Kapitel 1 - Schatten über der Ranch
Ava hatte das Gespräch mit dem Fremden nie ganz vergessen. Obwohl sie nur ein paar Worte gewechselt hatten,hatte sein düsterer Blick und die Art, wie er von „unter vier Augen“ sprach, bei ihr einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Doch das Leben auf der Ranch hatte keinen Raum für Zweifel oder Zögern gelassen. Sam war an ihrer Seite, die Arbeit rief, und auch wenn ihre Gedanken immer wieder zu diesem geheimnisvollen Mann zurückkehrten, wusste sie, dass sie sich nicht von der Ungewissheit ablenken lassen durfte.
Seitdem waren ein paar Tage vergangen, und der Alltag hatte sie wieder im Griff. Doch der tiefe Knoten in ihrem Magen, der sie jedes Mal überkam, wenn sie an die Veranda und den Fremden dachte, blieb. Es war nicht nur die rätselhafte Art des Mannes, sondern auch die Worte, die er ausgesprochen hatte. „Es geht um deine Familie und die Ranch.“ Was wollte er damit sagen? Welche Geheimnisse trugen er oder die Ranch mit sich?
Heute, bei den letzten Sonnenstrahlen des Tages, als sie auf der Veranda stand und den sanften Wind in ihren Haaren spürte, bemerkte sie, dass Sam sie beobachtete. Sein Blick war nachdenklich, fast so, als könnte auch er die unsichtbare Last spüren, die seit dem Besuch des Fremden auf ihr lastete.
„Was war das für ein Mann?“ fragte er schließlich, ohne sie aus den Augen zu lassen. Bisher hatten sie das Thema gemieden da Ava sichtlich mitgenommen von dem Gespräch war. Sam wollte ihr ein paar Tage geben bevor er das Thema ansprach.
Ava drehte sich zu ihm um, die Hand auf das Geländer der Veranda gestützt. „Ich weiß es nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass er mit etwas hierhergekommen ist. Etwas, das er von uns will.“
„Was soll das heißen?“
Ava blickte in die Ferne, den Horizont im Blick. „Ich weiß es nicht genau, Sam. Aber er war nicht hier, um sich einfach vorzustellen. Er ist auf der Suche nach etwas. Und es wird nicht einfach werden, das herauszufinden.“
Sam trat näher und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Wenn er ein Problem mit uns hat, dann werde ich es regeln, Ava. Du weißt, dass ich immer für dich da bin.“
„Ich weiß“, flüsterte sie und legte ihre Hand auf seine. Doch ein Teil von ihr wusste, dass sie sich nicht nur auf Sam verlassen konnte. Es war nicht nur der Fremde, der ihre Welt bedrohen könnte, sondern auch die Ranch selbst.
In den letzten Tagen hatte sich die Atmosphäre in der Gegend merklich verändert. Gerüchte über die benachbarte Miller-Ranch waren laut geworden, und das Gespräch in den örtlichen Bars und bei den Händlern drehte sich immer wieder um den neuen Besitzer, der angeblich Interesse an Avas Land zeigte. Der Miller-Clan, mit seinen eigenen düsteren Geheimnissen und der rücksichtslosen Art, wie sie Land erwarben, war schon lange ein Thema in der Region.
„Sam… Ich glaube, es geht nicht nur um den Fremden“, sagte Ava schließlich, ihre Stimme gedämpft, aber entschlossen. „Es gibt auch Probleme mit der Miller-Ranch. Ich habe gehört, dass der neue Besitzer, Greg Miller, Interesse an unserem Land hat. Vielleicht will er etwas, das uns gehört.“
Sam wurde blass. „Du meinst, sie wollen die Ranch übernehmen?“
„Es ist ein Gerücht, aber die Gespräche werden lauter. Es ist, als würden sie uns dazu drängen, das Land aufzugeben.“
Sam ballte die Fäuste, und Ava konnte sehen, wie die Wut in ihm aufstieg. Doch sie wusste auch, dass sie zusammenhalten mussten, wenn sie nicht alles verlieren wollten.
„Es ist noch nicht soweit“, sagte sie mit Nachdruck. „Aber wir müssen vorbereitet sein. Ich habe das Gefühl, dass es schlimmer wird, bevor es besser wird.“
Gerade als sie ihre Worte aussprach, hörten sie ein leises Geräusch – Schritte, die auf das Grundstück führten. Ava und Sam drehten sich gleichzeitig um. Eine Gestalt trat aus dem Schatten der Bäume. Es war der Fremde. Ohne Vorwarnung trat er aus der Dunkelheit und näherte sich ihnen mit einem Schritt, der nichts Gutes verhieß.
„Ich habe euch nicht vergessen“, sagte er mit seiner tiefen, fast bedrohlichen Stimme. „Und es gibt noch einiges, das ihr wissen müsst, Ava.“
Ava atmete scharf ein und trat einen Schritt nach vorne, bereit für das, was auch immer dieser Mann mit sich brachte.
„Was willst du?“ fragte sie ruhig, aber in ihrem Inneren war ein Sturm aus Angst und Neugier.
Der Fremde sah sie mit ernster Miene an. „Es geht nicht nur um eure Ranch“, sagte er. „Es geht um etwas viel Größeres, und ich werde euch helfen müssen, wenn ihr nicht alles verlieren wollt.“
Der Mann machte eine kurze Pause, als ob er ihre Reaktion abwarten würde, bevor er fortfuhr.
„Ihr seid in Gefahr. Und es ist Zeit, sich den wahren Gegnern zu stellen.“
Ava fühlte ein eisiges Gefühl, das ihr den Rücken hinaufkroch. Sie wusste, dass das, was jetzt kam, nicht mehr zu ignorieren war.
Der Fremde trat aus dem Schatten, seine Schritte gedämpft auf dem staubigen Boden der Veranda. Das schwache Licht der untergehenden Sonne tauchte sein Gesicht in ein unheimliches, goldenes Schimmern. Ava konnte seine Augen nicht genau erkennen, aber sie fühlte die Schärfe seines Blicks. Er blieb stehen, nur ein paar Schritte entfernt, und stellte sich dann ruhig vor sie.
„Ich dachte, es wäre besser, mich vorzustellen“, sagte der Mann, die Stimme wie Honig, aber mit einem unterschwelligen Hauch von Gefahr. „Mein Name ist Lucas Hale.“
Er reichte ihr die Hand, doch Ava zögerte. Sie spürte, dass jede Geste von ihm wohl überlegt war. Sam trat instinktiv einen Schritt vor sie und stellte sich schützend an ihre Seite, als wollte er ihr signalisierten, dass er bereit war, zu handeln, wenn es nötig war. Der Fremde sah Sam einen Moment lang an, als prüfe er ihn, dann wandte er sich wieder Ava zu.
„Ich verstehe deine Vorsicht“, fuhr er fort, „aber ich komme nicht, um Ärger zu machen. Ich komme, um zu warnen.“
„Warnen?“ Ava zog eine Augenbraue hoch, immer noch misstrauisch. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Wovor genau?“
„Euer Land ist in Gefahr, und es gibt Menschen, die nicht zögern werden, es zu nehmen, wenn ihr nicht handelt“, erklärte er ruhig, seine Stimme an die Wärme des späten Nachmittags anpassend. „Ich weiß, dass ihr in den letzten Wochen von den Gerüchten über die Miller-Ranch gehört habt, oder besser gesagt, über den neuen Besitzer. Greg Miller ist nicht nur ein Geschäftsmann, sondern ein Mann mit einem Plan. Und er wird nicht aufhören, bis er bekommt, was er will.“
Sam schnaubte und trat einen Schritt vor. „Und warum sollte uns das interessieren? Was hat das mit dir zu tun?“
„Weil ich es mir nicht leisten kann, dass ihr das Land verliert. Und weil es Dinge gibt, die auch Greg Miller betreffen, Dinge, die du vielleicht nicht weißt“, erklärte Lucas und ließ dabei eine Bedeutung in seinen Worten mitschwingen, die Ava nicht sofort erfasste.
„Was genau meinst du?“ fragte sie, ihre Stimme fest, doch innerlich brodelte es. Wer war dieser Mann, dass er wusste, was in der Region vorging?
Lucas verschränkte die Arme und trat noch einen Schritt näher. „Greg ist nicht der Einzige, der ein Auge auf das Land geworfen hat“, sagte er, und seine Augen glühten im Dämmerlicht. „Es gibt Mächte im Hintergrund, die sich nicht mit den normalen Methoden der Geschäftswelt zufrieden geben. Und ich… ich bin in der Lage, gegen sie anzutreten. Aber dafür brauche ich jemanden wie euch. Ich weiß, wie man solche Männer zur Strecke bringt. Aber das geht nur, wenn ihr bereit seid, einen Schritt weiterzugehen.“
Ava spürte das Zucken in ihren Magen, als eine Mischung aus Wut und Angst aufstieg. Was wollte er von ihr? Was wusste er über die Miller-Ranch, das er jetzt preisgab?
„Du redest in Rätseln“, warf Sam ein, seine Stimme bedrohlich ruhig. „Was willst du wirklich von uns?“
„Ich will euch nicht schaden“, erwiderte Lucas, und diesmal klang seine Stimme ernster, fast eindringlicher. „Ich will, dass ihr versteht, dass es hier nicht nur um Land geht. Es geht um Macht. Macht, die Menschen wie Greg Miller in die Lage versetzen wird, alles zu zerstören, was ihr euch aufgebaut habt. Und die Frage ist: Seid ihr bereit, euch dem zu stellen?“
Ava sah ihm tief in die Augen. Die Hitze des Gesprächs war jetzt beinahe greifbar, und sie wusste, dass sie an einem Wendepunkt stand. Was auch immer dieser Mann wollte, es war zu bedeutend, um es zu ignorieren. Vielleicht war es genau der Hinweis, den sie brauchte, um zu verstehen, was wirklich hinter den Gerüchten über die Miller-Ranch steckte.
„Und was genau hast du vor?“ fragte sie, ihre Stimme jetzt kühler.
„Ich habe Verbindungen“, antwortete Lucas ruhig. „Ich kann euch helfen, die wahren Beweggründe hinter den Machenschaften von Miller und seinen Unterstützern zu verstehen. Aber nur, wenn ihr bereit seid, zu kämpfen. Ich kann euch Informationen geben, mit denen ihr ihn schlagen könnt. Aber ich brauche eure Hilfe, wenn es soweit ist.“
Für einen Moment herrschte Stille. Ava blickte zwischen Sam und Lucas hin und her. Sie wusste, dass der Weg, den dieser Mann vorschlug, gefährlich war, aber auch, dass sie keine andere Wahl hatte, wenn sie ihre Ranch und alles, was sie kannte, retten wollte.
„Ich habe keine Ahnung, warum du hier bist“, sagte Ava schließlich, „aber wenn du wirklich die Wahrheit sagst, dann können wir vielleicht zusammenarbeiten. Aber nur unter einer Bedingung: Du verrätst uns alles. Keine Geheimnisse mehr.“
Lucas nickte, ein ernstes Lächeln auf den Lippen. „Das ist fair. Aber wisst, es gibt noch mehr Dinge, die ihr herausfinden müsst. Und je schneller ihr handelt, desto besser.“
Mit diesen letzten Worten drehte er sich um und ging zurück in die Dämmerung, die fast vollständig über die Ranch hereingebrochen war. Ava und Sam standen allein auf der Veranda, die schwere Luft des Gesprächs noch immer zwischen ihnen. Sie fühlte, wie sich eine neue, unbekannte Bedrohung auf sie abzeichnete – und sie wusste, dass die Entscheidungen, die sie in den kommenden Tagen treffen würde, alles verändern könnten.








