommt.“

„Okay”, entgegnete ich knapp.

Die Vorstellung, mit ihm Zeit zu verbringen, fühlte sich immer wieder wie eine Last an, die ich kaum tragen konnte. Mich wunderte es, dass sie ihn überhaupt noch ankündigte, denn eigentlich hatte ich sowieso das Gefühl, dass er sich hier schon längst eingenistet hatte. „Mach nicht mehr so lange, okay? Du musst morgen früh raus.”

Ich nickte kaum merklich und wendete den Blick wieder von ihr ab. Als ich hörte, wie die Tür einem Klicken geschlossen wird, stand ich auf und beschloss den Worten meiner Mutter Folge zu leisten und mich schlafen zu legen.

„Heute wird es richtig sommerlich bei Temperaturen bis zu 30 Grad im Landesinneren und 26 Grad an der Küste...”

Selbst das Versprechen eines sonnigen Tages vermochte meine düstere Stimmung nicht zu erhellen. Ich lag da, den Blick starr auf die Fensterfront gerichtet, während die Sonnenstrahlen tanzten, als versuchten sie, sich durch die grauen Wolken in meinem Kopf zu kämpfen.

Schließlich konnte ich mich doch dazu bewegen, aufzustehen. Ich zog mir das T-Shirt meines Vater über die Beine und tapste schlaftrunken zu meinem Kleiderschrank, aus welchem ich mir blind ein paar Klamotten fischte. Anschließend schlurfte ich in die Küche, wo ich jedoch nur Auguste vorfand.

Als sie mich erblickte, sah sie mit einem Lächeln auf. „Guten Morgen, Camila, deine Mutter ist schon weg, weil sie ein Meeting hat”, erklärte sie die wenig überraschende Abwesenheit meiner Mutter. Ich nickte nur leicht und setzte mich an den Tisch, wo bereits eine Schale mit einem Löffel, Milch und eine Packung des supergesunden Müslis stand, welches meine Mutter immer anschleppte. Mit gerümpfter Nase füllte ich mir etwas davon ein und begann, es zu löffeln.

„Hier ist dein Brot, Apfel und das Geld, was deine Mutter für die Mensa hingelegt hat”, informierte mich Auguste und legte alles vor mich auf den Tisch. Ich wollte mich bei ihr bedanken, was sich jedoch angesichts des Müslis in meinem Mund als eher schwierig gestaltete. Auguste schien jedoch meine Absicht zu verstehen, auch ohne Worte, und schüttelte nur lachend den Kopf.

„Schon gut. Ich weiß, was du sagen willst”, sagte sie mit einem amüsierten Lächeln. Nachdem ich aufgegessen hatte, begab ich mich in mein Zimmer, wo ich meine Tasche packte und von dort aus wieder in die Küche ging, um die restlichen Sachen einzupacken und mich von Auguste zu verabschieden.

Der Schulhof war bereits lebhaft und doch ich fühlte mich wie eine Fremde. Mit einem tiefen Seufzen betrat ich das Schulgebäude. Das Schuljahr war noch nicht weit fortgeschritten und während die Schüler der Unterstufe voller Freude auf den Fluren Fange spielten, wünschte ich, sie würden mir etwas von ihrem Enthusiasmus abgeben.

Mit langsamen Schritten bewegte ich mich zu meinem ersten Kurs an diesem Tag. Dieser und auch meine nächsten vergingen wie im Flug. Als schließlich auch der Kunstkurs zu Ende war, packte ich seelenruhig meine Sachen ein. Ein Großteil der Schüler war bereits aus dem Raum gestürmt. Ich konnte ihre Eile nicht nachvollziehen, denn ich war glücklich über jede Minute, die ich länger von zu Hause wegbleiben konnte. Bevor ich meine Tasche schultern und den Raum verlassen konnte, unterbrach eine Stimme mein Vorhaben.

„Camila, würdest du bitte noch einmal zu mir kommen?”

Die Bitte meines Lehrers ließ mich aufhorchen und ich kam ihr nach. Als ich an seinem Lehrerpult ankam, blickte er durch die runden Gläser seiner Brille auf und er begegnete mir mit einem Lächeln.

„Ich habe dich für den Fotografiewettbewerb angemeldet.“

„Aber ich dachte-“

„Ich weiß, ich weiß, Camila. Aber ich konnte es einfach nicht mehr ignorieren. Du hast wirklich ein unglaubliches Talent dafür, die Motive einzufangen und sie zu deinen eigenen zu machen. Und ich habe realisiert, dass es nicht genug ist, dich nur innerhalb dieses Kurses zu fördern.” Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter und brachte ein Lächeln zustande. „Wow, so etwas aus Ihrem Mund zu hören ist wirklich ein Kompliment, Herr Teller. Ich weiß nicht, was ich sagen soll”, entgegnete ich völlig verblüfft.

„Mach dir keine Gedanken darüber und nimm einfach an dem Wettbewerb teil.“-„Aber meine Mutter-” Er unterbrach mich mit einem Lächeln. „Mindestens ein Elternteil muss zustimmen. Es hieß nie, dass dieses Elternteil deine Mutter sein muss.“-„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist”, erwiderte ich schließlich, als ich spürte, wie die Zweifel in mir aufkeimten.

„Ich weiß, ich hätte es nicht ohne deine Zustimmung machen sollen, aber ich konnte nicht zulassen, dass du ein weiteres Mal dein...-“, er überlegte einen Moment, „-dein Talent unbeachtet lässt. Also habe ich mir die Freiheit genommen und deinem Vater geschrieben. Hier. Du möchtest ihn bestimmt selbst öffnen.”

Seine Mundwinkel hoben sich zu einem leichten Lächeln, als er eine seiner Schubladen öffnete und mir einen verschlossenen Brief entgegenhielt. Hastig öffnete ich ihn und ließ meinen Blick über die geschwungenen Buchstaben huschen. Es war zweifelsohne die Handschrift meines Vaters.

Sehr geehrter Herr Teller,

Ich freue mich sehr zu hören, dass Sie solch großes Interesse daran zeigen, die Talente meiner Tochter zu fördern. Selbstverständlich gebe ich Ihnen hiermit mein Einverständnis für die Teilnahme am Wettbewerb und bedanke mich herzlich für Ihr Engagement.

Mit freundlichen Grüßen

José Flores

Als ich den Brief las, fühlte ich mich in die Vergangenheit zurückversetzt, in eine Zeit, in der mein Vater noch ein aktiver Teil meines Lebens war. Sein Einverständnis für meine Teilnahme am Wettbewerb war mehr als nur eine Zustimmung; es war ein Zeichen der Anerkennung, die zeigte, dass er an mich und meine Fähigkeiten glaubte. Mit einem festen Entschluss machte ich mich auf den Weg nach Hause. Der Gedanke an den Wettbewerb ließ mein Herz schneller schlagen und weckte eine Flamme der Leidenschaft in mir.

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