Aus Jans Perspektive
Kapitel 1 – aus Jans Perspektive
Ich mache einen letzten Kontrollgang durch die neuen Räume des Retreats. Ich muss sagen, ich bin stolz. Wirklich stolz auf das, was wir hier in den letzten Monaten geschaffen haben. Aber nun zu mir. Ich bin Jan, Mitte dreißig und Arzt. Zusammen mit meiner Freundin Fine betreibe ich ein sogenanntes Medical Retreat. Das heißt, wir haben in unserer Einrichtung hier den klassischen Reha- und Kurbetrieb für alle möglichen kardiologischen Krankheitsbilder. Aber auch einen Medical-Wellness-Bereich, in dem man sich einfach erholen kann. Wenn man möchte mit medizinischer Begleitung. Fine hatte im vergangenen Jahr die Idee, das Retreat auf eine breitere Basis zu stellen. Seitdem hat sich viel geändert. Wir haben jetzt nicht mehr nur einen Kurbetrieb, sondern auch einen Klinikbetrieb mit einem hochmodernen kardiologischen Zentrum. Das kann ich als Kardiologe, Naturmediziner und Kurarzt natürlich nicht alleine stemmen. Ganz im Gegenteil. Ich habe in den letzten Jahren eindeutig auf zu vielen Hochzeiten getanzt, und das Ergebnis war ein stummer Herzinfarkt. Dass es so nicht weitergehen konnte, war spätestens dann mehr als klar. Jetzt habe ich die Leitung des Herzzentrums an Maxi, einen guten Freund und sehr kompetenten Kollegen abgegeben. Damit kann ich mich wieder auf das konzentrieren, was mir Freude macht: die intensive Arbeit am und mit dem Patienten. Außerdem haben wir einen ehemaligen Famulanten eingestellt: Felix. Felix fiel schon in seiner Ausbildung positiv auf und ich bin sehr froh, dass er sich für uns entschieden hat. Er wird hier seinen Facharzt machen und sich dann hoffentlich als Kardiologe niederlassen. Das ist zumindest mein Plan. Aber gut. Jetzt zum aktuellen Stand. Heute ist also der Tag X - die große Eröffnungsfeier des neuen Bereichs. Alles erstrahlt in festlichem Glanz. Das Catering ist vorbereitet, meine Begrüßungsrede steht. Es kann losgehen. Ich ziehe mich noch einmal kurz an meinen Lieblingsplatz im Park zurück und atme durch. Alles wird gut. Da bin ich mir sicher. Kurz darauf spüre ich, wie mich warme Arme umschließen. Ich öffne die Augen und spüre Fine die sich hinter mich gekuschelt hat. Sie sieht atemberaubend aus in ihrem verspielten Sommerkleid. Ihre Füße sind noch barfuß. Ihre Sandalen hat sie einfach neben sich geworfen. Ich liebe diese Frau einfach. Fine ist die starke Frau an meiner Seite. Sie kam vor fast zwei Jahren ins Retreat, eigentlich um sich zu erholen. Allerdings ging dieser Plan nicht auf. Im Gegenteil. Fines Gesundheit war stark angegriffen. Wir haben also schon einiges zusammen erlebt. Aber das alles hat uns definitiv stärker gemacht und so werden wir auch die nächsten Schritte Hand in Hand gehen.
„Na ihr zwei?“ Raphael, mein Mentor, Kollege und Freund kommt auf uns zu und legt väterlich vertraut einen Arm um Fine und mich. Er hat mir viel beigebracht und mir letztes Jahr, nach meiner Krankheit, den Arsch gerettet, als er für mich eingesprungen ist. Eigentlich ist er schon im Ruhestand. Aber er hat sich in unsere gute Seele des Hauses verliebt. Marie, unsere Rezeptionistin, ist aber auch wirklich ein Engel. Deshalb ist er jetzt öfters hier. Die beiden alten Hasen so frisch verliebt zu sehen ist schon sehr süß.
„Jan, du solltest langsam reingehen. Die Gäste sind da und warten auf deine Rede!“ Raphael lächelt uns an. Fine nimmt mich in den Arm und hält mich einen Moment lang fest.
„Ich liebe dich“, flüstere ich leise.
„Und ich dich!“, antwortet Fine. „Und jetzt ab auf die Bühne, wo du hingehörst!“
„Zu Befehl, Madame!“ Ich lächle ihr zu. Gemeinsam gehen wir in den großen Saal im Seitenflügel. Dort sind meine Rede und der festliche Empfang geplant. Ich lasse meinen Blick über all die Menschen schweifen, die hier sitzen. Gespannt und mit einem Lächeln auf den Lippen schauen sie mich an. Ich atme tief durch und betrete die Bühne.