1. Akunft in Stroud Manor
Mit der Dufflebag aus braunem, abgewetztem Leder, die schon seinem Großvater treue Dienste geleistet hatte, blieb Finlay Bleasby vor dem schweren, schmiedeeisernen Tor stehen. Nur leicht beugte er sich zur Seite und stellte sein Reisegepäck auf den ausgetretenen Kiesweg. Dann glitt die nun freie Hand in die Tasche des Dufflecoats, den er sich über den Arm gelegt hatte, und holte den Brief hervor, dessen Inhalt er längst auswendig kannte. Und obwohl er den Brief bestimmt bereits ein Dutzend Mal auseinandergefaltet hatte, sah das edle Briefpapier so tadellos aus wie am ersten Tag. Kein Eselsohr, keine unnötige Knickkante zierte das Velin.
Finlay hob den Bogen gegen das Licht, um zum wiederholten Mal das Wasserzeichen zu kontrollieren. Deutlich konnte er die ineinander verschlungen Buchstaben H und S erkennen. Sein Blick wanderte erneut zu dem Tor, in dessen Mitte ebenfalls besagtes Monogramm prangte. H. S. – Hamish Stroud; sein zukünftiger Arbeitgeber.
Sorgsam faltete Finlay den Brief wieder zusammen. Er ließ ihn zurück in die Manteltasche gleiten, straffte den ohnehin geraden Rücken, griff in die Tasche seiner Weste und holte die alte, goldene Taschenuhr hervor. Ein leichter Druck auf die Krone ließ den Sprungdeckel aufspringen. 11 Uhr 59. Zufrieden schloss Finlay die Uhr und ließ sie zurück in die Westentasche gleiten. Erneut beugte er sich zur Seite, griff nach den Trägern seiner Tasche und trat zwei Schritte nach vorne – nur, um die Reisetasche abermals abzustellen. Er räusperte sich leicht, zählte stumm bis zehn und betätigte den Glockenzug, der sich rechts am Tor befand. Das helle Klingeln von mehreren Glocken erklang. Noch bevor der Ton verhallt war, griff Finlay wiederum nach seiner Tasche. Regungslos blieb er stehen und wartete.
Ein alter, buckliger Mann verließ das Herrenhaus. Mit einem altertümlichen, schmiedeeisernen Schlüssel in der Hand näherte er sich dem Tor. Dicht vor dem Gitter blieb er stehen, um den jungen Mann auf der anderen Seite zu mustern. Ein Hustenreiz erschütterte seinen Körper, bevor er mit heiserer Stimme das Wort an den Besucher richtete. „Sie wünschen bitte?“
Finlay schlug die Hacken zusammen. „Finlay Bleasby, der Name“, stellte er sich vor. „Ich habe einen Termin bei Lord Hamish Stroud, dem Herrn des Hauses.“ Der Alte nickte. „Lord Stroud erwartet Sie bereits. Wenn Sie mir also bitte folgen würden?“ Er steckte den Schlüssel ins Schloss. Ohne jegliches Quietschen öffnete der Alte gleich darauf das Tor, nur, um es sofort wieder sorgfältig hinter Finlay zu verschließen. „Soll ich Ihre Tasche nehmen?“ Mr Bleasby blickte stoisch auf den Mann hinab, der einen guten Kopf kleiner war als er selbst. „Danke. Aber nein danke.“ Der Alte lachte leise, was einen neuen Hustenanfall auslöste. „Sie sind wohl keiner, der gerne Hilfe annimmt.“ Für den Bruchteil eines Augenblicks wanderte Finlays rechte Augenbraue nach oben. „Nein. Daran liegt es nicht. Es gehört sich schlichtweg nicht. Sie sind der Ältere und zudem in schlechterer körperlicher Verfassung. Wie kann ich es da zulassen, dass Sie mein Gepäck tragen, Mr …?“ Der Mann begann zu strahlen. „Robert. Robert Foley. Ich bin hier der Hausmeister“, stellte er sich verspätet vor. „Und mit dieser Einstellung sind Sie seit Ewigkeiten der Erste hier. Ich glaube, wir werden uns gut verstehen. Doch jetzt kommen Sie. Der Herr wartet nicht gern.“
Finlay wandte den Blick zu dem Herrenhaus aus grauem Stein. Eine winzige, kaum wahrnehmbare Bewegung hinter einem der Fenster im Erdgeschoss ließ ihn innehalten. Gleich darauf öffnete sich die hölzerne Flügeltür. Ein kleiner, spindeldürrer Mann mittleren Alters trat in den Türrahmen. In der Hand hielt er eine geöffnete Taschenuhr, auf die er demonstrativ blickte. Finlay Bleasby straffte sich. Gleichzeitig nickte er dem Hausmeister zu. „Sie haben recht. Wir sollten Mr Stroud nicht warten lassen.“
Hamish Stroud machte einen Schritt nach vorne und steckte seine Uhr weg. „Hatte ich nicht angewiesen, dass Er Punkt 12 Uhr Mittag bei mir vorstellig werden soll? Wenn meine Uhr nicht falsch geht, haben wir es jetzt 12:05 Uhr.“ Finlays Finger krampften sich bei diesen Worten um den Griff der Tasche, denn die Stimme des Lords trillerte in seinen Ohren und hatte etwas eindeutig Affektiertes an sich. Ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, stellte er die Dufflebag neben sich auf den Boden. Erneut wanderte seine Hand an die Westentasche, um die eigene Taschenuhr hervorzuholen. „Nein, Ihre Uhr geht korrekt, Lord Stroud. Es ist genau 12:05 – jetzt 06, um genau zu sein. Was jedoch Ihre Anweisung betrifft, lautete diese, mich um 12 Uhr an Eurem Anwesen einzufinden. Und da es Schlag 12 war, als ich den Klingelzug betätigte, würde ich sagen, ich habe Ihrem Willen entsprochen.“
Der Lord verzog unwillig das Gesicht. Er fuhr sich mit der Hand durch die mit Haarfett getränkten Haare. Dies hatte jedoch eher den gegenteiligen als den gewünschten Effekt, denn nun standen die einzelnen Haarsträhnen in alle erdenklichen Richtungen vom Kopf ab. Finlays Gesicht versteinerte, als sein zukünftiger Arbeitgeber ihm gleich darauf die von der Pomade fettige Hand entgegenstreckte, um ihn mit einem Handschlag zu begrüßen. Die gute Schule und seine Ausbildung verboten ihm jedoch, diese Geste auszuschlagen – ebenso wie sein Missfallen offen zu zeigen. Beherzt griff er nach der dargebotenen Hand, um diese dezent zu schütteln. „Finlay Bleasby, der Name. Jahrgangsbester der Akademie.“ Er deutete eine Verneigung an und nutzte die Bewegung, seine Hand aus der des Lords zu lösen. Sogleich griff er nach seinem weißen Stofftaschentuch aus edler Baumwolle und befreite dezent die Hand vom Fett.
Mr Stroud ließ ein Geräusch erklingen, das am ehesten mit einer Mischung aus Bewunderung und einem Brummen zu beschreiben war. „Jahrgangsbester. Eben deshalb wollte ich genau Ihn, Finlay, in meine Dienste nehmen. Im Übrigen pflege ich alle meine Angestellten mit dem Vornamen anzusprechen. Das ist doch wohl hoffentlich kein Problem für Ihn?“ Mr Bleasby lächelte verhalten. „Natürlich nicht. Ich beuge mich selbstverständlich den Wünschen meines Arbeitgebers.“ Hamish grinste breit. Zufrieden klatschte er in die Hände. „Gut. Nachdem das geklärt wäre, folge Er mir bitte in den Speisesaal.“ Nur leicht drehte er den Kopf und reckte dem Hausmeister das Kinn entgegen. „Robert, nehme Er Finlays Tasche und bringe Er sie in das Zimmer. Das ehemalige Zimmer seines Vorgängers, Er weiß schon, welches ich meine. Es ist doch wohl hoffentlich alles bereit?“ Robert Foley nickte beflissen. „Selbstverständlich, Lord Stroud.“ Noch bevor er jedoch nach der Reisetasche greifen konnte, hatten sich Finlays Finger bereits um die Griffe geschlossen. „Das ist sehr freundlich, doch ich werde mich persönlich um mein Gepäck kümmern. Ich bin in der deutlich besseren körperlichen Verfassung als der werte Kollege und es widerstrebt daher meinen Werten, diese Geste anzunehmen.“ Hamish zuckte leicht die Schultern. „Wie Er meint. Aber auf das gemeinsame Einstiegsessen bestehe ich!“