Kapitel 1 - LP
Gabriel
Ich beobachte, wie Richard Harrington sich in seinem Stuhl windet und mit seinen manikürten Fingern nervös an seinem Montblanc-Füllfederhalter herumspielt. Dieser Anblick stillt einen Hunger, der seit Jahren in mir wächst.
Unter meiner Haut regt sich mein Wolf und spürt, dass das, wonach ich mich so lange gesehnt habe, zum Greifen nah ist. Rache, serviert bei perfekter Temperatur – nicht heiß vor Wut, sondern kalt und berechnend, so wie ich sie seit einem Jahrzehnt geplant habe. Es fehlt nur noch das Herzstück meiner Rache.
»Mr. Sterling, ich kann mich nicht genug für die Verspätung entschuldigen«, sagt Richard mit zitternder Stimme und versucht zwanghaft, seine Nervosität zu verstecken. »Jasmine sollte jeden Moment hier sein. Sie weiß, wie wichtig dieses Treffen ist.«
Ich antworte nicht. Die Stille zieht sich für ihn unangenehm und schwer hin, und ich will, dass er leidet. Auch wenn der Unterton seiner Angst, der aus seinen Poren sickert, gemischt mit dem Gestank seines überteuerten und übermäßig aufgetragenen Parfüms, langsam in meiner Nase brennt.
Mein Blick bleibt auf Richards Gesicht haften, und ich stelle fest, wie sehr die Jahre ihn gezeichnet haben. Seine einst markanten Gesichtszüge sind mit dem Alter weicher geworden. Trotz der teuren Hautpflege, die seine zu glatte Stirn verrät, bilden sich unter seinem Kinn Falten.
»Wir haben heute einen besonders engen Zeitplan«, sagt Marie neben mir und durchbricht damit das Schweigen. »Haben Sie ihr das etwa nicht gesagt?«
Marie Mendoza, meine rechte Hand in allen Belangen, sitzt in einem perfekt geschnittenen, anthrazitfarbenen Kostüm neben mir. Ihr dunkelrotes Haar ist streng nach hinten gekämmt, wodurch ihre scharfen Wangenknochen betont werden. Sie arbeitet schon lange genug für mich, um meine Stimmungen zu lesen und zu sprechen, wenn ich es nicht tue.
»Wir warten schon seit dreißig Minuten«, fährt Marie fort und kneift ihre stahlgrauen Augen leicht zusammen. »Haben Sie vergessen, wie wichtig das ist?«
Richard fährt sich mit der Hand durch sein graumeliertes Haar, eine Geste, die seine wachsende Nervosität verrät. »Ich weiß nicht, was sie aufhält. Ich habe Jasmine wiederholt gesagt, dass diese Vereinbarung für alle Beteiligten von Vorteil ist. Die Fusion zwischen Harrington Industries und Obscura Ventures wird unsere Zukunft sichern.«
So nennt man es, wenn man seine Tochter heutzutage verkauft.
»Meine Tochter kann …«, Richard hält inne und sucht nach einer diplomatischen Formulierung, »manchmal schwierig sein. Ihr fehlt der Geschäftssinn, den ihre Position erfordert. Diese Partnerschaft wird ihr die Struktur geben, die sie braucht.«
In mir knurrt der Wolf. Er spürt die Unehrlichkeit und Herzlosigkeit, mit der Richard über sein eigenes Fleisch und Blut spricht. Seit zehn Jahren halte ich meine animalische Natur streng unter Kontrolle, aber seit meiner Ankunft in Little Rock vor drei Tagen – während ich auf einen Blick auf die Frau warte, die meine Erinnerungen verfolgt – beginnt meine Kontrolle zu bröckeln.
Der Wolf in mir läuft hin und her und wird jedes Mal unruhiger, wenn ein Treffen mit Jasmine ansteht und sie nicht erscheint.
Marie bemerkt meine Anspannung und die leichte Veränderung meiner Körperhaltung, die meinen inneren Kampf verrät. Sie legt unauffällig ihre Hand auf den Konferenztisch und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf sich.
»Mr. Harrington«, sagt sie mit gefährlich tiefer Stimme, »wenn Miss Harrington diesem Treffen keine Priorität einräumen kann, sollten wir vielleicht unser Angebot überdenken. Obscura Ventures hat andere potenzielle Partner, die mehr Rücksicht auf unseren Zeitplan nehmen würden. Wir sind nicht an sie gebunden.«
Die Drohung trifft, wie beabsichtigt. Richards Gesicht wird blass, und er greift nach seinem Telefon. Bevor er seine Tochter anrufen kann, fällt mein Blick auf eine Bewegung hinter der Glaswand.
Die Aufzugtüren gleiten auf und sie tritt heraus.
Jasmine Harrington.
Bewusst langsam bewegt sie sich, als müsse sich die Welt ihrem Tempo anpassen und nicht umgekehrt. Ihr langes schwarzes Haar fällt über ihre Schulter. Sie ist von Kopf bis Fuß in eng anliegendes Schwarz gekleidet – ein hochgeschlossener Pullover und eine maßgeschneiderte Hose, die nichts preisgeben und doch irgendwie alles betonen.
Mein Mund wird trocken. Mein Wolf heult, ein Geräusch, das nur in meinem Kopf widerhallt, aber droht, mir die Brust zu zerreißen.
Vor zehn Jahren kniete sie vor mir, ihre auffälligen blauen Augen weit aufgerissen und vertrauensvoll, ihre Lippen zu einem Flüstern meines Namens geöffnet.
Sie war süß, nachgiebig und hingebungsvoll – ganz anders als die Eiskönigin, die jetzt auf mich zukommt, ihren Blick durch den Konferenzraum schweifen lässt, aber meinen bewusst vermeidet.
An ihrer Seite geht ein schwarzer Schäferhund, dessen dunkle Augen den Raum mit einer fast übernatürlich wirkenden Intelligenz absuchen. Bei der Anwesenheit des Tieres sträubt sich mein Wolf, und eine irrationale Eifersucht durchfährt mich bei dem Gedanken, dass ein anderes Lebewesen das bewacht, was einmal mir gehört hat.
Die Tür zum Konferenzraum öffnet sich und Jasmine tritt ein. Die Luft verändert sich augenblicklich, sie ist aufgeladen mit etwas, das über Spannung hinausgeht.
»Du bist spät«, sagt Richard schroff und steht von seinem Stuhl auf. »Wir warten schon eine halbe Stunde.«
Jasmine nimmt ihren Vater nicht wahr. Sie geht zu dem Stuhl direkt gegenüber mir, setzt sich und schlägt bewusst distanziert die Beine übereinander. Ihr Schäferhund legt sich zu ihren Füßen. Er ist regungslos, aber er achtet auf jede Bewegung.
»Miss Harrington«, sage ich, wobei mir der Name nach Jahren, in denen ich sie einfach nur Jasmine genannt habe – oder in dunklen Momenten als die Meine –, fremd auf der Zunge liegt. »Wie nett, dass Sie noch gekommen sind.«
Richard fährt mit seiner Tirade fort, aber ich hebe die Hand – eine einfache Geste, die ihn sofort zum Schweigen bringt. Diese Machtdemonstration erfüllt mich mit einer Welle der Befriedigung, auch wenn sie mich dieses Mal deutlich mehr Kraft kostet.
Jasmines Anwesenheit beeinflusst mich auf eine Weise, die ich trotz jahrelanger Vorbereitung nicht erwartet hatte.
Ich studiere ihr Gesicht und bemerke die Spuren, die die Zeit hinterlassen hat. Die weichen Kurven der Jugend sind klaren Konturen gewichen. Ihre Lippen sind noch immer voll und vermutlich genauso weich.
»Wir müssen die bevorstehenden Auftritte besprechen«, sagt Marie, während sie eine Ledermappe öffnet. »Die Wohltätigkeitsgala am kommenden Wochenende wäre ein idealer erster öffentlicher Auftritt …«
»Lasst uns allein«, unterbreche ich sie, ohne meinen Blick von Jasmines Gesicht zu nehmen. »Miss Harrington und ich müssen etwas besprechen.«
Marie zögert und sieht mich fragend an. Wir arbeiten schon so lange zusammen, dass sie erkennt, wenn ich von unseren sorgfältig ausgearbeiteten Plänen abweiche. Aber sie vertraut mir bedingungslos. Das muss sie.
»Mr. Harrington«, sagt sie geschmeidig, »könnten Sie mir vielleicht noch einmal die Zahlen zeigen? In Ihrem Büro?«
Richard blickt zwischen Jasmine und mir hin und her, sichtlich unwillig, seine Tochter mit mir allein zu lassen. Aber er hat sich bereits entschieden.
»Natürlich«, stimmt er schließlich zu und folgt Marie aus dem Zimmer.
Die Tür fällt ins Schloss und lässt Jasmine und mich in einer Stille zurück, die nur im Augenwinkel von den vorbeigehenden Menschen gestört wird.
Sie starrt mich an, ohne zu blinzeln, ihre blauen Augen sind so hart wie Edelsteine. Ihr Bodyguard positioniert sich neu und schaut mich genauso herablassend an wie sie.
»Früher warst du gesprächiger, wenn wir allein waren«, sage ich und lehne mich im Stuhl zurück.
»Das war, bevor ich wusste, was für ein erbärmlicher Mensch du bist«, antwortet sie mit einem Lächeln, das jedoch vor Gift trieft.
»Die letzten zehn Jahre haben dir gut getan, Jasmine. Du bist noch attraktiver geworden.«
»Und du bist immer noch so charmant wie eh und je«, sagt sie, wobei aus jeder Silbe der Sarkasmus trieft.
Mein Wolf reagiert auf ihre Herausforderung und zerrt an seinen Fesseln. Die Anziehungskraft, die ich verspüre, ist magnetisch, unerwünscht und unglaublich stark. Sie ist genau so, wie ich sie in Erinnerung habe, und doch völlig anders – ein Widerspruch, der mich fasziniert.
»Du kannst gerne kalt sein, Jasmine«, stelle ich klar, »aber lass uns nicht so tun, als wüsste ich nicht, wie süß du sein kannst, wenn du kommst.«
Ihr Kiefer spannt sich an, ein kleines Zeichen dafür, dass meine Worte ihr Ziel erreicht haben. »Willst du wirklich über alte Geschichten reden, Gabriel?«
»Zehn Jahre sind nicht so lang.«
»Lang genug, um einen Fehler zu erkennen«, entgegnet sie.
Ich trommle mit den Fingern auf den Konferenztisch und erinnere mich daran, wie sich ihre Haut unter denselben Fingern angefühlt hat. »Erinnerst du dich an die Küche in meiner Wohnung?«, frage ich und beobachte sie dabei aufmerksam. »Die Arbeitsplatte hatte genau die richtige Höhe für …«
»Hat diese Reise in die Vergangenheit einen Sinn?«, unterbricht sie mich, aber nicht, bevor ich sehe, wie ihr eine Röte in den Hals steigt. »Oder versuchst du nur, diese Situation noch unangenehmer zu machen, als sie ohnehin schon ist?«
Ich mustere sie und versuche, die wilde Frau vor mir mit dem sanften, nachgiebigen Wesen in Einklang zu bringen, das mir einst gesagt hat, dass es sich ein Leben ohne mich nicht vorstellen könne.
Schon damals war sie eigensinnig, auf eine Art, die mich begeisterte und herausforderte. Aber diese neue Jasmine ist mir fremd.
»Ich bin neugierig«, sage ich beiläufig, obwohl mein Wolf immer unruhiger wird und einfach nur will, dass wir gemeinsam von hier verschwinden. »Freust du dich wenigstens ein bisschen, mich wiederzusehen? Schließlich kann ich nicht die schlechteste Option sein, die dein Vater für dich in Betracht gezogen hat.«
Ihr Lachen ist scharf und ohne Humor. »Bild dir nichts ein, Gabriel. Du weißt genau, was hier los ist. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte mein Vater mich schon vor Jahren an den Meistbietenden versteigern sollen, damit ich dich nicht sehen muss.«
Der Gedanke, dass ein anderer Mann – irgendein anderer Mann – Jasmine für sich beansprucht, löst eine Welle Wut in mir aus, die so intensiv ist, dass ich mich an den Armlehnen meines Stuhls festhalten muss, um sitzen zu bleiben.
Mein Wolf knurrt und fletscht die Zähne gegen einen imaginären Rivalen. Es gab nie eine andere Option.
»Hasst du mich so sehr?«, frage ich und halte meine Stimme ruhig, obwohl mir das Knurren in die Kehle steigt.
Sie beugt sich vor und ihre blauen Augen blitzen vor einer Emotion, die zu komplex ist, um sie in Worte zu fassen. »Was auch immer du von dieser Ehe erwartest, Gabriel, verstehe bitte eines – ich verachte dich.«
Genau das wollte ich so lange – ihren Hass. Ich wollte, dass sie mir diese Abscheu entgegenbringt, weil meine jahrelange, sorgfältige Planung funktioniert hat. Aber jetzt heult mein Wolf nicht triumphierend, sondern vor Verzweiflung.
Jahrelang hat er geschwiegen, sodass ich sogar annahm, dass ich ihn, wie auch immer das möglich sein soll, verloren hätte. Doch hier in diesem beschissenen Little Rock, hier und jetzt, ist er so präsent wie vor zehn Jahren.
Ich nehme ihren Duft wahr – subtil unter ihrem teuren Parfüm – und verstehe endlich, was mein Wolf mir von Anfang an sagen wollte.
Sie ist es – meine Gefährtin.








