Kapitel 1
Der Wind wehte angenehm durch sein Haar, als er hier draußen stand, auf dem Balkon seines Apartment und auf die neonfarbenen Lichter der Stadt hinunter sah. Fast fühlte es sich an, als hätte sich in den letzten Monaten rein gar nichts verändert. Doch das Gegenteil war der Fall: Alles hatte sich verändert. Und das in so kurzer Zeit.
Eclipse hatten sie schlagen können, das war wahr. Aber die wichtigste Person in diesem Spiel war entkommen. Dr. Yoon war noch immer da draußen. Joon ballte die Hände, als er daran dachte. Alleine wenn er daran dachte, wie haarscharf er daran vorbei geschlittert war, Julia zu verlieren wurde ihm schlecht und es machte ihn wütend. Doch glücklicherweise war sie zurückgekommen. Sie hatte ihn nicht verlassen. Das war das Wichtigste. Die Frage, die sich nun stellte, war: Wie würde es weitergehen?
Es war alles so perfekt. Doch Joon wusste aus Erfahrung, dass es so nicht bleiben würde.
Nach all den Jahren hatte er gelernt, dass die Zeit, kurz bevor der Sturm losbrach, immer die ruhigste war. Nahezu trügerisch.
Er sah zur Balkontür, die immer noch angelehnt war, und konnte durch sie Julia entdecken. Sie saß auf dem Sofa in eine der Decken gehüllt und lehnte sich in die Kissen. Ein Lächeln auf den Lippen.
Ein so harmonisches Bild, wie er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Es ließ sein Herz schneller schlagen.
Und was das betraf: Er hatte es noch immer nicht geschafft, Julia seine Gefühle mitzuteilen. Immer wenn er es hatte tun wollen, war ihm etwas dazwischen gekommen. Und das war nicht einmal sein einziges Problem. Sondern nur das kleinste.
Und doch, er hatte Julia nicht einmal fragen müssen, ob sie hier bei ihm bleiben wollte. Sie hatte es ganz einfach beschlossen. Hätte sie darauf bestanden, hätte er ihr natürlich auch eine Wohnung in der Stadt besorgt. Doch sie schien diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht ziehen zu wollen. Was ihn, selbst wenn er es nicht so schnell zugeben würde, unglaublich beruhigte. Denn Dr. Yoon und dessen Leute waren noch immer da draußen. Was nichts leichter machte. Ganz im Gegenteil.
Sein Gesicht verfinsterte sich bei dem Gedanke. Es erinnerte ihn daran, dass er in den Katakomben von NeoBiome kurz davor er gewesen war, Julia zu verlieren. In dem Moment selbst, war er sich so sicher, dass genau dies passieren würde. Allein bei dem Gedanken, bekam er eine Gänsehaut. Er hatte sogar schon drüber nachgedacht dass er ...
»Joon.« Er konnte fühlen, wie ihn jemand von hinten umarmte. Julia. »Du machst dir schon wieder Sorgen, oder?«
Sie lehnte ihr Kinn auf seine Schulter. »Willst du nicht endlich reinkommen?«
»Ich mache mir keine Sorgen, ich denke nur nach«, murmelte er.
»Du weißt, dass das dasselbe ist«, entgegnete Julia.
Er drehte sich um und sah sie an. Dort stand sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Ihre Arme immer noch um ihn gelegt.
»Wenn du mich nicht endlich zurück umarmst, wird das doch ein bisschen seltsam, weißt du?«, tadelte sie ihn sanft.
»Na dann.« Joon zog sie fester an sich. »Das wollen wir ja nicht.«
Julia lehnte sich in seine Umarmung und für einen Moment standen sie einfach nur da. Ohne etwas zu sagen. Die Wärme ihrer Körper verschmolz, während die kühle Nachtluft um sie herum wehte. Joon schloss die Augen und atmete tief ein, Julias vertrauter Duft erfüllte seine Sinne. In diesem Augenblick schien die Welt um sie herum stillzustehen. Doch die Ruhe war trügerisch, und Joon wusste das nur zu gut. Seine Gedanken wanderten wieder zu den Gefahren, die noch immer auf sie lauerten. Dr. Yoon war da draußen, plante zweifellos seinen nächsten Schachzug. Die Vorstellung ließ Joon unwillkürlich seine Arme fester um Julia schlingen.
»Joon«, murmelte Julia sanft gegen seine Brust. »Ich kann förmlich hören, wie deine Gedanken rasen. Was beunruhigt dich so sehr?«
»Ich ...« Er stockte. »Es ist nur ... Ich habe dich vor ein paar Monaten beinahe verloren. Ich kann einfach nicht aufhören daran zu denken.«
Julia löste sich leicht aus der Umarmung, um Joon in die Augen zu sehen. Ihr Blick war voller Mitgefühl und Entschlossenheit. »Aber du hast mich nicht verloren, Joon. Ich bin hier, bei dir. Wir haben es geschafft.«
Joon nickte langsam, seine Augen nie von ihren weichend. »Ich weiß. Und ich bin unendlich dankbar dafür. Aber die Gefahr ist noch nicht vorbei. Dr. Yoon ist immer noch da draußen, plant seinen nächsten Schritt. Und ich kann nicht... ich will nicht riskieren, dass dir etwas zustößt.«
Julia legte sanft eine Hand an seine Wange. »Joon, wir wussten von Anfang an, dass es gefährlich sein würde. Aber wir sind zusammen in das hier hineingegangen, und wir werden es auch zusammen durchstehen. Du musst nicht alleine stark sein.«
Joon schloss kurz die Augen, lehnte sich in ihre Berührung. Als er sie wieder öffnete, war sein Blick intensiv. »Julia, ich... es gibt so vieles, was ich dir sagen möchte. So vieles, was ich fühle, aber ich finde einfach nicht die richtigen Worte.«
Julia lächelte sanft. »Du musst es nicht in Worte fassen, Joon. Ich weiß es. Ich fühle es auch.«
Für einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen, nur unterbrochen vom leisen Rauschen des Windes. Dann, ohne nachzudenken, beugte sich Joon vor und küsste Julia sanft. Es war ein zärtlicher, fast schüchterner Kuss, voller unausgesprochener Gefühle und Versprechen.
Julia fasste ihn bei der Hand. »Komm mit. Lass uns reingehen. Jetzt haben wir ja endlich mal Zeit für uns.«
Das stimmte. Denn seit dem Abschluss der Undercover-Mission bei NeoBiome wohnte auch Daniel nicht mehr hier bei ihnen im Apartment. Zum Glück.
Julia fasste Joon sanft bei der Hand und führte ihn zurück ins Apartment. Als sich die Balkontür hinter ihnen schloss, spürten beide, wie die Anspannung der letzten Wochen langsam von ihnen abfiel. »Es fühlt sich fast unwirklich an, oder?«, sagte Julia leise, während sie sich auf das Sofa sinken ließ. »Nach all dem Chaos und der Gefahr einfach hier zu sein, in Sicherheit.«
Joon setzte sich neben sie, seine Hand noch immer in ihrer. »Ja, es ist... friedlich. Fast zu friedlich.«
Er lächelte schief. »Ich glaube, ich muss mich erst wieder daran gewöhnen.«
Julia lehnte ihren Kopf an seine Schulter. »Wir haben Zeit, Joon. Zeit, uns daran zu gewöhnen. Zeit füreinander.«
Joon schloss für einen Moment die Augen, genoss die Wärme ihrer Nähe. »Du hast Recht. Es ist nur... ein Teil von mir kann nicht aufhören, wachsam zu sein. Zu warten, dass etwas passiert.«
»Ich verstehe das. Du hast dein Leben lang nichts anderes getan«, sagte Julia sanft. »Aber vielleicht können wir lernen, diese Wachsamkeit etwas zu lockern. Zumindest hier, wenn wir allein sind.«
Joon nickte langsam. »Ich werde es versuchen.« Er drehte sich zu ihr, sein Blick intensiv. »Julia, ich... ich bin so froh, dass du hier bist. Bei mir.«
Julia lächelte, ihre Augen funkelten im gedämpften Licht des Raumes. »Ich auch, Joon. Ich kann mir keinen anderen Ort vorstellen, an dem ich lieber wäre.«
Für einen langen Moment sahen sie sich einfach nur an, die unausgesprochenen Gefühle zwischen ihnen fast greifbar. Dann, langsam, neigte sich Joon zu ihr und küsste sie erneut. Diesmal war der Kuss tiefer, leidenschaftlicher, ein Ausdruck all der Emotionen, die sie so lange zurückgehalten hatten. Als sie sich voneinander lösten, atmeten beide schwer.
Julia strich sanft über Joons Wange. »Weißt du, ich glaube, wir haben eine Menge nachzuholen«, flüsterte sie mit einem verschmitzten Lächeln.
Joon grinste. »Da hast du wohl Recht.« Er zog sie näher an sich. »Und wir haben die ganze Nacht Zeit dafür.«
In dieser Nacht, zum ersten Mal seit langer Zeit, ließen beide ihre Sorgen und Ängste los. Sie konzentrierten sich nur aufeinander, auf die Gegenwart, auf das Hier und Jetzt.
Die Zukunft und all ihre Ungewissheiten konnten warten. Für den Moment waren sie einfach nur Joon und Julia, zwei Menschen, die endlich zueinander gefunden hatten.








