Chapter 1
Ich kann nicht länger meine Zeit mit dir verschwenden, hallt es in meinem Kopf nach, immer und immer wieder. Ich sitze an der Hotelbar und sauge an dem Strohhalm, der in meiner Bloody Mary steckt. Vorwurfsvolle Blicke treffen mich von allen Seiten. Ich würde sie gerne an einem Schild der Gleichgültigkeit abprallen lassen, aber dafür ist mein Kater nicht groß genug. Es ist mir schlicht nicht gleichgültig.
Um mich herum sitzen fast nur junge Paare mit Babys oder Kleinkindern. Es ist gerade mal halb acht. Am Sonntagmorgen. Mir fällt kein triftiger Grund ein, warum man zu dieser Zeit am Sonntag freiwillig auf den Beinen sein sollte. Abgesehen von dem, dass man ohnehin nicht schlafen kann und man nur wieder und wieder den Moment im Kopf durchgeht, in dem die Liebe seines Lebens einem eröffnet, dass sie sich von einem trennen will, weil sie im Gegensatz zu einem selbst Kinder haben möchte. Doch wenn ich mich so umblicke, scheine ich von dieser Kategorie die Einzige hier zu sein. Ich bin Mitte dreißig und die Welt um mich herum scheint von Kindern regiert zu werden. Von kleinen Gören, die teilweise noch nicht mal sprechen, geschweige denn allein aufs Klo gehen können und trotzdem die Geschicke aller Menschen um sie herum lenken.
Ich atme zweimal tief ein und aus. Dann mache ich mich auf den Weg zu der Wohnungsbesichtigung, die ich gestern vereinbart habe.
***
Eine Dreiviertelstunde später ringe ich nach Atem, nachdem ich die Stufen in den fünften Stock bezwungen habe. Ein alter, etwas ranzig wirkender Mann mit Bierbauch und fettigen Haaren wartet schon in der Tür auf mich. Instinktiv denke ich, dass das nicht meine Wohnung werden wird.
„Kommse rein, kommse rein“, sagt der Mann freundlich lächelnd und macht eine einladende Geste ins Innere der Wohnung. Beim ersten Blick revidiere ich meine vorgefasste Meinung. Ich trete in einen geräumigen, loftartigen Wohnraum mit Schachbrettfliesen. Er wird optisch durch zwei massiv aussehende Säulen geteilt und weiß getünchte Rohre ranken sich willkürlich wie Unkraut an Decke und Wänden entlang. Das Beste aber ist die riesige Fensterfront, die die komplette Südwestseite einnimmt und durch welche die Wohnung von Licht geflutet wird. Alex würde die Wohnung lieben, schießt es mir unwillkürlich durch den Kopf und ich muss mich zusammenreißen, um den Gedanken an sie zu verjagen. Hier geht es um mich. Um mein neues Leben. Und Alex wird darin nicht vorkommen.
Ich lasse den Blick über den grünen Innenhof der Wohnanlage schweifen. Die Kastanien fangen langsam an zu blühen und schreien förmlich Neuanfang. Wenn das kein Zeichen ist. Meine Augen wandern weiter nach rechts, zur Nachbarwohnung, deren bodentiefe Fenster freie Sicht auf ihr Inneres bieten, wo ...
Mein Herz stockt, als sich ein Körper in mein Blickfeld schiebt. Ein ziemlich nackter Körper. Zuerst denke ich, dass die Frau Tanga und BH trägt. Doch bei näherer Betrachtung erkenne ich, dass es sich dabei um Tattoos handelt. Sie greift nach etwas, das auf der Kommode vor ihr liegt und Erregung durchzuckt mich unwillkürlich, als mein Blick auf die beiden Grübchen über ihrem Poansatz fällt. Ich kneife die Augen zusammen, um die Motive ihrer Tattoos zu entschlüsseln, doch bevor ich irgendetwas hätte erkennen können, hat sie auch schon einen Slip und ein Bustier übergestreift und ich kann nur noch eine Art Ranken ausmachen, die sich über ihre Schulterblätter winden. Über ihre ungemein wohlgeformten Schulterblätter.
Ich lasse meine Augen über ihre anderen ungemein wohlgeformten Körperteile wandern und ...
„Isset nichn Schmuckstück?“
„Wie bitte?“ Erschrocken reiße ich den Blick los.
„Na, die Wohnung. Is doch dit reinste Juwel, nich?“
Ich muss unwillkürlich lächeln. Natürlich spricht er von der Wohnung.
„Das ist sie in der Tat. Fast zu schön, um wahr zu sein. Wie kann es sein, dass sie noch nicht vergeben ist?“
„Na, ick hab se ja jestern erst inseriert. Und Sie warn die Erste, die sich jemeldet hat. Wissen se, ick hab keene Lust uff den janzen Trubel und die Massen an Menschen, die sich hier inner Großstadt um Wohnraum kloppen. Wenn se die Wohnung ham wolln, isse Ihre.“
***
Was bin ich doch für ein Glückskind. Wer in der Geschichte dieser Stadt hat jemals so schnell eine Wohnung gefunden? Und dann auch noch eine, die so perfekt ist? Und trotzdem sitze ich wieder hier in meinem Hotelbett, wie schon die letzten Abende und heule mir die Seele aus dem Leib. Neben mir auf dem kleinen Nachttisch steht eine bereits zur Hälfte geleerte Flasche Merlot. Ich kann an nichts anderes denken als an Alex. Daran, was sie wohl gerade macht. Denkt sie überhaupt an mich? Oder ist es tatsächlich so einfach für sie gewesen, wie es den Anschein gehabt hatte, unsere Beziehung von einem Tag auf den anderen auf den Müll zu werfen?
Ich kneife die Augen zusammen und versuche, das Gedankenkarussell in meinem Kopf zu stoppen. Es klappt nicht wirklich gut, was vermutlich auch an dem Alkohol liegt, der durch meine Blutbahn rauscht. Verschwommene Bilder erscheinen vor meinem inneren Auge. Bilder aus den acht Jahren, die wir zusammen verbracht haben. Bilder, die meine Fantasie heraufbeschwört. Alex, die meine Hand greift. Alex, die mir liebevoll durch die Haare fährt. Alex, die ihre weichen Arme so fest um mich schlingt, als wollte sie mich nie mehr loslassen. Alex, die sich ihre Klamotten vom Leib streift, quälend langsam. Ihr wunderschöner Körper. Schlanke Fesseln, die in straffe Waden übergehen. Ausladende Hüften. Ein großer, runder Hintern. Diese hinreißenden Dellen an Oberschenkel und Po, die sie selbst immer als Makel empfunden hatte.
Ich merke, wie ich nur bei der Vorstellung dieses Anblickes feucht werde und wie sich ein sehnsuchtsvolles Ziehen in meinem Unterleib ausbreitet. Ich halte das Bild, das mein Geist erschaffen hat, fest. Möchte nicht, dass es wieder verschwindet. Ich zerre mir die Jogginghose von den Hüften und schiebe die Hand in meinen Slip, lasse sie aber erst einmal einfach nur dort ruhen, während ich mir die Szene in meinem Kopf weiter ausmale. Die Alex in meinem Kopf greift mit einer Hand hinter ihren Rücken und im nächsten Moment rutschen die Träger ihres BHs von den Schultern und sie lässt ihn über ihre Arme auf den Boden gleiten. Ihre Brüste sind groß und rund, ihre Brustwarzen heben sich dunkelbraun von ihrer Haut ab. Dann steigt sie zu mir ins Bett. Ich kann die Erregung schon jetzt kaum noch aushalten, doch zwinge mich, weiterhin stillzuhalten. Alex hat mich immer ein wenig für meine Ungeduld im Bett ausgelacht. Ich fahre mit der linken Hand unter mein T-Shirt und streiche mit den Fingerspitzen über meine Haut, während ich mir vorstelle, es wären ihre Fingerspitzen. Ihre Zunge, die über meinen Körper fährt. Ich versuche, meinen Atem zu beruhigen, der bereits schnell und flach geht.
Ich stelle mir vor, wie ihr Mund meinen Körper hinab wandert, über meinen Bauchnabel, bis hin zu meinem Schambein, welches sie küsst und dann innehält. Ich halte die sexuelle Spannung nicht länger aus. Das Laken unter mir ist längst durchtränkt. Der erste sanfte Druck auf meine Klitoris entlockt mir ein wohliges Stöhnen und mein Unterleib bäumt sich von der Matratze auf. Ich stelle mir vor, wie Alex‘ Kopf zwischen meinen Schenkeln aussieht. Wie sie zu mir hinauflächelt. Ich kann mich nicht länger beherrschen. Alex hat recht. Ich bin ungeduldig. Werde zur Sklavin meiner Erregung. Ich kann mich nicht mehr zurückhalten und reibe jetzt schneller diesen süßen Punkt an meiner Vulva, lasse mir von der Reibung den Verstand rauben.
Und ganz plötzlich erscheint ein anderes Bild in meinem Geist. Ein rötlichbrauner Haarschopf. Ranken, die sich um Schultern und Schlüsselbeine winden. Zwei Lendengrübchen. Die Vorstellung dieser fremden Frau in meinem Bett macht mich sogar noch heißer. Wie würde sie sich wohl unter meinen Händen anfühlen? Was würde sie mit mir anstellen? Ihre Arme sahen so muskulös aus. Unwillkürlich stelle ich mir vor, wie sie meine Handgelekte packt und sie über meinem Kopf fixiert, so dass ich mich nicht wehren kann. Doch ich möchte es auch gar nicht. Ich fühle mich vollkommen sicher, während mich die Vorstellung, dieser Frau ausgeliefert zu sein, langsam an den Rand des Wahnsinns bringt.
Die Wellen der Lust werden immer mächtiger und versprühen ihre Gischt. Alles in mir schreit nach Entladung. Mein Körper bäumt sich auf und ich werde vom Orgasmus gepackt, befreiend und überwältigend. Ein erstickter Schrei dringt aus meiner Kehle. Ich sinke zurück auf die weiche Matratze, mit klopfendem Herzen und außer Atem, doch ganz und gar von dem wohligen Gefühl der Befriedigung durchdrungen.
***
„Das kann nicht Ihr verdammter Ernst sein!“ Ich schaue den Muskelprotz, der gerade meine neue Küche auf dem Gehweg abgeladen hat, entgeistert an.
„Hier steht’s, Lieferung frei Bordsteinkante. Sehen Sie?“ Seine Stimme ist völlig unbewegt.
„Ja, das verstehe ich. Aber das war ein Versehen. Natürlich hatte ich nicht vor, diese lächerlich schweren Kartons selbst die fünf Stockwerke zu meiner Wohnung hochzuschleppen. Kann ich den Auftrag nicht jetzt noch ändern? Ich bezahl Sie doch auch.“
„Ja klar, machen Sie das. Vereinbaren Sie einen Termin und dann kommen wir in ein, zwei Wochen wieder und schleppen Ihnen das Zeug, wohin Sie wollen.“
Ich kann nichts tun, als ihn fassungslos anzustarren. „Das ist ein Scherz, oder? Bitte sagen Sie mir, dass das ein Scherz ist.“
Er zuckt mit den Schultern. „Wenn Sie sich dann besser fühlen.“ Und weg ist er, ohne noch ein weiteres Wort an mich zu verschwenden.
Was. Für. Ein. Arschloch.
Verzweiflung macht sich rasend schnell in mir breit und im Kopf gehe ich die Liste der Menschen durch, die ich in dieser Situation anrufen könnte, als jemand mich von hinten anspricht.
Ich fahre herum und mein Herz setzt aus, als ich die junge Frau aus der Wohnung gegenüber erblicke. Die Frau, von der ich seit einer Woche beim Masturbieren fantasiere. Hitze schießt mir in den Kopf und ich bin sicher, dass sie mir anzusehen ist.
„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken. Du siehst nur irgendwie ... na ja, ein wenig verzweifelt aus.“
„Ähhhh, ja, na ja, verzweifelt trifft es wohl ganz gut. Ich hab eine neue ... Küche bekommen.“ Oh Gott, stottere ich etwa?
„Lass mich raten. Du hast nicht auf die Anlieferungsbedingungen geachtet. Und jetzt haben die hilfsbereiten Angestellten der Spedition dich hier damit zurückgelassen und du musst zusehen, wie du den Gehweg räumst. Hab ich recht?“
Ihre Stimme ist tief und rau und ... verdammt sexy. Ich ermahne mich selbst, mich zusammenzureißen und nicke.
„Ja, das trifft es in etwa. Ich meine, was ist das für eine Welt, in der einen muskelbepackte Spediteure einfach so mit tonnenschweren Paketen auf der Straße stehen lassen?“ Ich ringe die Hände. „Ich hab echt zwei richtig beschissene Wochen hinter mir. Meine Freundin hat mich verlassen und in meinem Hotel wohnen zigtausend Familien mit ihren unausstehlichen Rotzgören. Ganz im Ernst. Ständig belagern sie einen beim Frühstück und starren einen mit ihren riesigen Glubschaugen an und wenn man nicht völlig entzückt reagiert, gucken die Eltern einen so entgeistert an, als wäre man die Medusa höchstpersönlich. Alles, was ich möchte, ist, mich endlich in meinen eigenen vier Wänden verkriechen zu können und ... oh Gott, tut mir Leid, warum erzähl ich dir das eigentlich alles?“
„Na ja, ich vermute, weil du es eben irgendwem erzählen musstest und ich gerade da bin.“ Sie setzt ein schiefes Lächeln auf. Sie trägt eine weite blaue Cargohose und ein T-Shirt mit einem Joy Division Cover, welches so kurz ist, dass man etwas Haut über dem Hosenbund hervorblitzen sieht.
„Ich bin übrigens Linn.“ Sie streckt mir die Hand entgegen und ich ergreife sie. Ihr Händedruck ist fest und warm. „Nora!“, erwidere ich und einen Moment lang blicken wir uns in die Augen. Ihre sind blaugrau, so wie ich mir das Eismeer vorstelle.
„Komm, schaffen wir das Zeug hier weg.“ Sie macht eine lässige Kopfbewegung in Richtung der Kartons. Alles an ihr wirkt lässig. Als könnte nichts sie aus der Ruhe bringen.
„Du willst mir helfen? Warum?“
„Na, ich wohne in der Wohnung direkt gegenüber.“
Fast hätte ich „Ich weiß!“ gesagt, doch kann mich gerade noch davon abhalten. Ich will ja nicht wie eine verrückte Stalkerin rüberkommen.
„Das erklärt nicht wirklich, warum du einer Wildfremden hilfst, ihre scheiß Küche in die Wohnung zu schleppen, weil sie zu blöd war, bei der Bestellung das Kleingedruckte zu lesen.“
„Ach nein, warum das nicht? Also, was ist jetzt? Packen wir an, oder warten wir darauf, dass den Kartons Beine wachsen?“
Ich nicke dankbar und schließe die Haustür auf.
Dann machen wir uns daran, die Küchenschränke die endlosen Treppen hochzuhieven. Ich muss an jedem zweiten Absatz innehalten und eine Pause einlegen. Dabei keuche ich wie ein defekter Wasserkessel. Linns Atem dagegen geht immer noch völlig ruhig und gleichmäßig. Nur an den Schweißflecken, die sich langsam auf ihrem Shirt ausbreiten als wir die letzten Pakete hinaufschleppen, lässt sich erkennen, dass unsere Mission sie ebenfalls Anstrengung kostet.
„Was machst du beruflich? Superheldin?“, witzele ich, in der Hoffnung, Linn in ein Gespräch verwickeln zu können, das mich von meinen körperlichen Qualen ablenken kann. Und davon, wie ihre Bizepse sich unter dem Gewicht meiner Küchenschränke anspannen.
„Tischlerin“, antwortet sie schlicht und ich beginne zu ahnen, dass das mit dem Verwickeln bei Linn nicht ganz so einfach ist.
„Ahhh. Und ist es normal in dem Berufszweig, dass man Betonarbeitsplatten hebt als wäre es nichts? Oder bist du als Kind in den Zaubertrank gefallen?“
Das bringt sie zumindest zum Lachen. „Keine Ahnung. Ich schätze, es liegt am Beruf.“
„Verstehe.“ Linn ist wirklich nicht gerade gesprächig und ich gehöre zu den Menschen, die Stille nicht besonders gut aushalten können. Außerdem fängt mein Gehirn, sobald es nicht abgelenkt ist, an, davon zu fantasieren, wie Linns Körper unter der Kleidung aussieht. Und sich anfühlt. Und schmeckt.
„Und wohnst du mit irgendwem zusammen?“
„Nein, allein.“
„Aha.“ Ich überlege fieberhaft, wie ich ihre sexuelle Orientierung in Erfahrung bringen kann, ohne dass es völlig awkward rüberkommt.
„Und was machst du so in deiner Freizeit?“
Sie sieht verlegen aus, so als hätte ich sie nicht nach ihren Hobbies sondern nach ihren sexuellen Präferenzen befragt.
„Ähm, also ... nichts besonderes eigentlich. Schlafen, lesen, Filme schauen ... und ich spiele Schlagzeug in einer Post Punk Band.“
„Wow, du bist echt cool, oder?“
Linn lacht. „Wie meinst du das?“
„Schweigsam, hilfsbereit und Schlagzeugerin einer Post Punk Band ... ich denke, wenn man im Duden das Wort cool nachschlägt, ist das die Definition.“
***
Der Tag vergeht wie im Rausch. Linn wird von Minute zu Minute gesprächiger und seitdem sie in einem Nebensatz ihre Exfreundin erwähnt hat, fühle ich mich wie ein aufgeregter Teenager. Wir trinken Bier und schrauben Küchenschränke zusammen. Linn ist so routiniert dabei, dass ich kaum mitdenken muss. Zum Glück, denn mein Gehirn ist mit anderen Dingen beschäftigt. Ich beobachte ihre geschickten Finger und male mir aus, was sie wohl abgesehen vom Möbel Zusammenbauen anstellen könnten.
„Ich weiß nicht, wie ich dir jemals danken soll“, sage ich, nachdem der letzte Handgriff getan ist. Ich bin völlig erschöpft. Und aus irgendeinem Grund quält mich der Gedanke, dass Linn gehen könnte, mehr, als er es eigentlich tun sollte. Immerhin wohnt sie in meiner direkten Nachbarschaft und ich werde sie in Zukunft wohl häufiger sehen. „Darf ich dich als Anfang zum Abendessen einladen? Pizza? Sushi?“
„Also wenn du nichts dagegen hast, können wir doch deine Küche einweihen.“
Liegt es an mir, dass ich das Gefühl habe, das Linn nicht vom Kochen spricht?
„Du willst selbst was kochen?“
„Ja, warum nicht? Ich möchte doch nicht all das hier zusammengebaut haben, damit du dir irgendwelche Reste warmmachen kannst.“
„Hey, ich hab auch was gemacht.“
Linn lacht und mein Herz geht bei dem Anblick auf.
„Na schön, kochen wir was.“
***
Zwanzig Minuten später verfrachte ich Spaghetti, Tomaten, Petersilie, eine Zitrone, Oliven und verschiedene Gewürze aus meinem Einkaufsbeutel auf die neue Beton-arbeitsplatte. Und zwei Flaschen Rotwein, von denen ich die erste direkt entkorke und uns zwei Gläser einschenke. Meines leere ich in einem Zug bereits zur Hälfte. Wie kann es sein, dass Linn immer noch hier ist? Hat sie Mitleid mit mir? Ist mir mein desolater Zustand so sehr anzumerken? Oder kann es sein, dass sie es tatsächlich genießt, ihre Zeit mit mir zu verbringen?
Auch beim Kochen übernimmt Linn das Kommando. Was mir mehr als recht ist, denn ich kann überhaupt nicht kochen. Woher nimmt diese Frau nur all die Energie? Meine Arme sind so schlapp vom Tragen und Werkeln, dass ich beim Schnippeln der Petersilie kaum das Messer halten kann. Nach einer Viertelstunde breitet sich ein köstlicher Duft in der Wohnung aus.
„Hey, das ist unfair“, rufe ich in gespielter Empörung, während ich mich neben ihr an die Arbeitsplatte lehne.
„Was ist unfair?“
„Dass einige Menschen komplette Nieten sind, so wie ich, und es dann Menschen wie dich gibt, die einfach in allem gut sind.“
„Du denkst, ich wäre in allem gut?“
„Ist es nicht so?“
Ein seltsam nachdenklicher Ausdruck macht sich auf Linns Gesicht breit. „Ich denke nicht, nein.“
„Und was kannst du nicht?“, hake ich nach, tatsächlich neugierig.
„Na ja, so einiges ... also eigentlich fast alles.“
„Zum Beispiel?“
„Zum Beispiel ... ich kann nicht tanzen. Glaub mir, ich habe es versucht, aber ich habe die Grazie einer Dampfwalze. Ich habe ein grauenvolles Allgemeinwissen und bin weder besonders gut mit Zahlen, noch mit Rechtschreibung.“ Sie hält inne. „Und außerdem habe ich Probleme mit den meisten Menschen.“
„Was?“ Ich kann ein ungläubiges Lachen nicht unterdrücken. „Ernsthaft?“
Sie sieht mich mit einem seltsamen Ausdruck an, fast schon trotzig, während sie die Spaghetti umrührt.
„Machst du dich über mich lustig?“
„Was? Nein, natürlich nicht.“ Ich greife ihre Hand, bevor ich darüber nachdenken kann. Die selbstsichere Fassade ist in Sekundenschnelle von Linn abgebröckelt und jetzt wirkt sie auf mich wie ein verschrecktes Reh.
„Wirklich nicht? Und du hast mich auch nicht nur deshalb noch nicht rausgeworfen, weil ich dir ...“
Ich beuge mich vor und verschließe ihre Lippen mit einem Kuss. Für den Bruchteil einer Sekunde denke ich, dass sie gleich wieder zurückschreckt. Doch das tut sie nicht. Sie erwidert den Kuss fest und nachdrücklich. Und im nächsten Augenblick spüre ich auch schon ihre Zunge an meiner. Ihre Hände umfassen meinen Nacken, greifen in meine Haare, streichen über meine Wangen. Meine eigenen Hände haben sich ebenfalls selbstständig gemacht und erkunden Linns Körper. Ihre Haut ist warm und weich. Ich kann ein Stöhnen nicht unterdrücken, als Linn die Hand unter meine Bluse fahren lässt und mit den Fingerspitzen meine Brüste stimuliert. Wir halten uns nicht zurück. Ich für meinen Teil wäre nicht in der Lage dazu. Mein Körper hat komplett die Kontrolle übernommen und mein Kopf fährt nur noch auf Autopilot. Linn hat ihre Sinne immerhin noch so weit beisammen, dass sie daran denkt, die Herdplatten auszuschalten. Sie löst sich dabei jedoch glücklicherweise nicht aus unserer Umklammerung. Ich stemme die Handballen hinter mir auf die Arbeitsplatte und drücke mich hoch, unterstützt von Linns kräftigen Armen. Von dieser Position aus überrage ich Linn fast um einen Kopf und ich beuge mich zu ihr herunter, um sie weiter zu küssen. Der Gedanke, dass unsere Lippen sich jemals wieder trennen sollen, erscheint mir plötzlich unvorstellbar. Linn umfasst den Saum meiner Bluse und zieht sie mir über den Kopf. Ich erwidere die Geste und schleudere ihr Bandshirt weit weg. Sie trägt nichts darunter. Ich betrachte einen Moment lang ihre Tattoos, die sich von den Ellenbogen bis zu ihrem Schlüsselbein winden. Es ist ein Gewirr aus dornenbewehrten Rosenranken und Stacheldraht. Meine Augen wandern weiter zu ihren Brüsten. Ihre Brustwarzen sind klein und rötlich und ich umkreise sie sanft mit den Fingern, was ihr wiederum ein wohliges, raues Stöhnen entlockt, das mir fast den Verstand raubt. Sie öffnet den Verschluss meines BHs mit einer geschickten Bewegung und er landet neben meiner Bluse auf dem Boden. Linn leckt und küsst über meinen Oberkörper und schon jetzt glaube ich, dass ich die schmerzhafte Anspannung in meinem Unterleib nicht lange werde aushalten können. Linn scheint es zu merken. Zumindest macht sie sich an meinem Gürtel zu schaffen, während sie weiter meinen Hals und meine Brüste küsst.
„Stütz dich hoch!“, raunt sie mir ins Ohr und als ich der Aufforderung hastig nachkomme, streift sie mir geschickt gleichzeitig Jeans und Slip vom Hintern. Sie geht vor mir auf die Knie, um sie mir ganz vom Körper zu streifen und mir auch die Socken auszuziehen. Ich bin nun vollständig nackt und habe den Eindruck, dass bereits der Anblick, wie Linn vor mir auf den Küchenfliesen kniet, mich zum Orgasmus bringen könnte. Sie fährt fort, mit Zunge und Lippen meinen Körper zu erkunden, doch ich halte es nicht länger aus.
„Bitte Linn!“, hauche ich gequält. „Ich brauche dich. Zwischen meinen Beinen.“
Linn lächelt zu mir hoch. „Warte kurz.“ Sie steht auf und geht langsam ein paar Schritte rückwärts, während sie den Blick über meinen Körper wandern lässt. Ich fühle mich entblößt und verletzlich, wie sie mich so mustert, doch auf eine atemberaubend erregende Art und Weise. „Ich brauche dich!“, sagt sie leise, während sie sich erneut auf die Fliesen kniet, zwischen meine gespreizten Beine. Ihre Schultern befinden sich nun auf der Höhe meiner Oberschenkel. Mein Atem ist schnell und flach. Dann beginnt sie, meine Vulva mit ihrer Zunge zu erforschen, erst die äußeren Lippen, dann den Eingang meiner Vagina und erst als ich glaube, zu explodieren, endlich meine Klitoris. Der sanfte Druck entlockt mir ein wohliges Stöhnen. Ich kralle meine Finger um die Kante der Arbeitsplatte, um nicht jeden Halt zu verlieren.
„Hmm, du schmeckst köstlich!“, höre ich Linns Stimme von unter mir.
„Bitte, mach weiter!“, flehe ich, denn all meine Selbstbeherrschung wurde von purer Lust verdrängt. Die Wellen des nahenden Orgasmus werden immer größer, immer köstlicher. Linn saugt und leckt weiter geschickt an meiner Lustperle, während sie gleichzeitig mit ihren Fingern jeden Bereich meines Körpers verwöhnt, den sie erreichen kann. Ich stöhne mittlerweile so laut, dass mir ganz kurz der Gedanke durch den Kopf schießt, ob diese Wohnung eigentlich gut schallisoliert ist. Doch er wird schnell von der nächsten orgastischen Woge verdrängt. Wenige Augenblicke später überwältigt mich der Orgamus mit aller Macht. Ich verliere fast den Halt, doch Linn fängt mich geschickt auf und schließt mich in eine feste Umarmung.
***
Ich genieße die wohligen Nachbeben meines Höhepunktes, die durch meinen Körper rauschen. Doch ich habe noch nicht genug. Ich möchte den Gefallen erwidern, möchte dafür sorgen, dass Linn unter meinen Berührungen genauso die Kontrolle verliert wie ich unter ihren. Ich löse die Schnalle ihres Gürtels und ziehe ihn hastig aus den Schlaufen. Ich schiebe meine Hand in ihre Unterhose und taste an ihrer Vulva entlang, was ihr ein raues Stöhnen entlockt. Sie ist genauso feucht wie ich. Ich lasse den Finger nur ein paarmal an ihrer Klitoris kreisen und merke, dass es nicht nur für mich höchst erregend gewesen war, wie sie mich mit ihrer Zunge und ihren Lippen verwöhnt hat.
„Warte!“ Sie packt mein Handgelenk und lässt mich innehalten. „Vielleicht sollten wir das Ganze an einen etwas bequemeren Ort verlagern?“ Sie sieht mich an und der Anblick ihrer geröteten Wangen ist zum Dahinschmelzen.
„Du meinst, einen bequemeren Ort ... wie ein Bett?“
Sie nickt. Ich greife ihre Hand und ziehe sie in das angrenzende kleine Schlafzimmer. „Ja, das wäre toll, nur bin ich leider nicht besonders schnell im Möbel aufbauen.“ Ich deute entschuldigend auf die großen, unausgepackten Kartons, die gegenüber der Matratze an der Wand lehnen.
Sie lächelt. „Na, dann haben wir ja in den nächsten Tagen noch einiges zu tun. Und einzuweihen.“ Sie lächelt vielsagend und gibt mir einen flüchtigen Kuss, bevor sie sich hastig die Hose von den Beinen streift. Und es ist dieses Versprechen, das dafür sorgt, dass ich mich so glücklich fühle, wie schon seit langem nicht mehr, selbst zu der Zeit als ich noch mit Alex zusammen gewesen war. Ich lasse meinen Blick an Linn hinabwandern, die jetzt nur noch im Slip vor mir steht und aus irgendeinem Grund fühle ich mich ertappt bei dem Gedanken, dass ich das nicht zum ersten Mal sehe. Linn bemerkt mein Zögern und ein verunsicherter Ausdruck schleicht sich auf ihr Gesicht. „Stimmt etwas nicht?“
Schnell schüttele ich den Kopf. „Alles ist perfekt ... nur glaube ich, dass wir den hier nicht mehr brauchen.“ Ich stecke die Daumen unter den Saum ihres Slips und schiebe ihn langsam nach unten. Ich sinke auf die Knie und nehme ihren Anblick und ihren Duft in mich auf. Ich muss wieder daran denken, wie ich sie am Tag der Wohnungsbesichtigung gesehen habe und Neugier macht sich in mir breit. Ich richte mich auf, packe Linn an den Hüften, drehe sie herum und schubse sie sanft auf die Matratze, so dass ich freien Blick auf ihre Rückseite habe. Und auf das Arschgeweih, das eine so zentrale Rolle in meinen sexuellen Fantasien der letzten Tage eingenommen hat. Es passt zu den Tattoos auf ihren Armen. Der Kampf wilder Rosen gegen die kalte Brutalität des Stacheldrahtes. Ich schließe die Augen und drücke meine Lippen darauf.
„Ich stehe auf deinen Retrolook!“, murmele ich an ihrem Rücken, bevor ich sie zu mir herumdrehe. Ein hungriger Ausdruck blitzt in ihren Augen auf. Ich lasse meine Hüfte auf ihre sinken und stütze mich mit den Unterarmen auf die Matratze, was mein Gesicht ganz nah an ihres bringt. Ich presse meine Lippen auf ihre und dränge mit der Zunge in ihren Mund. Sie schmeckt noch immer etwas nach dem Rotwein, den sie beim Kochen getrunken hat. Und nach mir. Dann drehe ich uns auf die Seite, damit ich die Hände frei habe. Ich schiebe die rechte zwischen ihre Beine und streichele sie. Ihre Hüfte schiebt gegen meine Hand. Ich lasse erst einen Finger in ihre Vagina gleiten, dann einen zweiten, während mein Handballen gegen ihre Klitoris drückt. Ihr Mund liegt genau an meinem Ohr, so dass ich ihr leises Stöhnen hören kann und es ist das schönste Geräusch, das ich mir in diesem Moment vorstellen kann. Mein eigener Atem ist ebenfalls wieder laut und keuchend vor Erregung.
„Fester!“, bittet Linn atemlos und als ich der Aufforderung nachkomme, krallt sie ihre Finger lustvoll in meinen Rücken. Erneut sucht meine Zunge ihren Mund. Feucht und warm ist alles, was ich gerade spüren möchte. Ich beschleunige meine Bewegungen als ich merke, wie ihr Stöhnen lauter wird. Sie stemmt mir ihre Hüfte entgegen und als sie mit einem unterdrückten Schrei kommt, versteift sich ihr Körper für einen kurzen Moment, bis sie sich schließlich entspannt. Ein befriedigtes Lächeln liegt auf ihrem Gesicht und ich kann nicht anders, als ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, weil sie so entzückend aussieht. Sie dreht sich auf die Seite, weg von mir, doch greift dabei meinen Arm, um es sich in meiner Umarmung gemütlich zu machen.
Wir liegen einige Augenblicke einfach so da, so still, dass ich den Eindruck habe, das Schlagen unserer Herzen hören zu können. Und nichts anderes ist gerade wichtig. Nicht, was war. Nicht, was hieraus werden könnte. Nur das Hier und Jetzt.