Eine attraktive Begrüßung
Ich spürte die Räder des Autos über jede Unebenheit auf der Straße holpern. Leider lag draußen meterhoch Schnee, sodass dies häufiger der Fall war, als gedacht.
Verdammt, tat mein Hintern weh!
Sieben Stunden saß ich bereits auf der Rückbank unseres Familienwagens, während mein Po zwischen Taschen und Kartons eingequetscht war. Meine Beine kribbelten und fühlten sich taub an. Mein Rücken schmerzte bei jeder Bewegung, und hätte ich nicht Spotify gehabt, wäre ich dem dämlichen Gequatsche meiner Eltern schutzlos ausgeliefert gewesen. Das hier war meine Hölle auf Erden und mir war sterbenslangweilig.
Nervös wischte ich auf meinem Smartphone herum. Das Datenvolumen hatte ich vor drei Stunden aufgebraucht. Inzwischen demonstrierte mir das rote Ausrufezeichen über dem Akkusymbol, dass das Handy bald den Geist aufgeben würde.
Ich seufzte und zog mir die AirPods aus den Ohren. Augenblicklich zuckte ich erschrocken zusammen, weil mir aus dem Radio eine sensationsgeile Stimme entgegen schrie. Waren meine Eltern taub? Wahrscheinlich wusste der Bürgermeister von Berlin nun über das Wetter dieser Kleinstadt Bescheid und Berlin war mindestens vier Autostunden entfernt.
Gezwungenermaßen lauschte ich dem Gebrüll. Anscheinend hatte es seit zehn Jahren in Deutschland nicht mehr so geschneit. Genervt verdrehte ich die Augen. Der Blick aus dem Autofenster zeigte mir, dass die Schneemassen für nicht alpine Verhältnisse irritierend hoch waren. Um das festzustellen, brauchte ich keinen Wetterfrosch.
Ich holte tief Luft und zog mich keuchend an der Lehne des Fahrersitzes in eine aufrechte Sitzposition. Verdammt, mein Po fühlte sich wie siebzig an!
»Wann sind wir da?«, fragte ich maulend und beobachtete, wie meine Mutter vor Schreck zusammenzuckte. Papas Augen huschten von der Straße zum Rückspiegel und musterten mich. Provozierend funkelte ich dem Grau, das meinem so ähnlich war und sich hinter rotbuschigen Augenbrauen versteckte, entgegen.
Ja, liebe Eltern, muffige Teenietochter meldet sich aus ihrem Handy zurück! Surprise!
Das sagte ich natürlich nicht laut, stattdessen teilte ich meinen Eltern mit, dass mein Arsch inzwischen platt wie eine Flunder war.
Die Augen im Rückspiegel verdrehten sich genervt.
»Charlotte, benimm dich nicht wie ein Kleinkind«, forderte mein Vater brummend. »Wir sind fast da.«
Das hatte er mir bereits vor mehr als einer Stunde gesagt, als wir am Ortseingangsschild vorbeigefahren waren. Königsburg hatte dort in dicken schwarzen Buchstaben auf gelbem Grund gestanden. Bei dem Namen der Stadt hätte ich schreien können.
Wo waren wir hier gelandet? Am Set von Game of Thrones?
Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass gerade die halbe Königsburger Innenstadt umgebaut wurde. Die Baustelle, in der wir feststeckten, stellte sich als wahrer Endgegner heraus. Seit einer halben Stunde rollten wir mehr, als dass wir fuhren.
Ein Blick durch das Seitenfenster machte deutlich, dass »rollen« eine nette Umschreibung für unser Vorankommen war. Meine Aussicht hatte sich in den letzten Minuten vielleicht drei Meter nach links verschoben. Da stand immer noch der schneebedeckte Bagger vor einem Bauzaun. Und der verglaste Neubaukomplex funkelte mir schon seit längerer Zeit entgegen. Wie zum gefühlt hundertsten Mal ließ ich den Blick über das Banner gleiten, das an der Fensterfront angebracht war. Ein dunkelhaariger Mann grinste von dort auf die vorbeischleichenden Autos hinunter. Über dem Gesicht stand in riesigen, eleganten Lettern:
Dirk Freiberg
Für eine neue Stadtmitte und eine attraktive Begrüßung
In diesem Sommer
Ja, Dirk war attraktiv. Das konnte ich nicht abstreiten. Aber ganz ehrlich? War der Kerl Politiker oder was sollte dieser lahme Spruch? Ich fühlte mich definitiv nicht attraktiv begrüßt. Ich wollte einfach nur weg! Verdammt, können wir bitte wieder umdrehen?!
»Wir müssen nur noch durch die Baustelle«, informierte mich meine Mutter, sodass ich Dirk Freiberg die Zunge rausstreckte, um mich dann ihr zuzuwenden. Ich schickte wütende Blitze in die Richtung ihres blonden Haarschopfs. War ja nicht so, als ob sie mir das nicht auch schon vor einer Stunde gesagt hätte.
Jesus! Ich hasste diese beiden Erwachsenen da vorne gerade so dermaßen!
Kurz überlegte ich, aus dem Auto zu springen, doch draußen war es arschkalt und ich wusste nicht, wo ich hinmusste. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und auszuharren. Das war so erbärmlich.
»Du wirst es hier toll finden!«, quatschte meine Mutter weiter, »Die neue Schule hat einen ausgezeichneten Ruf. Der Religionslehrer hat persönlich bei mir und Papa gelernt. Er kann dir noch so viel beibringen.«
Ich schnaubte auf und versuchte, dabei keine Miene zu verziehen.
Und das interessierte mich, weil ...?
Religion war das letzte Thema, das auf meiner Agenda stand. Eigentlich wussten meine Eltern das, doch alle fünf Minuten verdrängten sie es. Meine Schwester Desiree war im Herbst nach Wuppertal gezogen, um dort Theologie zu studieren. Seitdem hatten meine Eltern sich die Idee in den Kopf gesetzt, dass wir eine Familiendynastie für eine Professur in Kirchengeschichte aufbauen könnten. Darauf hatte ich definitiv keinen Bock! Texte von Schleiermacher lösten bei mir Übelkeit aus und erleuchteten mich eher selten.
Kurz überlegte ich, meiner Mutter mitzuteilen, dass mich ihr beknackter Religionslehrer einen feuchten Dreck interessierte. Stattdessen kniff ich die Lippen fest zusammen und starrte aus dem Fenster. Den Atem konnte ich mir sparen. Die dicke Luft war nicht erst im Auto so dick geworden.
Mein persönlicher Albtraum hatte wenige Wochen nach Desirees Auszug begonnen. Damals dachte ich noch, dass ich in das nun freigewordene Dachgeschoss umziehen würde. Nö! Meine Eltern hatten einen anderen Umzug im Sinn. Endlich konnten sie an derselben Universität dozieren. Nachteil war, dass Königsburg zweihundert Kilometer von unserer alten Heimat entfernt lag.
Für mich hieß das im Klartext: andere Schule, andere Stadt, neue Freunde.
Mir blieb kaum Zeit, mich von meiner besten Freundin Lara zu verabschieden. Ich musste meinen heißgeliebten Job im Tierheim kündigen. Weihnachten verbrachte ich nicht unter dem Weihnachtsbaum, um Geschenke auszupacken, sondern packte die letzten Kisten für den Umzug ein. Heute, zwei Tage vor Silvester, saß ich in dieser Hölle auf vier Rädern und fuhr in ein neues Leben. Ich spielte nicht aus Prinzip die beleidigte Teenietochter! Ich hatte ein Anrecht darauf! Mit siebzehn hatte man doch ein gewisses Mitspracherecht, wenn es um Entscheidungen ging, die das Leben von Grund auf änderten, oder?
Der Wagen vor uns setzte sich in Bewegung und mein Vater trat aufs Gas. Dirk Freibergs fettes Grinsen und die attraktive Begrüßung der Stadt verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich stopfte mir die Kopfhörer zurück in die Ohren und stellte die Lautstärke auf minimale Stufe. Betend, dass der Akku durchhielt, schloss ich die Augen und lehnte mich zurück. Leere machte sich in Form eines wummernden Gefühls in meiner Magengegend breit.
Mist! Ich vermisste Lara schon jetzt!
Instinktiv packte ich das Handy fester, öffnete unseren Chatverlauf und fragte sie, was sie so trieb. Die böse Vierprozentmarke ignorierte ich dabei und hoffte, dass der Gott des Akkus Mitleid mit mir hatte. Keine zehn Sekunden später vibrierte das Smartphone in meinen Händen.
Lara: Ich langweile mich zu Tode ohne dich! Wie ist dein neues Zimmer? Muss ich dich retten kommen? Miss u!
Wärme stieg in mir auf, während sich der Knoten im Magen festigte. Ich schrieb ihr zurück, dass ich immer noch im Auto saß, mein Akku kurz davor war, den Geist aufzugeben, und dass mein Leben scheiße war. Ich bekam einen mitleidigen und einen lachenden Smiley sowie tausend Herzen zurückgeschickt. Mir war zum Heulen zumute.
Gott, dieses verrückte Mädchen fehlte mir! Mein Zuhause fehlte mir! Ich wollte nicht in diesem blöden Game-of-Thrones-Abklatsch namens Königsburg leben!
Ich wollte zu meiner besten Freundin. Ich wollte meinen Abschluss an meinem alten Gymnasium machen. Ich wollte Theo, den Boy meiner Träume, davon überzeugen, dass ich die große Liebe seines Lebens seit Anbeginn der Weltgeschichte war! Ich wollte nicht die Neue sein! Nicht das Mädchen, das die letzten anderthalb Jahre in eine neue Oberstufe kam und keinen kannte! Vor einem Jahr hatten wir die Quereinsteiger selbst belächelt, die verloren zwischen uns gestanden hatten. Sie kamen völlig fremd und hatten nie Anschluss gefunden. Wir hatten das nie zugelassen. Jetzt war ich selbst die Neue. Zugezogen, nicht einheimisch.
Ich schluckte bei diesem Gedanken, der in den letzten Wochen so häufig in meinem Kopf gekreist war, dann blickte ich auf. Mein Vater sah im selben Moment wieder in den Rückspiegel. Der Motor unter mir verstummte und um mich herum wurde es ruhig. Ich sah aus dem Fenster. Inzwischen konnte ich kaum etwas erkennen, weil es draußen dunkel war. Das riesige Haus neben der Einfahrt übersah man trotzdem nicht. Der Blick im Spiegel wurde wärmer und besorgter zugleich, dann bestätigte mir mein Vater das, was ich echt nicht hören wollte.
»Wir sind zu Hause, Lotta«, brummte er.
Ich schnaubte. Zuhause ... am Arsch!