Kapitel 1
„Aber Odins eigenen Mannen gingen ohne Brünnen*, und sie waren wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen ihre Schilder und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Menschenvolk, und weder Feuer noch Stahl konnte ihnen etwas anhaben. Man nannte dies Berserkergang.“
Aus Heimskringla, Yinglinga Saga Kap. 6 von Snorri Sturluson
Die Männer trieben die Frauen vorwärts. Dabei gingen sie nicht zimperlich mit ihnen um, sondern trieben ihre derben Scherze mit ihnen und stießen sie mit den Stielen ihrer Streitäxte an, wenn die Frauen ihrer Meinung nach nicht schnell genug über den matschigen Boden liefen. Tarja unterließ es, sie anzuschauen, denn sie waren gefährlich. Zumindest waren sie gefährlicher und brutaler als die Männer in diesem Dorf.
Der Überfall auf das Gut dauerte nicht lange, was Tarja nicht wunderte. Die Männer dieses Gutes waren faul geworden, so wie es ihr Anführer ihnen vorlebte. Zu sicher hatten sie sich gefühlt und das wurde nun von einem Nordmann ausgenutzt. Sie war mit den Kindern und anderen Frauen geflohen, doch bald waren sie aufgespürt worden und nun trieb man sie wie Vieh wieder zurück.
Sie hörte die ersten Frauen kreischen, als sie die Leichen der Männer sahen, die man am Zaun zur Schande aufreihte. Alle hatten sie wohl nicht mit Ehre gekämpft, denn die Körper waren verstümmelt worden, dass man ihnen bestimmt keinen Platz in Walhalla anbieten würde. Ihre Ahnen schämten sich bestimmt jetzt schon ihrer. Es stank nach Blut und nach den letzten Hinterlassenschaften. An den Beinkleidern erkannte man, dass sie die Därme in Angst entleerten.
Auri, eine der unzähligen Geliebten ihres Ehemannes, fing gellend an zu schreien und warf sich in den Matsch. Der Boden war nicht nur vom Regen aufgeweicht und Tarja verzog angeekelt ihr Gesicht, als Auri die Mischung aus Erde, Wasser und Blut in ihrem Gesicht verteilte und dabei heulte, als ob Olaf ihr Mann gewesen sei.
Tarja hob ihr Gesicht zum Leichnam, den sie eigentlich betrauern sollte, doch sie spürte nichts dergleichen. Die Ehe mit Olaf war lieblos gewesen und sie war froh, dass es bei der einen Nacht geblieben war, in der er sie besteigen musste, um alles in geregelten Bahnen zu leiten. Die Jahre, die sie nun hier auf dem Gut verbrachte, hatten nicht einmal dazu ausgereicht, sich heimisch zu fühlen oder ihren Mann auch nur zu mögen.
Auri heulte noch lauter. Tarja bemerkte, wie die Männer wegen ihrem Gejammer zornig wurden. Einer der Kerle, ein bulliger Mann mit buschigen Bart, kam schon auf sie zu und seine Miene versprach nichts Gutes.
„Sei still!“, zischte Tarja. „Du hast nicht das Recht so um Olaf zu trauern.“
Die Boshaftigkeit ihrer Nebenbuhlerin kam einen kurzen Moment zum Vorschein.
„Immerhin habe ich ihn geliebt. Wo ist deine Trauer?“
Wieder schmierte sie sich den Dreck ins Gesicht und jammerte lautstark. Tarja konnte sich noch schnell genug bücken, um der riesigen Hand auszuweichen, die Auri gerade mitten ins Gesicht schlug.
„Halt’s Maul oder ich werfe dich den niederen Kriegern vor, damit sie dir mal zeigen, was ein richtiger Mann imstande ist zu tun. Diese Kerle waren ja keine Zierde ihres Geschlechts und selbst unsere niedrigsten Bauern konnten sie mit Leichtigkeit besiegen. Alle waren Schwächlinge, die nach ihrer Mutter riefen, obwohl wir noch nicht einmal einen Fuß auf euer Land setzten.“
Tarja kniff die Augen zusammen und unterdrückte ein Lachen, denn sie konnte es sich wirklich bildlich vorstellen, wie die Männer hier herum rannten, wie ein Haufen aufgescheuchter Hühner. Zu lange hatten feindliche Boote dieses Gut übersehen und der Müßiggang dieser Männer war tatsächlich eine Schande.
Zu spät merkte sie, wie die Frauen weiter gingen, und der Kerl stieß ihr das Heft seines Schwertes in die Seite.
Es schmerzte, doch Tarja gab keinen Laut von sich, noch wagte sie, den Kerl böse an zu funkeln. Stattdessen hob sie den Kopf und ging weiter, als ob nichts geschehen wäre. Dabei hörte sie das anerkennende Brummen des Mannes. Offenbar war er beeindruckt und Tarja fragte sich, ob er der Anführer dieser Krieger war, die das Gut mit so einer Leichtigkeit überfallen konnten.
Alle Streiter, egal ob sie vom niederen Stand oder edlem Geblüts waren, trugen gut verarbeitete Kleidung, obwohl man im Moment nicht viel davon erkennen konnte. Die Kettenhemden und die Harnische aus Leder verbargen beinahe alles, was die Männer darunter trugen. Nur bei bestimmten Bewegungen konnte man das feine Leinen der Tuniken sehen.
Sie kamen vor dem Langhaus an, dass noch völlig unangetastet schien. Nur die Leichen einiger Frauen, die nicht mit den Kindern geflohen waren, lagen vor dem Tor und nun entwich sogar Tarja ein Laut der Trauer. Isa, die erste Frau von Olaf, lag mit weit aufgerissenen Augen mitten im Schlamm. Tarja ließ einen Blick über die Frau gleiten, doch die Wunde rührte nicht von einer Schändung her. Sie dankte den Göttern, denn obwohl sie Isa als zweite Frau vor die Nase gesetzt wurde, hatte die Ältere immer ein nettes Wort für Tarja gehabt und sie respektiert. Im Gegensatz zu Lenja, Olafs dritte Frau und eben Auri, die Geliebte.
Schnell blickte sie zu den anderen Frauen, die tot vor der großen Halle lagen. Es waren vor allem Männer und Frauen mit Gebrechen, die dort lagen. Warum diese gegnerischen Männer Isa umbrachten, konnte sich Tarja beim besten Willen nicht erklären.
Sie wurden weiter in das Langhaus getrieben und blieben vor der großen Feuerstelle stehen, die bisher immer der Mittelpunkt der Festlichkeiten gewesen war, doch nun nur noch vor sich hin glühte.
„Alle in einer Reihe aufstellen.“, befahl der große Kerl, doch er blieb nicht bei ihnen stehen, sondern zog sich nach hinten in den Schlafbereich des Jarls zurück.
Andere Männer liefen durch die Reihen und zogen eine Frau nach der anderen heraus, um sie auf einen anderen Platz zu verteilen. Auch die Kinder wurden den Müttern entrissen, wenn sie schon größer waren. Die Kleinen blieben bei den Müttern, die aber gesondert Aufstellung nehmen mussten. Wieder hörte man Schreie, Jammern und Wehklagen. Tarja wurde klar, dass man sie für den Sklavenmarkt sortierte. Während Auri neben ihr wieder vor sich hin wimmerte, blieb sie mit erhobenem Haupt stehen, schluckte allerdings hart.
Sie hatte Angst, aber dass würde sie bestimmt nicht zeigen. Nicht vor den Fremden, noch auf dem Sklavenmarkt, wenn sie dort lebend ankommen sollte.
Ein gedrungener Mann mit einer wallenden, roten Mähne stellte sich vor Auri und umfasste ihren Oberarm. Er schnaubte und presste seine Finger hart in ihr Gesicht, bis sie ihren Mund öffnete, damit er ihre Zähne begutachten konnte. Erneut schnaubte er und rief einem jungen Krieger das Wort „Hure“ zu. Dieser schnappte sich Auri und stellte sie zu anderen Frauen, die alle schön waren, aber nicht zu arbeiten wussten. Dass der Kerl Auri auch als Hure bezeichnete, brachte Tarja wieder zum Grinsen, denn nichts anderes war dieses faule Miststück, das sich zu sehr auf Olafs Wohlgefallen verlassen hatte. Sie senkte den Kopf, damit man ihren Hohn nicht sah.
Nun stellte er sich vor sie und packte ihren Oberarm. Zufrieden nickte er, doch bevor er ihr den Mund gewaltsam mit seinen Fingern aufstemmte, öffnete sie ihn lieber freiwillig. Er lächelte sie an und zwinkerte ihr zu.
Gerade, als er sie zu einer Gruppe schicken wollte, hörte man eine dunkle, herrische Stille und einen Moment schienen alles innezuhalten.
„Sie nicht, Rorik. Ich will mir die Frau selbst ansehen, von der Birger so begeistert ist.“
Der Rothaarige, der wohl Rorik hieß, seufzte bedauernd.
„Schade, Täubchen, dabei hättest du bestimmt eine Menge Münzen eingebracht.“
Wieder schluckte Tarja hart.
„Aber...aber...wie meinst du das?“, stammelte sie verwirrt.
Er tätschelte ihre Wange und sein Blick war mitleidig.
„Wenn unser Jarl mit dir fertig ist, wird er dich wohl umbringen. Das macht er meist so, da die Frauen ihn langweilen. Wirklich eine Verschwendung, wenn du mich fragst.“
Bevor sie nachfragen konnte, was Rorik damit meinte, zog sie ein anderer aus der Reihe und führte sie in den hinteren Bereich, der nur dem Jarl und seinen Frauen vorbehalten war und den sie nur einmal betreten hatte. Damals zitterte sie und dieses Mal war es nicht anders.
Sie sah den großen Mann, der ihr schon vorher aufgefallen war und einem weiteren, der sie neugierig, aber nicht böse ansah. Er war wohl noch etwas zu jung, um ein Jarl zu sein. Tarja schätzte, dass er höchstens fünfzehn Winter erlebte.
Der Kerl, der sie hierher brachte, schubste sie, bis Tarja auf ihre Knie fiel und sich gerade so mit den Händen aufstützen konnte, bevor ihr Gesicht auf die festgetretene Erde prallen konnte.
Ein Stich ging durch ihr Handgelenk, aber sie stöhnte nur leise auf, allerdings war ihr bewusst, dass dies wohl die schwächsten Schmerzen sein würden, die sie heute noch ertragen musste, wenn dieser Rorik recht behalten sollte.
Sie blieb erst einmal in der Stellung auf den Boden und harrte den Dingen, die noch kommen würden.
„Das ist sie?“
Sie hörte das Brummen, dass sie schon vorher von dem großen Kerl gehört hatte.
„Das ist sie, Kjartan. Sie trägt edle Kleidung, aber sie jammert nicht. Dennoch sah ich die Trauer in den Augen, als sie die tote Frau des Jarls sah. Entweder ist sie die Tochter des Feiglings oder sonst eine Verwandte.“
„Mh. Ihre Hände sind rau und Arbeit gewöhnt. Ich bin mir nicht ganz sicher, Birger.“
Ein leises Lachen, das beinahe noch kindlich wirkte, ertönte.
„Aber schau ihr Haar, Bruder. Geschmückt mit Bändern und sauber.“
Jemand hockte sich vor sie und riss grob an ihrem Haar, so dass sie erschrocken Luft holte, doch dann schnell den Blick senkte, damit man ihre Wut über diese Behandlung nicht bemerkte.
„Du hast Recht, Eilif. Sauberes Haar, dass mit einem Duftöl eingerieben wurde.“ Wieder zog der Mann an ihrem Haar, doch dieses Mal ging er sanft vor, als er eine Haarsträhne an die Nase zog.
„Ich kenne diesen Duft. Ich habe solch ein Öl schon bei den Franken benutzen dürfen. Nie hätte ich es bei einer blonden Schönheit erwartet, die bestimmt noch nie im Frankenland war.“
Er ließ die Haarsträhne los und hob dann mit zwei Fingern ihr Kinn an.
Tarja starrte in hellblauen Augen, die im Moment genau so neugierig blickten, wie bei den jungen Kerl, der ihn Bruder nannte.
„Wie ist dein Name, Mädchen?“
Sie schluckte trocken.
„Mein Name ist Tarja Leifsdottir.“
Der Mann grunzte verärgert.
„Mein Name ist Kjartan Einarsson und ich bin ab heute dein Herr. Hast du mich verstanden, Mädchen?“
Sie nickte schnell.
Langsam hob er eine Augenbraue.
„Und wie wirst du mich ansprechen?“
Einen Moment wusste sie nicht, was er meinte, bis ihr Eilif mit einem harten Tritt wieder auf die Erde beförderte.
„Wie nennst du deinen Herrn, Tarja?“
Sie war wieder auf die versehrte Hand gefallen und wimmerte leise vor Schmerzen, obwohl sie am liebsten geschrien hätte.
„Herr. Ich werde ihn mit Herrn anreden. Doch ich werde nur reden, wenn ich dazu aufgefordert werde.“
Kjartan nickte zufrieden und erhob sich wieder. Tarja stockte der Atem. Sie dachte schon, dass der Mann, den sie Birger nannten, sehr groß sei, doch Kjartan überragte ihn noch, war aber nicht ganz so breit. Dennoch konnte sie sich vorstellen, dass andere Männer sich vor Angst die Bruche beschmutzten, wenn sie ihren neuen Herrn auf sich zustürmen sahen. Schnell senkte sie wieder den Kopf, als sie seine hochgezogene Augenbraue bemerkte. Reden durfte sie also nicht ungefragt und ihn betrachten auch nicht.
„Ich werde es heute Nacht mit ihr probieren. Wenn ich nicht mit ihr zufrieden bin, könnt ihr mit ihr machen, was ihr wollt.“
Er trat einen Schritt zurück und machte eine herrische Handbewegung.
„Hilf mir aus meiner Rüstung, Tarja. Ihr anderen könnt gehen. Sorgt dafür, dass die Schwitzhütte gut eingeheizt ist. Ich sehne mich danach, das Blut dieser Schwächlinge abzuwaschen.“
Die anderen Männer nickten und verschwanden aus dem Schlafbereich, während Kjartan seine Arme zur Seite ausstreckte und auf sie zu warten schien.
Schnell lief sie zu ihm und löste die Schnallen, um dann den Harnisch zu entfernen und vorsichtig zur Seite zu legen. Auch die Manschetten an den Unterarmen löste sie sorgfältig und legte sie auf Olafs Truhe. Danach löste sie die Verschnürungen des Kettenhemdes und schleppte es dann zu einem Eimer. Wie erwartet war dieses Ausrüstungsstück sehr schwer.
„Du hast das schon oft gemacht. Ich brauche dir keine Anweisungen geben. Nicht einmal beim Kettenhemd. Ich frage mich, warum das so ist?“
Sie trat einen Schritt zurück und senkte wieder den Kopf. Verflucht, ihr Genick würde heute Nacht steif werden von der ungewohnten Haltung.
„Ich musste meinem Bruder helfen, Herr, bis er selbst eine Frau heiratete, die diese Arbeit für mich erledigte.“
Er nickte.
„Dein Bruder ist ein Krieger?“, fragte er interessiert.
Tarja schluckte hart, wenn sie an Varg dachte.
„Er war es, Herr. Er starb bei einer großen Schlacht, die vor einigen Jahren stattfand. Genau wie mein Vater.“
Kjartan packte ihr Kinn und hob es brutal nach oben.
„Kämpften sie für die Dänen oder die Norweger?“, knurrte er. „Antworte schnell!“
Tarja wimmerte leise und schloss die Augen.
Ihr wurde bewusst, dass eine falsche Antwort ihr Leben schneller beenden konnte, als sie angenommen hatte.
„Sie kämpften für Norwegen. Ich komme aus Norwegen, Herr.“
Er ließ ihr Kinn los und brummte zufrieden.
„Dann waren sie ehrenwerte Männer und leeren ihre Hörner mit ihren Ahnen.“
Sie wagte einen kurzen Blick auf Kjartan.
„Wäre ich eine Dänin gewesen, Herr...“
Er nickte langsam.
„Dann wärst du nun tot. Auch wenn im Moment Frieden herrscht und ich als Jarl sehr oft mit den Dänen an einem Tisch sitzen muss, so kann ich nicht verzeihen, dass sie meinen Vater hinterrücks umgebracht haben. Aber wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Du wirst mich nun in die Schwitzhütte führen und mir auch da zur Hand gehen.“
Sie nickte, auch wenn sie unschlüssig war, was sie dort tun sollte. Nun, er würde es ihr schon sagen.
Er hob eine Hand zum Ausgang.
„Du darfst vorausgehen, Tarja.“
Sie faltete ihre Hände vor ihrem Körper, ließ sie aber hängen, um nicht wie ein Opfer für die Götter auszusehen. Mit gesenktem Kopf lief sie durch die Halle und wollte den Männern ausweichen, die wohl die Met- und Weinfässer gefunden hatten. Das Feuer war wieder angefacht worden und eines der Schweine hing an einem Spieß und wurde immer wieder mit Met und dem eigenen Fett übergossen. Nach einer kurzen Zeit bemerkte sie allerdings, dass sie niemanden ausweichen musste, denn die Männer machten bereitwillig Platz und wenn ein Mann sie nicht kommen sah, wurde er von seinen Kameraden zur Seite gestoßen. Ein wenig wunderte sie das schon, doch dann fiel ihr ein, wer hinter ihr lief. Sie machten nicht ihr Platz, sondern ihrem Jarl. Dennoch ging es hoch her, bis man eine gellende Stimme durch die ganze Halle hörte.
„Schlampe! Das ist die Schlampe, nicht ich. Schaut sie euch an. Ihr Ehemann ist noch nicht einmal eine Stunde bei den Göttern und sie biedert sich schon einem eurer Krieger an.“
Tarja blieb stehen. Sie starrte Auri böse an und wunderte sich nicht, dass auch Lenja neben ihr bei den Frauen stand, die wohl als Huren verkauft werden sollten.
„Sie hat Olaf nie geliebt und er sie ebenfalls nicht. Uns bezeichnet man als Metzen, aber Tarja ist es, die Schande über diesen Hof bringt.“
Eine große Hand legte sich auf ihre Schulter und als sie aufblickte, erkannte sie Kjartans fragenden Blick auf ihr.
„Es ist wahr. Olaf war mein Ehemann, aber ich habe ihn nie geliebt.“, murmelte sie leise. „Unsere Vermählung geschah aus Berechnung. Aber du weißt selbst, Herr, dass ich mich dir nicht an den Hals werfen werde, nur damit ich vielleicht verschont werde. Mir ist bewusst, dass ich morgen tot sein kann, wenn es dir nicht gefällt, wie ich mich gebe.“
Er nickte in die Richtung von Auri und Lenja.
„Wer sind die beiden?“
Sie senkte wieder den Kopf und wäre am liebsten davon gelaufen, doch Kjartans Hand lag immer noch schwer auf ihrer Schulter.
„Die Geliebte und die dritte Ehefrau von Olaf, Herr.“
Kjartan sah zu den Frauen.
„Und die wievielte Frau warst du?“
„Die Zweite, Herr.“
Er grunzte leise.
„Diese tote Frau, die du betrauertest...war das die Erste?“
Tarja nickte, während Auri weiter ihre Klappe aufriss.
„Schaut sie euch nur an. Sie hat den Krieger schon um den Finger gewickelt. Sie ist eine Hexe. Passt nur auf, dass sie euch nicht verhext. Ihr seht ja, was mit Olaf passierte. Bestimmt rief sie einen Fluch aus, weil er sie nicht beachtete.“
Auri hörte nicht auf, Tarjas Ruf zu beschmutzen. Kjartan grunzte noch einmal und es genügten wenige Schritte, bis er vor Auri stand und ihre Hand in seine nahm. Er betrachtete die Handinnenflächen und fuhr in einer zarten Geste über die makellose Haut.
„Tarja. Komm her!“
Sein Befehl ließ sie zusammenzucken und sie beeilte sich, dass sie neben ihm stand. Kjartan nahm auch Lenjas Hand und die beiden Weiber grinsten Tarja siegesgewiss an.
„Zart und weich.“, bemerkte er, bevor er Tarjas Hand nahm und über ihre Schwielen strich.
Tarja schluckte.
Ihre Hände waren weder weich noch zart. Das wusste sie. Jeden Abend strich sie die Hände mit Öl ein, damit sie nicht ganz so hart wurden. Das war das Einzige, was Olaf ihr zugestanden hatte. Nach jeder Reise brachte er ihr eine kleine Flasche mit duftendem Öl mit, nur um sie danach wieder zu ignorieren. Die anderen Frauen bekamen Goldketten und anderes Geschmeide, aber sie war zufrieden mit dem Öl.
„Diese Hände sind harte Arbeit gewohnt.“, murmelte er.
Auri strich nun mit ihrem Finger über seine Tunika.
„Ja. Zu mehr ist Tarja nicht zu gebrauchen. Sie kann deine Kleidung waschen und flicken, aber du solltest eine andere Gespielin aussuchen, die hübscher ist und etwas von Männern versteht.“
Kjartan packte Auris Hand und ihr gellender Schrei verriet jedem in der Halle, dass er nicht zimperlich mit ihr umging.
„Du hast Tarja vorgeworfen, sie trauert nicht um ihren Ehemann, aber du bist viel schlimmer. Ich weiß, dass du gejammert hast, als du Olaf am Zaun hängen sahst. Und nun trittst du sein Andenken mit Füßen, in dem du dich zum Tausch mit Tarja anbietest.“
Er lächelte sie an.
Tarja schauerte es, denn Kjartans Lächeln erreichte seine Augen nicht und er wirkte eher wie ein Bär oder ein Wolf.
„Ich erkläre dir mal etwas, Hure. Ich bin Kjartan Einarsson, Jarl über ein großes Gebiet im äußersten Rand von Norwegen. Man sagt mir nach, dass ich hart und unnachgiebig bin. Ich habe Tarja für die heutige Nacht ausgewählt, weil ich keine zarten Frauen will, die mein Kettenhemd nicht anheben kann oder jammert, weil sie einen Holzsplitter in der Haut stecken hat. Bin ich nicht zufrieden mit ihr, werde ich ihr morgen die Kehle durchschneiden. Es wird nur deshalb so schnell gehen, weil sie sich bisher gut anstellte und kaum klagte. Ich frage dich nun: Willst du ihre Stelle wirklich einnehmen? Dein Geschrei tut meinen Ohren weh und schon jetzt möchte ich dich am liebsten zu deinem Geliebten hängen, damit die Wölfe dich auffressen und ich dich nicht mehr hören muss. Bist du immer noch der Meinung, dass ich dich statt Tarja für die Nacht zu mir nehmen soll?“
Er drehte seinen Kopf zu Lenja.
„Oder dich?“
Lenja war um einiges klüger als Auri, denn sie senkte den Kopf und trat sogar einen Schritt von Kjartan zurück. Doch Auri bemerkte nicht, wie tief sie schon im Sumpf der Gefahr steckte, denn sie lächelte Kjartan an.
„Zumindest kann ich dich erfreuen.“
Was nun kam, sah niemand kommen, denn Kjartan packte Auris Haar und schnitt mit seinem Messer knapp über die Kopfhaut. Das Haar warf er seinen Männern zu, die johlten und die Büschel in der ganzen Halle verteilten.
Auri starrte ihn an, doch als sie das Blut bemerkte, das von einem unachtsamen Schnitt ins Gesicht lief, begann sie wieder zu kreischen, was ihr eine kräftige Ohrfeige einbrachte.
Kjartan sah zu Birger.
„Sie ist ungeeignet, um als Hure verkauft zu werden. Siehst du, wie hässlich sie ist? Bring sie zu den niederen Sklaven. Wir können froh sein, wenn man sie uns überhaupt abnimmt.“
Birger nickte und sein Mundwinkel begann zu zucken, als ob er ein Lachen unterdrücken wollte.
Kjartan wandte sich wieder Tarja zu.
„Du wolltest mich zur Schwitzhütte bringen.“
Tarja nickte.
„Selbstverständlich, Herr.“
Kenne diese Geschichte bereits und freue mich sie hier wieder zu lesen…😍
Erstes Kapitel und ich bin gecatched. Packender Schreibstil, faszinierendes Zeitalter, spontan sympathischer Charakter Tarja. Bin gespannt 👍🏼
Kann diese Geschichte nur empfehlen 1000 gelesen und immer wieder begeistert. Ich liebe sie😍😍