Bad Luck One: Diskretion
»Ich bin überrascht, dich hier anzutreffen, Quantenphysik. Ich hoffe, ich störe dich nicht bei deiner Lieblingsbeschäftigung.« Lian's Finger schlotterten fieberhaft, als er das Display seines Handys berührte. Die senkrechte Linie im Textfeld blinkte unruhig und geradezu gefräßig, gewillt einige Worte als passable Antwort zu verfassen, die sein Gegenüber gewissermaßen froh stimmen würden. Doch die Befürchtung, diese einmalige Chance wiederholt in eine unangenehm peinliche Konversation zu lenken, machte ihm schwer zu schaffen. Sie begleitete ihn wie ein ihm feindlich gesinnter Schatten auf Schritt und Tritt. Vor zwei Monaten hätte Lian daraus geschlossen, dies sei der Grund für seine feuchten und zittrigen Hände, doch nun konnte er dem nicht gänzlich zustimmen. Er überlegte, während er das Profilbild amateurhaft begutachtete. Dabei schlug ihm das Herz hörbar bis zum Halse, möglicherweise laut genug, um ihn in der verwahrlosten Kabine zu vernehmen.
Der Name »BlackD« stand schon gar zu isoliert im virtuellen Raum, verdrängt von seinem gut bestückten Glied, welches sich imponierend präsentierte und ohne Zweifel bereits viele muskelbepackte und lüsterne Besucher angezogen hatte. Nichtsdestotrotz verlieh die eindrucksvolle Anzahl seiner Besucher seinem Profil ein verführerisches Flair. Doch Lian stimmte dies traurig, als er wider Willen sich das Begehren anderer Männer nach einer tabulosen Nacht mit »BlackD« deutlich vor Augen führte. Umso mehr konnte er sich nicht erklären, weshalb ein Mann wie er es war, der fraglos jeden besitzen konnte, Interesse an ihm zeigte. Mit dem French Crop, der silbergrauen Sweat Cargohose, welche nur schwerlich seine Knöchel bedeckten, und dem weitsitzenden schwarzen T-Shirt trat er eher durchschnittlich und dezent auf. Nichts Besonderes eben. Das glattrasierte Gesicht — Er war keineswegs gesegnet, selbstsicher einen Bart tragen zu können —, die spitzigen Ohren sowie die mandelförmigen braunen Augen und die Größe seines Körpers fügten sich dem ohne Widerworte. Beim Inspizieren seiner Durchschnittlichkeit bemerkte Lian die schwarzen Socken mit Seitentäschchen, die er trug. Solche, die vielmehr als Reisesocken dienten, um die Sicherheit seiner Geldscheine zu gewährleisten. Auf der Vorderseite seines T-Shirts war der Print eines auf einem Geäst hängenden Faultieres und der Aufdruck »Not Fast, Not Furious« zu erkennen, welche seinen tristen Alltag gar zu treffend beschrieben. Dass er die Wohnung verließ und sich auf eine unhygienische öffentliche Toilette aufhielt — Die Reinigungskraft war geradezu nachlässig, wenn sie denn überhaupt existierte —, kam tatsächlich selten vor.
Lian's Herz pulsierte rasend. Gewiss hatte »BlackD« eine Unmenge an Verehrern, die für ein kleines gemeinsames Abenteuer etliche Straftaten begehen würden. Möglicherweise würde einer dieser Verehrer nur um der Lust willen, welches lediglich von diesem auserwählten Mann entfacht und gestillt werden konnte, einen Brand legen, um seine Scheinfamilie mit Frau und Kindern dem Feuertod zu überlassen. Der Wind würde die Schmerzensschreie durch die nächtliche Stille treiben wie die sanften Wellen das Fischerboot.
Von einer Tat mit einem angeblich ähnlichen Motiv wurde vor einigen Tagen erst im Fernsehen berichtet, erinnerte sich Lian wieder. Zwei junge weiße Frauen fielen dem Täter in der nahgelegenen Stadtwald Eilenriede zum Opfer. Die zerstückelten Leichenreste ließ er dann unter anderem von den kleinen Wundern der Natur, ihren Eiern und Larven, bis nahezu auf die Knochen verwerten. »Schwarz«, hatte sein Vater daraufhin gemurrt und einen weiteren Schluck Augustiner aus der letzten Bierdose genommen. Sobald er das ratlose Gesicht seines Sohnes erfasst hatte, erklärte er das für ihn vielsagende Wort, als wäre die Bedeutung dessen eine Selbstverständlichkeit. »Na, die Hautfarbe des Täters. Zu einer solch brutalen und ehrenlosen Tat wäre nur ein Nigger imstande.« Er ließ oftmals unangemessene Behauptungen in den Raum fallen, wenn er zu tief ins Glas geschaut hatte. »Der Alkohol spricht aus ihm« war Lian's einzige Erklärung, die er sich nahezu in den Kopf gemeißelt hatte, um sich nicht für seinen Vater schämen zu müssen, obgleich ihm letzten Endes bewusst war, dass er einem Irrtum erlag. Als der Pressesprecher der Polizei die Vermutung äußerte, es handele sich bei dem Täter um einen Homosexuellen, hatte sein Vater, Ben, vor Lachen losgeprustet. »Schwarz und eine Schwuchtel? Gott muss ihn hassen.«
Ein langes Pfeifen wie das eines altväterischen Teekessels durchdrang Lian's Ohren. Der hohe Mundwinkel, das übermäßige Lächeln und der Schattenriss eines Mannes erschienen vor seinen Augen. »Wieso kehren die Erinnerungen ausgerechnet jetzt zurück?« Er fasste sich an die Schläfe und schüttelte ausgiebig seinen Kopf, um weiteren Bildern aus seiner Vergangenheit zu umgehen. Die Toilettenscharniere quietschten dabei. Erneut lenkte er seine Konzentration auf das Display seines iPhones. Schweren Herzens musste er sich die Frage stellen, ob »BlackD« womöglich mit ihm spielte und er obendrein einem Schwindel in die Hände fiel. Während er weiterhin nach einer ausreichenden Erklärung suchte, fixierten Lian's Augen weiterhin das anstößige Foto. Inzwischen konnte er die Härte des Gliedes von »BlackD's« Profilbild deutlich in seiner Fantasie spüren, sodass er nicht länger imstande war, seine Lust hinter dem Zaun zu halten. »Nein, das tust du nicht«, tippte Lian nervös und erregt mit seinen flinken Fingern. Sie hinterließen fettige Abdrücke auf der Panzerglasfolie und das iPhone rutschte trotz der Silikonhülle in seinen Händen. »Aber ganz im Gegenteil«, dachte er. »BlackD« störte ihn nicht. Vielmehr tat er ihm ein großes Gefallen. Lian's schamlose Fantasien erblühten ganz und gar wie noch nie zuvor. Doch trotz der entzückenden Vorstellung, welche sich in seinem Kopf abspielte, kam er nicht drumherum, über seine letzten Kontakte, die er keineswegs als schöne Erfahrungen bezeichnen würde, zu grübeln.
Einige Mal hatte man ihn bereits auf unterschiedlichen Sex- und Datingportalen angeschrieben. Oft waren die Absender reifere Männer über 45 Jahre, die ein unvergessliches Abenteuer mit einvernehmlichem Sex vorschlugen, doch Lian konnte die Furcht vor einer Ablehnung schwer bändigen, geschweige denn außen vorlassen. Dass ein Mann ihm im Internet einen Laufpass gab, damit konnte er sich vergleichsweise abfinden, allerdings folgte eine unerbittliche Panik, die seine Kehle zuschnürte und seinen Brustkorb mit einer schweren Last erdrückte, wenn er einen Gedanken an ein reales Treffen verschwendete. Mehr als sanften Cybersex war zurzeit unvorstellbar, obgleich er sich flehentlich nach der Körperwärme eines fremden Mannes sehnte. Für die Mehrheit der Männer war allerdings nur Cybersex reine Zeitvergeudung und dennoch bedrängten sie ihn mit einfühlsamen und verdorbenen Worten, darauf hoffend, Lian zum Nachgeben zu verführen. Das Spiel der Wilden hatte das Ziel, sobald sich die Gelegenheit ergab, einen Rang aufzusteigen und das taten sie, wenn sie naive Jungfrauen bezirzten. Für sie war es lediglich wie das Treppensteigen mit zwei gesunden Beinen. Vermutlich wird »BlackD« ihm bald ebenfalls Honig um das Maul schmieren wollen, um ihn eine einzige Nacht zu besitzen, befürchtete Lian ‒ Ein weiteres Arschloch für seine Liste, welche ihm verdeutlichte, dass er die Kunst der Verführung beherrschte. Lian war zwar von seinen Vermutungen, welche »BlackD« betrafen, überzeugt, in der jetzigen Verfassung allerdings hätte er sich auf all die Spielchen eingelassen, ohne auch nur einen Widerspruch zu äußern. Bedauerlicherweise konnte Lian lediglich davon fantasieren, wie das harte Gemächt des Angebeteten, überzogen mit einer schimmernden dunkelhäutigen Hautschicht, eines Tages in ihn eindrang. Der Reißverschluss drückte nun gegen sein Glied, welcher nach der eisigen Außenwelt, nach einer kräftigen Hand verlangte. Sein schmächtiger Körper bebte nur vor Lust und Erregung, als ließe ein heftiger Sturm im Inneren seines Leibes all seine Emotionen vehement wüten. So verlor er zum erneuten Mal jegliche Kontrolle über sich selbst. »Du könntest mich irgendwann lehren, dein Handwerk zu verstehen, BlackD«, erschien auf dem Display. Dass er die Worte nach Fortziehen des Sturmes mehr als bereuen wird, war ihm zurzeit keineswegs bewusst. »Nenn mich Sileas und machen wir aus irgendwann Freitag.«
»Oh, Gott! Sileas besorg es mir!« Lian war nicht länger in der Lage, sich zurückzuhalten, sodass die Worte, die er zu denken glaubte, animalisch und nach Erlösung suchend seine Lippen verließen. Die rechte Hand packte nahezu gewaltsam nach seinem Glied. Man würde vermuten, er wolle es mit ganzer Kraft ausquetschen. Die bläulich schimmernden Adern seines Gemächts traten stärker hervor und der süße Schmerz, welcher die Farbe Rot wie ein Ballkleid mit sich trug, wurde vom Hunger nach Befriedigung überdeckt. Selbst die anstößigen Sätze, die unüberlegt aus seinem Mund herausquellten, teilten glücklicherweise dazu bei, dass die Schmerzen erträglicher wurden, nahezu verblassten. Wie gern er Sileas' Glied in ganzer Länge in sich aufgenommen hätte. Die Bewegungen, die er mit seiner Hand ausführte, ließen ihn überaus ärmlich erscheinen, über seine Erbärmlichkeit allerdings wollte er sich erst im Anschluss daran beklagen.
Des Öfteren hatte Lian gehofft, diese ihm unangenehme und darüber hinaus überaus anstrengend zu beschwichtigende Angewohnheit, das Aufsuchen der öffentlichen Toilette, die aufreibende Suche nach einer Wichsvorlage und das Onanieren, zu kontrollieren. Die beständige Bruchlandung jedoch führte die kaum glühende Flamme, welche aus Leibeskräften versuchte, den Kerzendocht zu ergreifen, letztendlich zum Erlöschen. So empfand er, es bliebe nichts Anderes übrig, als dem nachzutrauern und seinen Hoffnungen dabei zuzusehen, wie sie zerschlagen von den kläglich gescheiterten Versuchen, sich zu Rauch verformten. Der Verlust der Kontrolle raubte ihm im Nachhinein erneut und erneut das Gefühl, ein wertiger Teil der Gesellschaft zu sein. Man müsse lediglich seinen Tagesablauf betrachten, welcher hauptsächlich aus Schlaf, Nahrungsaufnahme, Fernstudium, welches in Wirklichkeit hätte besser laufen müssen, Fernsehen, Computerspiele, Sexten und Masturbieren bestand. Das Bedauernswerte am Ganzen allerdings war, er war zufrieden damit. Insgeheim schätzte er sich sogar glücklich, eine Welt betreten zu können, die der Grenze seiner Fantasien die Ketten brach. Die öffentliche Toilette war für seine unanständigen Aktivitäten geradezu geschaffen. Bilder, die bloß in seinen unergründlichen Gedanken überlebten, erhielten an diesem Ort einen geradezu schaudervollen und feinen Anstrich, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.
»Sileas, bitte! Fick mich!« Es rumste ohrenfällig, als Lian sich nahezu sekündlich auf den Toilettendeckel warf, um nicht auszurutschen und demnächst auf den Fliesen zu fallen. Den Radau konnte er sich erlauben. Kein Mensch würde eine verwahrloste öffentliche Toilette für ein Geschäft aufsuchen und sei es bei der unausweichlichsten Dringlichkeit oder für eine absurde Mutprobe unter pubertierenden Schülern. Hinter einer Rotbuche im Maschpark Nähe der Altstadt käme vielmehr in Betracht. Erbrochenes, Fäkalien, Blut und ein Duft, welchen Lian vor geraumer Zeit als den Geruch der Verwesung identifizierte, umhüllten Wände, Boden und Luft wie Parkett oder Laminat viele Wohnzimmer. Inzwischen kannte er jeden Winkel, jeden festen Platz benutzter Kondome, Spritzen und Tampons. Ausschließlich an der Position dieser, konnte er erkennen, ob ein Fremder sein Rückzugsort oder vielmehr Masturbierplätzchen betreten hatte. Bisher war dies lediglich ein Mal der Fall gewesen.
Mit seiner Abwesenheit zu diesem Zeitpunkt wusste er das Glück zu schätzen. Es überkam ihn dennoch ein befremdliches Gefühl, begleitet von einem sanften, wohligen Herzrasen, wenn er sich den Tag in Erinnerung rief. Es war zu Beginn seiner Erkundung und der Tag hatte ihm zukünftig eine bedeutsame Vorlage für sein seltenes Hobby erbracht. Eingeleitet wurde sie durch das Finden eines frisch verwendeten Kondoms unter einem der Waschbecken. Er erinnerte sich, darin einen Eckzahn vorgefunden zu haben. Die Zahnwurzel wies getrocknetes Blut und Rückstände des Zahnfleisches auf. Lian hatte eine Schlägerei vermutet. Eine unzähmbare Lust hatte ihn dazu angetrieben, obgleich er das Verhalten zunächst als merkwürdig empfand und ihn gewissermaßen angewidert hatte, den Kondom über drei seiner Finger zu ziehen. Ein ihm bisher unbekanntes Ich beharrte darauf, eine Kostprobe zu entnehmen. Ihm schien, diese ungewöhnliche Begierde schlummerte bereits seit einer Ewigkeit in den geschützten Kabinen seiner Seele und konnte nun nicht länger über das Deck und die nach Abenteuer rufende Aussicht hinwegsehen. Mit den Fingerkuppen hatte Lian das Sperma aus dem Gummi herausgezogen. Dabei hatte ein Rest des dickflüssigen Spermas, das Herzstück eines Mannes, sich unter seinen Fingernägeln verfangen. Eine ganze Weile hatte er die Finger schweigend betrachtet, bis er sie schließlich in den Mund einführte und einen begehrlichen Tanz mit der Zunge vorführte. Als er schluckte, hatte sich sein Speichel bereits stark mit den fremden Saft vermischt. Jedes Mal, wenn Lian sich den bitteren Geschmack der Flüssigkeit in Erinnerung rief, glühte sein gesamter Körper brennend als hätte er in Feuer gebadet.
Lian stöhnte mit zerbrechlicher Stimme. Das Ejakulat spritzte auf das Display seines Handys und dadurch auf das Bild, welches ihn dazu verleitet hatte, in einer von Gestank erfüllten Kabine zu masturbieren. Er senkte seinen erglühten Kopf nach vorne, presste seine Zunge geradezu hingebungsvoll gegen das Display. Das eigene Sperma hatte er bereits des Öfteren geschluckt, nie hatte er jedoch so köstlich geschmeckt wie der des fremden Mannes. Während er sich bemühte, die vergangenen Erinnerungen hervorzurufen, kam er nicht drumherum, eine erneute Erektion zu vermeiden. Die Augen verschlossen und in einem tranceähnlichen Zustand, umband das schwerfällige Keuchen die Kabine. Womöglich hatte er die Gestalt eines makabren Engels angenommen, welcher im Kampf verwundet und winselnd dem Tod gegenübertrat. Eilig bewegte sich seine rechte Hand, während er mit der linken die Hoden sorgfältig massierte.
Lange konnte Lian jedoch seine Konzentration nicht den Vor- und Rückwärtsbewegungen seiner Schreibhand widmen, denn er hatte ein Geräusch vernommen, sodass er mit weitaufgerissenen Augen, welche sich immerzu in eine Scheindunkelheit zu verirren schienen, horchte. »Was war das?« Klick Klack. Der hohe Mundwinkel, das übermäßige Lächeln und der Schattenriss eines Mannes erschienen erneut vor seinen Augen. »Hab keine Angst, hier geht kein Schwein rein!« Das ohrenfällige Rasen seines Herzens wurde abrupt in Eis gekleidet. Daraufhin wurde mit einem ohrenbetäubenden Lärm die Tür aufgerissen. Das Gelächter einer Frau besetzte den Flur, als das Display seines iPhones aufleuchtete. Er hatte eine Nachricht erhalten. Der Absender war »BlackD«. Er konnte nicht begreifen, weshalb ausgerechnet jetzt diese beiden Personen, zumindest glaubte er, es sei ein Paar, seinen Rückzugsort überfielen. Es war töricht, sich aufgrund von Erfahrungen und Wahrscheinlichkeiten in Sicherheit zu wiegen, begriff er zu spät. Die fremde Frau beschloss weiterhin in lustvollem Gelächter auszubrechen und während sie hin- und herschwankte, schnalzten die Absätze ihrer Schuhe. Lian öffnete den Chat und las. Eine entsetzliche Angst durchfuhr ihn abrupt, dass er glaubte, seine Anwesenheit könne jederzeit erkennbar werden. »Nein, treffen wir uns doch lieber heute. Jetzt.«








