Sie nannten mich Alpha

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Summary

Alpha, die ehemalige DNS-Diebin wird aus ihrem Ruhestand geholt. Kurzgeschichte

Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Das Böse führt die Menschen zusammen.

Aristoteles


„Och schau mal Barbie, Bitch, Bella und Barbarella.“

Nacheinander schaute ich die vier Möchtegern-Amazonen an, während ich sie mit dem ihnen zugedachten Namen betitle.

Gleichzeitig kämpfte ich mit den Schmerzen, die mein Körper in einem Klammergriff hielten, und blinzelte mehrere Male hintereinander, um die Schwärze, die sich in mein Gesichtsfeld fraß, loszuwerden.

Schmerz war gut, versuchte ich mich zu beruhigen. Ich konzentrierte mich, um langsam und bewusst zu atmen, um dem Schmerz Herrin zu werden, der mit Lichtgeschwindigkeit durch meine Nerven schoss und in den Enden explodierte. Ich durfte nicht zulassen, dass der Schmerz meine Sinne ein erneutes Mal trübte.

Seit du unter dem Schutz der Regierung stehst, bist du verweichlicht. Du bist unachtsam geworden, schalt mich mein Gehirn.

Die Welt hatte mich einmal gefürchtet. Jeder Präsident war in Panik geraten, wenn er gehört hatte, dass ich mich in dem Land herumtrieb, dass er regierte.

Alpha hatten sie mich genannt.

Denn ich war der Anfang gewesen. Die Wegbereiterin. Ich hatte die Tore der Hölle weit aufgestoßen und das böse Willkommen geheißen, das sich über die Welt ergoss, wie ein nie leer werdender Kübel Teer.

Und dann wurde ich geschnappt.

Hilf uns Pandora oder verrotte im Knast.

Im Gegensatz zu allen anderen Gesetzeshütern hatte er mich nicht Alpha, sondern immer Pandora genannt.

Ich hatte die Büchse des Unheils geöffnet, damit die Plagen endlich wieder das tun konnten, für das sie geschaffen wurden. Für ihn war ich aber auch die Einzige, die die Büchse wieder schließen konnte. Ich war für ihn gleichzeitig die Hoffnung, die verängstigt in einer dunklen Ecke der Büchse saß und nur genügend Selbstvertrauen brauchte, um daraus emporzusteigen, jagt auf die Plagen zu machen und sie wieder einzuschließen.

Ich hatte mich für ihn entschieden und dafür, dass wieder gut zu machen, was ich angerichtet hatte.

Wenn ich damals gewusst hätte, dass mich fortan Schuldgefühle wie eine Bleiweste ummantelten, gehässige Blicke wie Dartpfeile durchbohrten und die gesprochenen Worte über mich, wie Schlangengift mein Innerstes verätzen, hätte ich mich für den Knast entschieden.

Und trotzdem blieb er und Dean an meiner Seite, stützten, verteidigten und liebten mich.

Du hast Gefühle, bäääh!

„Meinst du die Bella aus dem Märchen oder die Bella aus der Schauervampirgeschichte.“

Ich blickte zur einzigen Nichtblonden der Vierergruppe und konnte gerade noch sehen, wie sie sich schüttelte und ihre braunen Haare von links nach rechts flogen.

„Such dir‘s aus Bella“, sagte ich süffisant.

„Halt die Fresse“, sagte die Blonde die ich, als Bitch betitelt hatte. Sie war die Kleinste der vier, aber eindeutig der Boss.

Denn sie besaß die Leittierausstrahlung.

Vergnügt sah ich zu, wie Bella zusammenzuckte, denn das Fresse halten, hatte nicht mir gegolten.

„Wie soll ich dich nennen?“ Barbie stolzierte mit ihren Overknees auf mich zu und hielt erst an, als sie vornübergebeugt in mein Gesicht blickte und ich ihr die Schminke von ihrem Gesicht hätte lecken können.

„Soll ich dich Legion nennen?“

Ich antwortete nicht, dass sie an ihrem Make-up ersticken sollte, irgendwie hatte sie ja recht. Wie der biblische Dämon Legion war ich viele.

Alpha.

Pandora.

Anna.

Aza.

Ich könnte diese Liste noch endlos so weiterführen, aber mir stieg die Galle die Speiseröhre hoch, die mich direkt auf die Overknees von Barbie kotzen ließ.

„Du dumme Kuh!“

Angewidert stolzierte Barbie nach links davon. Gleichzeitig erschien von rechts Barbarella in meinem Blickfeld.

Sie entschied sich, mich so hart ins Gesicht zu boxen, dass ich mit dem Stuhl auf dem ich saß, auf den Boden knallte, ehe sie redete.

„Das ist für die Kotze.“

Schmerz zog von meiner linken Schulter durch meine Wirbelsäule zu meiner Hüfte. Während sich mein Gesicht wie breiiger Schlamm anfühlte.

Atmen, mahnte ich mich selber.

Atme den Schmerz einfach weg, er darf deine Gedanken nicht erreichen.

Ich brauchte einen klaren Kopf, um aus dieser Situation wieder herauszukommen.

Wieder musste ich ausspucken.

Doch dieses Mal war es kein halbverdautes Essen und Galle, sondern Blut, das direkt vor meinen Augen liegen blieb.

„Genau so habe ich mir die Real-Life Barbarella vorgestellt.“

Meine Stimme klang klar und deutlich, gut so.

Ich hatte zu viel erlebt, um mich von vier Möchtegernkidnapperinnen brechen zu lassen.

„Aus jeder Pore Erotik verströmend und eine Faust, die Rocky auf die Bretter schicken könnte.“

Mental bereitete ich mich schon auf einen Tritt in die Rippengegend vor, der unweigerlich auf mein Kompliment folgen musste, doch nichts geschah. Keine neuen Schmerzen, keine neuen Tritte, keine Hiebe.

Hingegen wurde ich wieder auf meine vier Stuhlbeine gestellt. Bitch kam auf mich zu, während Barbarella hinter mir stand. Schamlos stützte sie sich mit ihren Händen auf meinen Oberschenkeln ab und führte ihr Gesicht nahe zu meinem Gesicht.

„Ich weiß wer du bist und was du kannst. Du warst die beste, gefürchtetste und bekannteste DNS-Diebin der Welt. Was dich zu einer Lichtgestalt im Darknet aufsteigen ließ, zu einer Unsterblichen. Selbst im realen Leben bist du eine Legende. Polizisten und Politiker fürchten dich, das gemeine Volk liebt dich. Jedes junge Mädchen will wie du sein und jeder Mann will dich in seinem Bett haben um behaupten zu können, er habe das Böse gezähmt.“

Vor den Augen von Bitch spuckte ich ein erneutes Mal aus, damit Blutfleck Nummer eins sich auf dem Boden nicht mehr so einsam fühlen musste.

„Das würde ich denen aber nicht empfehlen“, sagte ich grinsend. So sehr, dass Joker mich mit Freuden adoptiert hätte.

„Hätte ich auch gesagt. Das Böse kann man einfach nicht zähmen. Nur in die richtigen Bahnen lenken. Einem Tiger der in Freiheit gefangen und dann in einen Käfig gesteckt wurde, sieht man schließlich auch ein Leben lang diese Traurigkeit an. Und Alpha, du bist gefangen. Selbst wenn du dir einredest es nicht zu sein. Aber selbst ich hätte die Stelle die dir die Behörde angeboten hatte, einer lebenslangen Gefängnisstrafe vorgezogen.“

Mein Gegenüber richtete sich auf und begann vor mir auf und ab zu laufen.

„Aber von dir Alpha hätte ich erwartet, dass du das Gefängnis wählst und dann in einer spektakulären Aktion türmst.“

„Naja. Man wird eben doch nur älter“, entgegnete ich gelangweilt. Wenn Bitch nicht bald auf den Punkt käme, musste ich dafür sorgen.

„Hat es uns aber ein bisschen schwieriger gemacht, dich zu erreichen, darum stecken wir alle auch in dieser Situation.“

„Ach klar, jetzt bin ich schuld oder was?“ Jetzt hatte mich Bitch echt auf dem falschen Fuß erwischt. Wer war hier die Entführte? Wer hatte sich auf die Zunge gebissen, als sie zu Boden geschlagen wurde? Wer hatte Barbie auf die weißen Overknees gekotzt? Ich spuckte ein viertes Mal aus. Die scheiß Zunge hörte nicht auf zu bluten. Wenn das so weiterging, konnten die Blutflecke eine Kita gründen, damit nachfolgende Blutflecke lernen konnten, wie sie sich verhalten mussten, wie sie zu zerfließen hatten und dass man nur vom Rand her trocken werden durfte.

„Oh ja du bist schuld…“ Sie umrundete mich langsam und als sie wieder vor mir stand, setzte sie ihren Sermon fort. „… Aber wir sind auch schuld. Sonst wären wir nicht hier. Und es hatte echt viel Arbeit und Schweiß gekostet euch beide vor den Augen der Behörden zu entführen.“

Ich blickte der Reihe nach zu allen vier B’s. Hatte ich mich verhört oder hatte Bitch gerade euch beide gesagt?

„Tschuldige Bitte, ich bin die letzten Stunden wohl zu viel auf den Kopf gehauen worden und habe seit da dieses Rauschen in den Ohren. Aber hast du gerade euch beide gesagt?“, wiederholte ich laut das eben Gedachte. Bitch kommandierte mit einem Fingerzeig Bella umher, sie verließ dieses kahle, graue Betonquadrat, das sich Zimmer schimpfte, durch die einzige Tür und kam kurze Zeit später wieder. Doch ihre Bewegungen waren langsamer. Ihr Körper war vornübergebeugt.

Einen Wimpernschlag später sah ich warum.

„Ah Scheisse!“, fluchte ich laut. Vor meinen Augen wurde Dean in unseren beschaulichen Treffpunkt gerollt. Bitch ging zu ihm und zog ihm den Knebel aus dem Mund.

„Scheisse ist alles was dir einfällt! Nicht, oh mein Gott Schatzi! Geht’s dir gut Schatzi?“, fluchte dieser laut los, kaum hatte das Stück Stoff, aus dem sein Knebel bestand, seinen Mund verlassen. „Tut mir leid Schatzi. Geht’s dir gut Schatzi?“, äffte ich ihn nach. Der höhnische Unterton war mit meinen Schmerzen leider nicht zu vermeiden. Er sah immer noch unberührt aus, ganz im Gegensatz zu mir. Ich sah mich zwar selber nicht, nur das Blut und die Kotzespritzer auf meiner Hose, aber ich fühlte mich, als wäre ich von einem Lastwagen überfahren worden. Und von einem Autokran. Und von einem Pneulader. Und von einem Traktor. Und von der Bahn.

„War ziemlich leicht gewesen, Schönauge in Bauler zu finden. Gibt nicht viele da, die an Heterochromia iridis leiden.“

„Habe ich denen vom Zeugenschutz auch gesagt“, pflichtete ich Bitch bei. „Georg, habe ich gesagt, du kannst Dean nicht in ein sechsundsechzig Mensch starkes Seelendorf stecken. Aber nein! Man hat nicht auf mich gehört. Da kennt jeder, jeden, hat er gesagt. Da passt man noch aufeinander auf, hat er gesagt.“

Bitch blickte von mir zu Dean und wieder zurück.

„Es war einfach gewesen, ihn zu finden. Aber schwierig, ihn aus diesem Kaff zu holen. Das halbe Dorf ist voll mit ehemaligen Polizisten“, gestand Bitch.

„Irgendwie hatte ich das im Gespür“, meldete sich Dean zu Wort. „Unser Nachbar ist ein extremer Kontrollfreak.“ Um das Gesagte zu unterstreichen, rollte Dean theatralisch mit den Augen. „Ja“, stimmte ich ihm zu, „er hatte mich jedes Mal angeschaut, als wäre ich eine gesuchte Serienmörderin nicht eine ehemalige DNS-Diebin. Und die Polizeiwaffe in seinem Nachttisch spricht natürlich eine eindeutige Sprache. Hätte ich euch alles sagen können, wenn ihr mich brav gefragt hättet.“ Jetzt war es Bitch die ihre Augen verdrehte. „Und das jeden Augenblick eine Armada hier reinstürmt, angeführt von…“

Rüde wurde ich von meinem Schatzi unterbrochen.

„Wie viele Male habe ich dir jetzt schon vorgebetet, dass er in den Ferien ist. Hat er schließlich auch verdient!“

Oh, Mist! Vergessen. Aber ich brachte Dean und mich auch ohne ihn wieder aus dieser Situation heraus. Hatte während meinen Diebestouren schließlich auch immer geklappt.

„Okay, dann eben nicht. Aber ich habe langsam keinen Bock mehr hier zu sitzen. Darum könnt ihr Ocean’s vier für Arme mir sicherlich sagen, was ihr von mir wollt?“

„Ich habe nichts dagegen, die Sache zu beschleunigen“, antwortete Bitch wohlgefällig. „Wie du dir vielleicht denken kannst, haben wir dein Schatzi hier eingepackt, um deine Entscheidungsfindung zu unterstützen.“ Ich ließ meinen Kopf in den Nacken fallen und blieb eine Weile so. Die Löcher im Verputz in der Decke zu zählen war ein spannenderes Unterfangen als Bitch noch eine Sekunde weiter zuzuhören. Außerdem waren die vier mir gegenüber, die sich vollgekotzt und vollgeblutet hatte, im Nachteil. Und das wollte schon was heißen.

Ich brachte meinen Kopf wieder in die aufrechte Position.

„Und was wollt ihr von mir?“

„Wir wollen, dass du mit uns zusammenarbeitest.“

Ich brach in lautes hämisches Gelächter aus. Alle blickten mich verwirrt an. So was hatte ich von Anfang an erwartet. Entweder das, oder dass ich ihnen in einem Einführungskurs erklärte, wie man DNS stahl.

„Und was, wenn ich das nicht will? Wollt ihr Dean vor meinen Augen töten?“, presste ich in einer Pause meines epischen Lachanfalls hervor. Aufs Wort zauberte Barbarella ein Messer hervor und hielt es an die Kehle von Dean.

„Scheiße ihr seid alles keine Mörderinnen! Das hat Dean euch sogar voraus, natürlich ohne das innen.“

Mein Lachanfall steuerte einem neuen irren Hoch entgegen.

„Ich bin kein Mörder“, insistierte Dean und sprach dabei so laut, als wollte er meine wahnsinnige Lache übertönen. „Das war verdammt noch mal Notwehr gewesen.“

Von der einen Sekunde auf die andere wurde ich bitterernst. Ich merkte förmlich, wie die Fröhlichkeit wie eine alte Schlangenhaut von mir abfiel.

„Ihr seid verflucht noch mal nicht das A-Team! Bitch ist nicht Hannibal, Bella ist nicht Face, Barbarella ist nicht B.A. und Barbie ist nicht Murdock! Das ist nicht ein sauteurer Hollywood-Gender-Swap-Rehash! Der übrigens auch in Hollywood nicht funktioniert! Das hier ist die verdammte, scheiß Realität. Hier steht ihr nicht wieder auf, wenn ihr angeschossen werdet. Hier lacht ihr nicht, wenn euch die Fresse poliert wird. Hier kotzt ihr! Ich bin das beste Beispiel dafür!“ Ich schnaufte, als hätte ich gerade einen Marathon hinter mich gebracht und das in einer verschissenen Bleiweste.

„Glaub mir, niemandem ist so sehr bewusst wie uns vieren, wie sehr das die Realität ist“, sprach Barbie.

„Barbarella, wie du sie so schön nennst, wurde von ihrem Mann Krankenhausreif geschlagen… und dass mehrere Male“, erklärte Barbie.

„Bella hier, wurde von ihrem Tutor eine bevorzugte Behandlung versprochen… Gegen sexuelle Gefälligkeiten. Als sie nicht eingewilligt hatte, hatte er versucht, sie anzutatschen. Als sie sich gewehrt hatte, stellten sich der Unirat auf die Seite des Tutors und schmissen sie von der Uni“, sagte Barbarella.

„Barbie war ein Supermodel. Bis sie in den Augen von ein paar Leuten zu alt wurde. Doch sie wollte nicht aufgeben nur weil ein paar Leute sie verurteilten. Sie gründete ihre eigene Misswahl. Miss Grips hatte sie die Veranstaltung genannt. Ich war sogar bei der ersten Austragung mit von der Partie gewesen. Dann wurde alles zu groß und sie hatte sich Unterstützung geholt. Leider die Falsche. Die Miss Grips Wahl gehört jetzt einem berühmten Immobilienmogul“, erklärte Bella.

„Und ich, ich wurde auf offener Straße zusammengeschlagen. Während ich um Hilfe schrie, feuerten vorbeigehende Passanten die Schläger noch weiter an. Wie du hörst, wissen wir ganz genau, wie sich die Realität anfühlt und wir haben genug von dieser Realität. Wir haben genug davon, dass Frauen übergangen, geschlagen, missbraucht und vergewaltigt werden. Wir wollen, dass Frauen das sein können, was sie wollen. Sei es Mechanikerin, Ärztin, Vorstandsvorsitzende oder Krankenschwester. Es ist endlich Zeit, dass Gleichberechtigung nicht nur ein Wahlkampfslogan bleibt. Und deswegen, wollen wir dich. Wir wollen, dass du mit uns zusammenarbeitest. Du warst die erste, du warst die Beste. Die Welt kennt dich nicht umsonst unter dem Namen Alpha“, endete Bitch.

Mein Blut verwandelte sich in flüssigen Beton, der langsam trocknete und mich von innen versteinern ließ. Sie alle waren gebrochene Frauen. Nein, ich musste mich korrigieren. Wir alle waren gebrochene Frauen.

„Wir alle haben uns zusammengeschlossen, weil wir jede spezielle Fähigkeiten haben. Barbie ist eine Meisterin der Tarnung. Sie ist in der Öffentlichkeit beinahe unsichtbar. Barbarella kennt sich in beinahe jeder fernöstlichen Kampfkunst aus, Bella kann gut mit Technik, Mechanik und allem anderem aus, was eine gute Verbindung von Händen und Gehirn benötigt…“

„Tut mir leid, dass ich dich unterbrechen muss. Aber ich kann euch nicht helfen. All diese Fähigkeiten, die du von deinen Mitstreiterinnen aufgezählt hast, habe ich auch. Jahrelang musste ich viele verschiedene Personen sein, damit ich überleben konnte. Ich kann ganz gut kämpfen einfach ohne die Kunst nach dem Kampf und meine Verknüpfung von meinem Gehirn zu meinen Händen funktioniert perfekt. Im Probleme lösen bin ich die Meisterin. Ich würde eure illustre Gruppe auf keinen Fall ergänzen. Ganz im Gegensatz wäre wahrscheinlich ein ganzer Haufen Reibungspotential vorhanden…“

„Jetzt musst du mich entschuldigen, dass ich dich unterbreche. Wir wollen nicht, dass du uns ergänzt, wir wollen, dass du uns anführst. Du bist Alpha, wer sonst sollte das tun?“

Wie konnte man bloß so ignorant sein und eine Schwerstkriminelle als Anführerin aussuchen.

„Es tut mir leid Ladys, dass ich euch enttäuschen muss, aber diese Alpha hier ist Einzelgängerin. Fragt Dean hier. Selbst er kriegt mich nur alle paar Schaltjahre zu sehen.“

Dean nickte eifrig.

„Wie recht du hast. Wäre wieder einmal Zeit für einen romantischen Ausflug Liebling“, untermauerte er sofort sein Nicken.

„Aber Schatz. Wir wissen doch beide, dass das Sehnen nacheinander auch etwas Tolles ist. So wird die Beziehung nie langweilig“, flötete ich.

Dean tat so, als müsste er angestrengt überlegen. Doch ich durchschaute sein Schauspiel sofort. Dean war nämlich nicht der Beste darin.

„Ganz ehrlich Schatz, betrachten wir die aktuelle Situation, ist mit dir das Leben sowieso nicht langweilig. Da braucht es gar kein Sehnen nacheinander.“

Ich warf Dean einen Kussmund zu.

„Schatzilein…“

Doch ich konnte meine Liebesschwüre nicht mehr aussprechen. Bitch unterbrach mich. „Jetzt hört endlich auf!“, schrie sie zornig. „Kommen wir auf den Punkt, damit wir das hier endlich auflösen können!“

„Gute Idee!“, schrie ich zurück. Ich wollte endlich duschen, und dann mindestens vierundzwanzig Stunden nackt in meinem Bett schlafen, während mein allerliebster Dean mir von hinten den Rücken wärmte. „Erklärt mir endlich, was ihr mit eurer illustren Vereinigung überhaupt bewirken wollt. Pinke Pussymützen stricken und das Internet mit dem Hashtag manaretrash überschwemmen?“

Alle schüttelten unisono den Kopf. „Wir wollen Gleichberechtigung für alle Frauen. Wir wollen, dass diejenigen die darauf spucken, bestraft werden. Und wir wollen, dass du uns anführst und zeigst, wie wir das am besten anstellen.“

Meine dunkelbraunen Augenbrauen verschwanden fühlbar in meinem aktuell schwarzen Haar.

„Ihr wollt, dass ich euch zeige, wie ihr kriminelle Selbstjustizlerinnen werdet? Wie ihr Leben zerstört? Wie ihr ein unaufhaltsames Dominospiel lostretet?“ Alle vier nickten bei der ersten Frage euphorisch. Doch nach jeder Frage nickten sie weniger enthusiastisch.

„Zuallererst zerstört ihr eure eigene Seele. Es lässt sie zu einem schwarzen teerigen Klumpen verkümmern. Und das lässt sich nicht wieder rückgängig machen. Verkrüppelt bleibt verkrüppelt. Ganz egal ob es einem höheren Zweck dient, oder nicht. Ihr könnt von Glück reden, wenn dann noch jemand da ist, der euch liebt.“ Ich selber konnte vom ganz großen Glück reden. Ich hatte Dean und den Typen der leider in den Ferien war und eigentlich dazu abbestellt war, mich davor zu bewahren, wieder in kriminellen Machenschaften zu versumpfen. Eigentlich hätte er mich mitnehmen sollen. Das hätte Dean aber nicht gerne gesehen. Und wer wollte schon vierundzwanzig Stunden am Tag den Babysitter spielen. Er und Dean hatten schließlich genug mit mir zu tun und wechselten sich regelmäßig ab, wenn beide da waren.

„Tu das nicht!“

Deans braunes linkes Auge und sein rechtes grünes Auge schauten mich wissend an. Wenn Dean wollte, konnte er meine Gedanken lesen. Und das war in gewissen Situationen, wie zum Beispiel im Bett, eine hervorragende Eigenschaft. Aber jetzt gerade, konnte ich sie nicht gebrauchen. Ich wollte nachdenken und die vier barmherzigen Schwestern vor mir, davon abbringen, was sie tun wollten. Auch wenn es mir noch nicht ganz vollkommen erschloss.

Aber Dean schien schon zu wissen, wohin sich meine Gedanken bewegten, obwohl ich diesen Gordischen Knoten in meinem Kopf selber noch nicht vollständig gelöst hatte. Vielleicht sollte ich es einfach wie Alexander, der Große machen, und mit dem Schwert draufhauen. Oder, je nach Version der Legende, den Splinten aus der Deichsel ziehen.

„Was soll ich nicht tun?“, fragte ich unschuldig, aber gleichzeitig provozierend.

„Dich in eine kriminelle Vereinigung reinziehen lassen!“

„Oh, die sind doch noch gar nicht richtig kriminell. Die werden es erst, wenn ich ihnen beitrete.“

„Das heißt…“, fing Bitch hoffnungsvoll an.

„Das heißt noch gar nichts Bitch, das heißt jetzt erst einmal, dass ich euch eine Minute gebe um alles zu erklären. Bin ich nach dieser Erklärung nicht zufrieden, bin ich raus. Bin ich jedoch zufrieden…“ Ich ließ das Ende offen. Jeder konnte für sich das bevorzugte Wort einfügen. Für mich hieß es schlichtweg, wieder einmal All-In zu gehen. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass ich alles riskieren würde.

„Okay, eigentlich ist alles einfach erklärt. Bella hat eine Leaksplattform entwickelt, wo besorgte Bürgerinnen allfällige Ungerechtigkeiten melden können. Wir gehen dem dann nach. Dazu arbeitet sie an einer künstlichen Intelligenz, die Verbrechen voraussieht. So können wir Handeln noch bevor etwas passiert. Wir bestrafen dann die, die es verdient haben.“

Ich grinste teuflisch. Langsam merkte ich, wie die alte Boshaftigkeit in mir sich von ihrem dünnen Rauchschwaden erhob, zu dem sie einstmals zusammengeschrumpft war und sich zu etwas großem und festen materialisierte. Alte Rachegelüste stiegen aus ihren Gräbern, um sich der Boshaftigkeit in mir zur Seite zu stellen.

„Das gibt es schon. Nennt sich Darknet“, zerschlug ich mit einem Satz all ihre Motivationen und ihren Erfindergeist. Dachte ich zumindest. „Können wir beides auch auf das Darknet anwenden. Wenn du es für besser hältst“, sagte Bella sofort.

„Natürlich halte ich das für besser. Für alle die der Dunkelheit im echten Leben ins Auge gesehen haben, ist das Darknet ein zweites zu Hause. Da findest du mehrere Lösungen für deine Probleme, wo das echte Leben sonst nur eine Lösung bereithält und die trägt den Namen Polizei. Auch wenn diese Lösung nicht immer perfekt funktioniert“, erklärte ich.

„Ich sage ihm alles“, drohte Dean mir. Doch er selber sollte eigentlich wissen, dass man mit Drohungen bei mir nicht sehr weit kam. Vielmehr bewirkte man meistens das Gegenteil.

„Ich habe kein Problem damit. Wenn du es nicht tust, dann macht es irgendein anonymer Geheimdienstagent, der seine Informationen von irgendeinem Satelliten hat, dessen gesammelte Bits und Bytes an gesammelten Informationen zuerst einmal über alle Server der Welt gelaufen sind. Und nun zu euch.“ Ich drehte mich zu den vier Frauen, die mir im Laufe unseres Gesprächs doch schon ein wenig an mein Herz gewachsen sind.

„Ich mache mit. Aber ich habe drei Bedingungen.“ Bitch wedelte mit ihren Händen. Mach, sprich weiter, sagte mir mit ihrer Gestik.

„Erstens: Ihr nennt mich nicht mehr Alpha. Alpha ists tot und ihr Platz wurde schon lange von anderen übernommen. Denkt euch irgendetwas anderes aus…“

„Wie wäre es mit Amazonia, das war eine Gladiatorin…“

„Bella!“, mahnte Bitch. Doch der Name klang so verschroben und alt, dass ich ihn schon wieder cool fand. „Ich komm klar auf den Namen, solange euch oder mir nichts Besseres einfällt. Zweitens…“ Bella lächelte triumphierend Bitch zu als ich mich zu ihrem Namensvorschlag bekannte.

„Zweitens macht ihr aus der Gleichberechtigung für Frauen eine Gleichberechtigung für alle. Ich habe die Erfahrungen gemacht, dass wenn man jemanden ausschliesst, man nicht mit seinem Wohlwollen rechnen kann. Und was macht ihr, zum Beispiel, wenn ein männlicher Frauenrechtler entführt wird? Beharrt ihr weiterhin darauf, nur Frauen in ihrem Unglück zu helfen? Drittens…“, ich machte eine unheilschwangere Pause.

Dean spannte sich sichtlich an, als wolle er sich nur mithilfe seiner Muskelkraft auf den Mond katapultieren. Seine Gedankenleserfähigkeiten schienen für den Moment total zu versagen.

„Drittens will ich, dass wir mit der Regierung zusammenarbeiten.“ Dean sackte zu einem weichen, labbrigen, knochenlosen Ding zusammen. Er hatte mit dem Schlimmsten gerechnet. Mit einem Rückfall von mir in die Kriminalität. Doch dahin wollte ich nie mehr. Ich wollte das Beste aus dem Bösen ziehen und es zu meinem Handwerkszeug machen. Denn auch das Gute war durchsetzt von schwarzer Boshaftigkeit, wie ich es schon zu oft an meinem eigenen Leibe hatte spüren müssen. Und warum sollte man nicht das Böse im Guten, mit dem Guten vom Bösen bekämpfen? Klang verschwurbelt, ich weiß, aber durchweg plausibel. Eine heftige Protestdiskussion brandete zwischen den vier Weibern auf.

Ich ließ sie diskutierten, denn wenn sie mich wollten, mussten sie auf meine Bedingungen eingehen. Ohne Wenn und Aber.

Die Diskussionen verstummten, dann drehten sich alle vier unisono wieder zu mir herum.

„Gut, wir machen es“, sagte Bitch und kam auf mich zu um mich endlich loszubinden. Mit einem lauten Klatsch fielen die Hanfseile zu Boden. Ich stand auf und streckte mich.

„Jetzt müssen wir nur noch einen coolen Namen für unsere Vereinigung finden“, sagte ich.

„Wir können uns mit der Namensfindung doch noch ein wenig Zeit lassen“, schlug Bitch vor.

Wir alle nickten zustimmend. Wir brauchten einen Namen, der einschlug wie eine Bombe, und der brauchte nun Mal einfach eine gewisse Bedenkzeit. Wir verließen das schäbige Zimmer und betraten einen genauso schäbigen Flur.

„Schatzi! Du hast was vergessen!“, brüllte Dean plötzlich. Ich zuckte zusammen und eilte pflichtschuldig zurück, um Dean von seinen Hanfseilen zu lösen.

Sobald er sich ebenfalls gestreckt hatte, schlang ich meine Arme um seine Hüfte und legte meinen Kopf in den Nacken. „Ich würde dich doch nie vergessen Dean.“ Ein sanftes Lächeln ließ meine Lippen kräuseln. Sein Kopf senkte sich langsam, dann presste er seine Lippen auf meine und schlang seine Arme um meinen Körper. Glücklich ließ ich mein ganzes Gewicht hineinfallen und schwand unter seinen Lippen zu einem Häufchen nichts zusammen.

„Danke das du es mit mir aushältst“, flüsterte ich, als er sich wieder von mir löste. Er strich zart über meine schwarz gefärbten Haare. „Wie heißt es doch so schön, in guten wie in schlechten Zeiten…“

Er leckte sich verführerisch über die Lippen, was Lust auf einen weiteren Kuss machte. „… und das sind eindeutig schlechte Zeiten. Du schmeckst nach Kotze und Blut. Zeit um nach Hause zu gehen, die Zähne zu putzen und zu duschen.“

Ich löste mich von ihm, um in den Angriff über zu gehen. Spielerisch kniff ich ihn in den Rippenbogen.

„He!“, empörte er sich und rieb sich übertrieben die betroffene Stelle.

„Aber nur wenn du mit unter die Dusche kommst“, schlug ich vor. Er zauberte sein Grinsen hervor, in das ich mich damals sofort verliebt hatte. „Aber immer doch“, sagte er und legte seinen Arm um meine Schulter. Gemeinsam folgten wir dem Weg, der die vier Amazonen vorhin eingeschlagen hatten und traten durch eine weitere Tür blinzelnd ins strahlende Tageslicht.


Jedes Süße hat sein Bitteres, jedes Bittere sein Süßes, jedes Böse sein Gutes.

Ralph Waldo Emerson