Prolog
Laut und eisern hallten schwere Schritte an den kahlen Wänden wider, an denen der Wind ein schauriges Lied spielte. Selbst durch die geschlossenen Fenster hindurch konnte man ihn rauschen hören, doch dieser Umstand machte dem Fremden nichts aus. Dieser war bloß fokussiert auf den langen Gang, den er entlang schritt. Aufmerksam auf jede noch so kleine Bewegung oder jedes noch so leise Geräusch. Er war schließlich nicht ohne Ziel so weit gereist, nur um sich von solchen Kleinigkeiten davon abbringen zu lassen.
Das Gesicht der Gestalt war unter der großen Kapuze nicht auszumachen, genauso wie durch den Rest des Umhanges, der auch alles andere bedeckte und nicht offenbarte, um wen es sich handeln mochte. Und doch schien niemand zu ahnen, dass er sich Zugriff zur Burg verschafft hatte, fast so, als wenn er bloß ein düsterer Schatten wäre. Beim nächsten Fenster blieb er einen Moment lang stehen und wandte den Blick nach draußen. Die wenigen Bäume bogen sich regelrecht im rasenden Sturm und schwer peitschte der Regen gegen das helle Glas. Das Wetter wurde immer schlimmer, je näher er dem Raum kam, in dem die junge Königin gerade ihr Kind zur Welt brachte. Ein schlechtes Omen? Nun, wer daran glauben mochte, würde sicherlich so denken.
Grollend fuhr ein greller Blitz hinab und tauchte das unbekannte Gesicht nur kurz in ein mystisches Licht, sodass ein durchtriebenes Grinsen zum Vorschein kam, das mit der wieder einkehrenden Dunkelheit verblasste. Eine boshafte Fratze, gezeichnet von unendlichen Gräueltaten war es, die sich hindurch zog, dessen Fassade jedoch nichts davon durchblicken ließ, als die schweren Schritte erneut erklangen und er seinen Weg fortsetzte.
Endlich kam die Tür in Sicht. Das Schlafgemach des Königspaares, aus dem gedämpfte Stimmen drangen. Diese interessierten ihn jedoch nur wenig. Denn das, was eher sein Interesse weckte, war das leise Schreien eines Neugeborenen. Ohne überhaupt zu klopfen oder anderweitig auf sich aufmerksam zu machen, stieß der Fremde kraftvoll den Eingang auf und trat in das Zimmer, wobei sämtliche Augenpaare alarmiert auf ihm lagen. Im selben Augenblick hörte man das Ziehen von Stahl, ehe eine Klinge an seiner Kehle lag und sich zwei wütend funkelnde, giftgrüne Augen in die seinen bohrten.
»Mir ist es neu, dass man sich in unserer heutigen Zeit wohl einfach erdreisten kann, in fremdes Heim einzudringen. Ich gebe dir eine Chance … wer bist du und wie bist du hereingekommen?«
Scharf wie die Waffe presste der Nordkönig diese Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, sich darum bemüht vor den Augen seiner Liebsten nicht die Fassung zu verlieren. Denn die Angst und Sorge seiner Frau spürte er zu gut, ebenso die des kleinen Wesens in ihren Armen, welches weiterhin lauthals schrie und weinte. Die dunkle Gestalt hingegen begann erneut zu grinsen und zeigte dabei zwei Reihen Zähne, an dessen Enden scharfe Fänge prangten. Obwohl sein Leben in Gefahr war, beeindruckte ihn das Schwert keineswegs.
»Du solltest sehr wohl wissen wer ich bin. Ebenso solltest du wissen, wie ich hereinkam und auch wieso. Sollte es dir jedoch entfallen sein, so gebe ich dir gerne einen Hinweis.«
Langsam fuhr seine Hand zu der Kapuze auf seinem Haupt und noch während er diese hinunterstreifte, weiteten sich die Blicke des Königspaares vor Unglaube. Denn alleine die Stimme des Fremden hatte gereicht, um sich an die Identität von diesem zu erinnern. Die Stimme und nun auch dessen Aussehen, das niemand mehr vergessen konnte, der ihm jemals in die Augen geblickt hatte. Augen, in denen Feuer zu lodern schien.
Noch immer ohne die auf ihn gerichtete Spitze zu reagieren, drückte er diese bloß lässig beiseite und trat noch etwas näher an das Bett heran. Sogleich heftete sich der Blick auf das Neugeborene, doch lag darin keine Bosheit. Liebevoll betrachtete der Fremde es, streckte dabei vorsichtig die große Hand aus, bis seine Finger sich in einer hauchzarten Berührung auf die weiche Wange legte. Das Weinen und Schreien der Kleinen stoppte im selben Moment, schien es fast so, als wenn sich eine Art inneres Band um beide legte, das die Seelen zweier Wesen miteinander verband.
»Finger weg von meiner Tochter, Abschaum!«
Mitsamt der vor unsicherem Zorn zitternden Stimme, fuhr das Schwert von hinten auf ihn hinab, doch schon blitzte eine zweite Klinge auf, ehe beide aufeinanderstießen. Es amüsierte ihn! Es amüsierte ihn zu sehen, wie sehr sein Gegenüber versuchte die Wahrheit zu verdrängen. Wie sehr dieser Narr daran glaubte, dass dies hier sein Kind wäre. Niemals würde er zulassen, dass ein mickriger, schwacher Menschensohn seine Tochter als die seine aufzog!
»Deine Tochter? Nein. Mein Blut fließt in ihren Adern und daher bin alleine ich es, der sie so nennen darf. Und ich werde nehmen, was mir gehört!«
Kraftvoll und schnell setzte er daraufhin zum Angriff an, doch sein Gegner war bei weitem nicht ganz so schwach wie alle anderen, denen er bereits begegnet war. Dieser Kampf hätte also interessant werden können, wenn er nicht ein jähes Ende hätte finden müssen, als eine Druckwelle den Mann zurückstieß. Leise wimmerte die Kleine erneut in den Armen ihrer Mutter, die nach all diesen unendlich lange vorkommenden Minuten ebenfalls zur Tat schritt. Nur hatte die Geburt ihr vieles abverlangt, weshalb der zierliche Körper schwach zurück in die Kissen sank.
Ohne überhaupt noch einen Gedanken an den ungebetenen Gast zu verschwenden, eilte der König zu seiner Frau und hätte ihm damit die perfekte Gelegenheit gegeben, um dessen Leben durch den letzten Streich seiner Klinge zu beenden. Aber dies tat er nicht. Stattdessen sah er zu der jungen Frau, deren wunderschönes Aussehen ihm bei jedem Anblick an eine Zeit erinnerte, die bittersüß in seinem kalten Herzen widerhallte. Alles würde er dafür tun, um es noch einmal erleben zu dürfen, nur schien es so, als wenn das Schicksal dies noch nicht als den richtigen Augenblick festgelegt hatte.
»Ich werde wiederkommen, Lucian. Doch gehen werde ich beim nächsten Mal nicht mehr alleine.«
Das Königspaar würde nicht vergessen, dessen war er sich bewusst. Sie waren schließlich gewarnt und würden alles dafür tun, um einen weiteren Angriff zu vermeiden. Doch das würde ihnen nichts nutzen. Schon immer hatte er alles bekommen, nach was ihm verlangte. Er hatte es sich genommen, ob friedlich oder mit Gewalt. Und somit würde er sein eigen Fleisch und Blut zu sich holen, das schwor er sich. Und mitsamt diesem stillschweigenden Eid flogen plötzlich die Fenster des Zimmers auf, sodass der Wind ohrenbetäubend heulte und die Gestalt in einem schwarzen Nebel verschluckte.