Die Farbe der Tristesse
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Der Schlüssel in meiner Hand wiegt schwer. Dabei ist er relativ klein, silberglänzend. Ein einfacher Schlüssel. Es ist auch nicht sein physisches Gewicht, sondern das Mentale dahinter, das negative Gefühl, welches mit seiner Nutzung einhergeht und mich glauben lässt, ich trüge die ganze verkorkste Welt auf meinen Schultern. Dabei bin ich es nur selbst. Ich und meine Fehler.
Das Metall schimmert glatt und neu. Er hat keine Kratzer und keinerlei Verwendungsspuren. Bis vor wenigen Stunden lag er in einem Holzkästchen zwischen Klimbim und Erinnerungen vergangener, aber kaum glücklicherer Zeiten. Ich stoße Luft aus, ehe ich angestrengt einatme, um so viel Sauerstoff wie möglich in meine Lungenflügel zu ziehen. Es fühlt sich an, als wäre es das Einzige in meinem Leben, was ich richtig machen kann, denn alles andere zerfiel vor meinen Augen zu einem Scherbenhaufen. Oft fragte ich mich, ob es ich es hätte erahnen können, ob ich den genauen Moment hätte begreifen können, an dem mein Leben Risse bekam. Denn für mich fühlte es sich ad hoc an. Nicht nur von heute auf morgen. Von jetzt auf gleich. Ich habe es nicht gemerkt. Ich stand alsbald in den kläglichen Resten meines Lebens und spürte die Scherben mit der Schärfe eines Messers in mich eindringen. Seither hat der Schmerz nicht nachgelassen, sondern sich mit der schleichenden Erkenntnis potenziert.
Meine Ehe: vorbei
Meine Firma: bankrott.
Mein Leben: gepfändet.
Meine Ersparnisse sind so gut, wie aufgebraucht und ich bin langsam, aber sicher in Zugzwang. Es ist kaum etwas übrig und deswegen stehe ich nun hier. Vor der Wohnungstür meiner älteren Schwester.
Die graue Front der Tür wirkt wenig einladend. Auch das, was sich dahinter verbirgt, setzt die verborgene Dunkelheit vergangener Tage frei, die ich seit einer Weile zu verdrängen versuche. Ich spüre, wie sich der mahnende Schatten von Vorwurf und Schuldzuweisung über mich legt, wie er sich über meine Glieder zieht wie eine niederstreckende Fessel.
Ich erinnere mich gut an den Tag, an dem mir meine Schwester Liana den Schlüssel zu ihrer Wohnung gegeben hat. Ihre Haare saßen besonders streng, waren nach hinten gekämmt und zu einem kompakten Knoten gedreht. Ihre Augen waren eindringlich, messerscharf. Ihre Worte waren harsch. Das kleine Metall wurde in meine Hände gelegt, mit dem beschriebenen unheilvollen Omen eines zukünftigen Scheiterns. Alles in mir sträubt sich ihn zu verwenden. Ich lausche der unbestimmten Stille des Hausflurs. Irgendwo wirbelt ein Ventilator. Die Luft anhaltend, lasse die Geräusche, um mich herum wirken, hoffe auf den unerwarteten Fingerzeig, die Lösung, den Ausweg. Der oft angerufene Leuchtstreifen am Horizont, der mich in ein anderes Leben führt und mich aus dem voranschreitenden Albtraum erwachen lässt.
Nichts.
Auch nach drei Minuten bin ich noch da, genauso pleite und hoffnungslos, wie zu vor. Als ich wieder ausatme, ist das beklemmende Gefühl nicht verschwunden und mir bleibt nichts anderes übrig, als den Schlüssel ins Schloss zu schieben und meinem Schicksal entgegen zu treten.
Metall trifft auf Metall.
Ein Klicken.
Ein letzter Moment, in dem ich darüber nachdenke, wegzulaufen, einen anderen Namen anzunehmen und fortan als Magnus Bane zu leben.
Die Rotation. Ich werde wohl ewig Gabriel Nowak bleiben.
Ein lautes Klacken. Die Tür gibt nach. Es entsteht nur ein kleiner Spalt. Dass sie sich wirklich öffnet, ist eine Erleichterung und gleichzeitig überschwemmt mich das Gefühl, mit Endgültigkeit im eigenen Unvermögen zu ertrinken.
Nur zögerlich trete ich ein, atme vorher ein weiteres Mal übertrieben ein. Umzudrehen und wegzulaufen. Wäre weiterhin eine Option. Irgendwohin. Egal wo. Nur weg. Weg von all diesen düsteren Gedanken, fort von den schweren, anklagenden Blicken, die mich schon jetzt strafen, obwohl ich allein bin. Meine Beine weigern sich ihren Dienst zu tun, daher nehme ich Schwung. Ich falle förmlich nach vorn und ziehe automatisch das Führungsbein mit. Zu meiner Überraschung ist es das Linke. Endlich betrete ich die Wohnung. Ich fühle Resignation und das lässt mich weitergehen.
Ehe ich die Tür hinter mir schließe, lausche ich auf Hinweisen, dass unerwarteter Weise doch Liana in der Wohnung ist. Allerdings hätte sie meine Hauruck-Aktion beim Eintreten sicher alarmiert. Aber alles bleibt ruhig. Sie ist tatsächlich nicht daheim und es beruhigt mich. Es schenkt mir noch ein paar Augenblicke des Durchatmens. Ein klein wenig Ruhe, vor dem Sturm.
„Gut“, murmele ich leidenschaftslos. Ich war vorher noch nie hier gewesen. Mein Blick wandert umher, bleibt an dem Garderobenständer hängen und schweift weiter zu zwei gerahmten Bildern mit abstrakten, kalligrafischen Motiven. Der Flur ist im Grunde nur ein Ausläufer des Wohnbereiches, das sich direkt anschließt. Ich schaue zurück zu den gerahmten Bildern und erkenne den Künstler sofort. Die Handschrift ist einzigartig. Ich hatte meiner Schwester den japanischen Künstler vermittelt. Ein junger zurückhaltender Mann, der mit den einfachsten Mitteln die ausdrucksstärksten Bilder fabrizierte, die ich je gesehen habe. Expressiv, kraftvoll und satt. Seine Motive scheinen zu leben und zu dem Betrachter zu sprechen. Für meine Schwester gestaltete er Kompositionen aus Schwarz und Weiß, deren Kraft und Ausdrucksstärke derartig imposant sind, dass sie mich fast sprachlos machen. Sie sind großartig und ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie wertvoll sie sind. Der Künstler zeigte mir damals nur Fotografien von den fertigen Werken und schon diese ließen die Haut an meinen Armen ekstatisch kribbeln. Schlussendlich ziehe ich mir die Jacke von den Schultern, hänge sie an die leeren Garderobenhaken und mit einem letzten Blick auf die wunderschöne Kalligraphie schreite ich voran.
Die Wohnung ist nicht besonders groß, aber gebefreudig geschnitten. Viel Glas, sowohl in der Front, als auch in der Wohnung selbst. Die rechte Seite ist mit bodentiefen und deckenhohen Panoramafenstern bestückt, die durch schwere Vorhänge verhangen sind, sodass nur partiell Licht eindringt. Ehe ich meine Inspektion fortsetze, öffne ich die Vorhänge weiter, so dass endlich auch die Helligkeit hineindringt. Als nächstes wende ich mich zur Küche. Ein Großteil ist offengehalten und wird im Hauptbereich durch ein deckenhohes Milchglas getrennt. Es lenkt Licht ins Innere, ohne zu viel preiszugeben. Ich stelle die Tasche mit meinen wenigen Habseligkeiten neben das Sofa und schmökere weiter. So lange Liana noch nicht hier ist, habe ich dazu die Möglichkeit.
Die Einrichtungsgestaltung meiner Schwester ist, - sagen wir es so,- wenig expressiv. Edelstahl. Grautöne, die sich mit Erdtönen vereinen. Es wirkt klar, sauber, eher etwas steril. Es passt zu Liana. Auch sie wirkt eher zurückhaltend und steif. Es gibt keinen Esstisch, sondern nur einen schmalen Glastresen in der Küche, mit grauem Polster auf den langbeinigen Barhockern. Ich wandere zu Spüle, fülle mir ein Glas mit Wasser und lasse als nächstes meine Hand über einen der Stühle gleiten. Das Material fühlt sich seltsam an. Steif, aber nicht stoffig oder glatt. Es ist kein Leder. Sie wirken unbequem, aber vermutlich sind sie ohnehin nie in Benutzung. Liana kocht nicht oder verwendet ihre Küche in irgendeiner sonstigen Weise. Außer es hat mit dem Öffnen einer Flasche Wein zu tun. Es spricht Bände, dass sie statt eines Ofens einen Weinkühlschrank hat.
Meine Finger gleiten über die blitzenden, glatten Oberflächen, während ich das Glas Wasser in kleinen Schlucken leere. Aus der Gewohnheit heraus öffne ich den Kühlschrank. Bis auf ein paar Flaschen Wasser, Senf und einem Glas zuckerreduzierter Kirschmarmelade ist er leer. Nicht unerwartet, aber seltsam traurig. In einem der unteren Schränke finde ich eine elektrische Doppelinduktionsplatte. Kochen wäre demnach möglich.
Ich kehre ins Wohnzimmer zurück und mich begleitet die Tristesse in Reinform. Das Ambiente drückt mir auf die Seele. Ich fühle schon jetzt, wie mich die Trübseligkeit in die Knie zwingt. Die Wohnung ist unumwunden farblos, fast leblos. Aber das spiegelt perfekt die Emotionspalette meiner erfolgreichen Schwester wider. Es hat etwas Ironisches, dass es die Kunst war, die mich hierherbrachte.
Mit einem fahrigen Seufzen suche ich das Bad auf, durchquere dabei das Schlafzimmer und treffe auf keinerlei Überraschungen. Es ist sauber, aufgeräumt und unpersönlich. Ich spritze mir Wasser ins Gesicht und neige den Kopf zurück, wodurch einige Tropfen meinen Hals hinablaufen. Ich genieße die Kühle. Sie ist erfrischend, aber es vertreibt die schwermütigen Gedanken nicht, die mein Gemüt gen Jordan ziehen. Wie könnte es auch? Empfindungen sind zu meinem Leidwesen nicht wasserlöslich.Nach dem ich ein kleines Handtuch gefunden habe, kehre ich in die Küche zurück und beginne, die Schränke nach etwas Essbaren zu durchsuchen. Ich finde verschiedene Teesorten und eine seit drei Jahren abgelaufene Dosenhühnersuppe. Der Deckel ist verstaubt und eine Stelle der Dose eingebeult. Ich stelle sie zurück in den Schrank, koche mir stattdessen einen Tee und setze mich damit auf die Couch. Sie federt kein bisschen zurück, scheint unter meinem Gewicht nicht einen Millimeter nachzugeben.
Fernab jeglicher Gemütlichkeit. Ich frage mich, ob die Möbel bereits in der Wohnung gewesen sind, als Liana hier einzog und ob sie sich diese wirklich selbst ausgesucht hat. Mittlerweile sind möblierte Wohnung gang und gebe. Leider. Sie sind dadurch extrem viel teurer. Das Sofa hat denselben Stoff, der auch auf den Küchenhockern ist. Wieder tätscheln meine Finger das eigensinnige Material, während ich am Tee nippe und meinen Gedanken nachhänge. Es gibt viele Dinge, die ich erledigen müsste, zu denen ich mich, aber nicht aufraffen kann. Die Liste wird mit jedem Tag länger und ich sehe nur dabei zu, wie sie mir weiter über den Kopf wächst. Das Alles sind symbolische Sargnägel.
Die Anspannung in meinen Schultern wird schmerzhaft, als würden meine Nackenmuskeln jeden Moment bersten. Ich habe seit Tagen dadurch Kopfschmerzen. Ich sehe umher und bemerke einen Beistelltisch mit einer Oberfläche aus Stein, auf dem eine geöffnete Flasche Wein steht. Bevor ich das Büro verließ, habe ich Liana geschrieben und mein Kommen angekündigt. Sie hat die Nachricht nur gelesen, aber nicht darauf geantwortet. Ich weiß demnach nicht, wann sie nach Hause kommt. Im Grunde weiß ich nicht, ob sie überhaupt in der Stadt ist. Daher bleibt mir nichts anderes übrig, als hier zu sitzen und zu warten.
Doch die Stille der Wohnung bringt mich um, auch wenn es nur fünf Minuten waren. Es zerrt an meinen Nerven und am liebsten hätte ich die Diskussion vor einer Stunde hinter mich gebracht. Auch wenn ich sie im Grunde überhaupt nicht führen will.
Die vielen Streitgespräche, ich bereits mein Leben lang mit meiner Schwester führte, erinnere ich als wäre sie gestern gewesen. Ich ging aus keiner einzigen, als Sieger hervor. Ihre Lebenserfahrung war stets ihr stärkstes Argument. Ich solle unbedingt einen Plan B haben, Risiken einkalkulieren und keinesfalls blind vertrauen. Sie war nicht die Einzige, die das sagte und wird nicht die Letzte sein. Auf keinen Fall sollte ich mein gesamtes Geld in eine fixe Idee investieren. Doch, was soll ich sagen, ich habe daran geglaubt.Ich dachte, dass ich das Richtige tue. Wie soll ein Projekt funktionieren, wenn man nicht vollkommen daran festhält?Eine Liebe, die nur von einer Seite gelebt wird, ist keine erfüllende Liebe. So empfand ich es auch bei diesem Projekt. Meine eigene Firma. Meine eigene Fußspur im sandigen Getriebe der Welt.
Ich schließe die Augen und fahre mir resigniert durch die Haare. Ich glaube nach wie vor daran. Mein Abdruck ist lediglich etwas verweht, nicht aber verschwunden.
Es ist das Bedürfnis alle zu richten, welches vorherrscht, nicht das schlechte Gefühl, es komplett zu Asche werden zu lassen. Meine Schwester wird genau diese Motivation nehmen und sie in seinen Grundfesten erschüttern. Schwarz und Weiß. Es gibt für sie, was solche Dinge angeht, keine Grauzone. Entweder man ist erfolgreich oder man hat versagt. Für mich schwebte das schwarze Versagen bereits über der Babykrippe. Doch nichts ist nur schwarz oder nur weiß. Nicht mal die Farbe Schwarz ist gleich schwarz. Wie auch Weiß nicht immer rein und gut heißt. Es ist im gleichen Maß ein Ausdruck der Leere und des Nichts. Die Wirkung von Farben ist facettenreich und vielbedeutend. So kann die Farbe der Liebe im gleichen Atemzug pure Zerstörung bedeuten. Das Leben ist bunt. Meines aber gerade nur grau.
Ruckartig setze ich mich auf und stiefele zum Fenster. Die Panoramafenster sind durch die schweren Vorhänge verdeckt und es stört mich, dass sie mich quasi vollständig von der Außenwelt abschirmen. Ich beginne sie mehr zur Seite zu zerren und langsam offenbart sich der Blick auf die städtische Nacht, als ich es endlich schaffe, die dicken Stoffe in ihren Halterungen zu verstauen. Weit kann ich jedoch nicht sehen, denn dicht vor mir baut sich bereits ein weiteres verglastes Hochhaus auf. Die beiden Häuser stoßen in einer Schräge aufeinander, sodass an dieser Stelle eine dunkle Gasse entsteht. Ich schätze die Entfernung zwischen den Häusern auf etwa fünfzehn Meter. Die Mehrheit der gegenüberliegenden Fenster sind, wie Lianas mit dicken Stoffen verdeckt und nur an den Rändern blitzt in einigen Wohnungen Licht hindurch. Da es sich anfühlt, als würde man in den Wohnzimmern der Nachbarn sitzen, kann ich es niemanden verübeln. Dennoch hasse ich Vorhänge. Was bringen mir bodentiefe Fenster, wenn ich das Licht nicht in den Raum lassen kann? Eine grandiose Verschwendung.
Stock für Stock fahre ich die gläsernen Blickfänge ab. Es ist nicht viel los. Überwiegend dunkle, menschenleere Räume. Eine junge Frau, die direkt die Vorhänge zu zieht, als sie das Licht anschaltet. Ich frage mich ein weiteres Mal, warum man in einem Haus mit gigantischen Fenstern lebt, wenn man sie geschlossen und verdunkelt hält. Vermutlich könnte ich diese Frage auch Liana stellen, denn obwohl sie nicht da ist, waren ihre Fenster verdunkelt. Dabei sind heutzutage die Menschen derartig mit sich selbst beschäftigt, dass sich kaum jemand über seine Nachbarn oder den Menschen in seiner direkten Umgebung Gedanken macht. Kaum jemand kennt seine Nachbarn. Vielleicht ein paar Namen, die man im Vorbeigehen am Klingelschild liest. Wir sitzen nur noch vor dem Fernseher, tippen in unsere Laptops oder scrollen in den Handys herum.
Mein Blick wandert zu einem Fenster, in dem ein größerer Spalt zu erkennen ist. Ich sehe die Hälfte eines Gesichts. Ein unförmiges, aufgedunsenes Antlitz, welches durch abwechselnde Fernseherkanäle beleuchtet wird. Ein ungesundes Grün. Ein warmes, aber nichts verbesserndes Orange. Leere, abgelenkte Augen. Ich starre die wächserne Haut an, bis plötzlich in der Etage unterhalb von meiner ein Zimmer erhellt. Ein großer, offener Raum wird erleuchtet und weiter hinten erkenne ich eine Küche mit quietschgrünen Fronten. Die Arbeitsfläche ist dunkel und im Vordergrund erstreckt sich ein Tresen, der anscheinend auch als Tisch funktioniert. Ich zähle drei Barhocker davor, die alle eine andere Form und Farbe haben. Für einen kurzen Moment sehe ich zurück, blinzele in den dunklen Raum, in dem ich stehe und frage mich, wie gut ich an dieser Stelle zu erkennen bin. Meine Gedanken werden durch einen jungen Mann unterbrochen, der mit Briefen in der Hand das gegenüberliegende Wohnzimmer betritt. Er streift sich im Gehen die Schuhe ab, schiebt sie ohne hinzusehen zur Seite und lehnt sich an den Küchentresen. Die Briefe wandern von vorn nach hinten, bis er erneut bei dem ersten ankommt. Diesen öffnet er dann. Trotz der Entfernung kann ich ausmachen, dass der Typ groß sein muss. Er wirkt muskulös, obgleich ich wegen der dunkelbraunen Lederjacke, die er trägt, nicht erkennen kann, ob es vielleicht täuscht. Seine dunklen Haare sind an den Seiten kurz und im Deckhaar etwas länger. Modern frisiert.Er legt die Briefe beiseite, zieht sich die Jacke von den Schultern und streicht sich mühelos durch die Haare. Ich folge interessiert seinen Bewegungen. Wie er die Jacke beim Vorübergehen auf ein beiges Sofa mit verschiedenfarbigen Kissen ablegt, wie er einen Blick in den Kühlschrank wirft und eine Wasserflasche herausholt. Ich beobachte, wie er seinen Kopf nach hinten neigt und dabei die Augen schließt. Wahrscheinlich werde ich Zeuge der ersten Minuten eines wohlverdienten Feierabends oder der letzten Sekunden eines sonst enttäuschenden Tages. Wer weiß. Was ihm wohl durch den Kopf geht?
Meine eigene Mühsal umfängt mich erneut mit nervendehnender Intensität. Ich lehne meinen Kopf gegen die kühle Scheibe und schließe für einen Moment die Augen. Was denke ich mir dabei, diesen fremden Mann zu beobachten? Herrje. Dennoch im Grunde ist es einfach. Zerstreuung. Ich suche schlicht nach Ablenkung, irgendwas, was mich aufmuntert. Ein anderes Leben, welches mich mein eigenes für ein paar Minuten vergessen lässt. Wie magnetisiert schaue ich zurück, suche und finde den Kerl erneut. Mittlerweile ist er zur Couch gewechselt und legt dort gewaschene Klamotten auf seinen Knien zusammen. Die ruhigen Bewegungen entspannen mich. Er wechselt mit der frischen Wäsche ins Nebenzimmer, welches ich auf Grund eines Rollos nicht einsehen kann und kommt wenig später wieder zurück. Der gutaussehende Nachbar zieht in einer flüssigen Bewegung das Shirt über den Kopf und als nächstes greifen seine Hände zum Knopf seiner Jeans. Ich zucke zusammen und wende mich abrupt um. ‚Spanner‘, hallt es durch meinen Kopf. Eine Woge der Unruhe und Unsicherheit rollt über mich hinweg. Doch die Neugier ist stärker. ‚Er kann mich nicht sehen. Nicht schlimm, oder?’, frage ich mich still und drehe mein Gesicht langsam wieder zur Scheibe. Ich linse erst mit einem, dann mit beiden Augen zurück zur anderen Wohnung.
Von Jeans ist er in eine bequeme Stoffhose gewechselt und trägt nun ein schwarzes Muskelshirt. Als er von dem Sofa aufsteht, hält er ein Seil in der Hand. Ich schaue dabei zu, wie er aus einer verdeckten Ecke eine Gymnastikmatte zieht und sie vor dem Fernseher ausbreitet. Geschmeidig beginnt er zu springen. Zunächst mit Schritten, dann beidbeinig. Es sieht elegant und geschmeidig aus, als würde es ihm keine Mühe bereiten. Dann bleibt er hängen, strauchelt und ich unterdrücke ein kurzes Auflachen. Er setzt gleich wieder an, doch irgendwas scheint seinen Fluss unterbrochen zu haben, denn er taumelt erneut und wechselt die Enden des Seils zwischen Händen. Bevor er erneut ansetzt, blickt er auf, schaut eindeutig aus dem Fenster und es wirkt, als sähe er direkt in meine Richtung. Ich weiche zurück, obwohl ich mir sicher bin, dass er mich nicht sehen kann. Trotzdem macht der blutpumpende Muskel in meiner Brust einen feinen Satz und flattert fortan angestachelt. Ein wütender Nachbar ist das letzte, was ich zu den anderen Baustellen gebrauchen kann. Und ich glaube kaum, dass Liana es gutheißen würde. Ich weiche vom Fenster zurück, dass er mich nicht mehr sehen kann und schlendere zurück zu der verwaisten Teetasse. Doch schon im nächsten Moment vernehme ich das Schloss der Wohnungstür.
„Um Himmelswillen, Gabriel.” Das ist das Erste, was meine Schwester sagt, als sie die Wohnung betritt. Liana ist kein sehr herzlicher Mensch und wird es auch niemals sein. Daher habe ich mit keiner Umarmung, nicht mal mit einem Handschlag gerechnet. Sie lässt ihre schwere Ledertasche voller Akten und Anklagen auf die Kücheninsel fallen, nachdem sie an mir vorbeigerauscht ist und greift nach einem der Weingläser, die an einer Halterung über der Insel montiert sind. Die passende Flasche des trockenen Merlots steht im Wohnzimmer auf dem aus granitbestehenden Beistelltisch. Ich beobachte Liana dabei, wie sie ohne ein weiteres Wort nach der Flasche greift, sie entkorkt und sich unelegant auf die Couch fallen lässt, ehe sie sich einen großen Schwung ins Glas schüttet. Ich warte den ersten Schluck ab, den zweiten, ehe ich es wage, den Mund aufzumachen.
„Hallo Liana“, fange ich einfach an. Hier sind wir also. Ich, siebenundzwanzig Jahre alt, fühle mich wie ein gescholtener Schuljunge. Erst nach dem vierten Schluck bemerke ich, wie sich ihre Körperhaltung verändert, wie sie sich streckt und die Schultern glättet. Nun ist sie wieder ganz Anwältin, statt schwer enttäuschte Schwester.
„Ich wusste es die ganze Zeit, dass du Markes nicht über den Weg trauen kannst.” Ja, sie wusste es. Sie ist das stetige, sich wiederholende Echo vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Omen, welches bereits mein gesamtes Leben über mir schwebt, wie eine Gewitterwolke. Sie wusste, dass mich mein bester Freund seit der Schulzeit hintergehen würde. Sie wusste, dass alles, was ich anfasse, dem Untergang geweiht ist. Natürlich.
Liana sieht mich schweigend an. Die kleinen Fältchen um ihre Augen wirken in dem gedämpften Licht tiefer, als ich sie in Erinnerung habe. Auch die an ihrem Mund, die beweisen, dass sie einst wusste, wie man lächelt. Ich habe mich immer gefragt, ob die übertriebene Sorge, die ich ihr bereite, Schuld daran trägt, dass es versiegte. Liana ist fast 15 Jahre älter als ich. Da ich der ungeplante Nachzügler der Familie war, der verhängnisvolle Unfall nach drei gut gewordenen und gewünschten Kindern.
Weiter sagt sie nichts, sondern schüttelt den Kopf, ehe sie erneut das Glas Wein zu ihren Lippen führt. Ihre Haare sind zu einem kunstvollen Gebilde zusammengesteckt, doch man sieht, dass ihr Tag bereits Überstunden macht. Ich wünschte, sie würde einfach mit ihrer Tirade beginnen und die angestaute Wut rauslassen, die sichtbar in ihr brodelt.
„Liana, ich…“, setze ich an, sehe, wie sie mich mit einem Blick straft, der mir Gänsehaut macht und verstumme. Sie nimmt einen weiteren, größeren Schluck Wein und schließt die Augen, um mich und mein Elend auszublenden. Die Hälfte des Glases ist bereits geleert. In ihrem Kopf schreibt sich bereits ein Plädoyer mit unbewiesenen Vermutungen und den Phrasen wissender Vergangenheit. Sie kennt mich, glaubt sie zu mindestens, dabei sah sie stets nur das, was sie sehen wollte und ich habe es nie negiert. Ich hatte auch nie den Mut, ihr das Gegenteil zu beweisen. Sie streicht sich den Rock ihres marineblauen Kostüms glatt, das sich perfekt an ihren schlanken Körper schmiegt und schiebt sich die gelöste Strähne ihres langen, schwarzen Haares mit ihren feinsäuberlich manikürten Fingernägeln zurück. Ich möchte nichts sehnlicher als dieser zerreißenden Spannung entkommen, möchte fliehen und untertauchen, wohlwissend, dass es nichts an meiner Situation ändert. Ich mache das nächstbeste und lasse mich dazu hinreißen, in die fremde Nachbarwohnung zu blicken. Deren Bewohner springt nach wie vor Seil. In schnellen, präzisen Schwüngen. Ich stelle mir seine angespannten Muskeln vor, die sich beim Auf und Ab der Sprünge festigen und bewegen. Es hat etwas Hypnotisches.
„Wie sehr steckst du in Schwierigkeiten?“, stellt Liana endlich die Frage der Fragen. Es zerreißt mich innerlich. Ich zwinge mich dazu, sie anzusehen. Der Blazer gleitet in dem Moment über ihre schmalen Schultern und es kommt ein helles Seidentop zum Vorschein.
„Nicht so sehr, wie du denkst.“ Liana richtet sich auf und durchschreitet das Wohnzimmer, währenddessen blickt sie mich mit ihren kühlen, blauen Augen an.
„Wirklich? Warum bist du dann hier?“, fragt sie berechtigterweise und ich weiß nicht, was ich ihr antworten soll. Meine Kunden sind weg. Ich bin schon eine Weile aus meiner Wohnung geflogen und habe noch immer offene Rechnungen zu begleichen, für die ich aber kein Geld aufbringen kann. Da ich die Firmenräume bis zum Ende des Monats verlassen haben muss, ist auch mein letzter Schlafplatz passé. Es auszusprechen schaffe ich nicht.
„Ich brauche nur etwas für den Übergang“, gestehe ich, sehe ihr wissendes Lächeln. Liana richtet sich die Haare und wendet sich ab, um ins Schlafzimmer zu gehen. Ich folge ihr nicht, sondern bleibe zwischen Couch und Fenster stehen. Aus der Entfernung höre ich, wie sie das Wasser anstellt, wie sich mehrere Schubfächer öffnen und schließen. Mit geöffnetem Haar und in einen schlichten Hausmantel kehrt sie ins Wohnzimmer zurück.
„Wie viel Geld brauchst du, um das Chaos zu beseitigen?“ Zu viel. Es ist eine einfache Frage, doch sie macht mir deutlich, wie nichtig ihr meine Belange sind. Sie fragt nicht danach, was ich wirklich brauche. Sie will einfach nur wissen, wie sie weiteren Ärger verhindern und mich schnellstmöglich loswerden kann. Aber ich will ihr Geld nicht, wollte es nie. Was ich will, war nichts weiter als eine Schwester, die mich liebt und schätzt und nicht verteufelt und verurteilt. Sie murrt auffordernd, will mich somit zum Reden bringen. Das hat noch nie gut funktioniert. Je mehr Druck sie mir macht, umso mehr blockiere ich. So war es schon immer, auch wenn es insbesondere kindisch ist. Manche Dynamiken wird man auch im Erwachsenenleben einfach nicht los.
„Ich brauche dein Geld nicht“, flüstere ich Liana zu und sie wendet sich um.
„Nicht? Gabriel, sage mir lieber jetzt, was du alles brauchst, bevor du die Situation durch Inkonsequenz verschlimmerst.“ Ihre Stimme ist mahnend und wenig herzlich. Das hat sie noch nie gekonnt. Sie besitzt kein Mitgefühl, deshalb ist sie Anwältin geworden. Sie ist natürlich extrem erfolgreich. Liana beginnt, in ihrer Handtasche zu kramen und zieht eine Schachtel Zigaretten hervor.
„Ich will dein Geld nicht. Ich möchte…“ Wieder breche ich ab. Es fällt mir so verdammt schwer. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich es wirklich will, was mir auf der Zunge liegt. Aber ich habe keine andere Wahl.
„Was?“, fragt sie ungeduldig und ich schaue dabei zu, wie sie sich eine Zigarette ansteckt. Sie zieht den Rauch ein und paar kleine Schwaden lösen sich von ihren Lippen. Lange behält sie den Rauch im Mund.
„Ich brauche nur einen Platz zum Schlafen. Nur für ein paar Wochen, sodass ich die letzten Termine abwickeln kann.“ Liana mustert mich ausführlich und stößt dabei langsam und kontrolliert den Rauch aus. Den linken Arm schlingt sie sich dabei um die schmale Taille. Den anderen Arm stützt sie darauf ab. Ihre Augen scheinen mich zu durchdringen.
„Was ist mit deiner Wohnung passiert?“
„Musste sie kündigen. Es wären nur ein paar Wochen.“ Ich möchte selbst nur so lange bleiben, wir es absolut nötig ist.
„Ein paar Wochen?“ Ich hasse es, wenn sie meine Sätze nur zu Fragen umformuliert. Das ist kein gutes Zeichen. „Das ist alles?“ Wenn ich könnte, würde ich auf der Stelle gehen und nicht zurücksehen. Ich nicke nur und wandere mit den Augen zurück zum Nachbarhaus.
„Du musst dich arbeitslos melden, Gabriel.“
„Ich weiß“, bestätige ich ohne Umschweife. Jede weitere Ausrede würde meine Chancen bei Liana mindern. Sie mustert mich ausgiebig und ich hasse es. Ich fühle mich blank, in allem entblößt.
„Okay. Ich werde ohnehin ab Freitag für vier Wochen das Land wegen eines äußerst wichtigen Falles verlassen müssen.“ Ich sehe, wie sie den blaugrauen Dunst ausbläst und dann kurz auf die Uhr sieht. Mehr sagt sie nicht dazu, sondern drückt die halbaufgerauchte Zigarette aus.
„Ich habe noch eine Verabredung. Versuch nichts durcheinander zu bringen.“ Damit verschwindet sie aus dem Wohnzimmer und ich vernehme das Rauschen der Dusche. Sie duldet mich, mit eindeutig gesetzter Frist. Vier Wochen. Vier. Okay. Besser als nichts und ihre Abwesenheit macht es fast erträglich.
Wenig später schließt sich die Tür, ohne dass ich noch einmal etwas von meiner Schwester höre oder sehe. Einerseits gut, andererseits schlecht. Das Klacken ihrer hohen Schuhe auf dem teuren Parkett sagt mir, dass es möglicherweise eine romantische Verabredung ist. Darüber möchte ich nicht weiter nachdenken. Trotzdem bemitleide ich die unteren Nachbarn, denn sie ist eine gefühlte Ewigkeit mit den Schuhen durch die Wohnung gelaufen, bis sie endlich fertig war.
Als sie weg ist, richte ich mich auf, gehe ins Badezimmer, suche und finde im Spiegelschrank Kopfschmerztabletten. Ich schlucke sie trocken, nehme mir ein weiteres sauberes Handtuch aus dem Schrank und gönne mir eine warme Dusche, ehe ich in die Küche zurückkehre. Ich starte einen letzten Versuch, etwas Essbares auszumachen und werde im Wohnzimmer fündig. In der Kommode zum Flur finde ich eine Ansammlung von Crackern, Salzstangen und Gummibärchen. Bevor ich meine Ausbeute zur Couch trage, hole ich noch eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und ein sauberes Weinglas. Liana hat noch einen letzten Schluck Wein in der Flasche gelassen, den ich mir respektlos, wie ich bin, hinter kippe. Die Gummibärchen sind schon hart, aber das stört mich nicht. Ich lutsche sie. Die Salzstangen habe kein Salz mehr, aber auch das stört mich nicht. Als ich satt bin, falle ich einfach zur Seite und starre aus dem Fenster. Die Couch ist verdammt hart, so hart, dass meine Schulter kein bisschen einsinkt und mein Kopf somit enorm abknickt. Ich taste nach einem der Kissen von der anderen Seite und verhindere, dass ich mir zusätzlich den Hals breche. Ob ich die Nacht überlebe, bleibt dahingestellt.
‚Vier Wochen‘, echot es durch meinen Kopf. Wie, um Himmelswillen, räume ich in vier Wochen auf, was ich jahrelange vermurkst habe? Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.
Nach ein paar Minuten gebe ich mit Schmerzen im Steißbein auf. Zumindest kann ich, wenn Liana außer Landes ist, ihr Bett beschlagnahmen.
Ehe ich mich zum Schlafen fertigmache, suche ich im Schlafzimmer nach einer weiteren Decke und finde sie, ohne unangenehme Entdeckungen zu machen. Mir ist egal, dass sie keinen Bezug hat, als ich sie mir über den Kopf ziehe und auf dem Brett von Sofa Platz nehme. Das Klingeln meines Telefons durchbricht die herbeigeführte Stille. Ich muss nicht auf das Display schauen, um zu wissen, wer es ist. Es ist nicht das erste Mal heute, dass sie versucht, mich zu erreichen und obwohl sich jede Faser meines Körpers dagegen sträubt, gehe ich diesmal ran.
„Wo bist du und wieso gehst du nicht ans Telefon?“, explodiert Kira prompt. Ich stelle mir vor, wie meine stets perfekt gestylte Ex-Frau ihre Augen aufreißt und Feuer speit, wie ein wildgewordener Drache.
„Du weißt schon, dass wir nicht mehr verheiratet sind und ich dir nicht stündlich Bericht erstatten muss?“, erwidere ich unaufgeregt, aber patzig und lasse keinerlei Enthusiasmus hören. Ich bin zu müde.
„Gabriel!“, meckert sie zurück. Ihre Stimme geht angestrengt nach oben.
„Kira!“, gebe ich genauso quietschend Retour. „Was willst du?“ Sie ist die Letzte, mit der ich zurzeit sprechen möchte. Obwohl unsere Scheidung seit Monaten durch ist, wir getrennt leben, haben wir unglücklicherweise noch immer relativ viel Kontakt zueinander. Wir haben viele gemeinsame Freunde und einen ähnlichen Bekanntenkreis. Es bleibt nichts aus. Unser Kontakt nahm zudem wieder zu, als sich bei der Firma der schleichende Untergang ankündigte, da Kira meinte, sich ebenfalls einmischen zu müssen. Sie fühlt sich involviert, weil sie in gewisser Weise beim Aufbau der Firma beteiligt gewesen ist. Noch dazu ist sie mit dem ehemaligen Partner und meinem vormals besten Freund verbrüdert. Markes Buchanan. Früher Freund und einstiger Vertrauter, heute schlimmster Albtraum. Als er merkte, dass es langsam aber sicher bergab ging, hat er sich still und heimlich ausgeklinkt. Wie er es gemacht hat, weiß ich bis heute nicht. Ich stand irgendwann vor der Bankrotterklärung, ohne meinen Partner. Auch die Gründe, warum er es getan hat, blieb er mir bis heute schuldig und schwingt jedes Mal unnütze Reden von Ökonomie und Marktwirtschaft. Ich habe ihm vertraut und viele geschäftliche Dinge in seine Hände gelegt und das war ein Fehler.
„Markes möchte dich sprechen. Persönlich“, erklärt sie. Bei der Erwähnung seines Namens wird mir ganz anders.
„Ach ja? Urkomisch, da er doch seit Wochen nicht auf meine Anrufe reagiert.“
„Falls es dich beruhigt, er hat sich auch bei mir nicht gemeldet“, berichtet sie.
„Ach wirklich.“ Meine Antwort gleicht einem argwöhnischen Brummen. Ich glaube ihr nicht., denn bisher konnte mir keiner beiden glaubhaft weiß machen, dass sie keine Affäre miteinander hatten. Daher wundert es mich sehr, dass Markes sich nicht bei Kira gemeldet haben soll.
„Wo bist du?“, fragt sie seltsam einfühlsam. Ich hasse sie dafür, denn damit besänftigt sie mich, so dass ich meistens nachgebe.
„In der Hölle“, bekenne ich schlicht und ohne das Bedürfnis, das Gespräch weiter auszuführen. „Sag ihm, dass ich mich melde. Ich lege jetzt auf.“ Mein Finger schwebt bereits auf dem roten Telefonhörersymbol.
„Warte!“, ruft sie, sodass ich es auch höre, obwohl ich das Telefon bereits vom Ohr weghalte. Ich knicke ein und fühle mich wie das gefundene Fressen für jeden Hobbypsychologen.
„Wieso?“ Patzig.
„Ich bin ab Freitag in der Stadt, lass uns zusammen etwas essen gehen. Am Samstag.“ Ich schweige. Keine gute Idee. „Gabriel, bitte.“ Mein Widerstand schmilzt.
„Du zahlst.“