Der Tod kann warten

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Summary

Evilyn denkt mit ihren jungen dreiundzwanzig Jahren nicht ans Sterben. Wieso auch? Doch dann trifft genau das ein, was man nicht erwartet. Ihre Seele wird von einem Engel ins Purgatorium begleitet. Schnell merkt sie, das dort keine heiligen Sünder ihren Weg ins Himmelreich beschreiten. Sondern Korruption und vor allem Langeweile herrschen. Denn die Mühlen der himmlischen und teuflischen Gesetze mahlen noch langsamer als auf der Erde. Während sie mit Alexander dem Großen über seinen Feldzug streitet, klopft ihr ein hilfsbereiter Dämon auf die Schulter und zeigt ihr einen Ausweg aus dieser Misere. Die Gelegenheit ist günstig und sechshundertsechzehn Seelen ergreifen die Gelegenheit, mit Evilyn abzuhauen. Doch die erkämpfte Freiheit ist kleiner als ein Mückenschiss. Im Gegensatz zu den anderen Seelen wird Evilyn geschnappt, noch ehe sie ihren zweiten Fuß in die Freiheit stellen kann. Sie wird vor Gericht gestellt und dazu verdonnert, mit einem gewissen Mortecai die flüchtigen Seelen wieder einzufangen.

Status
Complete
Chapters
13
Rating
5.0 2 reviews
Age Rating
18+

Feuer, Federn und Tomaten

Mit dreiundzwanzig dachte man noch nicht oft an den Tod und wenn, dann eher im unterhaltsamen Sinne. War der Leichenfundort im Krimi realistisch? Spritze das Blut im Zombiefilm möglichst kunstvoll über den Bildschirm? Schieden Romeo und Julia der Neuzeit in ihrer Liebesgeschichte möglichst dramatisch dah

Und dann waren natürlich auch ab und an, wenn auch höchst selten die Gedanken an die eigene Vergänglichkeit da.

„Ich will den geilsten Orgasmus meines Lebens haben und dann mittendrin einfach einen Herzkasper kriegen“, hatte ein Typ mir mal ins Ohr gegrölt, während ich an der Bar auf mein Bier gewartet hatte. Er hatte wohl gedacht, dass es eine fantasievolle Anmache gewesen wäre, doch ich hatte ihn damals einfach ignoriert. Aber er hatte mich in dieser Nacht dazu gebracht, über meinen eigenen Tod nachzudenken, anstatt zu schlafen. Ich war mit mir selber übereingekommen, dass es wohl das Schönste wäre, einfach nur einzuschlafen, und dann war ich tatsächlich eingeschlafen.

Auch wenn es nur für eine kurze Zeit gewesen war und nicht für die Ewigkeit. Was mir der lärmende Wecker zu erklären probierte, während ich ihn mit trockenen offenen Augen nieder starrte und versuchte, nachzuvollziehen wie viele Stunden Schlaf ich nun zusammengekriegt hatte. Doch ich konnte es nicht nachvollziehen, weil ein lautes, erbostes Klopfen von unten, meine komplizierten Berechnungen unterbrach und mich daran erinnerte, das lärmende Stück Mechanik auf meinem Nachttisch abzustellen. Mit müden Gliedern uns schmerzenden Gelenken schaffte ich mich ins Bad. Ohne mich im Spiegel zu betrachten, wusch ich mir das Gesicht, putzte mir die Zähne, kämmte mir die Haare und verwurstelte sie zu einem Dutt. Was das Kämmen von vorhin schon wieder sinnlos machte.

Genauso gedankenlos zog ich mein Pyjama aus und Unterwäsche, schwarzes T-Shirt und Bluejeans wieder an, lief hinaus in den Flur, schnappte mir dort vom Haken eine schwarze Sweatjacke, in der sich meine Geldbörse und mein Handy befanden und von einem weiteren Haken meine Schlüssel.

Vor meiner Wohnungstüre wartete ich kurz und lauschte nach draußen ins Treppenhaus, ob niemand die Treppen rauf oder runter eilte. Ich hasste unnötige Konversation, vor allem am Morgen. Da reichte schon ein: „Morgen.“ Um mich zu foltern. Als ich nichts hörte, ging ich nach draußen und schloss ab. Der Weg, den ich nun beschritt, sah ich nicht, noch nahm ich ihn wahr. Es war alles ein Automatismus, der weder mich, noch meine Mitmenschen gefährdete. Es war schlichtweg wie Atmen. Ich tat es, ohne groß zu überlegen. Erst als ich den Foodtruck sah, für dessen Unternehmen ich arbeitete, erwachte ich langsam. Bei so einem bekloppten Foodtruck, der eigentlich aussah wie ein riesiger Burger auf zwei Rädern mit Glupschaugen, konnte man auch gar nicht mehr schläfrig bleiben. Das aufgeregte Design wirkte besser als zehn Tassen Kaffee.

Ich ging zum Heck des Wagens, und schloss ihn auf. Auf jeder sich bietenden Ablagefläche standen Berge von Gemüse, Früchten und Brötchen herum. Die ein Mitarbeiter der Firma in seiner Nachtschicht mir hier hinterlassen hatte und einem weiteren Dutzend Foodtrucks in der ganzen restlichen Stadt verteilt.

Für mich hieß das, erst einmal zwei Stunden schnippeln und vorbereiten. Bevor all die Bürohengste und Bürostuten ihre Büros verliessen und meinen lächerlichen Foodtruck überfielen.

Als Erstes räumte ich alles weg bis auf die Tomaten. Ich machte das Netz auf und beobachtete, wie sie auf die Edelstahlplatte kullerten. Währenddessen griff ich nach vorne und zog ein Messer aus dem Block. Die Tomaten kullerten weiter und weiter und weiter. Sie hinterliessen erst rote, dann orange Striche hinter sich. Ehe sie vor meinen Augen zerschmolzen und sich auf dem ganzen Tisch als glühende Lava verteilten. Ein Rauschen drang aus dem Nichts an meine Ohren. Durchbrochen von einem Knacken und Knistern, dann verwehte ein flattriger Windhauch meinen verwurstelten Dutt. Ich kniff die Augen für einen Moment zu. Ein Reflex, der meinen Gehirn die Möglichkeit geben sollte, all die verschlafenen, merkwürdigen Einbildungen in normale begreifbare Begebenheiten zu verwandeln.

Doch als ich die Augen wieder aufschlug, stand ich vor meinem Foodtruck. Der wie Zunder brannte. Umringt von einem Pulk Menschen. Die natürlich mit ihrem Handy filmten, um der nächste große Shit auf Instagram und TikTok zu werden. Ich griff in die Tasche meiner Sweatjacke nach meinem Handy, damit wenigstens ich den Notruf wählen konnte. Falls es einer aus der Gruppe nicht getan hatte.

Doch in meiner Tasche war kein Handy mehr. Ich wiederholte die Gestik und schaute diesmal zu, wie meine rechte Hand in die Tasche griff, jedoch vorne sofort wieder zur Jacke herauskam. Ich blickte die Hand an, die wie angenäht vorne an der Jacke erschien und wackelte mit den Fingern, dann zog ich sie wieder zurück, führte sie vor mein Gesicht und wackelte wieder mit den Fingern. Es sah alles normal aus. Doch als ich mit der Linken die Rechte umschließen wollte, schoss sie durch die Handfläche hindurch. Ein eiskaltes Kribbeln schoss von meinem Nacken die Wirbelsäule hinunter.

In welchem verdammten Horrorfilm bin ich den gelandet? Doch noch ehe ich dieser Eingebung richtig nachgehen konnte, schoss mein Gehirn mit einer mir sehr sinnvoll erscheinenden Frage dazwischen.

„Wie bist du da überhaupt rausgekommen?“

Ich schaute ein erneutes Mal auf meine Hände und versuchte sie ganz, ganz, ganz langsam zusammen zu bringen und ineinander zu verschränken.

„Wenn ich du wäre, würde ich das lassen. Bringt eh nichts.“

Ich zuckte zusammen. Gleichzeitig blickte ich nach links und erblickte einen hochgeschossenen, blondhaarigen, weißhäutigen, bärtigen Hipster-Yogi. In weiter beiger Leinenkleidung und barfuß. Wahrscheinlich musste er die Erde spüren oder in unserem Fall den Asphalt, auf dem er ging, damit er in der gleichen Energie, wie seine Umgebung schwingen konnte.

„Warum?“, fragte ich bedröppelt.

„Weil dein Leben eine neue Stufe erreicht hat.“

„Was für eine Stufe?“

Der Hipster-Yogi blickte mich gütig an. So wie es Jesus von seinen Millionen von Devotionalien mit seinen Gläubigen tat.

„Herzlichen Glückwunsch, du hast die Stufe des Todes erreicht.“

Zack! Bumm! Vorschlaghammer mitten in die Fresse. Und dann sagte er auch noch, herzlichen Glückwunsch.

„Weißt du überhaupt, was ein Herz ist?“, fragte ich ihn zänkisch. Er verlor von seiner Güte im Blick so überhaupt mal gar nichts und antwortete höflich: „Nein, aber wir werden von unseren Ausbildern darauf hingewiesen, Menschlichkeit zu zeigen und darzustellen und in euren Worten zu reden. Das mache euch den Übergang leichter.“

Ich hatte tausend Fragen und bösartige Entgegnungen parat. Die fingen von recht höllischen Flüchen an, gingen über maßlose Neugier, bis hin zu himmlisch unschuldigen Fragen. Stattdessen sagte ich einfach: „Sag deinen Ausbildern, dass diese Farce nicht okay ist. Mir ist lieber, ich sehe gleich, dass ich es mit einem Engel oder Dämonen zu tun habe, anstatt einer etwas überzogenen menschlichen Kopie.“

„Du willst uns nicht in unserer wahren Gestalt sehen.“

„Doch will ich“, sagte ich sofort.

„Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt“, versuchte er mich noch einmal von meinem Wunsch abzubringen. Wuchs aber gleichzeitig in die Höhe, sodass ich meinen Kopf in den Nacken legen musste. Erst als er mit den Haaren die Wolken berührt hätte, wenn den welche da gewesen wären, hörte er auf. Sein Gesicht konnte ich schon lange nicht mehr sehen. Wenn denn da noch so was wie ein Gesicht gewesen wäre! Da oben leuchteten zwei Sonnen in die Ferne. Und obwohl ich schon Tod war, beschirmte ich meine Augen. Weil mich die Angst beschlich, erblinden zu können. Doch das war noch nicht alles! An seinem ganzen Körper begannen graue Federn zu sprießen und Flügel zu wachsen, bis er nur noch ein gefiedertes Etwas war.

Er blickte zu mir runter. Sodass ich mitten im Scheinwerferlicht seiner Augen stand. Und ich konnte mich nicht meinen Gefühlen erwehren, die mich glaubend machen wollten, dass ich gerade ein zweites Mal in Feuer aufging. „Hast du genug?“ Seine Stimme war so laut, dass ich mir die Ohren zuhielt. Gleichzeitig donnernd, was alle Gebäude ringsherum schwanken und der Boden erbeben ließ.

Die Menschen, die mir gerade beim Verbrennen zuschauten, beeindruckte das Schauspiel wenig. Vielmehr schienen sie es gar nicht mitzubekommen. Noch immer hielten sie mit ihren Handys auf den Feuerball. Wann kam eigentlich die Feuerwehr?

Ich blickte zurück nach oben. So gut es in meiner kauernden Position möglich war und nickte langsam, zweifelnd, ob er meine Mimik so weit oben erkennen konnte.

Doch der Berg Federn wurde tatsächlich kleiner. Die Federn selber fielen von ihm ab wie Herbstlaub und zerfielen noch während ihres Fluges zu kleinstem unsichtbaren Staub. Dann stand der Hipster-Yogi wieder vor mir.

„Ich hätte mit Schrecklicherem gerechnet.“, gestand ich frei heraus. „Ein bösartiger Clown zum Beispiel. Aber ein turmhoher Berg von Federn ist nicht gerade beeindruckend, noch furchteinflößend.“

Er verlor sein seliges Lächeln. Das Lächeln, das seine Lippen jetzt zur Schau stellten, war angespannt.

„Ich bin hier nur der Bote“, sagte er zischend. „Ich öffne nur die Türe.“

„Was für eine Türe?“

Er klopfte gegen das Nichts. Es klopfte ja nicht einmal. Er machte einfach eine Faust und tat so, als wäre da eine Türe, die nur er sehen konnte. Doch nur ein Blinzeln später hörte ich ein Klopfen. Ein weiteres Blinzeln später war da eine Holztüre. Alt. Wurmstichig. Von der Sonne ausgebleicht. Mit einer rostigen Türklinke, die in ihrer Halterung klapperte, als er sie herunter drückte. Er stieß die Türe auf. Ließ jedoch die Klinke nicht los. Schritt nur ein wenig zur Seite, lehnte mit seinem Rücken am Türblatt. Machte so Platz, während er mich auffordern anblickte. Das Lächeln, das jetzt seine Lippen verunstaltete, war teuflisch.

„Willkommen im Purgatorium.“ Wie er es sagte, verführerisch und gleichzeitig drohend. Ja schadenfreudig. Es ließ meinen ganzen Körper schaudern. Hinter mir erklangen endlich die Signalhörner, die das noch löschen würden, was von mir übrig war. Es interessierte mich nicht mehr. Trotz Vorahnungen, und zwar der üblen Sorte, lief ich auf die offene Türe zu. Ich machte genau das, was ich den fiktiven Protagonisten in jedem Horrorfilm vorwarf. Ich ging auf die Gefahr zu, statt schreiend davonzulaufen. Die Neugier stach mich brutal. So wie sie es eben genau dann am meisten tat, wenn sie es gerade nicht sollte.

Zögernd schritt ich über die Schwelle, merkte, wie mich der Yogi das letzte Stückchen sanft, aber bestimmt weiterschob. Ich hörte, wie die Türe geschlossen wurde. Ein Geräusch, das noch lange in mir widerhallte, obwohl es nicht laut gewesen war. Das Geräusch hatte was Endliches an sich. Gleichzeitig etwas Unendliches. Es war zu schwierig zu erklären.

Ich stand im Schatten, konnte aber schon einiges erkennen. Riesige Säulen standen im Raum verteilt. Obwohl sie von meinem Standpunkt her alle gleich aussahen, sah ich an den zweien, die mir am nächsten waren, dass jeder der beiden Säulen verschiedene Dinge eingeritzt waren. Noch ehe ich mir sie genauer anschauen konnte, schob mich Hipster-Yogi weiter in den Raum, der so groß war, dass man die Wände ringsherum gar nicht erkennen konnte. Die ersten Menschen kreuzten meinen Weg. Oder sollte ich sagen, die ersten Seelen?

Frauen. Männer. Kinder. Tiere.

Je weiter mich Yogi schob, desto schwerer wurde das durchkommen, desto mehr Menschen und Tiere kreuzten meinen Weg. Ich blickte mich um, schaute die Menschen an, die da in Kleidung um mich herumwanderten, die einmal die gesamte Geschichte der Mode abbildeten. Da war ein Mann, seine Haut dreckig und die pikanten Stellen nur mit Fell bedeckt. Rechts von mir stand eine Frau, deren Rock an der Hüfte so weit voneinanderging, das die, die ihr ausweichen mussten, sie empört anblickten. Ein schlechtes Gefühl beschlich mich, dieses komische Ding, das einem im Nacken sass und nur Übles mit dir vorhatte. Ich machte einen Schritt weiter, weil Yogi mich drängte. Ein empörtes Zischen erklang, was mich zu Boden blicken ließ. Da sass eine Spinne, so groß wie ein Bobbycar. Bäh! Das schlechte Gefühl erwuchs sich zu einem Schaudern, das alle meine Knochen und Muskeln befiel. Doch ich konnte mich nicht darin ergehen. Ich wurde von zwei Männern abgelenkt.

„Nathanael du alte Socke! Hast wieder jemanden abgegriffen?“

„Was den sonst Zeke, was den sonst!“ Hipster-Yogi schlug mit Anzugsheini vor mir die Fäuste zusammen.

Soll ein Mensch dieses patriarchale Getue verstehen.

„Pass auf die auf. Sie ist noch nicht lange tot“, sagte Hipster-Yogi hinter mir. „Ich jag dann mal weiter.“ Und endlich verschwand die vorwärtsdrückende und schiebende Präsenz hinter mir, was mich laut und tief durchatmen ließ.

„Ich weiß Kleine, ich weiß“, sagte Anzugsheini Zeke. „Euer Leben ist nicht leicht. Aber es wird dir im Nachklang wie eine Party mit Einhörnern, Alpakas, Strippern, Schokolade und Zuckerwatte vorkommen.“ Ich merkte, wie ich errötete. Woher wusste dieser Typ über meine Vorlieben Bescheid?

„Aber wenn ich dich wäre, würde ich mich flugs einreihen, denn dann geht die Sache ein bisschen schneller vonstatten.“ Er zeigte auf ein Kind, das einen riesigen Teddybären hinter sich her schleifte. Ich stellte mich hinter den Teddy und wurde mir erst jetzt der langen Schlange bewusst, die sich durch diesen unendlichen Raum zog. In der Mitte dieses Gewusels stand ein einzelner Schalter, der mit zwei Menschen besetzt war. Von meinem Standpunkt aus, hatte dieser Schalter die Größe eines Stecknadelkopfes. Über dem Schalter jedoch, stand groß, leuchtend und für alle sichtbar: Purgatorium.

Und darunter in schönster Kursivschrift:

Gebt alle Hoffnung auf, die ihr hier eintretet.