Kapitel 1
Julia wusste, dass etwas mit Joon nicht stimmte, auch wenn sie sich nicht erklären konnte was es war. Er wirkte so entrückt, als befände er sich in einer ganz anderen Welt.
»Joon, hey hörst du mich?«, fragte sie ihn.
Er sah sie an, als würden sie sich zum ersten Mal sehen.
Das bereitete ihr noch mehr Sorgen, als darüber nachzudenken, wie sie dieses Gitter von Max Käfig aufbekamen ohne alles in die Luft zu jagen.
»Yuri...«, hörte sie Joon leise murmeln.
Julia kannte diesen Namen. Sie hatte ihn mittlerweile schon oft gehört. Wenn Joon Alpträume hatte, die ihn quälten ganz besonders. Yuri, Joons Verlobte, die er ermordet aufgefunden hatte. Weshalb Joon es erst nicht geschafft hatte Julia seine Liebe zu gestehen.
Yoon hatte sie getötet, genau wie Joons Familie Jahre zuvor, als Teil eines Experiments, einer Rache, eines Wahnsinns, den Julia bis heute nicht ganz greifen konnte.
»Yuri... Das kann nicht sein. Ich...«
Julia fasste Joon am Arm. »Joon, sieh mich an!«
Seine Augen fokussierten sich langsam auf sie, als müsste er mühsam aus einem Nebel auftauchen. Der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben – blass, mit geweiteten Pupillen, die Lippen leicht geöffnet, als wollte er etwas sagen, das nicht herauskam.
»Yuri ist tot«, flüsterte er schließlich, mehr zu sich selbst als zu ihr. »Ich habe sie begraben.«
»Ich weiß Joon.« Julia hätte ihn so gerne in den Arm genommen, aber sie wusste, dass das warten musste.
Yuri stand immer noch da, reglos, ihr Lächeln ein Messer in der Stille. »Begraben? Wie rührend. Hast du meinen Grabstein geküsst, bevor du weggelaufen bist?«
Joons Körper spannte sich an. Langsam fand der Agent in ihm einen Weg zurück an die Oberfläche. Julia spürte es unter ihrer Hand.
»Das bist nicht du«, knurrte er. »Yoon hat dich... rekonstruiert. Ein Fake. Ein verdammter Klon.«
Yuri lachte, ein Klang, der Julia die Haut kraus zog. »Klon? So plump? Yoon ist Wissenschaftler, Joon. Er repariert. Er verbessert. Ich bin besser als je zuvor.« Sie machte einen Schritt vorwärts, ihre Bewegungen fließend, zu perfekt. »Und du? Immer noch derselbe Feigling, der mich sterben lässt?«
Julia stellte sich schützend vor Joon. Ihr Herz raste, aber ihre Stimme blieb fest. »Halt dich von ihm fern. Was immer Yoon mit dir gemacht hat – du bist nicht Yuri. Du bist eine Waffe.«
Yuris Blick glitt zu ihr, amüsiert, abschätzend. »Julia Park. Die Neue. Die, die denkt, sie kann meinen Platz an Joons Seite einnehmen. Süß.«
Das Wort schnitt tiefer, als Julia zugeben wollte. Nicht, weil sie glaubte, dass es stimmte – sondern weil Yuri es so beiläufig sagte, als wäre Julia tatsächlich nur eine randständige Episode in einer Geschichte, die längst vorher begonnen hatte.
»Ich versuche nicht, deinen Platz einzunehmen«, erwiderte Julia kühl. »Ich bin sein Partner. Das ist nicht dasselbe.«
Yuris Mundwinkel zuckten. »Partner. Joon und ich sind verlobt.«
»Waren verlobt«, knurrte Joon. »Du bist tot.«
Das Echo seiner Worte hing schwer in der Luft. Julia spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog – nicht nur wegen Yuri, sondern wegen der Art, wie er es sagte. Als würde er versuchen, sich selbst daran zu erinnern, was real war.Yuri blinzelte langsam, als hätte sie diesen Widerspruch erwartet. »Tot ist ein sehr relatives Konzept, findest du nicht?« Ihre Stimme war mild, fast freundlich. »Yoon würde sagen: biochemisch unterbrochene Funktionskette. Kein Grund, sentimental zu werden, wenn man die Daten noch hat.«Julia merkte, wie sich ihre Finger an Joons Unterarm verkrampften. »Du klingst wie ein Bericht, nicht wie ein Mensch.«Yuri sah sie an, als hätte Julia gerade etwas Langweiliges, aber Falsches gesagt. »Ich klinge wie jemand, der verstanden hat, dass Gefühle und Fakten zwei verschiedene Ebenen sind.« Ihr Blick glitt zurück zu Joon. »Er war immer schlecht darin, die zu trennen.«»Hör auf, über mich zu reden, als wäre ich nicht hier«, fauchte Joon. Die Schärfe in seiner Stimme war zurück, aber darunter lag etwas Brüchiges, das Julia nur zu gut kannte. »Und hör auf, so zu tun, als wärst du es.«Einen Augenblick lang lag ein Flimmern über Yuris Gesicht, als würde ein unsichtbares Overlay nachjustiert. Das Lächeln blieb, aber die Augen wurden kälter.»Und was genau«, fragte sie leise, »macht mich für dich weniger ›ich‹? Dass ich überlebt habe, wo andere gestorben sind? Dass mein Körper anders funktioniert als früher?«»Dass du hier unten stehst und Yoons Dreck verteidigst«, erwiderte Julia, bevor Joon antworten konnte. Ihre Worte kamen schneller, als sie denken konnte. »Dass du diese Käfige ansiehst und nicht schreist. Das reicht mir schon.«
Yuri betrachtete sie einen Moment, als würde sie eine neue Variable in einer Gleichung prüfen.
»Du schreist ja auch nicht«, stellte sie fest. »Du funktionierst. Genau wie er.«
Sie nickte leicht in Joons Richtung. »Ihr passt gut zusammen. Ihr habt beide dieselbe Verzweiflung in euch.«
»Wir passen zusammen, weil wir uns entschieden haben, keine Werkzeuge zu sein«, sagte Julia. »Nicht, weil Yoon uns irgendwie kombiniert hat.«
»Noch nicht«, murmelte Max heiser hinter ihr. Julia hörte das metallische Knarzen seiner Fesseln. »Julia, du musst–«
»Max, ich hab dich gehört«, schnitt sie ihm ab, ohne den Blick von Yuri zu nehmen. »Wir holen dich hier raus. Und wenn ich dafür diese ganze Plattform aus der Verankerung reißen muss.«
Yuris Lächeln wurde breiter, aber es erreichte ihre Augen nicht. »Das ist es, was Yoon an dir interessant findet«, sagte sie. »Dieses Trotzige. Er nennt es deine Fehlertoleranz. Du kippst nicht um, wenn man dir die Regeln nimmt. Du baust neue und—«
Genau in diesem Moment tat Joon etwas, das Julia nicht erwartet hatte. Er schoss auf Yuri.
Der Schuss riss wie ein Donnerschlag durch die stickige Stille.Die Druckwelle hallte von den Metallstreben wider, irgendwo in den Reihen kreischte jemand – oder etwas – auf. Der Lichtblitz des Mündungsfeuers spiegelte sich in Yuris Pupillen, im Metall der Käfige, in Julias Visier.
Julia hatte nicht einmal registriert, dass Joon die Waffe voll gehoben hatte. Kein Warnwort, kein Zögern, keine klassische Agentenansage. Nur der rohe, instinktive Reflex eines Mannes, der etwas vor sich sah, das nicht existieren durfte.
Der Schuss traf.
Yuri stolperte rücklings, fiel auf die Knie.
Julia bezweifelte stark, dass sie tot war.
Joon fluchte neben ihr, hämmerte etwas in das Panel ein, das Julia nicht begriff.
»Joon, was wenn—«, weiter kam sie nicht.
»Sei still! Ich muss mich konzentrieren!«
Julia schluckte und nickte. Joon hatte noch nie so mit ihr gesprochen. So laut, so direkt. Es jagte ihr Angst ein.
Nach wenigen Minuten, die sich wie Stunden anfühlten öffneten sich die Gitterstäbe von Max mit einem metallischen Rucken. Max fiel nach vorne.
Julia sprang vor, ohne nachzudenken, und fing ihn ab. Er hing schwer an ihr, seine Beine suchten haltlosen Boden, seine Haut fühlte sich durch den Anzugstoff heiß und gleichzeitig seltsam kalt an.
»Max, hey«, presste sie hervor. »Bei mir bleiben.«Er blinzelte, der Blick glasig, aber irgendwo dahinter noch immer Max. »Du… brauchst… echt neue Hobbys, Schwester«, brachte er heiser heraus. »Leute aus Folterkäfigen klauen ist kein… Freizeitprogramm.«
Sie lachte kurz auf, viel zu hoch, viel zu dünn. »Beschwerst du dich gerade wirklich?«
»Noch… nicht«, murmelte er und versuchte, sich auf die Füße zu stellen. Seine Knie gaben fast nach, Julias Arm schoss fester um seine Taille.
Hinter ihnen fluchte Joon leise, tippte noch einen letzten Befehl in das Terminal, dann fuhr das Panel mit einem Zischen zurück in die Wand. »Sekundärverriegelungen sind offline. Für den Moment«, sagte er. »Wir müssen weg, bevor Yoon das merkt.«
»Er hat es schon gemerkt«, keuchte Max. »Glaub mir. Er merkt alles.«
Julia riskierte einen schnellen Blick über die Schulter.Yuri lag noch dort, wo der Schuss sie getroffen hatte, auf den Knien, den Oberkörper leicht nach vorn gesackt. Keine Bewegung. Keine Geräusche.
Aber Julias Nackenhaare stellten sich trotzdem auf. Sie wusste einfach, dass es nicht vorbei war.»Wir gehen«, sagte sie, schärfer als beabsichtigt. »Jetzt.«
Joon folgte ihrem Blick nur einen Sekundenbruchteil lang, dann nickte er knapp. »Julia rechts, ich links«, ordnete er an und positionierte sich an Max’ freier Seite, so dass sie ihn gemeinsam stützen konnten. »Wenn er fällt, fällt er auf uns, nicht auf den Boden.«
»Beruhigend«, murmelte Max. »Sehr beruhigend.«
Sie hasteten an den Käfigen vorbei, dann den Hangar hinunter. Max zwischen ihnen, der linke Fuß ein halbe Sekunde hinter dem rechten. Die Stille, die über dem Raum lag, war die falsche Art von Stille – nicht leer, sondern aufgeladen, wie der Moment vor einem Gewitter, das noch nicht entschieden hatte, wo es einschlägt.
Julias Kommunikatoe knisterte.»—Park? Hier Voyager—« Rauschen. »—habt ihr Empfang?«
Sie presste den Knopf an ihrer Schläfe. »Samantha, wir sind da. Wir haben Max. Haltet die Andockbucht drei frei.«
Ein Atemzug. Dann: »Oh Gott. Verstanden. Wir ziehen euch rein, sobald ihr aus Athenas Feld raus seid. Beeilt euch, die Energiemuster hier unten sehen nicht—«
Die Verbindung brach ab, im gleichen Moment, in dem über ihnen die Deckenpanele aufleuchteten.
Nicht das normale Betriebslicht. Rot. Pulsierend. Kalt.
»Nicht reden. Laufen«, sagte Joon.
Sie liefen.
Das Shuttle war dreißig Meter entfernt, dann zwanzig, dann funkelten über ihnen die Geschützkuppeln auf – drei davon, dreieckig angeordnet, die Läufe schwingend, als würden sie noch nach dem besten Winkel suchen.
Julia rechnete innerlich, hasste die Zahlen, bekam kein gutes Ergebnis.
»Rechts – Container!«, rief Joon.
Sie warfen sich in den Schatten eines gestapelten Frachtblocks.
Ein Energieschuss zischte knapp über die Oberkante, fraß ein glühendes Loch in die Wand dahinter. Hitze pulsierte in Wellen herunter.
Max lehnte gegen das Metall, die Augen halb geschlossen. »Falls ich das nicht überlebe«, keuchte er, »ist meine Pflanze zuhause mit Leitungswasser zu gießen. Nicht mit destilliertem. Das mag sie nicht.«
»Du überlebst das«, sagte Julia.»Das sagst du auch nur, damit ich weiterrennen soll.«
»Ja«, gab sie zu. »Funktioniert es?«
»…Ja.«Joon griff in seine Weste, zog zwei flache Zylinder hervor.
Im roten Notlicht erkannte Julia die Rillung auf der Oberfläche – Störgranaten, klein, aber ausreichend, um Sensoren kurzfristig blind zu machen.»Du hast noch welche?«, fragte sie.
»Immer«, sagte er, dann sah er sie kurz an. »Bei drei läufst du. Mit Max. Ich komme hinterher.«
»Wenn du jetzt anfängst, Heldensachen zu machen—«
»Ich mache keine Heldensachen.« Der Ton war flach, sachlich. »Ich mache Mathematik. Einer muss die Waffe halten, einer muss ihn tragen. Das ist keine Ideologie, das ist Mathematik.« Kurze Pause. »Vertrau mir.«
Julia schluckte.Irgendwann würde sie aufhören, sich darüber zu wundern, wie er das schaffte: mit drei Worten alle Argumente wegzuräumen, die sie aufgebaut hatte.
Sie nickte.
»Eins.« Joon hob den Arm.»Zwei.« Die Geschütze fanden ihre Position neu.»Drei.«
Er warf.
Beide Zylinder flogen in sauberen Bögen durch den Hangar, prallten von einer Trägerstrebe ab, rollten auseinander – und zündeten gleichzeitig. Weißes Licht flutete den Raum, grell genug, um kurz alles auszulöschen. Das hochfrequente Kreischen der Störpulse schnitt sich durch Julias Schädelknochen.
Die Geschütze zuckten. Verloren das Ziel. Räusperten sich in sinnlosem Hin-und-Herfeuern.
Julia war schon halb aufgesprungen, Max‘ Arm über ihrer Schulter. Laufen. Fokus auf die Rampe, auf die Luke, auf die Delle am Triebwerk, die sie sich im Schlaf merken könnte. Nicht auf das Feuer. Nicht auf das Kreischen der Systeme. Nicht auf die Frage, ob Joon—
Die Rampe war unter ihren Stiefeln. Das Panel.Sie schlug mit der flachen Hand drauf.
Nichts.
Nochmal.
Die Luke glitt auf.
»Rein«, keuchte sie, schob Max vor sich her, stützte ihn die Rampe hoch. Er stolperte, griff nach dem Wandgriff, fand ihn. Julia war direkt hinter ihm, drehte sich auf der Schwelle noch einmal um.
Joon war zehn Meter entfernt.
Fünf.
»Joon, ich schwör dir, wenn du das nicht schaffst bring ich dich um!«, schrie sie.
Er schaffte es.
Zwei Schritte entfernt traf ihn ein Streifschuss an der Schulter, der ihn nach rechts reißen ließ – aber nicht aufhalten. Er warf sich mehr, als er lief, die letzte Distanz war ein halb kontrollierter Sturz nach vorne, und Julia griff blind nach seinem Arm, seinem Gurt, irgendetwas Stabilem, und zog.
Er prallte gegen sie. Warm, schwer, da.
Ihre Hand fand das Schließfeld hinter seinem Rücken.
Die Luke schloss sich.
Alles wurde still, auf die plötzliche, beinahe beleidigende Art, wie Metall und Vakuumdämpfung Chaos einfach wegschlucken. Die Geschütze draußen suchten weiter, fanden nichts. Julias eigenes Herzschlagen klang zu laut.
Joon lehnte mit dem Rücken gegen die Bordwand, die Augen kurz geschlossen. An seiner Schulter hatte der Streifen den Anzug angesengt, ein scharfer Geruch nach verschmortem Polymer hing im Raum.
»Schulter«, sagte Julia.
»Ich weiß.«
»Schlimm?«
»Nein.«
»Du lügst.«
»Ein bisschen.«
Von hinten kam ein heiseres Geräusch. Max, der versuchte zu lachen und es nicht ganz schaffte. »Sie… drohte dir gerade wirklich«, murmelte er. »Im laufenden Betrieb.«
»Sie macht das öfter«, sagte Joon und stieß sich von der Wand ab. »Man gewöhnt sich dran.«
Julia ließ ihn stehen, bevor sie irgendetwas sagen konnte, das sie später bereuen würde, und warf sich in den Co-Pilotensitz. Die Finger fanden die vertrauten Felder, der Bootscreen flackerte auf, die Triebwerke begannen zu summen.
»Stellar Voyager, hier Not-Shuttle Delta.« Ihre Stimme war erstaunlich ruhig, gemessen an allem. »Wir sind drin, wir heben ab. Bucht drei.«
Rauschen. Dann:
»Julia.« Samanthas Stimme. Kein Protokoll, kein Funkname, nur der eine Laut, der alles enthielt, was sie in den letzten Stunden wahrscheinlich durchgekaut hatte. »Ich sehe euch. Kommt nach Hause.«
»Wir kommen.«
Joon ließ sich in den Pilotensitz fallen, einhand, mit einer Grimasse, die er sofort wieder wegschluckte, und fuhr die Schubvektoren hoch. Die Andockverriegelung gab nach, der Hangar öffnete sich, und die Athena ließ sie mit einem letzten, wütenden Schuss gehen – ein Treffer auf den Rumpf, Warnton, gelbe Anzeige, Joon ignorierte beides.
Dann: Dunkel. Stille. Sterne.
Die Athena schrumpfte hinter ihnen zu einem Fleck künstlichen Lichts, der nicht aufhörte zu existieren, nur weil sie ihm den Rücken zugewandt hatten. Julia wusste, ohne hinzusehen, dass Joon sie nicht im Rückspiegel beobachtete. Er war fertig damit, auf Yoons Konstrukte zu starren.
Zumindest für heute.
Das Einfangfeld der Stellar Voyager erfasste sie mit einem Ruck, sachte und unbestechlich. Die vertraute Silhouette wuchs, füllte das Sichtfeld, bis nur noch das gedämpfte Grau der Andockbucht zu sehen war.
»Andocken bestätigt«, sagte die Bordstimme, ungerührt.
Joon ließ die Hände sinken. Für einen Moment saß er einfach da.
Dann drehte er den Kopf.
»Keine Explosion«, sagte er.
Julia zog langsam eine Braue hoch. »Bist du… enttäuscht?«
»Nein.« Eine kleine Pause. »Ich stelle nur fest, dass es ohne geht.«
»Reife Entwicklung.«
»Ich übe.«
Hinter ihnen hustete Max einmal, rau und ehrlich. »Wenn ihr fertig seid mit eurem… Was auch immer das ist«, murmelte er, »würde ich jetzt sehr gerne irgendwo hinsinken, das keine Gitter hat.«
Julia löste den Gurt. Sie drehte sich um, sah Max an – sein Gesicht war grau unter der Erschöpfung, das Implantat an seiner Schläfe pulsierte schwach, die Augen lagen tief in den Höhlen –, und streckte die Hand aus.
Er sah sie an mit dem Blick, den sie seit Jahren kannte: den Blick, der zwischen du musst das nicht und ich will nicht, dass du das nicht tust pendelte, ohne sich zu entscheiden.
Dann nahm er ihre Hand.
Joon hatte die Luke schon offen, bevor jemand darum bat.
Der Geruch der Stellar Voyager schlug ihr entgegen wie etwas, das sich Zuhause nannte, ohne das Wort zu benutzen. Aufbereitete Luft, Kaffee aus einer zu kleinen Kanne, das leicht synthetische Grundrauschen der Wandverkleidungen.
Samantha stand auf der anderen Seite der Schleuse.
Arme verschränkt. Gesicht ausdruckslos. Was bedeutete: Gesicht sehr druckvoll.
Hinter ihr Hyunmin, die Hände in den Taschen, die Augen auf Max gerichtet mit einem Ausdruck, den Julia noch nie bei ihr gesehen hatte.
Samantha ließ die Arme sinken. »Du musst Max sein«, sagte sie. »Willkommen an Bord.«
»Hey«, brachte er heraus.
Für einen Moment brauchte es nichts weiter.
Dann ließ Hyunmin die Hände aus den Taschen gleiten, trat einen Schritt vor und umfasste Max‘ freien Arm, ohne zu fragen. Er ließ es geschehen. Samantha sagte etwas über den Medbay, über Scans, über das Implantat, über Protokolle, die sie an dieser Stelle eigentlich abarbeiten müsste – aber ihre Stimme hatte einen anderen Unterton als sonst, weicher, als wäre die Protokollschicht gerade dünn.
Julia trat zur Seite und ließ sie an sich vorbeiströmen.
Sie stand in der Schleuse und sah ihnen nach, bis das Schott hinter ihnen ins Schloss fiel. Dann lehnte sie sich mit dem Rücken an die Wand, die Augen zur Decke gerichtet, und holte einmal, tief und zitternd, Luft.
Joon blieb neben ihr stehen.
»Wie geht es dir?«, fragte sie, ohne den Blick von der Decke zu nehmen.
Er schwieg einen Moment. »Ich weiß es noch nicht.«
Ehrlicher hätte er nicht antworten können. Julia nickte.
Vor dem Sichtfenster am Ende des Ganges hing, zwischen Millionen namenloser Sterne, eine blasse Kugel. Klein, unwirklich, geduldig. Die Erde, die nicht wusste, dass sie in ein paar Stunden Besuch bekommen würde von Leuten, die ihr etwas wegzunehmen gedachten.
Yoon war dort und wartete auf sie.
»Wenn wir ankommen«, sagte Joon, halb zu ihr, halb in den Raum, »müssen wir ihm den nächsten Zug wegnehmen, bevor er ihn macht. Bevor er Yuri einsetzt. Bevor er Max als Hebel verwendet.«
»Ich weiß.«
»Es wird schwieriger als alles bisher.«
»Das weiß ich auch.«
Er sah sie an. In seinem Gesicht war noch Yuri. Die Käfige. Der Schuss, der eine Tote zum Taumeln gebracht hatte, und die Frage, die er sich vermutlich die ganze Nacht stellen würde: Wer bin ich, wenn ich auf sie schießen kann? Und wer bin ich, wenn ich es nicht kann?
Aber darunter, tiefer, unnachgiebig wie Knochen: er. Immer noch er.
»Trotzdem?«, fragte er.
Julia sah ihn an.
»Trotzdem«, sagte sie.








