Leona - Willkommen Zuhause
Die meisten Menschen würden mich vermutlich als eine exotische Mischung aus introvertiert und privilegiert bezeichnen. Womit sie nicht zwangsläufig falsch lagen. Ich war still und unauffällig, was mir unweigerlich die Fähigkeit verlieh, alles und jeden bis ins kleinste Detail observieren zu können. Ich konnte jeden Menschen, der mir gegenübertrat, lesen und deuten. Ich besaß nicht nur das Talent, viele Sprachen sprechen und verstehen zu können, auch Körpersprache konnte ich mit einer abartigen Leichtigkeit interpretieren.
Meine Eltern sorgten sich mehr um ihre Karrieren als um mich. Was unserer kleinen Familie zwar sehr viel Geld, aber noch mehr Einsamkeit brachte.
Ich war, um es ganz einfach zu sagen, unsichtbar und reich. Und ich liebte und hasste es gleichermaßen.
Auch an diesem Freitagmorgen nutzte ich meine Fähigkeit des Nichtauffallens.
Ich saß in der Universitätsbibliothek und trotz, dass ich wie immer in meiner Jobsuche versunken war, bekam ich mit, wie sich jemand neben mir niederließ und mich ungehindert anstarrte.
Ich spürte eine sanfte Berührung an meiner Schulter und drehte den Kopf.
Strahlend braune Augen empfingen meinen Blick. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen musterte mich meine beste Freundin, Parker.
>Was machst du?<, fragte sie mich in Gebärdensprache. Ich drehte meinen Laptop, sodass sie einen Blick darauf werfen konnte. >Ich suche einen Job. Wie immer.<, antwortete ich ihr mit schnellen Bewegungen.
Parker hatte aufgrund einer Gehirnhautentzündung ihr Gehör mit 15 verloren. Sie konnte nach wie vor verständlich sprechen, hatte aber die Hoffnung aufgegeben, dass ihr irgendein Arzt noch helfen konnte. Sie war, genau wie ich, 21 Jahre alt, und nach über 7 Jahren Freundschaft, meine treuste Freundin. Durch sie hatte ich meine Liebe für Sprachen entdeckt. Ich traf sie etwa ein Jahr vor ihrer Gehörlosigkeit und hatte gemeinsam mit ihr Gebärdensprache gelernt. Englisch war meine Muttersprache, und durch die Herkunft meiner Grandma konnte ich zu diesem Zeitpunkt auch Spanisch bereits fast fließend sprechen. Doch es hatte mir so viel Spaß gemacht, gemeinsam mit Parker die Gebärdensprache zu lernen, dass ich schon lange vor meinem Highschoolabschluss gewusst hatte, dass ich Sprachwissenschaften studieren wollte. Und hier war ich nun, kurz vor meinen Abschlussprüfungen, auf der Suche nach einem Job als Dolmetscherin.
>Wie siehts aus?< Parker deutete auf den Laptop. >Nicht so gut<, antwortete ich ihr und verzog die Lippen zu einem Schmollmund.
>Selbst ich habe einen Job gefunden, also schaffst du das erstrecht, du bist so talentiert< Sie nickte mir emsig zu.
>Ja. Vielleicht.< Seufzend schlug ich den Laptop zu und erhob mich. >Kaffee?<
Parker nickte und strahlte mich an.
Ich hatte noch nie zuvor einen so lebensfrohen Menschen wie sie getroffen. Ihre langen braunen Haare fielen wellig über ihre Schultern, was ihr unfassbar gut stand. Sie war ein wunderschöner und einzigartiger Mensch, und ich liebte es, mit ihr befreundet zu sein. Ich genoss ihre Gesellschaft und ihre gute Laune sehr.
>Meine Eltern sind nächste Woche wieder in der Stadt<, erzählte ich ihr, bevor ich an meinem Kaffee nippte.
Wir saßen in unserem Lieblingskaffee in der Nähe des Campus, mit dunklen Holzverkleidungen an den Wänden und hellen Messinglampen über den kleinen, runden, geschmackvoll verschnörkelten Tischen. Bereits in einer Woche würde Parker mich nicht mehr an der Universität besuchen, sondern Zuhause, in Mapleville. Der Vorteil daran war, dass wir uns öfter sehen konnten. Doch ich wusste schon jetzt, dass ich Chicago und die Universität vermissen würde.
Erstaunt blickte sie mich an. >Wie lange bleiben sie dieses Mal?<
>Nur ein paar Tage, glaube ich.< Ich nippte erneut an meinem Kaffee, der noch immer ein wenig zu heiß war.
>Schade. Sag mir trotzdem, wenn sie da sind.< Ich nickte und bestellte für Parker und mich noch ein Stück Schokoladenkuchen, den wir vermutlich vorerst das letzte Mal essen würden.
Etwa zwei Stunden später saß ich in meinem Kinderzimmer auf dem Bett und musterte meine Koffer. Ich hatte beschlossen, mein Zimmer an der Universität vorzeitig zu räumen und mich vor meinen letzten Prüfungen zu Hause zurückzuziehen, um in Ruhe lernen zu können.
Mein Blick wanderte von meinem Gepäck zu den Bildern an meiner Wand.
Ein Porträt von Parker und mir, ein Bild von ihrer Familie und mir, das vor etwa 5 Jahren entstanden sein musste und ein, meiner Meinung nach, viel zu großes Familienporträt, das meine Mutter letztes Jahr zur Weihnachtszeit hatte machen lassen. Es ließ beinahe vermuten, dass wir tatsächlich so etwas wie eine Familie waren. Was absurd war, da meine Eltern, seit ich denken konnte, immer beruflich unterwegs waren. An den wenigen Tagen, an denen sie zur gleichen Zeit zu Hause waren, wurde ich mit sinnlosen Familienessen und Filmabenden gequält. Zu meinem Collegeabschluss hatten sie es tatsächlich geschafft, sich für mich Zeit zu nehmen, um bei mir zu sein. Was mir so absurd vorkam, wie die Tatsache, dass Parker jemals wieder zu hundert Prozent hören konnte. Doch Wunder geschahen, ab und an, wohl doch.
Nichtsdestotrotz mochte ich meine Eltern. Wir hatten zwar kein gutes familiäres Verhältnis, doch ich freute mich jedes Mal, sie zu sehen, auch wenn dieses Gefühl meist nur für wenige Momente anhielt.
Meine Mutter, Nathalie Sutton hatte sich bereits kurz nach meiner Geburt, in ihren späten Zwanzigern einen Namen als begehrte Hochzeitsplanerin vor allem für Prominente und anderweitig Reiche gemacht.
Mein Vater, Benedict hingegen, hatte einen weniger begehrenswerten Job als Hedgefonds-Manager. Da er in einem Büro in New York arbeitete, kam es selten vor, dass er sich hier blicken ließ.
Meine Wenigkeit hatte viele Jahre über die Gesellschaft einer spanischen Haushälterin und Nanny genießen dürfen, welche mir nach dem frühzeitigen Tod meiner Grandma weiterhin Spanisch beigebracht hatte.
Ich rutschte vom Bett, schloss die Augen und atmete tief durch. Die kommende Woche würde mir so einiges abverlangen. Ich blickte in den großen Spiegel, an meinem übergroßen Kleiderschrank. Müde, blaue Augen schauten mir entgegen. Meine langen blonden Haare streiften meine Hüften und sahen mindestens so erschöpft und glanzlos aus wie meine blasse Haut. Ich umklammerte meine Knie und fühlte mich noch zerbrechlicher, als ich aussah. Mein Gesicht war okay, doch mein Körper war so zierlich, meine Taille so schmal, dass ich bereits als Kind oft zu hören bekommen hatte, dass ich doch mal mehr essen sollte. Ich ernährte mich meiner Meinung nach ziemlich normal. Klar vergaß ich durch den Prüfungsstress gelegentlich die ein oder andere Mahlzeit, doch ich hatte definitiv keine Essstörung. Ich war einfach so gebaut und ich hatte Frieden mit meinem Körper geschlossen.
Meine Mutter hatte immer betont, was für eine schöne Balletttänzerin ich doch sein könnte, doch für solche Dinge hatte ich mich schon als Kind nicht interessiert.
Das Vibrieren meines Handys riss mich aus meiner Trance. Ich warf einen flüchtigen Blick auf mein Display, auf dem gerade eine Nachricht in unserer „Maple-Girls“-Gruppe aufleuchtete. Ich fischte das Telefon vom Bett und öffnete den Chat.
Holly: Hey, Lona. Bist du schon zurück? Ich habe gerade dein Auto bei euch in der Auffahrt gesehen.
Leona: Ja. Bin vor zwanzig Minuten angekommen.
Parker: Ich bin auch in einer Stunde von der Arbeit zurück.
Holly: Klasse, treffen wir uns heute Abend um 8 alle im McAllister?
Parker und ich sagten zu, und nach einigen Minuten reagierte auch der Rest der Gruppe.
Kate: Ich bin heute Abend eingeteilt, also müsst ihr euch zu mir an die Bar gesellen.
Nelly: Ja, bin dabei.
Holly: Ich freu’ mich auf euch. <3
Es gingen noch ein paar Emojis und GIFs in der Gruppe umher, dann legte ich mein Handy wieder zur Seite. Ein Hauch Vorfreude breitete sich in meinem Körper aus, als ich mich endlich erhob und einen der Koffer vor mir öffnete.
Es war schon eine ganze Weile her, dass wir komplett versammelt in einer Runde gesessen hatten. In Anwesenheit von Parker war es zwar immer ein wenig anstrengend für mich, weil sie mit dem Lippenlesen noch nicht schnell genug war, um ganze Gespräche aufzufassen. Doch meistens reichten ihr die Gesprächsfetzen, die sie aufgreifen konnte, und sie wurde immer besser darin, sodass ich ab und an meine Hände mal entspannen konnte. Ich liebte es, für Parker zu übersetzen, doch ein gesamtes Gespräch zwischen fünf Parteien in Gebärdensprache zu übersetzen konnte für uns beide schnell unübersichtlich werden, weshalb sie vor etwa zwei Jahren begonnen hatte, das Lippenlesen zu lernen.
Als ich schließlich meinen perfekt eingeräumten Kleiderschrank betrachtete, stahl sich ein zufriedenes Lächeln auf meine Lippen.
Willkommen Zuhause, Lona.








