Prolog
Moskau lag im Dämmerlicht, eine Stadt, die niemals wirklich schlief, sondern in einem ständigen Wechselspiel aus Kälte und Glanz pulsierte. Schneeflocken fielen schwer vom Himmel, ließen die Straßen weiß schimmern, während Limousinen und dunkle SUVs ihre glitzernden Spuren hinterließen.
Daphne Elisabeth Cordalis stand inmitten dieser Kulisse, in einem Mantel aus weichem Kaschmir gehüllt, das dunkle Haar in einem eleganten Dutt. Die Kälte biss an ihrer Haut, doch sie ignorierte sie - so wie sie es gelernt hatte, Schmerzen zu ignorieren, Disziplin über alles zu stellen. Ihre Füße pochten noch von der letzten Probe, ihre Muskeln schmerzten, doch ihr Kopf war klar.
Der Bolschoi. Ihr Traum. Ihr Gefängnis.
Sie war nicht für diese Stadt gemacht, nicht für ihre Härte, und doch hatte sie sich entschieden, hier zu bleiben. Wien war fern, ihr Vater und ihr Bruder ein Flüstern in ihrem Hinterkopf, das sie rief. Doch sie war gekommen, um zu tanzen. Um etwas zu beweisen - sich selbst, der Welt.
Sie atmete die frostige Luft ein, als eine Bewegung am Rande ihres Blickfelds ihre Aufmerksamkeit fesselte.
Er stand dort, unübersehbar.
Hochgewachsen, dunkelblonder Schopf, in einen schwarzen Mantel gehüllt, dessen teurer Stoff selbst in der Dunkelheit matt glänzte. Seine Haltung war entspannt, doch die Anspannung lag unter der Oberfläche, verborgen wie eine Raubkatze vor dem Sprung. Seine Augen - eisgrau, durchdringend - ruhten auf ihr mit einer Intensität, die sie erstarren ließ.
Sie kannte diesen Mann nicht. Und doch wusste sie, dass er keine zufällige Erscheinung war.
Ihr Herz schlug einen Halbton schneller.
„Daphne Cordalis.” Seine Stimme war tief, dunkel wie Samt - und mit einem Unterton, der sie frösteln ließ.
Sie legte den Kopf leicht schief, ein Hauch von Trotz in ihrer Haltung, obwohl ihr Körper längst in Alarmbereitschaft war. „Wer sind Sie?”
Ein Lächeln, kaum mehr als eine Andeutung. „Jemand, der dich kennt. Und jemand, den du besser kennen solltest.”
Sie kannte Männer wie ihn. Männer, die Gefahr bedeuteten, die einen nur in ihre Schatten zogen. Sie hatte geschworen, sich nicht von solchen Händen fangen zu lassen.
Doch als Viktor Romanov noch einen Schritt näher trat, wusste sie tief in ihrem Innersten, dass dieser Schwur nichts mehr wert war.
Denn manche Tänze beginnen nicht mit einer Entscheidung. Sondern mit einem Schritt, der längst vorgegeben ist.