Luca und Amina
Luca sah in die Augen seines Neffen. Der Jungspund war verloren, hin- und hergerissen zwischen den tiefen Emotionen der ersten Liebe und der Unsicherheit, wie es weitergehen sollte. Luca nahm einen tiefen Atemzug und schloss für einen Moment seine Augen. Es war, als ob sich eine unsichtbare Tür zu seinen Erinnerungen öffnete.
„Liebe, mein Junge", begann er leise, während er sich zurücklehnte und einen kurzen Blick aus dem Fenster warf, „ist eine seltsame Sache."
Stille füllte den Raum zwischen ihnen, eine Stille voll von Erwartung und etwas Wehmütigem. Luca lächelte sanft, seine Gedanken schwebten zurück in eine Zeit, die längst vergangen war. „Weißt du, manchmal kommt sie leise und schleicht sich in dein Leben, ohne dass du es bemerkst. So war es damals bei mir und einem Mädchen. Ihr Name war Amina."
Der Name rollte ihm über die Zunge, als würde er etwas Kostbares, gleichzeitig Süßes und Schmerzliches, auf das Tableau seiner Erinnerungen legen. Und genau da, am Tisch dieses kleinen Cafés, begann Luca zu erzählen...
„Die Tage damals verbrachte ich oft mit ihr. Wir waren wirklich gern zusammen. Oft draußen vor dem Haus deiner Großeltern, auf dem Hof. Wir malten Kästchen mit Kreide auf den Boden und sprangen rein und raus, sangen Lieder dabei. Unser Haus war in der Via Pecoraro, direkt unter dem großen Felsen La Rocca. Hoch wie der Himmel schaute er herab, wie ein Riese, der über die Terrakottadächer und die engen Gassen wachte, in denen wir umherstreiften. Die Wege und Straßen waren voller Risse und Löcher, aber wir rannten trotzdem, sprangen darüber und schlängelten uns vorbei an den bepflanzten Tontöpfen vor den Hauseingängen.
Aber die Zeit... die Zeit verging schneller, als du glaubst, und plötzlich waren wir keine Kinder mehr. Amina war längst einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, vielleicht sogar der wichtigste.
An einem dieser endlos heißen Sommertage, suchten Amina und ich Zuflucht im Schatten einer alten Korkeiche, versteckt hinter dem Friedhof.
Sie sagte, dass ihre Familie sich in Marineo nicht wohlfühlt, ohne mich dabei anzusehen, als wäre es ihr egal. Doch ich spürte, dass sie eine Reaktion von mir erwartete. Ich fragte sie, warum. Ihr Vater fühle sich in Marineo nicht wohl und vermisse seine Kultur und Religion. Das Gewicht ihrer Worte verstand ich erst, als ich sah, wie traurig sie wurde und wie hilflos sie wirkte. Das war das erste Mal, dass ich sie so sah.
Amina und ihre Familie waren Muslime, in Italien. Früher bedeutete das, dass sie für viele in der Stadt wie Wesen von einem anderen Planeten waren. Weißt du, was ich heute weiß und für dich völlig normal ist, war mir damals ein Schleier. Ich hatte keine Ahnung von Religion oder Kultur. Und selbst wenn, für die Bedeutung dahinter wäre ich zu dumm, zu naiv oder zu kindlich gewesen. Ich war wie ein Hund, der seinen Kopf zur Seite neigt, in der Hoffnung, irgendetwas von dem zu kapieren, was sein Herrchen ihm sagt. Für mich war sie einfach Amina – meine Freundin, meine Vertraute. Aber ich ahnte schon, dass die Welt vielleicht doch größer und komplizierter war, als ich bis dahin geglaubt hatte.
Sie fragte mich, ob mir noch nie aufgefallen sei, wie uns manche Leute anschauen oder welche Bemerkungen manchmal fallen.
„Vielleicht fragen sich die Leute, was die hübsche Amina mit dem dummen Luca will", antwortete ich und grinste meine Dummheit weg. Aminas schroffer Ton hatte oft eine spöttische Bemerkung für mich übrig, aber ich... ich fühlte mich nie beleidigt. Sie nannte mich einen Idioten und wir lachten darüber.
Ich erinnere mich, wie deine Nonna mal zu mir sagte: „Sprich besser mit niemandem über deine Freundin." Hob sie den Finger mahnend. „Auch wenn Großvater, Gott habe ihn selig, ein Partisan war. Die Leute haben den Buffone noch immer im Nacken." Danach war ich noch mehr verwirrt.
Dann, einmal, da waren wir 17 oder so. Wir trafen uns auf einer Treppe am Ende der Via Spataro, vor einem leeren Haus, das wie viele andere leer stand. Sie trug das erste Mal ein Tuch um ihren Kopf. Ich sagte es nicht, aber Madonna', ich schwör's dir, mit dem Kopftuch kamen ihre moosgrünen Augen nur noch mehr zur Geltung. Spätestens da wusste ich, dass es nichts gab, was mich von ihr entfernen könnte – selbst wenn sie mit einer Clownsnase herumgelaufen wäre.
Wir saßen nebeneinander, unsere Knie berührten sich. Sie erzählte mir, dass ihr Vater es nicht gut findet, wenn sie sich mit Jungen abgibt. „Es sei unangemessen."
„Und außerdem bin ich blond, Italiener und Christ", antwortete ich trotzig und wütend.
Ihre Hand kam auf mich zu – nichts in mir zuckte zurück, als wüsste mein Körper vor mir, dass jetzt etwas Schönes passiert. Sie streichelte mir über das Gesicht. Niemand hatte mich je so tief in die Augen gesehen wie sie. Ich legte meinen Kopf auf ihre Brust und sie streichelte sanft mit ihren Fingern durch meine Haare. Diese Nähe war neu für uns, fühlte sich aber an wie etwas, das schon immer da war – so warm, so vertraut. Es war das Schönste, das ich bis dahin erfahren hatte. Dann sagte sie:
„Lass uns nicht über etwas reden, das uns diesen Moment nimmt."
Wie immer gehorchte ich ihr, hielt meine Klappe und genoss diesen Moment.
Eines Tages, ich erinnere mich echt an alles, da trafen wir uns an einer Kreuzung der Via Juan Salque. Wir gingen einer Mauer entlang, weg von der Straße. Wir lehnten uns dagegen, keiner konnte uns sehen. Wir fühlten uns sicher. Da wusste ich noch nicht, dass dieser Tag der gefühlsstärkste in meinem Leben werden würde. Denn sie erzählte mir, dass ihr Vater zurück nach Marokko will, gleich in der Nacht mit dem Bus nach Palermo und dann weiter mit dem Schiff. Dass sie hier, in Marineo, nicht hingehören, sagte ihr Vater. Und weil er hier auch keinen Mann für sie finden würde. Sie schaute mich an, als würde sie sich verlieren.
„Wenn du bei mir bist...", sagte sie, aber hielt den Rest zurück.
Ich machte mir einen Witz daraus und sagte, dass mein Vater sie auch nicht ausgesucht hätte, auch wenn meine Mutter sie lieben würde. Dann sagte ich noch, dass ich hoffe, dass man mir nicht die Cousine Ciccina aussucht, „mit ihrer Schnabelnase. O mio Dio, sono al capolinea!"
Amina lächelte, als wollte sie eigentlich nicht. Sie war viel klüger, viel erwachsener als ich, aber da erkannte sogar ich, dass sie traurig war – und ich auch.
„Du bist doch hier geboren. Du gehörst hierhin."
Das war der klägliche Versuch eines dummen Jungen, die Stimmung heben zu wollen. Aber wahrscheinlich sprach ich aus, was ich mir einfach so sehr wünschte.
„Bin ich nicht, Luca. Und das weißt du auch." Natürlich schaute sie mich mit einem Gesicht an, das mich bat, wieder zur Besinnung zu kommen.
"Aber du hast mich geboren, also nicht wie eine Mama, sondern mehr wie die Sonne eine Blume."
Ich war ein kitschiger Romantiker, mit unbeholfener Wortwahl.
Sie bekam glasige Augen. Da hielt ich meine Hand hin und sie gab mir ihre. Sie drückte so fest, dass ich in leichteren Momenten den Schmerz ausgesprochen hätte. Eine starke Frau, sag ich dir.
Wütend sprach ich meine Gedanken aus: „Dein Vater hat immer zu einem Spalt weit seinen Mund auf und seine vorstehenden Augen schauen ins Leere, als ob er herumirrend selbst ein Schaf fragen würde, wie das jetzt gemeint war. Dein Vater ist dumm."
„Luca!", mahnte sie mich entsetzt.
„Du lässt mich gefälligst den Mann hassen, der dich mir wegnehmen will."
Ich ging auf die Knie, die Steine im staubigen Boden stachen mir in die Beine. Amina, ihr Kopf über mir, lehnte ihre Stirn gegen meine. Unsere Hände waren fest umklammert. Ihre Tränen liefen über mein Gesicht, als wären sie meine eigenen. Unsere Tränen wollten kein Mitleid und keinen Trost, sie waren da, weil wir eine traurige Wahrheit erkannten. Die Wahrheit, dass grenzenlose Freiheit und das Gerede von Akzeptanz und Toleranz nur Heuchelei waren. Innerlich fluchte ich über die Welt und alle Menschen in ihr.
„Egal, wo ich bin, Luca", flüsterte sie und holte ein Armband hervor. Sie zog es mir übers Handgelenk.
„Egal, wo ich bin, dieses Band wird dafür sorgen, dass ein Teil von mir bei dir bleibt. Und eines Tages komme ich zurück. So sicher wie die Nacht dem Tag folgt."
Luca verlor sich für einen kurzen Moment in Gedanken. Es wurde jetzt immer schwerer über Amina zu sprechen.
„Als Amina nach Hause musste, gingen wir Hand in Hand zur Straße hinauf. Oben angekommen schauten wir uns in die Augen. Unsere Köpfe waren wie Magneten. Wir wollten uns küssen. Doch dann kamen Arbeiter von den Olivenplantagen hoch und wir lösten uns voneinander, als hätte eine unsichtbare Gewalt sanft in die Mitte zwischen uns geschnitten. Die Augen urteilender Menschen sollten uns nicht ergreifen. Selbst da, in diesem Moment, an diesem Tag, an dem nur Berührungen unsere Gefühle lindern konnten und wir nicht wussten, ob es das letzte Mal war.
Plötzlich schoss ihr Kopf auf mich zu und sie gab mir einen Kuss, drehte sich um und rannte davon. Ich stand da wie gelähmt. Eine neue Welt tat sich vor mir auf in prachtvollen Farben und voller Glücksgefühle. Noch konnte ich sie sehen, da drehte sie sich um und rief:
„Luca, kein Abschied ist stark genug, um uns wirklich zu trennen. Denk immer daran."
Dann verschwand sie hinter den Häusern und meine neue Welt fiel wieder in sich zusammen.
Denn dieser Kuss, das Gesagte...dieses Mädchen... löste ihn mir aus, was ich bis zuletzt nicht glauben wollte: Sie würde wirklich fortgehen. Nicht mehr da sein. Ich rannte los, wollte sie einholen. Alles war mir egal. War fest entschlossen, Amina nicht gehen zu lassen, wollte Nägel mit Köpfen machen. Koste es was es wolle. Ich hätte mit ihrem Vater gestritten, diskutiert, ja, sogar auf die Knie wäre ich gegangen. Zog in Betracht mich mit ihm zu schlagen. Ich war zu allem bereit.
Als ich am Haus von Amina ankam, sah ich aus sicherer Entfernung, wie ihr Vater draußen saß und Tee trank mit vier oder fünf weiteren Männern. Er hätte vor diesen Männern nie mit einem 17-jährigen Jungen wie mir gestritten, vor allen nicht, wenn es um seine Tochter ginge. Das hätte seine Ehre gekränkt. Wahrscheinlich wäre er mit einem Stock auf mich zugerannt oder hätte einen Stein nach mir geworfen. Ich trat den Rückzug an. Der Mut hatte mich verlassen.
Am nächsten Tag erschien Amina nicht in der Schule. Ich wollte mich nicht vor ihrem Haus blicken lassen, um Ärger zu vermeiden . Also lief ich hinunter zu Giovannis Olivenplantage. Giovanni war ein Freund deines Opas, und der Vater von Amina half dort bei der Olivenernte. Aber der Vater war nicht da. Die Angst gab mir schließlich doch den Mut, zum Haus von ihr zu laufen. Aber auch da war niemand mehr.
Mit jedem Tag, der vorbeizog, trug die Hoffnung schwer an der Gewissheit, dass Amina nicht mehr zurückkehren würde.
Amina war fort. Nicht mehr da. Du wachst eines Morgens auf und dir fehlt ein Bein oder ein Finger. Einfach nicht mehr da. Sowas ist schwer zu begreifen.
Es brach in mir aus, als das, was ich nie wahrhaben wollte, Realität wurde. Tagelang verkroch ich mich in meinem Zimmer und heulte wie 10 Schlosshunde.
Wohl bemerkt haben wir uns bis dahin nicht einmal gesagt, dass wir uns lieben. Es war einfach da, ist mit uns gewachsen - es war so echt und so wahrhaftig, dass es nicht ausgesprochen werden musste. Ja, es war einfach da ... und ...einfach wieder weg.
Ich hatte weder Mut noch Kraft, Hoffnung, das Alter oder was auch immer, um mich dagegenzustellen. Und dennoch: Selbst mit dem Wissen, wie es endet, würde ich diese Jahre noch einmal durchleben wollen. Wer, wenn er durstet, schlägt ein Glas Wasser aus, wohl wissend, dass es sein letztes ist? So schön war das alles und so sehr vermisse ich sie, heute noch."
Der Neffe sah auf Lucas Handgelenk.
„Ist das das Armband? Wartest du noch immer?"
"Wie gesagt, ich bin ein kitschiger Romantiker"
"Aber Onkel", stieß der Neffe mitleidig hervor.
"Hier geht es jetzt nicht um mich, Neffe. Hör zu, Liebe ist das einzige Gefühl, die keine Grenzen akzeptiert. Nichts steht ihr über, einfach nichts. Wenn du Idiot so ein bisschen verstanden hast, was ich dir versuche habe zu sagen, dann stehst du jetzt sofort auf und rennst los."
Luca schaute seinem Neffen nach, der mit entschlossenen Schritten aus dem Raum stürmte. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen, während er langsam aufstand und ans Fenster trat. Er wusste nicht, wohin der Weg seines Neffen führen würde, aber er hoffte, dass er den Mut fand, der ihm selbst damals gefehlt hatte.








