Im Schatten geboren- Band 1 verwundet

All Rights Reserved ©

Summary

Amara steht vor den Trümmern ihres Lebens. Seit vor kurzem ihr Vater verstorben ist, hat sie nichts und niemanden mehr. Bemüht darum, nicht an der Einsamkeit zu zerbrechen, lässt sie sich zu einem Abend im Club mit ihren Arbeitskollegen überreden. Gerade als sie lustlos an ihrem ersten Cocktail dieser Nacht nippt, verändert sich etwas im Raum. Der Lärm erstirbt, die Luft wirkt wie elektrifiziert. Als Amara ihren Blick über die Tanzfläche schweifen lässt, und ihre Augen die seine finden, bleibt ihr der Atem weg und sie verliert das Bewusstsein. Alles, woran sie sich noch erinnern kann, als sie auf einer alten Matratze wieder zu sich kommt, sind die bernsteinfarbenen Augen des gefährlichen Fremden. Eben jene Augen, die ihr aus der Dunkelheit entgegen starrten.

Genre
Fantasy
Author
alisa.es
Status
Complete
Chapters
43
Rating
5.0 11 reviews
Age Rating
16+

Kapitel 1

Es war einer dieser langweiligen Freitagnachmittage im Büro, an denen sich die Zeit wie klebriger Billigkaugummi zu ziehen schien. Draußen flimmerte die Sonne über den Asphalt und drinnen kämpften die Ventilatoren gegen die stickige, abgestandene Luft. Die Tastatur klapperte unter Amaras Fingerspitzen, während sie sich durch scheinbar endlose Datensätze kämpfte. Ab und an wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und hinterfragte ihre gesamte Existenz.

'Wie ich den Sommer hasse' dachte sie angestrengt, als sie sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Amara hoffte so sehr auf den Herbst, denn diese Temperaturen waren für Mitte September kaum zu ertragen.

Ihr Blick verschwamm immer mal wieder zwischen den Zahlen auf dem Bildschirm, und ihre Gedanken schweiften ab, weit weg von diesem öden Loch des Großraumbüros. Die Monotonie dieses Tages gipfelte höchstwahrscheinlich in der 5- Minuten Terrine, die sie als Abendbrot zubereiten würde. Juhu.

Doch dann durchbrach das fröhlich aufgesetzte Stimmengewirr ihrer Arbeitskollegin Linn Nakamura ihre trübseligen Gedanken. Lässig kam sie auf Amara zu geschlendert und lehnte sich an eine Ecke ihres Schreibtisch, ein breites Grinsen auf den rot geschminkten Lippen. Ihre Augen funkelten, als würden Diskokugeln darin Miete zahlen. Normalerweise konnte Amara dieser aufgesetzten Art nicht viel abgewinnen und versuchte die meist inhaltlosen Smalltalk- Versuche abzuwürgen. Aber heute begrüßte sie die willkommene Abwechslung, wenn auch nur mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen.

„Hey, Amara, was hältst du davon, wenn wir zwei Süßen und ein paar der Mädels aus der Rechtsabteilung heute Abend mal so richtig die Sau rauslassen? Ich habe gehört, dass im Palms Beach heute Ladys Night ist“, rief sie eine Spur zu enthusiastisch, während sie übertrieben laut auf ihrem Kaugummi kaute. Amara rechtes Auge begann zu zucken, denn wenn sie eines noch mehr hasste als den Sommer, dann waren es schmatzende Kaugeräusche. 'Oh Gott', dachte Amara, als Linn versuchte, den Kaugummi lasziv um ihren Finger zu wickeln und begann, Bernhard am Schreibtisch neben ihnen zu winken. Sie rollte mit den Augen, aber Linn war so auf sich selbst konzentriert, dass sie Amaras abschätzige Geste gar nicht wahrnahm. Abgesehen davon war Ausgehen so gar nicht Amaras Ding. Bei dem Gedanken daran, sich zwischen schwitzenden, wildfremden Menschen auf die Tanzfläche zu pressen oder viel zu viel Geld für billige Drinks zu bezahlen, lief es ihr kalt den Rücken runter. Und auf die Entourage, die Linn normalerweise umgab, konnte Amara getrost verzichten. Außerdem war das Palms Beach nicht gerade einer der nobelsten Schuppen. Sie hob müde den Blick vom Bildschirm und sah Linn skeptisch an. „Eine Party? Heute Abend? Ich weiß nicht, Linn. Mir ist eigentlich nicht so nach Feiern zumute.“ Doch Linn ließ sich nicht so leicht abwimmeln. Mit einem überzogenen Lächeln fuhr sie fort: „Ach komm schon, Ari! Du musst mal wieder abschalten. Vergiss mal alles für einen Abend und gönn dir etwas Spaß. Wir haben uns doch schon viel zu lange nicht mehr richtig amüsiert!“ Mit ‚viel zu lange‘ meinte sie eigentlich ‚noch nie‘. Doch dieser krampfhaft erfundene Spitzname für Amara ließ sie sauer aufstoßen. Wirklich niemand nannte sie so. Außer halt Linn. Ein leises Seufzen entwich Amaras Kehle. Vielleicht hatte Linn ja recht. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, den Kopf frei zu kriegen und die vergangenen Monate für ein paar Stunden zu vergessen. Wie schlimm kann es schon werden? Und vielleicht war es genau das, was Amara heute Abend gebrauchen könnte. Denn als ihr Vater letzten Winter plötzlich Blut hustete, hatte sie schon die leise Ahnung, was auf sie zukommen würde. Ein knappes halbes Jahr später stand sie dann am Grab ihres Vaters und fühlte sich seither nur noch wie eine leere Hülle, wie ein Schatten ihrer Selbst. Nicht nur, dass die Beerdigung ihr letztes Erspartes verschlang- sie musste auch zu allem Überfluss aus der Wohnung ausziehen, die ihr Vater und sie seit Kindesbeinen an bewohnten. Nur wenige Sachen hatte sie in die neue Wohnung mitnehmen können, denn ihre neue Bleibe war ein wirklich trostloser, wirklich beengter Ort, der sich auch durch ein paar verstaubte Erinnerungsstücke nicht wie ein Zuhause anfühlen mochte. Ob Amara sich jemals noch irgendwo zuhause fühlen würde? Das fragte sie sich jedes Mal, wenn sie nach Schichtende ihre 1- Zimmer- Wohnung betrat. Ehrlicherweise war Amara ganz froh darüber, dieser alltäglichen Last an einsamen Gedanken- Frage- Strudeln ein paar Stunden zu entfliehen. Außerdem hat sie schon so oft abgelehnt, wenn Linn sie zu diesem Event oder jener Party eingeladen hatte. Irgendwann würde sie aufhören zu fragen und dann würde auch die letzte Chance auf ein annähernd normales Leben verstreichen. 'Na gut', dachte Amara, 'ein paar Stunden halte ich durch.' „Ok, ich komme mit“ bestätigte sie mit einem für ihren Geschmack eine Spur zu breitem Lächeln. Sie nahm sich fest vor, sich nochmal im Umgang und Sozialverhalten zu üben. „Wirklich? Ich meine, super! Das freut mich! Wir wollen uns gegen neun vor‘m Club treffen und gehen dann gemeinsam rein.“ Nun wickelte Linn eine ihrer roten Locken um den Finger, wie sie es immer tat, wenn sie quatschen wollte. Den Kaugummi hatte sie sich bereits wieder zwischen die Lippen geschoben. „Und zieh‘ dir was heißes an, ja? Die Jungs von Eastvillage haben heut‘ einen Auftritt.“ Linn lächelte. Amara wusste, dass Linn total auf den Gitarristen der Band stand. Linn hob ihren Hintern wieder vom Tisch und drehte sich auf der Stelle. Ihr Minirock rutschte dabei so hoch, dass Amara schon glaubte, etwas sehen zu müssen, was sie sich lieber ersparen wollte. Bernhard linste rüber und Amara verdrehte angesichts seines geifernden Blickes die Augen. Doch Linn zupfte am roten Leder herum und das Teil saß wieder perfekt. „Bis heute Abend“ verabschiedete sich Amara flüchtig. „Bis nachher!“ flötete Linn, als sie mit wiegenden Hüften zurück zu ihrem Schreibtisch ging. 'Ob das wirklich so eine gute Idee war' dachte Amara, als sie sich wieder ihrem eigenen Bildschirm widmete.

Keine zwei Stunden später stand Amara vor ihrem abgewetzten Kleiderschrank und starrte auf die wenigen Kleidungsstücke, die darin hingen. Sie seufzte, als sie sich fragte, was sie anziehen sollte. Normalerweise war sie Typ Jogginghose und Tanktop, aber das konnte sie heute Abend nicht bringen. Schliesslich besuchte sie nicht ihren Sessel mit Tee und Buch in der Hand, sondern einen der fancy-schmancy Indierock- Clubs der Stadt. Das Palm Beach war vielleicht nicht nobel, aber durchaus angesagt in der Szene. 'Wäre aber immerhin bequem' dachte sie zynisch, als sie ihre Lieblingsjogger aus dem Weg schob. Amara griff nach einem glitzernden, roten Top, betrachtete es kurz und legte es dann wieder zurück. Zu viel. Zu aufreizend. Außerdem ganz eindeutig Linns Farbe, die sie ihr unter keinen Umständen streitig machen wollte. Soll es doch weiter im Schrank einstauben. Ihr Blick glitt zu einem schlichten, schwarzen Kleid, das sie vor Jahren einmal gekauft, doch noch nie getragen hatte. Es machte einen unaufgeregten Eindruckt und Amara hatte die Hoffnung, das es die Aufmerksamkeit von sich lenken würde. 'Das Letzte, was ich heute gebrauchen kann, ist irgendein halbstarker Kerl, der einen wegstecken will', dachte sie bitter. Doch dann verirrten sich Erinnerungen an diese eine Nacht in Amara Gedanken. Denn seit dieser einen Nacht, als sie zum allerersten Mal ausgehen durfte, verspürte sie eine tiefe Abneigung gegenüber Allem, was im Dunkeln stattfand. Sie war damals erst sechzehn Jahre alt, aber die Spuren jenes Abends hafteten immer noch an ihrer Seele. Und auf ihrem Körper. Wenngleich die Erinnerungen sie heute noch heimsuchten, die schlimmsten Alpträume hatte sie überwinden können. Amara schüttelte heftig den Kopf, versuchte, die Gedanken, die sich so hartnäckig aufdrängen wollten, zu vertreiben. Doch sie blieben in ihrem Gehirn kleben. Egal, wie sehr sie sich auch bemühte, sich davon zu befreien, die Angst vor einer erneuten Begegnung mit einem solchen Mann hielt sie plötzlich fest im Griff. Doch diesmal war sie nicht allein und auf sich gestellt, redete sie sich gut zu. Linn würde da sein. 'Und die Mädels aus der Rechtsabteilung' dachte sie resigniert. Plötzlich spürte sie den aufkeimenden Drang, dazu gehören zu wollen, sich mit lauter Musik und oberflächlichen Gesprächen zu betäuben, zumindest für eine Nacht. Es überraschte Amara, wie sehr sie sich nach dem Gefühl von Normalität sehnte. Also wühlte sie weiter in ihrem Kleiderschrank, auf der Suche nach einem Outfit, in dem sie sich selbstbewusst genug geben könnte, auch wenn es ihr eine Menge abverlangen würde, inmitten so vieler fremder Menschen den Anschein zu wahren. Schließlich entschied sie sich doch für das Kleid und einen schwarzen, dünnen Cardigan, schwarze Riemchensandalen und einer schwarzen Clutch. Schlicht und schwarz nannte sie die Kombi. Vielleicht sogar zu schlicht. 'Ach was soll's', auf mich wird eh niemand achten.' Vor dem alten Spiegel im zwei mal zwei Meter kleinem Badezimmer versuchte Amara, sich einen Lidstrich zu ziehen und ihre Lippen zu schminken. Sie kam sich aber schnell albern vor, denn ihre Make-up Künste beschränkten sich nur auf das Nötigste. Außerdem war sie nicht besonders geübt darin, die Finger ruhig zu halten, sodass sie sich alles wieder abwusch und nur etwas Rouge, Wimperntusche und Lippbalm auftrug. Unzufrieden sah Amara in den Spiegel und blinzelte. Sie betrachtete das müde, irgendwie fahle Gesicht und zweifelte. Selbst ihre blauen Augen wirkten leer, so als wär all‘ ihre Lebendigkeit in Vergessenheit geraten. Ernüchtert betrachtete sie sich in Gänze und atmete dann wehmütig aus. Sie versuchte noch, ihr strähniges, schwarzes Haar etwas zu kämmen, ließ es aber dann bleiben. Es wollte sich heute bei bestem Willen nicht bändigen lassen. ‚Na gut, das muss reichen‘, dachte sie. Immerhin war es nicht ihre Absicht, zu beeindrucken. Und überhaupt war sie sich sicher, dass sie wirklich niemand beachten würde. Kurz vor halb neun verließ sie ihre Wohnung und machte sich auf den Weg.

Als Amara aus dem Bus ausstieg, wurde sie sofort von der grellen Neonbeleuchtung des Palms Beach geblendet. Dumpfe Bässe und rhythmische Klänge wehten ihr entgegen und versetzten die Luft in Schwingung. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie sich dem Eingang näherte. Linn tauchte urplötzlich neben ihr auf und Amara zuckte zusammen. Mit einem Blick auf ihre Arbeitkollegin kam sie sich schwindelerregend underdressed vor. Linn trugt ein eng sitzendes Top mit Spitze und eine noch enger sitzende, tief geschnittene Jeans, dazu rosé-farbene Heels und einen Body Harness, der ihre Kurven betonte. Amara fand, dass Linn wirklich toll aussah. “Amara, da bist du ja endlich! Ich hab’ schon auf dich gewartet. Hab’ gedacht, du kommst vielleicht gar nicht. Die Anderen sind schon reingegangen.“ Amara schaute auf das Display ihres Smartphones, während Linn weiterplapperte. Zu spät war sie zwar nicht, aber sie wollte auch keine sinnlose Diskussion beginnen. Also schob sie ihr Telefon zurück in die Tasche und zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Du wirst meine Freunde lieben. Sie freuen sich schon, dich kennenzulernen“, rief sie begeistert und schlang ihren Arm um Amaras Schultern. Amara lächelte gezwungen, doch sie fühlte sich nun doch irgendwie fehl am Platz. Schließlich kannte sie niemanden außer Linn und die Vorstellung, sich fremden Menschen präsentieren zu müssen, lachen und Smalltalk führen zu müssen, machte sie nervös. Zugegebenermaßen kannte sie nicht mal Linn gut genug. Aber Amara ließ sich widerstandslos Richtung Eingang schieben.

Als sie an den Türstehern vorbeikamen und den Club betraten, schlug ihnen eine Welle aus verschiedenen Gerüchen, lauter Musik und bunten Lichtern entgegen. Viele Leute drängten sich bereits auf der Tanzfläche und wiegten sich im Takt der Musik. Linn führte sie durch die Menge, ständig plaudernd und lachend und Leute begrüßend, die Amara noch nie in ihrem Leben gesehen hatte, während Amara versuchte, mitzuhalten. Letztendlich erreichten sie eine kleine Sitzlounge, auf der bereits fünf junge Frauen Platz genommen hatten. Eine umwerfender gekleidet als die Andere und alle bereit, sich in die Nacht zu stürzen. „Hey Mädels, ich bin zurück! Das ist Amara“ verkündete Linn stolz und begann, jede von ihnen vorzustellen. Amara lächelte höflich und nickte bei dem Versuch, sich die Namen und Gesichter zu merken. Sie konnte die unbeschwerte Leichtigkeit spüren, die von den Anderen ausging, während sie sich unterhielten und lachten, eine neue Runde Cocktails bestellten oder zur Tanzfläche gingen. Doch sie fühlte sich trotzdem wie ein Fremdkörper, unfähig, sich in diese Welt einzufügen. Vor allem, als sie feststellte, dass sie mit diesen jungen Frau rein gar nichts gemeinsam hatte.

Während die Nacht voranschritt und die Musik lauter wurde, versuchte Amara tapfer, sich zu amüsieren. Zu ihrer Rechten saß nun ein junger Mann Anfang zwanzig - ein Bekannter von Linn, den sie an diesem Abend zufällig getroffen hatten. Er stellte sich als Christian vor und lächelte Amara immer wieder charmant an, verwickelte sie sogar in ein Gespräch. Er war ganz nett, doch als seine Hand auf ihrem Oberschenkel landete, spürte sie sofort die Unbehaglichkeit in ihrem Inneren aufsteigen. Sie erwiderte seine Höflichkeiten zwar, doch ihr Interesse war minimal. Seine flüchtigen Berührungen wurden drängender und anzüglichen Bemerkungen verloren mit steigendem Alkoholpegel immer mehr an Niveau, doch irgendwie ließ sie das kalt. Bestimmt schob sie ihn immer wieder von sich und versuchte, ihm klar zu machen, welche Grenzen er überschritt. Doch als Christian nicht lockerließ und seine Flirtversuche intensiver wurden, beschloss Amara, sich zurückzuziehen.

„Entschuldige mich bitte einen Moment“, murmelte sie, flüchtete aus der unangenehmen Situation und schlängelte sich durch zur Bar. Dann bestellte sie sich ein Virgin Mojito und lehnte sich gegen die Theke, dankbar für einen Moment der Ruhe. Sie spürte den Blick des jungen Mannes auf ihrem Rücken quer durch den Raum, doch sie ignorierte ihn beharrlich. Für Amara war dieser Abend bereits herausfordernd genug, ohne sich auch noch den hormongesteuerten Rambo mit den zu dicken Eiern vom Leib halten zu müssen. Während sie an ihrem Getränk nippte, versuchte sie, sich selbst zu beruhigen. Doch die Enge in ihrer Brust lies sich nicht so leicht ignorieren. Amara fragte sich, wo Linn gerade war, aber das war eigentlich auch nicht wichtig. Dieser Drink würde ihr letzter sein, danach würde sie sich per DM verabschieden und ein Taxi nachhause nehmen. So war zumindest der Plan. Sie hatte lang genug durchgehalten, ihr Anstandslächeln gelächelt, doch ihre Sozialenergie war eindeutig aufgebraucht. Warum also irgendwas hinauszögern wollen?

Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre im Club, als eine Gruppe junger Männer und Frauen den Raum betraten. Wie hypnotisiert drehte Amara sich um und verfolgte sie mit ihren Blicken. Sie übten eine gar magische Anziehung auf Amara aus und aus dem Augenwinkel sah sie, dass es nicht nur ihr so ging. Außerdem glaubte Amara, dabei zusehen zu können, wie sich eine unerklärliche Spannung in der Luft aufbaute, als wäre etwas Besonderes im Begriff zu geschehen. Die Menschen um sie herum bewegten sich langsamer, die Musik klang gedämpfter, alles in ihr und um sie herum schien sich auf einen Punkt zu konzentrieren.

Inmitten der Gruppe fiel ihr Blick auf einen Mann, der sich beinahe raubtierhaft durch den Raum bewegte. Er hatte etwas an sich, dass über bloße Schönheit hinaus ging- eine Art Energie, die die Realität selbst verzerren konnte. Er strahlte ein erdrückendes Ausmaß an Macht und Verführung aus, dass Amara die Hitze ins Gesicht schoss. 'Mein Gott, ist der heiß' dachte sie ungeniert und schämte sich im selben Moment dafür. Derlei Gedanken waren ihr sonst fremd. Doch sie konnte den Blick einfach nicht von seinen breiten Schultern und den muskulösen Armen wenden. Amara spürte, wie ihn eine dunkle, gefährliche Aura umgab, die sie beinahe unaufhaltsam anzog. Seine bernsteinfarbenen Augen glühten im gedämpften Licht des Clubs, und sein selbstbewusstes Lächeln ließ ihren Herzschlag einen Moment aussetzen. Ein unerklärliches Prickeln lief Amaras Wirbelsäule hinab, als sich ihre Blicke trafen. In diesem Moment schien die Zeit stillzustehen, während sie sich über all die Menschen und den Trubel hinweg anstarrten. Sie spürte eine Verbindung, eine unsichtbare, aber unbestreitbare Anziehungskraft, die mit jeder Sekunde, die verging, stärker wurde, die sie faszinierte und gleichzeitig bis ins Mark erschütterte.

Ein Teil von Amara wollte fliehen, raus aus dem Club, weg von dem Mann mit den schönsten Augen, die sie jemals gesehen hatte. Doch ein anderer Teil wurde von der unbändigen Neugierde und dem Verlangen nach diesem Fremden angezogen. Die Worte in ihrem Kopf wirbelten wild durcheinander. Egal, wie sehr sich sich auch anstrengte, Amara war nicht mehr in der Lage dazu, einen einzigen logischen Gedanken zu fassen. Ihr Körper hingegen wusste anscheinend genau, wohin er wollte. Sie erhob sich vom Barhocker und schwebte ihm beinahe entgegen. Je näher sie ihm kam, umso mehr flossen die Farben und Lichter um sie herum ineinander und inmitten der Musik, die pulsierte und die Menschen, die um sie herum tanzten, blieb Amara plötzlich wie gebannt stehen, nur wenige Meter von ihm entfernt, gefangen in diesem elektrisierenden Moment. Und während seine Augen sie weiterhin in ihrem Bann hielten, stieg ihr ein Gefühl von Ohnmacht in den Nacken. Angst umfasste ihr Herz mit einem Schlag und in ihrem Kopf begann sich alles zu drehen. Dann stand er vor ihr. Sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. In seinen Augen spiegelte sich nichts anderes als blanker Zorn. „Wer bist du?“ Seine raue Stimme klang bereits meilenweit entfernt.„Amara“ hauchte sie, als sie spürte, wie ihre Stimme versagte. "Und was bist du?" Amara verstand die Frage nicht und hatte plötzlich die panische Befürchtung, dass hier etwas wirklich schief lief, als sich starke Hände eng um ihre Oberarme schlossen. Im nächsten Augenblick hörte sie, wie ein dunkles Knurren seiner Kehle entwich. Und sie wusste, dass sie weg wollte. Dass sie weg musste. Weg von ihm. Doch das Letzte, was sie sah, waren jene Bernsteine, wunderschön und gefährlich zugleich, ehe sie die Dunkelheit verschluckte.


Das Erste, das Amara spürte, als sie wach wurde, war die Kälte, die ihr unter die Haut kroch und Stoff einer harten Matratze, die unter ihr lag. Und Leere. Vollkommene, düstere Leere. Panik wollte von ihr Besitz ergreifen, doch sie schaffte es, sich noch eine letzte Frage zu stellen, die sich leise am Rand ihres Bewusstseins formierte.

'Wo bin ich hier?'