Kapitel 1 - Verfolgt von Dämonen
Sie presste ihren zitternden Körper fest an die Felswand. Ihr Atem ging schnell, ihre Augen waren mit Tränen unterlaufen. Ihre Lippen bebten, so als sei es Minus 10 Grad kalt.
Die Schreie, die sie hörte, waren laut und deutlich. Aber inständig hoffte sie, dass sie sie hier nicht finden würden. Sie hielt sich eine Hand vor das Gesicht. Würde sie sie nicht sehen, könnten sie sie vielleicht nicht sehen. Aber es funktionierte offenbar nicht.
Das Mädchen, vielleicht 16 Jahre alt, drückte sich noch stärker gegen die Wand, als die Schreie noch lauter und deutlicher wurden. Das düstere Brüllen hallte durch die Nacht.
Sie wusste irgendwie, dass sie nicht hätte davon laufen sollen. Sie hätte sich ihnen stellen sollen, sich gegenüber ihnen behaupten sollen. Aber sie hatte keine Kraft mehr. Zu lange ist sie vor ihnen geflohen, zu lange hat sie sich vor ihnen versteckt. Und nun waren sie kurz davor, sie zu fangen und anschließend durch das verbotene Fenster zu stoßen. Wo sie dann landen würde, das konnte sie sich nicht ausmalen. Das wollte sie auch nicht.
„Lasst mich in Ruhe“, flüsterte das Mädchen tonlos.
Wieder ein Schrei. Diesmal lauter als sonst.
Mit letzter Kraft drückte sich das Mädchen feste gegen die Felswand der Schlucht, in der sie sich befinden musste. Plötzlich gab die Wand nach. Eine Öffnung entstand wie aus dem Nichts, und das Mädchen wurde von den Felsen verschluckt.
Die Schreie verstummten. Es wurde dunkler als die Nacht. Das Mädchen konnte nichts mehr sehen. Nur ihr Atmen war noch zu hören.
In der darauf folgenden Sekunde tastete das Mädchen ins Leere. Die Felswand schien verschwunden zu sein. Aber es war noch immer stockdunkel, und sie wusste nicht, wo sie war.
Langsam beruhigte sich ihr Atem wieder, als sie spürte, dass sie sich sicher fühlen konnte.
„Wo bin ich?“, flüsterte sie leise.
Plötzlich ertönte ein Poltern. Es klang, als ob jemand einen Stuhl oder einen Tisch hin und her schob. Sie hörte daraufhin, dass etwas zersprang – wahrscheinlich Glas.
Keine zwei Sekunden darauf ging ein kleines Licht an, wahrscheinlich das Licht einer Fackel. Erschrocken drehte sich das Mädchen um.
Sie befand sich in einer kleinen Höhle. Es war feucht und kalt hier drin. Die Tropfen, die von der Decke des Raums fielen, zauberten Steinmuster. Schmal und länglich formierten sie sich und hingen von der Decke herab. Unterhalb der Gebilde sah sie andere Muster, fast spiegelverkehrt wie die an der Decke.
„Ich wusste es“, hörte sie plötzlich eine Stimme.
Ruckartig drehte sich das Mädchen dorthin, wo die Stimme herkam. Daraufhin sah sie eine fremde Person neben sich stehen, die eine Fackel in der Hand hielt. Der junge Mann war vielleicht 18 Jahre alt. Mit einem ehrfürchtigen Blick sah er das Mädchen an.
„Ich wusste, dass du kommst“, sagte er.
Das Mädchen blickte verwundert in seine Augen.
„Wo bin ich hier?“, wollte sie wissen. „Wer bist du?“
„Dazu ist später noch Zeit, Kitty Linnore“, sagte der junge Mann. „Wichtig ist erst einmal, dass du hier bist.“
„Aber ich weiß gar nicht, wo ich bin“, stellte Kitty klar. „Was ist denn hier überhaupt los?“
Der junge Mann machte keine Anstalten, Kitty zu antworten. Er nahm sie bei der Hand und führte sie in eine Ecke der Höhle, in der ein Tisch mit zwei Stühlen saß.
„Setze dich“, forderte er sie auf.
Kitty tat, was er sagte, nicht ohne ihren Blick von ihm abzuwenden.
„Du bist vor ihnen davon gelaufen“, stellte der Mann fest.
„Vor wem?“, sagte Kitty nachdenklich.
„Lasse dich niemals von ihnen finden“, erklärte der Fremde. „Erst, wenn du bereit bist, kannst du gegen sie kämpfen.“
„Aber ich will gar nicht kämpfen“, beschwerte sich Kitty. „Gegen wen soll ich denn überhaupt kämpfen? Wer sind die, die mich verfolgen, und warum verfolgen sie mich?“
Der junge Mann schüttelte den Kopf.
„Alles zu seiner Zeit, Kitty Linnore“, sprach er ruhig.
Und in der kommenden Sekunde wurde es wieder stockdunkel. Kitty hörte nur ihren eigenen regelmäßigen Atem, der ruhig und sachte durch den Raum hallte.
„Die Dämonen sind auf der Suche nach dir“, glaubte sie die Stimme des fremden Mannes noch zu hören.
Aber dann wurde es mucksmäuschenstill.
Plötzlich war es so, als würde sie in die Höhe getragen werden und schweben. Mehrere Meter über dem Boden schien sie in der Luft zu gleiten. Kitty schien zu rufen, aber ihre Worte verhallten ungehört. Kitty spürte, dass sie stumm war.
Lichtscheine drangen an Kittys Augen. Sie begann, Bilder zu sehen. Wie ein Film schwebten diese Bilder an ihr vorüber. Längst schon war sie nicht mehr dort, wo sie eben noch glaubte zu sein. Sie musste ganz woanders gelandet sein, irgendwo in einer Wüste, irgendwo in einer Steppe, weit und einsam. Wind huschte über ihren Körper. Kitty war machtlos. Sie konnte sich nicht bewegen, konnte nicht schreien und nichts tun. Wie gefesselt verfolgten ihre Augen die Bilder, die sie sah.
Ein trockener Busch löste sich vom sandigen Boden und wurde vom Wind über die einsame, lange Straße gefegt. Der Mann sah ihm hinterher. Dann nippte er noch mal an seiner Wasserflasche und steckte sie anschließend wieder in seinen braunen Rucksack hinein, den er sich dann wieder um die Schulter hing. Am Horizont kamen einige Wolken auf, die wahrscheinlich auf ein typisches, kurzes Sommergewitter hindeuten könnten. Der Mann blieb kurz stehen und betrachtete sie. Dann atmete er tief ein, kratzte sich an seinem Bart und lief weiter. Ein schöner Tag zum Wandern, dachte er bei sich.
Wenig später hörte man ein Schild klappern. Ein altes Highway-Schild mit der Aufschrift „Welcome to Desert End – next stop 55 miles.“ Hier musste es also einen kleinen Ort in der Nähe geben, da könnte der Mann vielleicht übernachten, denn 55 Meilen bis zum nächsten Halt würde er sicher heute nicht mehr schaffen. Die untergehende Sonne ragte über den am Horizont liegenden Gipfeln des Monument Valley, und der Wind wurde stärker. Der Mann schaute sich nach Häusern um. Er sah keine, aber ein kleiner Feldweg ging von der Landstraße weg, wahrscheinlich führte der zu einer Herberge oder einem Motel. Genau das, was er jetzt bräuchte – ein einfaches, nettes Zimmer mit einem knarrenden, quietschenden Bett und einer Dusche. Vielleicht ein kleiner Fernseher im Raum, dass er sich die neuesten Nachrichten noch ansehen konnte, bevor er schlafen gehen würde.
Bevor der Mann den Feldweg inspizieren wollte, setzte er sich noch mal auf eine Bank am Straßenrand, um die ganzen Eindrücke des heutigen Tages noch mal Revue passieren zu lassen. Am Horizont konnte er einen Donner hören. Aha, das nahende Gewitter ist da hinten schon im vollen Gange, überlegte er. Er holte eine Landkarte aus der Tasche, und einen Filzstift ebenso. Dann zeichnete er auf der Karte den Weg ein, den er heute schaffte.
Man konnte nicht sagen, wie lange der Wanderer schon unterwegs war, aber so wie er aussah, bereits tagelang. Seine Klamotten waren verstaubt und dreckig. Sein Haar erschien fettig, und sein Stirnband, auf dem man die amerikanische Flagge erkennen konnte, war vom Schweiß getränkt von der Hitze hier inmitten der Wüste Arizonas. Welcher Verrückte läuft zu Fuß durch die Wüste? Aber vielleicht war er ja auch mit einem Motorrad unterwegs und hatte eine Panne. Weil aber die Tankstellen, geschweige denn Ortschaften hier in der Gegend oft Hunderte von Meilen auseinander liegen, musste man schon einen mehrtägigen Marsch zum nächsten Kaff in Betracht ziehen, wenn man nicht endlose Tage warten wollte.
Wieder ein Donner, der sich diesmal viel näher anhörte. Das Gewitter schien offenbar mit großer Geschwindigkeit herzukommen. Eine Wolke müsste man sein, dachte der Mann bei sich. Der Himmel verdunkelte sich plötzlich abrupt, mehrere Blitze zuckten. Der Mann blieb trotzdem sitzen.
Wie gebannt sah er in den Himmel. Die Wolken begannen plötzlich zu zirkulieren. Sie drehten sich, und das immer schneller. Ein Tornado? An einem solchen Tag? Noch ein lauter Donner. In der Nähe wurde scheinbar eine Stromleitung getroffen; das Geräusch war unverkennbar. Die Wolken bildeten nun einen Wirbel, immens groß, immer näher kommend. Bäume wurden durch die Luft geschleudert, ein Auto flog durch die Luft.
Doch statt in Deckung zu gehen, blieb der Mann einfach wie angewurzelt sitzen und sah in den Himmel, wie versteinert, immer in dieselbe Richtung. Auf einmal flog etwas sehr Seltsames aus dem Wirbelsturm heraus. Es war groß, sehr groß. Es hatte Flügel und hatte einen eigenartigen, grünen Schimmer. Seine Flügel schlugen langsam, fast ruhig wie im Gleitflug. Der Wind konnte dem seltsamen Geschöpf anscheinend gar nichts anhaben. Es sah gefährlich aus. Und gruselig. Aber es war irgendwie auch eine phantastische Kreatur, bewundernswert und fast majestätisch. So landete das Geschöpf dann auch plötzlich. Es landete genau vor den Augen des Mannes.
Es bäumte sich vor ihm auf. Mit seinen riesigen Augen in seinem Kopf, der aussah wie der einer hässlichen Schlange, blickte es auf den Mann herab. Es ließ dann seine Flügel herabhängen und schnaubte eine Rauchwolke aus seinen beiden riesenhaften Nüstern. Das Wesen schien eine Art Drache zu sein, eine Mischung aus Dinosaurier und Echse. Seine Beine waren dünn, fast klein im Gegensatz zu seinem majestätischen Körper. Das seltsame Wesen senkte dann seinen Hals herab, bis es dem Mann genau in die Augen sah.
„Mach deinen Wunsch!“, sprach es mit tiefer, inbrünstig klingender Stimme
„Wer bist du? Was bist du?“, sagte der Mann mechanisch, aber dennoch nicht zitternd vor Angst. Er wirkte apathisch, so wie eine Marionette ohne Fäden.
„Mach deinen Wunsch!“, wiederholte das Wesen inbrünstig. Seine Stimme klang irgendwie verzerrt, blechern und hallend zugleich. Viel lauter als der Wind. Und fremd, eigenartig fremd. „Mach deinen Wunsch! Ich, Thunderbird, bin gekommen aus den Weiten des Alls, hierher, um dir die Weltherrschaft anzubieten. Ich bin allmächtig. Tausche deine Seele mit mir, und so wirst du grenzenlose Macht erhalten, die meinige grenzenlose Macht. Du wirst zum Kaiser, zum absoluten Herrscher deines Planeten. Mach deinen Wunsch!“
Der Mann stand nach wie vor da wie zu einer Salzsäule erstarrt. Er wirkte fast von seiner Handlungsfähigkeit beraubt, wie eine stillstehende Maschine ohne Öl. Kein Zweifel, das fremde Wesen Thunderbird muss den Mann so tief in Hypnose versetzt haben, wie noch niemand zuvor in Hypnose versetzt worden war, und die Kraft, die Macht, mit der Thunderbird dies tat, muss so immens gewesen sein wie es noch nie eine Macht gewesen ist, noch niemals auf der ganzen Welt. Der Mann hatte keinerlei Chance, als die Antwort zu geben, die er geben musste.
„Ich wünsche, meine Seele mit deiner zu tauschen“, sprach der Mann dann langsam.
„Nun gut“, röhrte Thunderbird. „So sei es!“
Dann reckte er seinen Hals in die Luft. Eine tiefrote Feuerfontäne schoss aus seinem großen Maul, und er zeigte seine Zähne, während er sie auspustete. Dann verschlang plötzlich der Wirbelsturm den Drachen mitsamt dem Mann, und kurz darauf verschwanden die Wolken, das ganze Unwetter, so schnell wie es entstanden ist.
Es herrschte nun eine mysteriöse Ruhe am Rande dieses langen, endlosen Highways.