Andi
Wenn man Pech hatte, kam meistens auch noch Unglück dazu. Böse Zungen mögen behaupten, das eine sei das Synonym des jeweils anderen, doch für Andi waren es zwei verschiedene Worte, mit einem Himmel weiten Unterschied dazwischen. Für ihn war Pech etwas Dauerhaftes. Vergleichbar mit einem Kaugummi im Haar. War es einem passiert, wurde man es kaum mehr los. Es sei denn, mit einer schockierenden Frostbehandlung.
Unglück hingegen, war ein Treffer auf die Eier mit einem Vorschlaghammer. Schnell, unvorsehbar, schmerzhaft. Etwas, das dir nicht alle Tage passieren konnte. Hoffentlich nur einmal im Leben.
Wünschbar niemals im Leben.
Da Andi vom Kaugummi und vom Vorschlaghammer getroffen war, lag er natürlich am Boden und hatte keinen Bock aufzustehen. Im übertragenen Sinn natürlich. Im wirklichen Sinn stand er vor einem Haus, das ein Imobilienheini als abbruchreif bezeichnen würde.
Jackpot würden die einen sagen, denn wann bekam die Gelegenheit, ein Haus zu erben? Und die anderen? Ja mit einem bissschen Spucke handwerklichem Geschick und Muskelschmalz brachte man es schon wieder zum Glänzen. Ein vernichtend kleiner Teil würde hoffen, dass zumindest der Boden etwas Wert war und man deswegen auf einen Spekulanten hoffen konnte, um so das Übel so schnell wie möglich wieder abstoßen zu können. Andi indes nahm die eine Stufe auf die Vorveranda, hob seinen Fuß zu wenig, blieb an der Kante hängen und geriet ins Stolpern. Mithilfe der Haustüre und ein paar ausgeklügelten, jedoch wenig grazilen Verrenkungen konnte er sein Gleichgewicht wieder herstellen. Nur um sogleich vor dem nächsten Problem zu stehen.
Die Türe klemmte.
Andi rüttelte am Schlüssel, nur um zu testen, ob er ihn in seinem Schloss noch zu einer weiteren Umdrehung zwingen konnte. Als das nichts brachte, verlegte er sich auf die Türklinke. Doch auch diese vermeintliche Lösung seines Problemes brachte nichts. In diesen Momenten trat meistens ein Phänomen ein, was man die zündende Idee nannte. Eine zündende Idee konnte einem den Nobelpreis einbringen. Oder der krasse Gegensatz, den Darwin Award.
Andis zündende Idee war, wie ein Actionheld, Schulter voran die Türe aufzubrechen. Und die Türe gab erstaunlicherweise nach. Andi, diesmal nicht von einer weiteren Türe aufgehalten, fiel wie ein Baum um. Nur im Gegensatz zu einem Baum hatte Andi ein Gesicht, auf dem er sehr schmerzhaft landete. Ohne ein Geräusch zu machen, blieb er auf seinem Bauch und seinem Gesicht liegen.
„Wie groß muss der Überlebenswillen eines einzelnen Individuums sein, das nicht einmal versucht, seinen Sturz abzufangen?“
Andi drehte sich mühsam und mit einem lauten Grunzer auf den Rücken. Sollte er nicht alleine in diesem Haus sein?
Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, erschien ein Frauengesicht in seinem Blickfeld. Ihr hellbraun-blonder Pferdeschwanz fiel nach vorne, ihre braunen Augen funkelten durch die Gläser ihrer Brille.
„Die Nase scheint nicht gebrochen zu sein. Tut was weh?“ Andi schien nichts zu spüren, außer Verblüffung.
„Was machst du in meinem Haus?“
Die blondhaarige Frau richtete sich auf, blickte aber immer noch zu Andi runter.
„Die Frage ist wohl eher, was machst du in meinem Haus?“