Prolog
Das Fenster knarrte leise, als ich den Riegel zurückschob und es vorsichtig öffnete. Ich lauschte. Alles blieb still. So still, wie es in einem Schlafsaal mit fast 20 schlafenden Kindern nachts sein konnte. Leises Atmen, hier und da ein Schnarchen, manchmal ein Wimmern, wenn Alpträume die friedlichsten Stunden des Tages heimsuchten. Doch sonst drang kein Laut an meine Ohren.
Erneut zog ich an dem Fenster, kniff die Augen zusammen, als es erneut knarrte und betete, dass niemand erwachen würde. Dann war es geschafft. Der Fensterflügel stand so weit offen, dass ich mich hinauslehnen konnte. Schwüle Luft schlug mir entgegen. Ungewöhnlich für eine Nacht im Mablo, auch wenn die Mitte des Frühlings bereits überschritten war. Die Nacht war dunkel. Groteske Wolkenformen jagten über den Himmel. Sie ließen keine Lücke für einen Stern. In der Ferne hörte ich das Grollen von Donner und ein Blitz erhellte den Horizont. Ich war dankbar für die Dunkelheit. Sie würde mich vor zu vielen neugierigen Blicken schützen.
Mit einer Hand umfasste ich den Fensterrahmen und zog mich auf das Fenstersims hinauf. Unzählige Male hatte ich meinen Plan durchgespielt. Immer und immer wieder hatte ich versucht mir vorzustellen, wie es sein würde. Fort. Fort zu sein aus dem Waisenhaus, das seit mehr als 17 Jahren mein "zu Hause" war. Ein schreckliches zu Hause. Ein zu Hause, das mich nur eines gelehrt hatte: Das ertragen von Spott, Schmerz und Leid.
Unter meinen Füßen spürte ich den unregelmäßigen Stein des Fenstersimses. Mein Blick fiel in die Tiefe. Ein Fehler. Mir wurde übel. Das Waisenhaus war eines der höchsten Gebäude in Themar. Mit seinen vier Stockwerken überragte es die meisten Gebäude. Mein Schlafsaal befand sich im dritten Stock. Eine Höhe, die ich zum ersten Mal in diesem Moment bewusst wahrnahm. Ich umklammerte den Fensterrahmen fester. Gleichzeitig merkte ich, wie meine Hände feucht wurden. Ich wusste, dass meine Unsicherheit wachsen würde, je länger ich wartete und dennoch wagte ich den Sprung nicht.
Die Gasse war nicht breit. Kaum drei Meter. Außerdem war das Dach des Lagerhauses, das sich gegenüber meines Fensters befand nur zwei Stockwerke hoch, was mir nicht ungelegen kam. Ich konnte es schaffen. Wann immer ich in den letzten Wochen geschickt worden war, um Lebensmittelspenden zu holen hatte ich den Weg genutzt, um mich vorzubereiten. Es war beinahe einem Training gleichgekommen.
Ein besonders lautes Schnarchen ließ mich zusammenfahren und ich kämpfte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Das Knarren des Fensterflügels, nach dem ich in meinem Schreck gegriffen hatte klang in meinen Ohren laut genug, um das ganze Haus zu wecken. Und was war das? Schritte? Ich lauschte. Hatte ich es mir nur eingebildet oder hatte wirklich eine der Treppenstufen geknarrt? Nun. Wenn, so war es keines der Kinder, das dort vor der Tür herumschlich. Jedes Kind hier wusste sich lautlos wie eine Katze zu bewegen. Erneut ein Knarren. Tatsächlich näherten sich Schritte auf der Treppe. Entweder ich sprang jetzt oder ich würde die schlimmsten Prügel der letzten 17 Jahre beziehen.
Langsam erhob ich mich. Meine Knie zitterten. Eine Sache, die ich ganz und gar nicht gebrauchen konnte. Meine Füße kribbelten leicht, als das Blut wieder durch meine Beine zu fließen begann. Die Schritte waren nun auf meinem Stockwerk angekommen. Es würden nur noch Sekunden vergehen. Ich beugte leicht meine Knie, sammelte meine Kräfte, ließ den Fensterrahmen los und sprang. 'Na bitte. Geht doch', schoss es mir durch den Kopf 'verdammt', nur einen Moment später, als ich merkte, wie mein linker Fuß leicht nach hinten rutschte. Klack. Klack. Klack. Ich hörte wie die kleinen Steinchen, die mein Fuß gelöst haben musste über den Boden des Zimmers hüpften.
Doch ein Zurück gab es längst nicht mehr. Mein Schwung trug mich bereits über die schmale Gasse hinweg. Aber leider auch erschreckend schnell dem Boden der Gasse entgegen. Ich fiel viel zu schnell. So konnte ich es unmöglich bis zum anderen Dach schaffen. Ich würde es verfehlen und in die Tiefe stürzen. Ich riss meine Arme nach vorn… ein metallisches Kreischen, bei dem ich mir in einer anderen Situation die Hände auf die Ohren gepresst hätte zerriss die Still, als ich die rostige Dachrinne zu fassen bekam, die schwankte und sich schnell, sehr schnell zu biegen begann. Rost bröselte unter meinen Fingern ab und machte es mir umso schwerer, mich festzuhalten. Meine Zehenspitzen schabten über die Ziegelsteine. Zahlreiche Risse überzogen die Wand. Regen hatte sich über die Jahre tief in die Fugen gegraben. Doch nicht tief genug für mich. Die Dachrinne bog sich einige weitere Zentimeter. Da! Da war ein kleiner Spalt. Gerade groß genug, um Meine Zehen darum zu krallen. Jetzt war ich froh, dass ich keine Schuhe trug. Ich stemmte meinen Fuß gegen die Stelle. Keinen Moment zu früh. Ein hässliches Knacken erklang und ein großes Stück der Regenrinne, um dass sich noch immer die Finger meiner rechten Hand klammerten brach ab. Schweiß lief mir über Rücken und Gesicht. Auch meine Handflächen waren feucht. Nun begann auch meine linke Hand abzurutschen. Hastig griff ich mit der Rechten nach und sog zischend Luft ein, als scharfe Metallkanten mir tief in die Haut schnitten. Ich ließ trotzdem nicht los.
Ich spannte die Muskeln in meinen Beinen und stemmte mich hoch. Noch tiefer schnitt das Metall in mein Fleisch und fast hätte ich meinen Griff doch noch gelockert. Doch langsam, ganz langsam schob ich mich Stück für Stück über die Dachkante. Mit letzter Anstrengung, begleitet von erneutem Quietschen und einem bedrohlichen Knacken, schaffte ich es, mich auf das Dach des Lagerhauses zu ziehen.
Keuchend blieb ich liegen. Mein Herz raste. Meine Arme und Beine zitterten. Meine Kleidung klebte wie eine zweite Haut an mir. Blut tropfte auf das Dach. Mit zusammengepressten Lippen starrte ich auf meine Hand. Der Schnitt sah übel aus. Ich rollte mich auf den Rücken. Darum würde ich mich später kümmern müssen. Mein Blick wanderte zu den Wolken hinauf. Noch immer jagten die schwarzen Boten des Unwetters über mich dahin. Eine Weile beobachtete ich das Schauspiel, bis ein erneuter Blitz und ein lauteres Grollen als vorhin mich daran erinnerten, dass ich mir besser einen Unterschlupf suchen sollte. Kaum hatte ich das gedacht traf der erste große Regentropfen meine Stirn. Ich setzte mich auf. Noch immer zitterten meine Beine, aber mein Atem hatte wieder zu einem gleichmäßigeren Rhythmus zurückgefunden. Und da war noch etwas. Ein kleiner Funken Stolz, der langsam in mir wuchs. Ich hatte es geschafft. Ich war draußen. Konnte endlich einmal tun und lassen, was ich wollte. Morgen früh würde ich nicht noch vor Sonnenaufgang aus dem Bett geworfen werden. Ich würde mir Arbeit suchen. Ich wollte arbeiten. Und ich wollte mein eigenes Geld verdienen. Noch immer konnte ich nicht glauben, dass es so einfach gewesen sein sollte. Warum hatte mich niemand aufgehalten? Die Schritte, die ich gehört hatte kamen mir wieder in den Sinn und dämpften meine überschwänglichen Zukunftsträume. Hatte ich sie mir in meiner Angst vielleicht doch nur eingebildet oder war da wirklich jemand gewesen? Mein blick wanderte zurück zu dem Fenster, wo ich nur wenige Minuten zuvor noch gestanden hatte. Ich blinzelte. Das Fenster war geschlossen. Für einen Moment kniff ich die Augen zusammen. Dann blickte ich erneut hinauf. Das Bild blieb unverändert. Jemand hatte das Fenster geschlossen. Es hätte mich nicht überrascht, wenn ich in das wütende Gesicht einer der Frauen geblickt hätte. Ebenso wenig wäre ich erstaunt gewesen, wenn sich überhaupt nichts verändert hätte. Es wäre auch gut möglich gewesen, dass wer auch immer die Treppe herauf gekommen war, einen anderen Schlafsaal aufgesucht hatte. Aber einfach so das Fenster schließen, so als hätte es mich nie gegeben? Eine leise Stimme in meinem Kopf begann zu flüstern. "Siehst du? Du hättest dir die Mühe sparen können. Du hättest nicht fliehen müssen. Du hättest einfach gehen sollen. Hast dich mal wieder zu wichtig genommen, was?". Energisch schüttelte ich den Kopf. Was diese Stimme zu sagen hatte wollte ich nicht hören. Erst recht nicht, wenn sie so klang wie die Heimleiterin höchst persönlich.
Ich schnaubte. War ich ihnen so zu wider, dass sie mein Verschwinden einfach ignorierten? Selbst wenn es ein Leichtes gewesen wäre, mich hier zu sehen und zurückzuholen? Doch ich gab mir selbst die Antwort. Ja, ich war ihnen so zu wider. Wie konnte es auch anders sein. Die Tochter des Hexenmeisters, der von aller Welt verachtet wurde. Das Mädchen, das von seinem eigenen Vater gezeichnet und im Waisenhaus abgegeben worden war. Die offizielle Geschichte, die auch in den Aufzeichnungen zu finden war klang selbstverständlich vollkommen anders. Demnach hatte mich ein edel gekleideter Mann am 22. Tag von Savakal - kurz vor Jahresende - im Waisenhaus abgegeben. Seiner Aussage nach hatte er mich fast erfroren unter einem Gebüsch im verschneiten Wald gefunden. Keine Eltern bekannt, rief ich mir die letzte Bemerkung in Erinnerung, die zu mir existierte.
Die wahre Geschichte sah anders aus und wurde nur hinter vorgehaltener Hand erzählt. Nein. Hier würde mich niemand vermissen. Außer die alte Frau vielleicht, der ich unzählige Male hatte helfen müssen und die mir zum Dank das Lesen beigebracht hatte.
Seufzend rappelte ich mich auf. Mittlerweile trafen immer mehr kalte Tropfen meine Haut und ließen mich erschaudern. Ich sah mich um. Zu meiner Linken befand sich eine Gasse, die noch ein gutes Stück schmaler war als die, über die ich es bereits geschafft hatte. Doch noch immer fühlte ich mich wackelig auf den Beinen. Normalerweise wäre der Sprung ein Leichtes gewesen, aber so? Andererseits konnte ich jetzt Anlauf nehmen. Entschlossen trat ich einige Schritte vom Rand zurück, atmete noch einmal tief ein und rannte los.
Was es war, dass mich nur einen Schritt von der Kante entfernt ins Rutschen brachte wusste ich nicht. Möglich, dass der Regen das Dach schlüpfrig gemacht hatte. Es spielte im Grunde auch keine Rolle, denn der nächste Schritt, den ich tat, um mein Gleichgewicht wiederzuerlangen führte mich ins Nichts. Ein schreckliches, kaltes Nichts. Ich fiel. Panisch schlug ich mit den Armen um mich, versuchte irgendwo Halt zu finden, doch dieses Mal fanden meine Hände keinen Halt. Da war keine Dachrinne, an der ich mich hätte festhalten können. Meine Finger schrammten nur über die rauen Ziegel. Mein Magen fühlte sich an, als sei er auf dem Dach zurückgeblieben. 'Komisch, wie lange man bei zwei Stockwerken fällt', schoss es mir durch den Kopf, ehe ich mit brutaler Gewalt auf dem Kopfsteinpflaster aufschlug.
Der Schmerz, den ich erwartet hatte blieb aus. Lediglich jedes bisschen Luft, das ich noch in den Lungen gehabt hatte wurde aus meinem Körper gepresst. Ein hässliches Knacken und ich fühlte Nichts mehr, außer schweren Tropfen, die mein Gesicht benetzten und über meine Haut rannen. Ob ich versuchte, mich zu bewegen? Ich weiß es nicht. Der schwarze Nebel kam zu schnell, waberte an mir hinauf, über mich hinweg und durch mich hindurch und nahm mich mit sich. Das letzte, was ich fühlte war ein tiefes Bedauern, dass ich es nur bis hier hin geschafft hatte und die Gewissheit, dass ich sterben würde.
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