Blutrote Fesseln

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Summary

Mein Leben besteht aus Arbeit und Schmerz. Seit dem Tod meiner Mutter ist mein alkoholabhängiger Vater unberechenbarer denn je. Ich halte sein Leben am Laufen, übernehme seinen Job, putze bei seinen Kunden und führe den Haushalt – doch es ist nie genug. An meinem 18. Geburtstag will ich fliehen, doch bis dahin bleibt mir fast noch ein ganzes Jahr voller Angst. Besonders, als mein Vater einen neuen Auftrag annimmt. Ich soll in dem größten Anwesen der Stadt arbeiten – bei einer mysteriösen und vermutlich ziemlich gefährlichen Familie. Ich habe keine Wahl. Doch als ich das große Anwesen betrete, weiß ich, dass sich mein Leben für immer verändern wird. Denn das wahre Grauen lauert oft an unerwarteten Orten.

Status
Ongoing
Chapters
36
Rating
4.9 15 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1


Der Morgen beginnt wie so ziemlich jeder meiner Tage. Ich wache bereits vor dem Klingeln meines Weckers auf, der eigentlich überflüssig wäre, den ich aber zur Sicherheit doch wieder jeden Abend auf 5 Uhr stelle. Gegen 4:30 Uhr ist meine Nacht aber meistens sowieso vorbei. Ich werde in der Regel durch einen Albtraum geweckt, der mich schweißgebadet aufschrecken lässt. Wobei ich sagen muss, dass meine Albträume selten schlimmer sind, als mein echtes Leben.

Meine Eltern haben mich damals mit 15 Jahren von der Schule abgemeldet, damit ich ihnen in ihrem Familienunternehmen aushelfen konnte. So sagten sie es jedenfalls meiner Schulleitung. In Wirklichkeit brauchten sie mich nicht nur in ihrem Putz-Unternehmen, sondern auch in ihrem Haushalt, da sie alleine nicht in der Lage waren, die alltäglichen Aufgaben zu erledigen. Oder es eher gesagt nicht wollten, wofür hatten sie schließlich eine Tochter?

Meine Eltern waren schon immer sehr streng in ihrer Erziehung gewesen. Ich musste schon seit ich denken kann mehr im Haushalt mithelfen, als meine Mitschüler. Ich dachte lange, dass es normal sei, den eigenen Eltern unter die Arme zu greifen. Doch ein paar Jahre später, als immer mehr Aufgaben dazu kamen und ich, wenn ich etwas nicht zur Zufriedenheit meiner Eltern erledigt hatte, von ihnen körperlich misshandelt wurde, erkannte ich, dass das nicht normal war für eine Familie. Meine Eltern achteten immer akribisch darauf, mich nur an Stellen zu verletzten, die durch Kleidung verdeckt werden konnten und verboten mir, mit jemandem darüber zu sprechen. Nach außen hin schienen wir immer wie die perfekte, fleißige Familie. Meine Eltern prahlten bei ihren Freunden mit ihrer ach so fleißigen Tochter, die später einmal das Familienunternehmen übernehmen wollte und sie so stolz mache.

Zuhause waren sie dann aber wie ausgewechselt. Meine Eltern tranken beide viel Alkohol und je später der Tag wurde, desto voller waren sie. Abends wurde es meistens richtig übel, wenn sie ihren Frust an mir ausließen, ohne Hemmungen. So ging das über einige Jahre hinweg. Bis meine Mutter krank wurde.

Sie litt an einer seltenen Krebserkrankung, die sie langsam dahin raffte. Ich pflegte sie bis zuletzt, auch wenn sie nie gut zu mir war. Irgendwie liebte ich sie trotzdem, so verdreht das auch war. Mein Vater war in dieser Zeit noch unausstehlicher als sonst und war meistens schon morgens betrunken. Ab da nahm er auch nur noch wenige Kundenaufträge an, die ich alleine abzuarbeiten hatte. Er saß den ganzen Tag nur zu Hause und ertränkte seinen Kummer. Wir kamen finanziell kaum noch über die Runden, und das Geld, das ich einnahm, reichte gerade so für seinen Alkohol und ein paar wenige Lebensmittel, von denen ich nur die Reste abbekam.

Als meine Mutter dann eines Morgens nicht mehr aufwachte, wurde alles nur noch schlimmer. Mein Vater gab mir die Schuld an ihrem Tod. Er sagte, ich hätte mich nicht gut genug um sie gekümmert. An die Prügel, die ich daraufhin einstecken musste, kann ich mich heute noch erinnern. Ich konnte wochenlang kaum laufen und hatte mehrere gebrochene Rippen, die mir bei meiner Arbeit höllische Schmerzen bereitet hatten.

Es hing somit alles von mir ab. Ich musste das Geld nach Hause bringen, das mein Vater für seinen Alkohol ausgab, musste sowohl unseren Haushalt, als auch den der wenigen Kunden, die uns noch geblieben waren, schmeißen und dabei immer zusehen, dass ich meinen Vater nicht wütend machte. Was ehrlich gesagt kaum möglich war, denn er fand immer einen Grund, seinen Frust an mir auszulassen.

Mittlerweile bin ich 17 Jahre alt, auch wenn ich durch die harte Arbeit vielleicht etwas älter aussehe. Mein Vater ist der Meinung, dass ich mit meinen feuerroten Haaren, die meistens ziemlich zerzaust sind, und meiner hellen Haut mit den vielen Sommersprossen niemals einen Mann finden werde, der mich will. Er ist der Meinung, dass ich bis zu seinem Tod bei ihm bleiben werde, weil mich sowieso niemand wollte, und froh sein konnte, dass er mich durchfüttere. Dass ich diejenige bin, die das Geld nach Hause bringt, erwähnt er dabei nie. Aber ich habe schon lange aufgegeben, mich zu wehren. Es hat sowieso keinen Sinn. Ich versuche einfach, meine Aufgaben so gut es geht zu erledigen und irgendwie zu überleben. Wofür ich leben will? Keine Ahnung. Meine Aussicht ist wirklich nicht gut, aber ich habe irgendwie das Gefühl, dass das Leben mehr zu bieten haben muss als das hier. Wenn ich erst volljährig bin, dann kann ich vielleicht endlich von hier verschwinden. Weg von meinem Vater, irgendwo ins Ausland vielleicht, wo mich niemand kennt und verurteilt. Ich spare schon seit einigen Jahren das Trinkgeld, das ich manchmal von Kunden bekomme und von dem mein Vater zum Glück nichts weiß. Es ist zwar nicht viel, aber irgendwann reicht es hoffentlich, um mir die Flucht zu ermöglichen.

Ich habe in dem kleinen Dorf, in dem wir leben, keine Freunde und selbst die Nachbarn aus unserem Mehrfamilienhaus meiden mich und meinen Vater. Ich bin mir sicher, dass sie ahnen, was hinter unserer Haustür geschieht, denn mein Vater ist nicht gerade leise, wenn er mir eine seiner Lektionen erteilt. Aber niemand will sich einmischen, was ich auch verstehen kann. Schließlich kann mein Vater ziemlich furchteinflößend sein.

Damals in der Schulzeit hatte ich zwei gute Freundinnen, die ich aber nach meinem vorzeitigen Abschluss nicht wiedergesehen habe. Ich kann es ihnen nicht verübeln, schließlich hatte ich nie Zeit für sie, weil ich immer arbeiten musste. Aber ich vermisse es sehr, mit jemand anderem sprechen zu können außer den Ratten, die ich manchmal bei Kunden vorfinde und aus deren Haus verjagen muss. Alles in allem ist mein Leben ziemlich trist, aber ich bin dankbar, nicht auf der Straße leben zu müssen. Es könnte also definitiv schlimmer sein. Mein Vater ist berechenbar und ich weiß wenigstens, was ich von ihm zu erwarten habe. Damit kann ich irgendwie leben. Und mein Fluchtplan im Hinterkopf gibt mir Hoffnung. Hoffnung auf ein besseres Leben, ohne Schmerzen.

So starte ich heute wieder mit meiner täglichen Routine. Nachdem ich mich in meine abgetragene, braune Bluse und die löchrige Jeans geworfen habe, binde ich meine Haare zu einem Zopf zusammen und mache mich auf den Weg ins Badezimmer. Ich fange an, unsere Wohnung zu putzen, die Wäsche zu machen und bereite dann das Frühstück für meinen Vater zu. Wir haben noch zwei Eier im Haus, also mache ich ihm Rührei mit einer Scheibe Brot und etwas Butter. Für mich wird es heute wieder nichts zu Essen geben. Seinen Kaffee setze ich um kurz vor 8 Uhr auf, weil er ihn direkt nach dem Aufstehen trinken möchte. Den Schnaps, den er in seinem Kaffee haben möchte, wage ich allerdings nicht zu berühren. Ich hatte es einmal gewagt, weil ich immer gesehen hatte, dass er ihn gerne so trinkt, doch als er es geschmeckt hatte, war er ausgerastet. Sein Fusel war ihm heilig und dass ich mich nicht an seinem Vorrat vergreifen durfte, hatte er mir an diesem Tag mehr als deutlich gemacht.

Ich warte nicht darauf, dass mein Vater aufwacht, schließlich ist seine Laune am Morgen meistens sehr getrübt. Ich schnappe mir stattdessen den Haustürschlüssel, ziehe mir meine Sneaker an, deren Sohle sich langsam vom Rest des Schuhs löst und mache mich auf den Weg zu meinem ersten Kunden. Das alte Fahrrad, das mein Vater mir vor einigen Jahren mitgebracht hatte, ist mein ganzer Stolz. Es erleichtert mir meine Arbeit ungemein, denn auch wenn unser Dorf eher klein ist, wohnen die Leute hier ziemlich weit auseinander. Der Großteil des Dorfes besteht aus Wäldern und landwirtschaftlich genutzten Feldern. Wir wohnen ziemlich zentral in dem, was die Leute hier als >Innenstadt< bezeichnen. Es gibt einen Bäcker, einige Restaurants und Kneipen, sowie kleine Modegeschäfte, mehr aber auch nicht. Die Kunden, die allesamt eher außerhalb wohnen, kann ich zwar auch fußläufig erreichen, allerdings kostet es viel Zeit, die ich nicht habe.

Auf dem Weg zum Kunden genieße ich die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Es scheint ein warmer, wolkenloser Frühlingstag zu werden, die Vögel zwitschern schon fröhlich in den Bäumen und heben meine Laune deutlich. Der Frühling ist meine liebste Jahreszeit. Wenn die Landschaft langsam wieder erblüht und aus ihrem Winterschlaf erwacht, die Tiere aus ihren Unterschlüpfen hervorkommen und die Temperaturen wieder erträglich werden. Hier im Norden Deutschlands waren die Winter zwar in den letzten Jahren sehr mild, trotzdem hasse ich die kurzen Tage und die Kälte.

Das Haus der Familie Meyer erreiche ich nach etwa zehn Minuten Fahrt. Es ist ein großes Fachwerkhaus, in dem nur noch Herr und Frau Meyer leben, die mittlerweile weit über 80 Jahre alt sind. Ihre Kinder sind vor vielen Jahren in eine Großstadt gezogen und so schafften die beide es nicht mehr alleine, das große Haus in Stand zu halten. Sie sind schon seit vielen Jahren unsere Kunden und ich freue mich immer sehr, bei ihnen zu putzen. Schließlich sind sie immer nett zu mir gewesen und haben auch meistens ein Trinkgeld für mich übrig.

"Guten Morgen, meine Liebe!", begrüßt mich Frau Meyer mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht.

"Guten Morgen!", antworte ich und folge ihr in das große Haus.

"Wir frühstücken gerade. Setz dich doch kurz zu uns, du bist viel zu dünn!", sagt sie und betrachtet mich von oben bis unten.

"Das ist sehr lieb von ihnen, aber ich möchte erst meine Arbeit erledigen", sage ich und mache mich auf den Weg, um meine Putzutensilien zusammenzusuchen.

"Du bist so ein fleißiges Kindchen. Dein Vater kann wirklich stolz auf dich sein", sagt sie und geht wieder in die Küche zu ihrem Mann.

Nach etwa zwei Stunden des Putzens bin ich zufrieden und will mich von Frau Meyer verabschieden. Diese eilt in die Küche und drückt mir eine Papiertüte mit zwei geschmierten Brötchen in die Hand.

"Vielen Dank für deine Arbeit. Hier ist noch eine kleine Stärkung für den Weg".

Ich bedanke mich bei ihr und mache mich auf den Weg zu meinem Fahrrad. Das Wetter ist noch immer herrlich, und so genieße ich den Weg zu meinem nächsten Kunden. Die Brötchen verschlinge ich während der Fahrt und kann mir ein Lächeln nicht verkneifen, als ich den fünf Euro Schein am Boden der Tüte sehe. Frau Meyer ist wirklich eine großzügige Frau. Dankbar verstecke ich den Schein in meiner Hosentasche und lege noch einen Zahn zu, um pünktlich beim nächsten Kunden zu erscheinen.

Gegen späten Nachmittag habe ich alle meine Kunden für heute abgearbeitet und mache mich auf den Weg nach Hause. Das Abendessen muss pünktlich auf dem Tisch stehen, ansonsten bekomme ich Schwierigkeiten. Mittags isst Vater zum Glück immer außerhalb in seiner Stammkneipe. Wenigstens eine Sorge weniger. Ich mache noch einen Abstecher beim Supermarkt, um alles nötige einzukaufen. Abends will mein Vater meistens eine Suppe, also entscheide ich mich für eine Tomatensuppe mit Brot.

Das Geld, das ich heute morgen dafür eingesteckt hatte, reicht gerade so für den Einkauf. Am teuersten ist die Flasche Wodka, die ich meinem Vater täglich mitbringen muss. Manchmal stelle ich mir vor, wie mein Vater wohl wäre, wenn er nicht dem Alkohol verfallen wäre. Ich bin der Meinung, dass das ein Teufelszeug ist. Wäre er besser zu mir? Wer weiß das schon. Es spielt sowieso keine Rolle.

Als ich die Wohnungstür aufschließe, steigt mir der beißende Geruch nach Alkohol in die Nase. Ich reiße das Fenster in der Küche auf, um den Geruch etwas zu vertreiben, dann begrüße ich Vater, der im Wohnzimmer auf dem Sofa liegt und ein Fussballspiel verfolgt, dessen Mannschaften mir unbekannt sind. Ich finde es immer etwas amüsant, dass er sich so sehr für alle möglichen Sportarten interessiert, sich selbst aber kaum weiter als bis zu seiner Kneipe und zurück bewegt. Welch Ironie.

"Hast du alles erledigt?", fragt er etwas lallend, ohne mich anzusehen.

"Ja, ich mache mich dann ans Abendessen. Gibt Tomatensuppe". Ohne seine Reaktion abzuwarten, mache ich mich an die Arbeit. Doch zuerst verstecke in mein Trinkgeld von heute in meinem Zimmer. Dafür habe ich einen kleinen Schuhkarton, den ich unter meinem Bett verstecke. Mein Vater betritt mein Zimmer sowieso nie, deshalb reicht das Versteck auf jeden Fall aus.

Ich bringe meinem Vater die fertige Suppe zum Sofa und stelle sie auf dem Couchtisch ab, weil er noch immer in das Fussballspiel vertieft ist und will mich schnell wieder umdrehen, weil ich seine schlechte Stimmung sehe. Scheinbar verliert seine Mannschaft gerade, sein Gebrülle kann ich immerhin bis in die Küche hören. Doch bevor ich es aus dem Raum geschafft habe, höre ich ein Klirren, gefolgt von lautem Gefluche. Die Suppenschüssel liegt auf dem Boden und der Inhalt verteilt sich auf dem Parkettboden und dem braunen Teppich. Mein Herz beginnt in meiner Brust zu rasen, denn ich weiß, was jetzt folgt.

"Du dummes Miststück! Was für eine Sauerei!", schreit mein Vater und springt vom Sofa auf. Er stürmt schwankend auf mich zu und schlägt mir brutal in die Magengrube. Ich krümme mich vor Schmerzen, doch das Schlimmste steht mir noch bevor.

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