Icarus & Eva

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Summary

Kann Kunst die Welt verändern? Der leidenschaftliche Maler Vasimir Tolosk befindet sich auf dem richtigen Weg, um diese Frage im Jahr 1898 zu bejahen. Seine Gemälde könnten in der Stadt Stalton eine Revolution gegen den korrupten Stadthalter und den Gemeinderat entfachen. Doch der Widerstand gegen die Obrigkeit ist gefährlich: Vasimir riskiert sein Leben, wenn er das Malen nicht aufgibt. Von Pinsel und Staffelei kann er sich aber nur schwer trennen. Obendrein erscheinen in seinen Träumen regelmäßig zwei mysteriöse Personen, die ihn zum Helden von Stalton erheben möchten: Icarus und Eva. Doch wer sind die beiden und was wollen sie ausgerechnet von Vasimir?

Status
Ongoing
Chapters
13
Rating
n/a
Age Rating
18+

Prolog - Brotlose Kunst

Abgestandene Luft waberte durch die Dunkelheit des beinahe labyrinthartig aufgebauten Stockwerks. Ein Wunder, wie es den wenigen anwesenden Menschen gelang, so viel Kohlenstoffdioxid zu produzieren. Oder war die Wärme des milden Frühlingsabends dafür verantwortlich, dass sich der Gang durch die Galerie als äußerst beschwerlich entpuppte? Keiner der Gäste wirkte jedenfalls sonderlich euphorisch. Damen in langen Kleidern und mit eleganten Hüten auf ihren Köpfen fächerten sich unaufhörlich Luft zu. Männer in ihren dunklen Anzügen tupften den Schweiß unter ihren Zylindern auf, während sie von einem Gemälde zum nächsten schlenderten. Manchmal blieben Besucher etwas länger vor den Portraits stehen. Im Flüsterton diskutierten sie darüber, welche Bedeutungen die einzelnen Bilder in sich trugen. Gelegentlich lobten sie auch den Zeichenstil und begannen Gespräche mit den Künstlern, die oft nur darauf warteten, ihre Werke erklären zu dürfen. Wie Geier stürzten sich die jungen Kreativen auf jede einzelne Person, die länger als fünf Sekunden vor ihren Bildern verweilte. Ein Verhalten, das nicht allzu verwunderlich ist, denn schließlich witterten die Amateure Geld für ihre brotlose Kunst. Und tatsächlich ließ sich an jenem Abend der ein oder andere Gast dazu hinreißen, ein Gemälde für den heimischen Salon zu erwerben.

Würde auch sein Werk die Wohnung eines Kunstliebhabers schmücken? Vasimir Tolosk gab die Hoffnung allmählich auf. Er saß mindestens drei Stunden auf einem Schemel neben dem einzigen Gemälde, das er im Zuge der Veranstaltung zur Schau stellen durfte. Die Organisatoren wollten ihm ursprünglich gar keinen Einlass zur Galerie gewähren, weil seine Malereien nicht den Zahn der Zeit trafen. Ich persönlich kenne mich zu wenig mit Kunst aus, um euch zu schildern, was damals gerne gesehen wurde. Allerdings habe ich mir sagen lassen, dass jeder der angesehensten Künstler sehr realistisch und naturgetreu zeichnete, um Szenen des Arbeiteralltags ungeschönt zur Schau zu stellen. Besser kann ich die malerischen Vorlieben des Jahres 1898, in dem diese Geschichte spielt, leider nicht zusammenfassen. Vasimirs Bilder erzählten jedenfalls keine banalen Alltagsgeschichten. Stattdessen schienen sie eher metaphorisch ein fürchterliches Grauen darzustellen. Womöglich waren die Organisatoren gar entsetzt von seinen Bildern und lehnten ihn deshalb ab. Da er verlauten ließ, dass es sich um die letzte Ausstellung handeln würde, der er jemals als Künstler beiwohnen wollte, hatte man aber womöglich Mitleid mit ihm und gab ihm zumindest die Gelegenheit, ein einziges Bild zu präsentieren.

Ja, ihr habt richtig gehört: Vasimir wollte dem Malen endgültig abschwören. Zu lange blieb der Erfolg für den Fünfundzwanzigjährigen aus. Der großgewachsene Mann mit den starken Armen und dem kurzgeschorenen Haar konnte schließlich nicht durchwegs ohne Einkommen leben, denn zuvor gelang es ihm nie, nur ein einziges Bild zu verkaufen. Er arbeitete zwar nebenbei auf unterschiedlichen Baustellen in seiner Heimatstadt Stalton, dennoch wünschte er sich nichts sehnlicher, als das Malen irgendwann zu seinem Hauptberuf machen zu können. Zu schade, dass ihn die Realität allmählich einholte: Nur die Wenigsten werden durch die Malerei berühmt. In seinem Heimatort stellte es sich schon als schwierig genug heraus, sich regional einen Namen zu machen, da unzählige Amateurkünstler in Stalton ihr Glück versuchten.

Vielleicht hätte Vasimir ein paar Bilder malen müssen, die Kunstliebhaber zur Gänze ansprechen? Nein, ein solches Vorhaben wäre gescheitert. Er sah all die anderen Künstler um ihn herum, die mit ihren Szenen aus dem Alltag kaum einen Ausstellungsgast zum Kauf motivierten. Andere wirkten genauso verzweifelt wie er – aber zumindest blieben Menschen vor den Bildern seiner Konkurrenten stehen und diskutierten darüber. Nicht einmal das gelang dem Laienkünstler. Besucher warfen oft nur einen kurzen Blick auf sein Werk, welches er „Parade” taufte. Anschließend zogen sie meist fluchtartig weiter. Was die Menschen so sehr erschreckte? Es lag nicht etwa an fehlendem Talent, denn Vasimir beherrschte das Malen in technischer Hinsicht ausgesprochen gut. Insgesamt wirkte sein Zeichenstil ansprechend, seine Farbwahl war durchdacht und kein einziges Tüpfchen schien überflüssig zu sein. Nur ein Aspekt fehlte ihm: die Emotion. Seine Bilder machten einen eher starren Eindruck. Wut, Trauer, Schock, Liebe, Fröhlichkeit – man konnte erkennen, wie sehr er sich darum bemühte, verschiedene Gefühlslagen anzudeuten. All jene Bemühungen führten aber zu bizarren und realitätsfernen Ergebnissen. Zusammengefasst könnte man sagen, dass es seinen Werken an Leben fehlte.

Und dann war da noch die Sache mit den Geschichten, die Vasimirs Bilder erzählen. Grotesk, unheimlich und abstoßend beschrieben Zeitgenossen seine Werke. Woher diese Einstufung kam, möchte ich anhand von „Parade" darlegen: Das Gemälde zeigt drei Gefängniskutschen, die von leidenden, erschöpften Männern in Uniformen gezogen werden. Ob es sich um Herren der Armee oder um Gendarmen handelt, ist nicht genau ersichtlich. Zum Blickfang des Bilds wird jedenfalls ein weiterer Protagonist: Auf der mittleren Kutsche tanzt eine Art grüner Kobold mit dickem Bauch und einer Fackel in der Hand. Dieses Wesen wurde fast doppelt so groß wie die uniformierten Männer gezeichnet. Insgesamt entschied sich der Künstler für sehr düster und beinahe dreckig anmutende Farben. Ich würde das Werk mit den bekannten Pest-Bildern aus dem Mittelalter vergleichen – mit dem Unterschied, dass Vasimir seine Figuren wesentlich realistischer malte.

Könnt ihr euch das Bild gut vorstellen? Schauerlich, nicht wahr? Zu Vasimirs Glück vertrat nicht jeder einzelne Besucher der Ausstellung diese Meinung. Ein Mann mittleren Alters blieb etwas länger vor seinem Werk stehen. Er schien jedes einzelne Detail ganz genau zu betrachten. Der Künstler hatte nun die Chance, sich und sein Werk anzupreisen und im besten Fall ein Kaufgeschäft herbeizuführen. Vasimir war allerdings zu schüchtern. Nervös streifte er über seinen dunklen Haaransatz und richtete seinen Blick nach unten, während der Gast in Gedanken versank. Würde er wieder gehen, wenn Vasimir nichts sagt? Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um ein Gespräch zu beginnen? Glücklicherweise musste sich der Laie nicht allzu lange darüber den Kopf zerbrechen, denn ehe er sich versah, drehte sich der Mann selbstständig zu ihm um: „Interessantes Werk, das du hier ausstellst. Technisch einwandfrei. Was das Motiv betrifft, ... nun, es ist auffällig. Und es ... Darf ich dich fragen, wie du auf die Idee gekommen bist, so etwas zu malen?"

Blitzschnell und beinahe etwas erschrocken sprang Vasimir von seinem Stuhl auf. Der fast zwei Meter große Künstler hatte beim besten Willen nicht damit gerechnet, dass er an jenem Tag über seine Kunst sprechen dürfe. Stotternd und nervös ging er auf die Frage des Fremden ein: „Nun, also, mein Herr... Die Antwort hierauf ist sehr banal... Ich träumte eines Nachts von dieser Szene und entschied mich am nächsten Tag dazu, sie zu malen ..."

„Mit Verlaub, du scheinst nachts von schrecklichen Albträumen geplagt zu werden. Aber letztendlich leiden wir alle unter dem gleichen Problem – Albträume plagen uns hier in Stalton auch tagsüber. Doch sag mir: Was genau wolltest du mit dieser metaphorischen Szene aussagen? Welche Rolle spielt die grüne Figur und warum ziehen die Männer Gefängniskutschen hinter sich her?"

Die Fragen überforderten Vasimir. Zu gerne hätte er dem Herrn im Detail berichtet, wie das Motiv entstand. Die traurige Wahrheit war aber, dass er sich nicht allzu viel dabei gedacht hatte. Tatsächlich entsprang die Idee einem fürchterlichen Traum, der Vasimir lange Zeit hinweg beschäftigte. Eine tiefgründigere Geschichte unterlag der Malerei jedoch nicht. Der Künstler wollte keine Botschaft mit seinem Werk vermitteln.

„Also die Szene, sie ... ich denke, dass sie metaphorisch die Probleme zeigt, die tagtäglich auf den Schultern der Menschen lasten ... Der grüne Dämon symbolisiert ... er symbolisiert die Probleme eines jeden ..." Mit großer Müh zwang sich der leidenschaftliche Maler dazu, seinem Gemälde Sinn zu verleihen. Vasimir überkam die Angst, seinen potenziellen Kunden zu verlieren. Würde der Fremde bemerken, dass der Künstler während des Malprozesses keine Sekunde darüber nachdachte, was seine Kunst zum Ausdruck bringen sollte? Ob so oder so: Wie es das Schicksal wollte, hatte Vasimir Glück.

„Da hast du dich sehr diplomatisch ausgedrückt, Junge. ‚Die Probleme eines jeden‛, sagtest du? Wollen wir das Problem nicht bei seinem Namen nennen? Barnabas Grimsteel heißt es."

Der Künstler erschrak. Barnabas Grimsteel? Der Bürgermeister von Stalton? An diese Person hatte er im Leben nicht gedacht, als er das Bild malte. Wie kam der Fremde auf so etwas?

Zu Vasimirs Erleichterung erklärte sich der Herr von selbst: „Die Ähnlichkeiten sind nicht von der Hand zu weisen. Der ‚grüne Dämon‛ besitzt eindeutig Grimsteels Gesichtszüge. Auch die rundliche, korpulente Figur passt zum Bürgermeister. Und die Metaphorik des gesamten Bilds könnte treffender gar nicht sein: Du wolltest damit Kritik an dem erst kürzlich vom Gemeinderat verabschiedeten Kriminalgesetz üben, nicht wahr? Jetzt, wo die Gendarmen die Menschen ohne konkreten Verdacht auf eine Straftat aus ihren Häusern ziehen und sie vorläufig verhaften dürfen, herrscht große Panik in der Stadt. Dieses Gemälde betrachte ich daher als die wohl mutigste Form des Widerstands, die mir in den letzten Wochen untergekommen ist. Hierfür verdienst du meinen vollkommenen Respekt."

Eine Dame, die sich ganz in der Nähe befand, lauschte der Interpretation des Fremden. Sie bewegte sich zugleich zu Vasimirs Gemälde, um sich der Diskussion anzuschließen. Auch sie erkannte eine deutliche Ähnlichkeit des koboldartigen Wesens mit Barnabas Grimsteel. Vor lauter Begeisterung über diese künstlerische Form von Kritik konnte sie sich gar nicht im Zaum halten. Sie sprach so laut, dass sie zwei, drei und plötzlich eine ganze Menschentraube anlockte, die das Werk näher betrachteten und es für seine karikativen Charakterzüge in den Himmel lobten. Ehe sich Vasimir versah, wollten sich zwanzig oder gar dreißig Gäste mit ihm unterhalten. Vor Fragen konnte er sich kaum retten. Bald schon erkundigten sich die ersten Interessenten, für wie viel Geld er das Werk verkaufen möchte. Jegliche Geldsummen, die ihm geboten wurden, übertraf allerdings der Herr, dem das Gemälde als Erstes ins Auge stach. Er nahm Vasimir zur Seite, um den Kauf etwas abseits der anderen Gäste abzuschließen. Obendrein machte er dem Künstler ein zweites Angebot: „Mein Name ist Laurin Eger und ich bin Redakteur des Stalton Tagblatts. Sehr gerne würde ich in einer kommenden Ausgabe über dein Kunstwerk berichten. Wäre das in Ordnung für dich?"

Der für gewöhnlich sehr emotionskarge Vasimir konnte sein Entzücken kaum verbergen: „Oh ja, oh ja! Sehr gerne!"

Allerdings fiel dem Maler in jenen Augenblicken ein peinlicher Fauxpas auf: „Aber, Herr Eger ... Sie haben sicherlich gemerkt, dass ich vergessen habe, meine Unterschrift auf dem Werk zu platzieren. Bevor ich es Ihnen verkaufe, würde ich meinen Namen gerne ergänzen. Dieser lautet übrigens ..."

„Schon gut, Junge. Du musst ihn nicht ergänzen. Ich verstehe zwar, dass ein Werk durch eine Unterschrift stets einem Künstler zugeordnet werden soll. In diesem Fall sei dir aber angeraten, eine Ausnahme zu machen. Alternativ wäre es mir persönlich lieber, wenn du einen Künstlernamen unter das Bild setzt. Hast du denn ein Pseudonym?"

Hierüber dachte Vasimir niemals nach. Was war denn an seinem richtigen Namen verkehrt? Er verstand es nicht, zumindest noch nicht. Der leidenschaftliche Maler leistete jedoch keine Widerrede und ging auf die Wünsche des Käufers ein: „Wie wäre es mit ... nun, ‚Goliath‛ würde mir als Pseudonym gefallen. Jetzt brauche ich nur noch einen Nachnamen ..."

„Der Name ist perfekt. Einen Nachnamen braucht es nicht. Wie wäre es, wenn du die Unterschrift in deinem Atelier ergänzt? Anschließend darfst du mir das Bild morgen Abend unter einem Tuch versteckt anliefern. Hier ist meine Adresse." Möglichst unauffällig steckte Laurin Vasimir einen Zettel zu. Danach schüttelten sich die beiden zum Abschied die Hände.

„Herr Eger, ich danke Ihnen. Das Bild bringe ich Ihnen morgen zum gewünschten Ort. Mein richtiger Name lautet übrigens ..."

„Dein Name ist Goliath und meiner lautet Laurin. Einen weiteren Namen möchte ich nicht kennen. Ich danke dir für dieses wunderbare Gemälde. Lass uns morgen den Kauf final abschließen. Danach will ich dich auf eine Tasse Kaffee einladen, wenn es dir beliebt?"

„Sehr gerne, Herr ... ich meine, Laurin. Ich bin dir zu unendlichem Dank verpflichtet. Noch nie zuvor habe ich eines meiner Bilder verkauft."

Ja, noch nie zuvor erhielt Vasimir für seine Werke nur einen einzigen Cent. Nach diesem Tag sollten allerdings viele erfolgreiche Verkäufe folgen. Stalton stand kurz davor zu erleben, wie „Goliath" zur Legende aufstieg. Jener Weg erwies sich für Vasimir allerdings als beschwerlich und gar blutig. Schon immer wollte er ein berühmter Künstler werden. Diesen Traum erfüllte er sich in einer zutiefst grauenvollen Form.

Ich habe die Ehre, diese furchtbare und zugleich erstaunliche Geschichte zu erzählen. Es ist die traurige Geschichte eines Künstlers, der zu einem Helden wurde.