Cremzow - nur ein Dorf

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Summary

Mein Onkel is gestorben und ich hab sein Tagebuch hier hochgeladen, denn was ihm in der Uckermark passiert ist, könnte sehr gut eine Horrogeschichte sein.

Genre
Horror/Humor
Author
BugGles
Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
16+

Omen


Heute

Echt unpraktisch ist es, dass mein Onkel jetzt tot ist. Der ist nämlich der Bruder von meiner Mutter und die ist nun ziemlich enttäuscht von ihm. Onkel selbst scheint es nich zu stören. Nur für Mutter ist es schwer zu akzeptieren, dass sie nie wieder dieses verfluchte „Mensch-ärger-dich-nicht“ mit Onkel und mir spielen kann.

Na jedenfalls entdecke ich, als wir Onkels Haus leer räumen, mein Erbe (einen Bananenkarton) und in ihm, zwischen den vielen „Mensch-Ärger-dich-Nicht“-Ausgaben ein altes Tagebuch. Darin beschreibt Onkel wie er 2005 (da war er 12 Jahre alt) zusammen mit Mutter und seinem Bruder nach Cremzow gezogen ist. Seinen Bruder habe ich nie kennengelernt – und nun weiß ich auch warum. Interessant ist, dass er das Tagebuch erst nachträglich angelegt hat. Als er schon längst nich mehr 12 war.

Ich habe selbst nachgeforscht. Das „CREMZOWER-LOCH“ von dem Onkel in seinem Tagebuch erzählt, ist kein Einzelfall. In Blaubeuren, einer Stadt in Baden-Württemberg, gibt es auch so ein Loch, dass wegen seiner blauen Farbe „Blautopf“ genannt wird. Der Blautopf verbirgt große, unerforschte Höhlensysteme – die Größten in ganz Deutschland!

Na jedenfalls ist Mutter fast ausgerastet, als sie das Tagebuch gesehen hat. Sie hat mir verboten es zu lesen. Ich sagte ihr, dass es dazu zu spät sei – was gelogen war. Aber jetzt ist sie ruhiger. Sie sagte, dass ich das Tagebuch nicht einfach behalten darf. Ich sollte es aber auch nicht einfach wegwerfen oder irgendwo rumliegen lassen, geschwiege denn es jemandem geben – Mütter eben.

Ich setze mich deshalb also jetzt hier hin und tippe dieses Tagebuch ab. Weil ich ja irgendwas damit machen muss! Außerdem ist draußen ein Lockdown. Ich werde es also jetzt digitalisieren und somit unsterblich machen – zumindest bis eine unendlich schlimme Katastrophe dafür sorgt, dass es keinen Strom mehr gibt -oder bis jemand aus Cremzow kommt.


22.06.2015 – Freitag - Asyl

Liebes Tagebuch,

es ist lange her, dass ich dich mit der Feder kitzelte, doch wirst du mir verzeihen, wenn ich dir berichtet habe, was ich zu berichten die letzten zehn Jahre einfach nicht den Mut fand. Nun will ich alles festhalten was in Cremzow passiert ist - und noch immer passiert. Auch will ich ergründen ob ich meinen eigenen Worten glauben kann, wenn ich sie auf Papier gebracht habe. Meine Versuche die Ereignisse des Sommers 2005 zu vergessen, hätten mich fast ins Grab gebracht, wo ich vielleicht Ruhe gefunden hätte - obwohl ich mir dessen nicht mehr sicher sein kann. Ich muss auf diese Gewissheit noch warten. Um mir die Zeit bis dahin erträglicher zu machen, will ich mir alles von der Seele schreiben.

Das nun Folgende ist ein Versuch, die Ereignisse des Sommers in chronologischer Reihenfolge zu schildern.


22.06.2005 - Mittwoch – OMEN

Mein Zeugnis war wie jedes Jahr, das Klassenbeste. Ich bemühte mich zwar nie den Lernstoff aufzunehmen doch geschah es - ein Automatismus, dessen Motor schlaflose Neugier gewesen ist. Ich glaubte (durch meine Schulnoten bestärkt) schon vieles von der Welt verstanden zu haben. Ich sah mich glänzend für die 7te Klasse gewappnet und auch für alle Folgenden. Für das Abitur, und das Studium. So dachte ich, als ich auf der Ladefläche unseres Umzugswagens herum holperte, mein Zeugnis des städtischen Gymnasiums in der Hand. Zu Stolz es wegzulegen.

Dass meine glänzende Rüstung Lücken aufwies, die mich den Ereignissen des Sommers wie nackt gegenübertreten lassen würden, sollte ich schon kurz nach unserer Ankunft in Cremzow zu ahnen beginnen.

Es rumpelte. Eine Kurve warf mich auf die Seite. Ein Glück, dass mein großer Bruder die Schubladen der Kommoden und Kleiderschränke mit Teppichklebeband verklebt hatte. Sie wären bei der wilden Fahrt sicher allesamt aus den Möbelstücken geschlittert und mir auf den Kopf gekracht. Mein Blick fiel auf meinen zitternden Schreibtisch. Meine Chemie- und Biologiebaukästen wurden durchgerüttelt. Ich bangte um meine Reagenzgläser, Mikroskope, um die zerbrechlichen Objektträger und um mein billiges Teleskop mit weißem Plastikgehäuse. Dieser Umzug gefährdete meine Forschung!

Wie zur Bestätigung dieses Gedankens bremste der Wagen scharf. Reifen quietschten. Ich knallte gegen Die Führerkabine. Der Wagen machte einen hakenartigen Schlenker und ich lag wieder auf der Seite.

„MIST-KACKE!“

„Alles in Ordnung, Cowboy?“, dröhnte es durch die Trennwand.

„Ja“, sagte ich. Welcher Cowboy war eigentlich gemeint? Ich hatte mit Kühen wenig zu schaffen und war eher den Indianern zugetan. Aber für den Revolverhelden meiner Mutter waren Indianer nur ungebildete Wilde. Niemand (außer Mutter) konnte Ralf leiden, wegen ihm mussten wir in dieses Kaff ziehen. Einzig unsere große Schwester Tony hatte sich aus der Affäre ziehen können da sie alt genug war auf eigenen Beinen zu stehem. Ich richtete mich auf, tastete mich bis ans Ende der Ladefläche, um den Grund für dieses Manöver auszumachen. Falls es einen anderen Grund gab, als dass Ralf seine Fahrkünste unter Beweis stellen wollte, indem er einer Pfütze auswich, als sei er der verdammte Evel Knievel.

Was ich durch die quadratischen Fenster der Hintertüren erblickte, war jedoch keine Pfütze, zumindest noch nicht. Es war eine gehängte Katze. Das Tier war mit Absperrband erdrosselt und an den Ast eines Baumes geknüpft. Nur wenige Zentimeter baumelte sie über der Fahrbahn. Mein Mund wurde zur Wüste, während wir dieses baumelnde Omen zurückließen. Wer macht so etwas? - Dorfkinder!

Kurz darauf hielt der Wagen. Die Ladefläche wurde geöffnet. Staub tanzte im Gold der Sommersonne. Ralfs scharfkantiges Gesicht tauchte auf. Er grinste wie Jemand der eine besondere Überraschung bereithält.

„Na, hat Spaß jemacht wa?“

„Ja, bis auf die Vollbremsung. Warum hing dort eine Katze?“, fragte ich, obwohl ich nicht mit einer Antwort rechnete.

„Ach, is bestimmt nen Willkommens-jeschenk von die Jugend hier.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Dorfkinder“, murmelte ich.

„Na komm, ihr Kinder von die Stadt seid wohl die Unschuld vom Lande oder wie?“

Ich entschied, dass man dieser Frage keiner Antwort schuldig sei und schwieg.

„Los, ab die Post“, befahl Ralf. „Komm raus und bring gleich wat mit.“

Ich schnappte mir meinen Chemiebaukasten, darauf achtend, ihn nicht zu kippen. Als ich von der Ladefläche in die staubige Einfahrt hüpfte, kam es mir vor, als tauche ich in eine warme Badewanne. Der Himmel flimmerte vor Hitze und die Luft summte. Überall waren Insekten und Vögel unterwegs. Die gab es zwar auch in der Stadt, doch in wesentlich geringerer Zahl. Zum ersten Mal sah ich die Vorteile dieses Umzugs. Ich konnte die Flora und Fauna erforschen, ohne in ein Museum gehen zu müssen. Hier war die Natur kein Präparat.

Doch waren wir selbst zu Ausstellungsstücken geworden. Denn es hatten sich einige Kinder des Dorfes um unseren Umzugswagen versammelt. Erwachsene waren nicht zu sehen.

„Na Cowboys“, sagte Ralf und kratze sich am Kopf, dass es Schuppen rieselte.

So hatte ich mir Kinder vom Land immer vorgestellt. Schmutzige Haut, schmutzige Klamotten. Verschmierte Nasen und schielende Augen. Die Kleinsten, zwei Mädchen, höchstens 10 und 12 Jahre alt, hielten sich an den Händen. Eines der Mädchen hatte die Hand im Schlüpfer und pulte an sich herum. Ich versuchte angestrengt keinen roten Kopf zu bekommen daher wandte ich mich rasch den männlichen Vertretern dieser, mir noch fremden, Art zu. Die vier Jungs waren offensichtlich von unterschiedlichem Alter, zwei von ihnen mussten Brüder sein, sie hatten die gleichen Hakennasen und dieselbe mausgraue Haarfarbe. Der dritte Junge schielte mich - oder Ralf - an, es war schwer zu sagen. Sein Gesicht war seltsam wulstig. Auch wenn ich nie einen echten Affen gesehen hatte, wusste ich jetzt, wie ein lebendes Exemplar aussehen musste. Der andere trug eine mit Tesafilm reparierte Brille und erinnerte an einen lebendigen Felsen. Seinem rosigen Bubengesicht nach war er noch ein kleines Kind, jedoch war er der größte und breiteste von allen. Die Autotür klappte. Meine Mutter und Tobi (mein Bruder) schälten sich aus dem Wagen.

„Na meine Lieben? Habt ihr uns erwartet?“, fragte meine Mutter. Sie blieb neben ihrem Revolverhelden stehen und strich ihm zärtlich über die schmalen Schultern. Meine Neugier wich einem kalten Schauer, als die Dorfkinder nicht direkt antworteten, sondern stumm mit ihren deformierten Köpfen nickten.

Einer von den ist der Katzenmörder, dachte ich.

„Was seid ihr denn für ein Rudel?“ Tobi schielte den Affenjungen an, als er keine Antwort bekam wandte er sich dem Haus zu, indem wir von nun an leben würden. Ralfs ganzer Stolz. Zu meiner Überraschung war es schön.

Ein langes Fachwerkhaus, dunkle Balken auf rotem Grund. Backsteine und Douglasie. Die dunklen Schindeln des Daches waren ebenfalls aus Holz. Es hatte zwei Eingänge, einen Haupteingang mit Treppe und den Hintereingang der in das kleine Zimmer führte, welches mir zustand. Ich folgte meinem Bruder und stellte die Forschungskästen auf eine dreistufige Treppe, die zu unserer Haupteingangstür hinaufführte. Die Kinder gafften uns unverhohlen an.

Wir luden aus. Während die meisten Cremzower nur zusahen, kam der mit dem Affengesicht mir hin und wieder helfen, wenn ich einen Schrank oder einen Tisch alleine nicht zu heben wusste. Er schielte dann stets an mir vorbei und sagte kein Wort.

„Wie heißt du?“, fragte ich, als wir gerade meinen Schreibtisch anhoben um ihn zur Hintertür zu wuchten (die praktischerweise in mein Zimmer führte). Der Affenjunge tippte sich zur Antwort auf die Brust und deutete in die Ferne. Ich verstand nicht - wie auch? Er deutete auf einen Turm aus rotem Backstein, der wie ein blutgetränktes Schwert in den blauen Himmel stach.

„Du wohnst in dem Turm?“ Das war eine dämliche Frage, wie mir sogleich auffiel, da der Turm nicht mehr als ein Schornstein sein konnte. Der Abzug einer Brennerei oder Ziegelei, vermutlich. Mein affiger Freund schüttelte den Kopf, dass die Segelohren nur so schlackerten.

„Na, haste einen Freund gefunden? Oder is dat dein neues Haustier?“, unterbrach Tobi unser einseitiges Zwiegespräch.

Der Affenjunge beobachtete meinen Bruder während ich sein Beobachten beobachtete. Erst als Tobi im Haus verschwand, schaffte der affige Dorfbewohner es, sich wieder auf meinen, eigentlich viel wichtigeren, Schreibtisch zu konzentrieren.

„Wir müssen diesen Tisch unbeschadet in mein Labor bringen“, sagte ich. Der Affenjunge sah mich mit gefurchter Stirn an. „Ich meine mein Zimmer“, erklärte ich.

Das Zimmer war rechteckig und schmal - wie ein Sarg. An den längeren Seitenwänden standen sich zwei Türen gegenüber. Durch die eine schleppten „Affe“ und ich meinen Tisch, durch die andere gelangte man weiter ins Haus. Ein winziger Kachelofen stand direkt neben meiner Eingangstür. Praktisch! So konnte ich Feuer in meinem Zimmer machen. Wie ein echter Alchimist! Noch viel praktischer erschien mir jedoch meine eigene Eingangstür. Offenbar hatte es in dem Haus einst zwei Wohnungen gegeben, diese wurden jedoch zusammengelgt wordurch es mir ein Leichtes sein würde mich aus meinem Zimmer zu schleichen.

Der Affenjunge und seine Freunde waren mir ein willkommenes Rätsel. Wissenschaftlich betrachtet, konnte man sie für zurückgeblieben, also dörflich halten. Dass es ihnen an Eloquenz mangelte, war offenkundig, doch dass sie gar nicht redeten schien mir unlogisch. Es war unheimlich. Waren sie alle stumm? Oder waren sie derart eingeschüchtert, dass sie den wohl duftenden, gut gekleideten Großstädtern gegenüber kein Wort herausbrachten?

Nach getaner Arbeit stellte ich mich ans Fenster meines neuen Zimmers und beobachtete die Dorfkinder vor dem Haus. Mein neuer, affiger Freund stand hinter mir und beobachtete nun mein Beobachten.Die beiden hakennasigen Jungs saßen im Gras und schauten den Mädchen bei ihrer unbeholfenen Fummelei zu.

„Das ist irgendwie krank“, tönte es hinter mir. Ich erschrak und wirbelte herum. Tobi war ins Zimmer getreten.

„Ja“, sagte ich. „Aber - auch interessant.“

„Sowas is vielleicht interessant, wenn man 12 is und noch keine Freundin hatte“, lachte er. Ich wurde rot. „Mädchen lenken von der Forschung ab“, sagte ich überzeugt. „Außerdem, bist du doch selbst jedes Wochenende mit irgendeiner Alten am fumm...“

Ich hatte den Satz nicht ausgesprochen, da klatschte er mir seine Hand gegen den Hinterkopf. Der Affenjunge stieß einen gutturalen Laut aus, den man für ein Lachen halten konnte, oder auch nicht.

„Wer hat dir eigentlich erlaubt mein Labo- mein Zimmer zu betreten, he?“, brüllte ich Tobi an.

Der Lärm lockte Mutter und Ralf ins Zimmer. Mutter lächelte meinem neuen Freund an während Ralf ein Gesicht zog, als wäre er soeben in einen großen Hundehaufen getreten.

„Na Häuptling“, sagte er zum Affenjungen, „biste ausjebüchst oder wie? Soll ick ma deine Alten anrufen?“ Der Affenjunge starrte Ralf an. Ralf kratzte sich am Kopf.

„Biste taub oder wat?“, fragte Ralf. Meine Mutter schüttelte ihre wasserstoffblonden Locken. „Nein, er ist nicht taub“, sagte sie. „Er hat doch vorhin genickt, als ich fragte ob sie auf uns gewartet haben.“

„Stumm ist er auch nich“, sagte Tobi ohne den Blick vom Fenster zu wenden. „Ich hab ihn eben Lachen gehört.“

Ich versicherte meinem Bruder, dass er dämlich sei, wenn er dies tatsächlich als Beweis nahm, dass Jemand nicht stumm war und fing mir sogleich die zweite Schelle. Mutter rief uns zur Ordnung, während Ralf lachte. Der Affenjunge fiel in Ralfs Lachen ein. Wieder dieser gruselige Laut, wie das Röcheln eines kranken Tieres.

Dann geschah etwas, dass das seltsame Lachen, in seiner Unheimlichkeit noch in den Schatten stellte. Die Kirchenglocken von Cremzow läuteten, was an sich genommen, nichts Ungewöhnliches ist. Doch brach das äffische Lachen erschrocken ab. Fluchtartig stürzte der Junge aus dem Zimmer. Ich lief hinterher. Doch musste er in einem wortwörtlichen Affentempo davongelaufen sein, denn ich erhaschte nur noch einen Blick auf die Mädchen, die der staubigen Straße folgend, hinter der Ecke unseres Hauses verschwanden. Eine dunkle Ahnung sagte mir, dass diese Straße zur Kirche führte.

„Na so taub können se ja nich sein wa?“, sagte Ralf und kratzte sich zur Abwechslung am Hals.

Den Rest des Tages bekamen wir keine Dorfbewohner mehr zu sehen. Ich erinnere mich, dass wir an diesem ersten Tag sehr spät zu Abend gegessen hatten. Zwischen halbausgepackten Kartons saßen wir am Küchentisch und ein Blick aus dem Fenster zeigte eine mir fremde Ruhe und Dunkelheit. Nie hatte ich in der Stadt so eine Finsternis erlebt, eine Stille so drückend und schwarz als befände man sich auf dem Grund eines tiefen Sees.