The Greatest Story (Arbeitstitel)

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Summary

Schjeng Lebensziel ist es, die größte Geschichte aller Zeiten zu erzählen. Hierfür beschließt er, den Weg ins Herz des Universums zu finden und die Origo Machina zu entdecken, die große Maschine der Erbauer, die das Schicksal selbst steuern soll. Hierfür versammelt er eine ungleiche Crew um sich. Fey, die Navigatorin, die versucht das Schicksal ihrer ausgestorbenen Rasse zu ergründen. Gex, der zynische Wissenschaftler, auf der Suche nach einem tieferen Sinn in seinem Leben. Tara, die Androidin, in ihrem Bestreben eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Jaro, der unsterbliche Söldner, der versucht, seine Seele vor dem Totengott zu retten und Val, die Dienerin des Totengottes, in ihrem Bestreben, Jaro wieder zu diesem zurückzubringen. So unterschiedlich in ihren Zielen, führen sie diese immer wieder auf einen gemeinsamen Weg, der sie schlussendlich nur ins Herz des Universums, zu sich selbst oder in den sicheren Tod führen kann.

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1

"15 Minuten bis zum Sprung“, hallte die Stimme der Navigatorin in Yaros Kopf wieder. „Der Captain braucht dich auf der Brücke. Nur für den Fall.“

„Verstanden, ich auf dem Weg zu Gex“, erwiderte der Söldner und schritt weiter den Korridor des Schiffes hinunter.

„Warum? Du weißt doch genau wie das ausgeht“, kam die Antwort wenig später mit einem Unterton, der ihr Augenrollen vermittelte.

„Gerade deswegen.“

Das Schott öffnete fast lautlos den Weg in einen dimm beleuchteten Raum und eine Wolke undefinierbarer Gerüche schlug ihm entgegen. Ungebeten trat Yaro ein, sein Sinn für Gefahr schickte das übliche Kribbeln durch zahlreiche Nervenbahnen als das Sicherheitssystem ihn erfasste.

„Was?“, kroch eine Stimme behäbig aus der Ecke des Raumes auf ihn zu.

„Eine Stunde bis zur Landung“, antwortete Yaro, „Der Captain will wissen, ob du dieses Mal mitkommst.“

„Falsch“, schnitt die Stimme ihm fast das Wort ab. „DU willst das wissen. Der Captain kennt meine Antwort.“

Ein merkwürdiges Knistern und Rascheln erklang als der Sack in der Ecke des Raumes sich zu regen begann und sich das Gesicht einer halb verborgenen Gestalt in den Schein des Flurlichts quälte. Gex lag in seinem Bohnensack, gehüllt in einen Bademantel, der nur noch von den Überresten einer verstorbenen Hoffnung zusammengehalten wurde und kratzte sich den Dreitagebart. „Warum tust du mir das an?“

Yaro verschränkte die Arme. „Dir ist bewusst, dass du irgendwann wieder eine Funktion für diese Crew erfüllen musst? Du bist nicht so clever wie du faul bist. Es gibt Hunderte da draußen, die deinen Job besser machen könnten.“

„Dann sag mir Bescheid, wenn einer von denen sich bewirbt, damit ich Zeit hab zum Packen“, stöhnte der Wissenschaftler und vergrub sich wieder in seinem Sitzsack. „Und überhaupt, ich bin nicht faul. Ich bin vorübergehend depressiv.“

Der Söldner schüttelte den Kopf. „Und was ist mit dir?“, sprach er in Richtung des anderen Sitzsacks.

„Huh?“, klang eine dritte Stimme. Der Körper einer jungen Frau lag ähnlich lethargisch über einem zweiten Sitzsack. Ihre Haut schimmerte dort wo das Flurlicht auf das synthetische Material traf.

„Du kannst jede erdenkliche Persönlichkeit annehmen, warum entscheidest DU dich für den depressiven Zyniker?“

Die Androidin zuckte mit den Schultern. „Warum tut er’s denn?“, sie deutete auf den Wissenschaftler.

„Ey!“, protestierte dieser halbherzig. „Unfair!“

Als sie merkte, dass Yaros Blick immer noch fragend auf ihr lag, zuckte sie erneut. „Ich denke… wollte mal gucken wie das ist“, fuhr sie fort.

„Und?“

Ein drittes Zucken. „Schwer zu sagen. Sehr unangenehm… aber auch sehr ruhig.“

Yaro nickte und ließ das Gefühl für einen Moment im Raum schweben, ehe er sich wieder Gex zuwandte. „Also, kommst du wieder nicht mit?“

„Nah“, stöhnte der Bohnensack. „Aber ich geb‘ euch Tara mit, das ist quasi das Gleiche.“

„Hey!“, protestierte nun die Androidin und war sofort auf den Beinen, „Ich hab‘ aber auch keine Lust!“

„Dann kopier‘ halt die Persönlichkeit von jemandem, der Lust HAT!“, erwiderte Gex, „Von ihm da zum Beispiel!“, und deutete auf Yaro.

Mit einer gewissen Neugier schritt die Androidin nahe an den Söldner heran und betrachtete ihn eingängig von Kopf bis Fuß. Eine kurze Pause. Dann, in einem Wimpernschlag, veränderte sich ihre komplette Körpersprache. Ihre Haltung wurde aufrecht, starrer, angespannter, die Arme vor dem Körper verschränkt, der Blick wachsam und doch fixiert, bereit. Für einen Moment verharrte sie, das gespuckte Ebenbild des Söldners. Sie hielt die Augen geschlossen. Dann jedoch entglitten ihr die Gesichtszüge, als läge ihr ein unglaublich bitterer Geschmack auf der Zunge. „Ich will immer noch nicht“, raunte sie gequält, „aber jetzt habe ich das erdrückende Gefühl… dass ich MUSS.“

„Hah“, lachte Yaro erstmals amüsiert auf. „Willkommen in meiner Welt.“

Die Androidin betrachtete ihn, zuerst mit einem Ausdruck von Frustration, dann von Ärger und schlussendlich von Mitgefühl. Urplötzlich begann sie sich zu schütteln und ein Zucken durchfuhr ihren ganzen Körper. Als sie wieder zur Ruhe kam, spiegelte ihre Haltung weder die des Wissenschaftlers noch die des Söldners wieder. Aufrecht doch entspannt, der Blick wach und neugierig doch zugleich verträumt. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und eine Träne rann ihre Wange herunter bis sie ihr Lächeln berührte.

„Wie macht ihr das bloß… die ganze Zeit?“, schauderte die Androidin.

„Mangel an Alternativen“, ächzte Gex und hievte sich aus dem Bohnensack, „Man kann, wenn man muss“. Unsicheren Schrittes wankte er zu einem Stuhl, der von einer Halbkugel aus projizierten Bildschirmen umgeben war. „Ich gehe Remote, Tara eject.“

Die Androidin schaute zu Yaro und ließ ein tiefes Seufzen erklingen. Ihr Blick nur kurz von einem Hauch von Trotz und Widerstand durchzogen wich schnell Resignation und Ohnmacht. Sie ließ den Kopf hängen und bereitete sich auf die Abkopplung vor.

„Warte“, unterbrach der Söldner den sonst so selbstverständlichen Vorgang zur Verwunderung beider. „Was, wenn du dieses Mal den Vogel nimmst?“

Gex schaute ihn ungläubig an. „Warum sollte ich das denn tun?“

Doch Yaro antwortete nicht. Und das musste er auch nicht. Gex‘ betrachtete Tara eindringlich und es war nicht zu leugnen, dass er zum ersten Mal gezwungen war, sie als etwas anderes zu betrachten als ein Produkt seiner Schöpfungskraft.

„Fein“, schnaubte er schlussendlich genervt und wischte über die Konsolen.

Der Söldner fühlte Taras Blick auf sich, doch erwiderte ihn nicht. Die Gefahr war zu groß, dass ihn dies seine Fassade kosten würde. Doch er fühlt die Dankbarkeit, als läge sie wie eine sanfte Wärme im Raum.

„Wir sehen uns auf der Brücke.“

Ohne einen weiteren Blick in Taras Richtung wandte Yaro sich ab und verließ das Labor. Das Schließen des Schotts ließ die Androidin in der Dämmerung zurück.

Obwohl seine Gedanken immer noch um die widersprüchlichen und verwirrenden Gefühle kreisten, welche die Situation in ihm ausgelöst hatte, war dies nicht der Grund, warum er den Angriff nicht kommen sah. Gerade noch rechtzeitig drehte sich Yaro aus der Schlagbahn, so dass die stumpfe Klinge mit minimalem Effekt auf seine Schulterplatte traf. Der zweite kam nur einen Wimpernschlag später. Mit dem Ziehen seines eigenen Schwertes blockte er diesen. Der Söldner knirschte mit den Zähnen, als die stumpfe Schneide auf seine scharfe traf, bevor er die Waffe auf Trainingssetting schalten konnte.

Val setzt sofort nach und zwang Yaro in die Defensive. Das Grinsen des Triumpfes auf den Lippen der Jägerin war nicht zu leugnen, als sie den Söldner Schlag um Schlag durch den Gang zurücktrieb. Sichtlich strauchelnd schien es schon, als ob Val ihn überwältigen würde, doch als sie nach einer Finte einen vernichtenden Treffer auf Yaros Kopf richtete, reagierte dieser vollkommen aus der Reihe. Nicht, weil er etwas anderes tat, sondern wie er es tat. Seine Reaktion, seine Reflexe, seine gesamte Bewegung nicht vergleichbar mit dem, was er die Augenblicke zuvor gezeigt hatte. Mühelos entglitt er dem Treffer, fing sich und konterte. Nun war Val in der Defensive als das Katana immer wieder auf ihr Breitschwert prasselte. Trotzdem war sie keinen Augenblick in Bedrängnis. Nur von der initialen Reaktion auf ihren vermeintlichen Finisher aus der Bahn geworfen, wendete sie das Blatt rasch erneut. Doch obwohl sie immer wieder die Oberhand zu gewinnen schien, behielt sie diese immer nur, bis sie zum vernichtenden Ende ausholen wollte, woraufhin der Söldner diesem mit einer absolut unnatürlichen Leichtigkeit entging. Dies wurde Val schlussendlich zum Verhängnis. Sie täuschte an, drehte sich aus der Schlagbahn und hieb aus der Rückhand, nicht präzise aber absolut unberechenbar. Es gab keine Chance, dass Yaro diesen Angriff hätte erwidern können. Und doch tat er es. Und zwar problemlos. Die Klinge traf ins Leere als der Söldner schon lange nicht mehr da war, wo sie hingezielt hatte. Dieses Mal blockte er nicht am Schwert sondern direkt hinter dem Handgelenk mit einer solchen Wucht, dass Val das Schwert entglitt.

Für einen Moment standen die beiden sich gegenüber und blickten sich in die Augen. Der Kampf war vorbei und Val hatte ihr riskantes Spiel erneut verloren. Sie wollte gerade den Mund öffnen, um zu sprechen, als Yaro zuschlug. Seine Faust traf das Gesicht der Kriegerin mit voller Härte und sie fühlte ihre Nase brechen, als sie zu Boden geschmettert wurde.

Val hob schützend die Hände, doch der Söldner setzt nicht nach. Er stand dort, die Arme lässig hängend, nicht in Kampfstellung aber bereit, und schaute auf sie herab, sein Blick mehr genervt als wütend.

„Warum?!“, fauchte die Kriegerin, ihr Ton eine komplizierte Mischung aus Emotionen. Der instinktive Zorn über den beißenden Schmerz, die Scham ihrer tränenden Augen, Frust über das Scheitern ihres Plans und Verwirrung über Yaros gnadenlose Reaktion.

„Ich kann dir doch eh nichts anhaben!“, setzte die Kriegerin nach, Vorwurf in ihrer Stimme.

„Warum versuchst du es dann?“, erwiderte Yaro. Er wollte gänzlich gelassen klingen, doch in seiner Stimme lag ein feiner Ton von Genervtheit, den man fast für Sorge hätte halten können, der Val jedoch gänzlich entging.

Sie senkte den Blick und hielt sich die Nase.

„Seit du bei uns bist, versuchst du hinter meine Technik zu kommen“, fuhr er fort, dieses Mal ein Ton von Bedrohung, der auch Val nicht entging.

„Na und?!“, fauchte sie zurück.

„Möglicherweise findest du eines Tages deine Antwort, wenn du es nur oft genug versuchst. Vielleicht hält dich das“, er deutete auf ihr Gesicht, „davon ab, es weiter zu versuchen. Lass es gut sein“ Die letzten Worte knurrte Yaro mehr, als dass er sie sprach, und schritt den Korridor Richtung Brücke.

***

Gelassen und scheinbar ziellos driftete die Gauntlet durch einen belanglosen Teil des Universums. Belanglos aus funktionalen Gesichtspunkten. Wirtschaftlich uninteressant, frei von Leben, zwischen den Sternen eine endlose Leere. Doch ästhetisch war dieser Teil des Universums atemberaubend. Gaswolken verschiedenster Natur trafen aufeinander und wurden von Strahlungen ferner Sterne hier und da entzündet, dass sich ein lautloses Feuerwerk durch die Leere erstreckte, so weit das Auge reichte. Inmitten dieses Feuerwerks an Bord der Gauntlet saß Schjeng, ein Bild, so skurril wie das umgebende Spektakel wunderschön war. Er saß nicht auf der Brücke des Schiffes vor einem riesigen Bildschirm, der die Umgebung zeigte. Nein, das tat Fey. Er saß dahinter, auf der Hülle des Schiffes, mitten im All. Was schon mit der entsprechenden Schutzausrüstung leichtsinnig und gefährlich gewesen wäre, wurde nur davon überboten, dass er nichts davon trug. Der junge Mann mit den schulterlangen dunkelblonden Haaren, die im Vakuum des Alls absonderlich windlos umherwehten, saß barfuß und in lockerer Alltagskleidung auf dem kalten Metall und betrachtete begeistert das Farbenspiel. Erst bei genauerem Betrachten wurde deutlich, warum ihn die tödlichen Bedingungen des Weltraums so gar nicht zu stören schienen: Er war gar nicht da. Zumindest nicht so richtig. Nicht so ganz. Sein ganzer Körper war von schwacher Transparenz, Teile des prächtigen Lichtermeeres fielen ungehindert durch ihn hindurch und auch die Kälte schien an ihm keinen Halt zu finden. Ein Hologramm, das wäre der erste Verdacht gewesen.

Yaro trat auf die Brücke und erstarrte im Gehen, als sein Blick auf den Bildschirm und somit auf ihren Captain fiel. Fragend schaute er zu Fey, die an ihren Konsolen und Sternenkarten stand und die Ankunft des Söldners nicht mit besonderer Aufmerksamkeit bedachte.

„Macht er das öfter?“ Yaro trat an Feys Seite und hielt seinen Blick neugierig auf Schjeng gerichtet.

Ohne den Blick von ihren Konsolen zu nehmen, deutete die Navigatorin mit einer Geste „Mal so mal so“ an.

„Was wenn er getroffen wird?“

Wortlos wandte sie den Kopf nach dem Söldner, ohne Augenkontakt zu suchen. Ihr Blick sprach: Damit er von etwas getroffen wird, müsste auch das Schiff von etwas getroffen werden. Dieses Schiff steuere ich. Beleidige nicht meine Fähigkeiten. Sagen tat sie von all dem jedoch nichts und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

„Und warum tut er das?“, überging Yaro die unangenehme Stille.

„Warst du mal da draußen?“, erwiderte Fey, „Es ist der WAHNSINN“

Skeptisch hob der Söldner eine Augenbraue. „Manchmal frage ich mich, ob wir unser Schicksal in die Hände eines Fünfjährigen legen“

„Und manchmal frage ich mich, ob du nicht einen wichtigen Teil von dir auf der anderen Seite gelassen hast“, konterte die Navigatorin kühl, den Blick stets auf die Konsolen gerichtet.

Yaro schnaubte amüsiert, dann wehmütig. „Den Teil, von dem du sprichst, habe ich schon davor verloren. Mit ihnen.“

Dies erregte Feys Aufmerksamkeit und sie musterte den Krieger. Dieser jedoch erwiderte den Blick nicht und sie wusste, dass kein weiteres Wort hierzu aus ihm herauszukriegen war. Sie bekam nie mehr als das. Mehr als nichts, aber immer nur wie ein Ausrutscher, bevor die Maske wieder saß. Doch nie nichts, dazu brodelte das, was nicht gesehen werden durfte, zu nah unter der Oberfläche.

„Yaro“, erklang der Gruß des Captains, als er in den Raum trat.

In den Raum treten war eine dreiste Vereinfachung dessen, was geschah. Seine transparente Gestalt glitt widerstandslos durch den Monitor an der Front der Brücke. Erst als er sicher im Inneren des Raumschiffs war, schloss er die Augen und Stück für Stück verfestigte sich seine Erscheinung, bis die Transparenz gänzlich dem Eindruck eines gewöhnlichen menschlichen Körpers gewichen war. In seiner Dienstzeit hatte Yaro zahlreiche Facetten des Universums gesehen und darunter auch die krassesten Formen an Fähigkeiten und Eigenarten, die ein Glitch bei einem Menschen bewirken konnte, aber die Gabe des Captains, wenn man sie so nennen wollte, war ihm nicht mal in Geschichten untergekommen. Der Augenblick, als Schjeng gänzlich Form angenommen hatte, war auf eine prägende Art und Weise für alle Beteiligten spürbar. Es war nicht einfach, als wäre er unsichtbar und würde sich dem Auge offenbaren, es war mehr so, als hätte er vorher nicht richtig existiert und durch seine Manifestation würde erst das Gefühl, das noch jemand im Raum war, einkehren.

Yaro erwiderte mit einem Nicken, als sich erneut das Schott der Brücke öffnete und Tara eintrat.

„Ah, Gex!“, zog sie Schjengs Aufmerksamkeit auf sich, „was für eine willkommene Überraschung“

„Man tut, was man kann“, sprach der Vogel auf Taras Schulter.

Fasziniert blickte Schjeng diesen an. Dann zu Tara. „Tara?“

Die Androidin winkte.

„Gleich zwei Überraschungen“ Der Captain folgte dem Blick der Androidin und blieb an Yaro hängen.

„Irgendetwas sagt mir, das haben wir dir zu verdanken?“

Yaro schwieg.

Ein weiteres und letztes Mal öffnete sich das Schott und Val vervollständigte die Crew. Sie hielt einen feuchten Lappen gegen ihre Nase gedrückt.

Schjeng hob eine Augenbraue. „Und ich denke, das auch?“

Eine Spannung legte sich über den Raum, als Fey und Tara skeptische Blicke zwischen Schjeng, Yaro und Val austauschten.

„Eh ja“, brach Fey die unangenehme Stille, „Je nachdem, was uns auf der anderen Seite erwartet, landen wir nach dem Sprung in etwa 20-35 Minuten. Wir springen aber schon in fünf Minuten, da der Riss direkt vor uns ist.“

„Laut unseren Informationen ist der Verteidigungsgürtel nach der Invasion ausgedünnt und es sollte auf der anderen Seite vergleichsweise ruhig sein, ich möchte aber trotzdem kein Risiko eingehen. Es hängt für alle von uns zu viel an dieser Mission“, sprach der Captain und der leichte, spielerische Ton, den er sonst hatte, war einer gewissen Ernsthaftigkeit gewichen. Yaro nickte im Einklang mit Fey.

Schjengs Blick wanderte über die Crew und versuchte, die Stimmung der einzelnen in sich aufzunehmen. Ihre Sorgen, aber auch ihre Hoffnungen. Ihre Motive und ihre Ziele. Selten hatten sie sich so stark überschnitten wie heute. Dennoch hatte er nicht das Gefühl, dass der Zeitpunkt nach einer großen Ansprache verlangte. Jeder wusste für sich selbst, warum er hier war und was auf dem Spiel stand. Also wandte er sich wortlos wieder dem Monitor zu und betrachtete das noch immer prächtige Farbspiel detonierender Gaswolken, welches das Panorama erfüllte.

„Sprung in 10“, sprach Fey in den Raum. „5, 4, 3, 2, 1…“

Der Sprung geschah wie immer absolut unmittelbar. Umso größer war das Chaos. Tara war sofort zur Stelle, um Fey aufzufangen, als diese das Bewusstsein verlor. Vals Blick verriet, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt scheinbar die Einzige war, die nicht gewusst hatte, dass die Gauntlet nicht über einen Rift-Drive verfügte. Es war Fey selbst, die den Spalt öffnete. Wie auch immer das möglich war. Für einen Menschen war schon ungewöhnlich, aber für ein ganzes Schiff? Und dies hinterließ Spuren, jedoch zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Panisch flatterte Gex an die Konsole der Navigatorin und klinkte sich in die Schnittstelle ein, bevor die ersten Geschosse die Hülle der Gauntlet trafen.

„Vergleichsweise ruhig, hm?“, knurrte Yaro und trat an Schjengs Seite, die Fäuste geballt und der Körper auf Kampf vorbereitet, als würde ihm dies irgendwas nützen.

Der Captain fixierte den Bildschirm. Wo vor ein paar Sekunden noch ein Lichterspiel zu sehen war, zeichnete sich nun der Umriss eines tiefroten Planeten ab. Das entsprach soweit den Erwartungen. Nicht den Erwartungen entsprach die Armada der Grand Republic, die sich in Reichweite des Sprungpunkts gesammelt hatte und bei Übertritt ohne Umschweife das Feuer eröffnete. „Sie wussten, dass wir kommen.“

Die ersten Projektile schlugen auf den Schilden der Gauntlet ein und sorgten für schwachen Schwankungen in der Beleuchtung, wenn sich die Energie auf den Einschlagpunkt konzentrierte.

„Gex?“, rief Schjeng in den Raum.

„AI-Ausweichautomatik eingeleitet, wir sind zu klein für die großen Geschütze und die Schilde stecken von den kleineren Projektilen gut was weg“, klang es aus dem Vogel, „Sofern sie nicht… und da ist es auch schon…“

Aus dem Hintergrund der Flotte schob sich ein schwerer Kreuzer zwischen den Jägern und Fregatten hindurch und richtete sich auf die Gauntlet aus. Ein gleißendes Licht flutete die Finsternis. „Geysir-Torpedo auf Kollisionskurs. Ihr AI-Tracking kontert unsere Evasionsfähigkeiten. Ich weiß, ihr hört das nicht gern, aber ich bin jetzt sehr offen für Vorschläge!“

Stille Panik pflanzte sich durch den Raum, denn wenn Gex plan- und Fey bewusstlos war, standen ihre Chancen grundsätzlich schlecht.

Nur Schjeng stand wortlos da, beunruhigt doch nicht panisch, und fixierte weiter den Monitor. Yaro konnte die Unruhe über die Handlungslosigkeit nicht unterdrücken, doch auch wenn ihre gemeinsame Zeit noch nicht lang gewesen war, so war eins sicher: Wenn Schjeng in Panik geriet, dann sah man das. Wenn er nichts tat, dann hatte er einen Plan. Doch vermutlich galt es noch die Kosten abzuwägen.

„Wir haben keine Wahl“, sprach er schlussendlich angespannt mit einem Hauch von Frust und Resignation, „Alle zu mir. Gex, Shift!“

Zügig fuhr er herum und schritt zu Fey und Tara herüber. Er legte eine Hand auf Feys Arm und die andere auf den Boden des Schiffes.

„SHIFT?!“, klang es aus dem Vogel, „Fuck fuck fuck fuck…“, dann schaltete sich der Vogel ab und sackte in sich zusammen.

„Aufschlag in 30 Sekunden“, erklang es aus der automatischen Ansage, wobei diese in ihrer Modulation im Rhythmus der immer noch aufprasselnden kleineren Projektile fluktuierte.

„Ihr braucht Kontakt, sonst shiftet ihr nicht mit“, erklärte Schjeng an Val und Yaro gerichtet, die beide irritiert im Raum standen.

„Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet“, sprach Val.

„Später, haltet euch an einem von uns fest, oder ihr sterbt“

Yaro und Val ließen sich nicht noch einmal bitten, als die Ansage den Einschlag auf 4 Sekunden ankündigte.

Das Schott öffnete sich und ein keuchender Gex, dieses Mal in Fleisch und Blut, hechtete stolpernd auf die Brücke. „FUCK FUCK FUCK“, setzte er fort, was in seinem Vogel begonnen hatte, warf sich ungeschickt über ein Geländer und legte seine Hand schnaubend auf Schjengs Schulter.

Nachdem nun die gesamte Crew in einer skurrilen Menschenkette vor der Kontrollkonsole kauerte, schloss Schjeng die Augen. Zwei Sekunden bis zum Einschlag. Keine Reaktion des Captains. Val rieb die Zähne aufeinander, weit von dem Vertrauen entfernt, das der Rest der Crew in ihn teilte. Doch welche Wahl hatte sie? Yaro war der Schlüssel zu ihrer Freiheit. Und zu Zias Erlösung. Und dieser Weg führte nur durch Schjeng. Doch langsam aber sicher fragte sie sich, ob dieser Weg der richtige war, oder der Einsatz viel zu hoch. Die Aussicht auf Erfolg viel zu niedrig… Und der Preis, den ein Versagen kostete. Nicht für sie, aber für ihre Schwester…

Null. Der Torpedo traf auf die Schilde der Gauntlet und detonierte. Die Explosion schien ein Loch in die Substanz des Universums zu reißen, glühte auf und verblasste. Val verschwand. Die Gauntlet verschwand. Schiff und Crew wurden von einem Moment auf den anderen aus Zeit und Raum getilgt. An ihrer Stelle blieb nichts zurück als die Dunkelheit des Alls.

Doch ebenso unverzüglich, wie sie aus der Wirklichkeit geblinzelt worden war, kehrte die Gauntlet zurück. Val fand sich an der gleichen Stelle auf der Brücke wieder, an der sie verschwunden war. Ihre Hand löste sich vom Captain, als sie zurücktaumelte und sich auf den Boden fallen ließ. Was war da gerade geschehen? Sie war nicht mehr da, aber sie wusste, dass sie nicht mehr da war. Ihre Erinnerung endete, als sie verschwand und begann, als sie zurückkehrte, und trotzdem hatte sie ein Bewusstsein darüber, dass in der Zeit dazwischen nicht nichts war. Doch was da war, erschöpfte sich jeglicher Beschreibung. Jeglicher Worte. Sie war. Aber was war sie? Nicht Val, so viel war klar. Val hatte aufgehört zu existieren und kehrte nun langsam um was auch immer in ihrem Kern war herum wieder zurück. Das Gefühl war mit nichts zu beschreiben, was sie je erlebt hatte. Verwirrung, Orientierungslosigkeit und auch Machtlosigkeit, aber gleichzeitig auch ein Echo von Frieden und Gelassenheit, völlig absurd in Anbetracht der Umstände, in denen sie sich befanden. Alles in allem… ging es ihr gut. Sie brauchte noch einen Moment, um sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden, doch machte ihr dies nichts aus.

Fey war noch immer bewusstlos und Tara zeigte ebenfalls kaum eine Spur von Beeinträchtigung.

Ganz anders verhielt es sich mit Yaro. Der Söldner schritt panisch und kopflos auf der Brücke hin und her und versuchte offenbar mit aller Gewalt, Sinn aus der Situation machen zu wollen. Immer wieder griff er nach seinem Schwert, tastete seinen Körper ab, versuchte ein Gefühl für sich selbst zu bekommen. Seine Augen huschten hektisch durch die Gegend, jedes Detail in sich aufsaugend und damit völlig überfordert. Dann warf er sich auf die Knie und übergab sich.

Gex, der richtige Gex, saß mit dem Rücken gegen eine Wand gepresst, die Knie zu sich gezogen und den Kopf zwischen diesen vergraben und murmelte immer wieder vor sich hin „Einfach weiteratmen… einfach atmen… und warten…“

Val hob eine Augenbraue. „Was ist denn mit denen los?“, fragte sie Schjeng, der sich dem ersten Anschein nach unbeeindruckt aufrichtete, auf den zweiten Blick jedoch aus einem anderen Grund schwer angespannt zu sein schien.

Der Captain betrachtete Gex und Yaro. „Shiften ist… Wie sterben. Zumindest für den Verstand. Viele können mit dieser Erfahrung nicht umgehen. Manche, wie Gex, selbst dann nicht, wenn sie es schon mehrfach gemacht haben. Aber beim ersten Mal… es ist ein Wunder, dass du es so gut wegsteckst. Seine Reaktion ist die üblichere“ Er deutete auf Yaro.

Val zuckte mit den Schultern. Sie konnte der Erfahrung nicht viel Negatives abgewinnen. Verwirrend ohne Frage, doch die Reaktionen von Yaro und Gex schienen ihr fern.

Schjeng schritt auf den Söldner zu und hielt ihn bei beiden Schultern fest. „Es ist alles okay, dein Gehirn braucht eine Weile, um die Erfahrung zu verarbeiten. Du musst jetzt nichts machen. Es wird nichts von dir erwartet. Setz dich hin und komm zu dir.“

„Captain?“, erklang Taras Stimme, die anstelle von Fey und Gex jetzt die Kontrolle des Schiffs übernommen hatte.

Schjeng versuchte noch einmal den Blick Yaros einzufangen, bis dieser Augenkontakt halten konnte. Er atmete tief durch und nickte dann sehr langsam, bevor er sich auf den Boden setzte. Erst dann ging der Captain zur Konsole zurück, die Tatsache, dass sie immer noch beschossen wurden, für den Moment in den Hintergrund gerückt.