Prolog: Der Ruf der Flammen
Die Sonne verlor sich langsam hinter den zerklüfteten Bergen, und mit ihr verglomm das letzte Licht eines Tages, der in Vergessenheit geraten würde. Der Wind erhob sich, wanderte lautlos durch die Felder und Straßen der Stadt, strich durch offene Fenster und flüsterte Geheimnisse, deren Worte verboten waren. Er war der Träger der Stimmen, der unsichtbare Beobachter. Er war sich bewusst, was kommen würde. Von der einen zur anderen, wurde die geheime Nachricht weitergegeben. Dreizehn junge Frauen, voller Neugier, bereit, ihre eigene Zukunft zu formen. Ihre Worte flogen in der Luft, getragen von dem Wind, der sie erkannte und hütete. Er hörte sie lachen, bemerkte ihre Aufregung und trug ihre Schwüre hinauf zum Gipfel, dorthin, wo das Feuer wartete. Mit Einbruch der Nacht begaben sie sich auf den Weg. Ihre Schritte hinterließen nur wenig Spuren, doch der Wind nahm sie auf, führte sie sanft durch den dunklen Wald. Er zitterte vor Erwartung, weinte mit den Sternen, indessen sah er, dass seine Rolle bald eine andere sein würde. Oben auf dem Gipfel loderten schon die Flammen. Sie züngelten gen Himmel, ein Tanz aus Licht und Schatten, so lebendig, wie Magie welche die Unsterblichkeit selbst beschwört. Einander die Hände haltend standen sie um das Feuer herum, ihre Stimmen erhoben sich in einem Lied, das nicht aus bloßen Worten bestand, sondern aus Kraft, aus Sehnsucht, aus Wahrheit. Der Wind, unsichtbar und doch kraftvoll, trug ihren Gesang hinab ins Tal. Er schlich durch die Straßen, drang durch Ritzen und Fenster, bis er sein Ziel erreichte: das Haus des Pfarrers. Sein Atem stockte, in dem Moment, in dem er die fremden Klänge hörte. Weder Gebet, keine Litanei, sondern was anderes. Etwas Ungewolltes, das seine Welt ins Wanken brachte. Wut und Angst vermischten sich in ihm zu einer schwelenden Glut. Er rief die Bürger zusammen, schürte ihre Furcht, entfachte ihre Wut. Die Stadt bewegte sich, entbrannte in einem Willen, der keiner Vernunft folgte. Mit Fackeln und Waffen zogen sie hinauf, in dunkler Übereinkunft, erfasst von dem Irrglauben, das Verbotene von dieser Welt zu tilgen. Doch sobald sie die Lichtung erreichten, sahen sie kein Teufelswerk. Sie erblickten Frauen, von unbändiger Kraft und frei, in ihrem Element. Und eben diese Freiheit war es, die nicht geduldet wurde. Ein Urteil wurde gefällt – nicht durch Worte, sondern durch Stahl und Feuer. In dem Augenblick, in dem die letzten Atemzüge gegangen waren, wurde der Wind Zeuge des machtvollen Schwurs. Er hielt inne, lauschte, nachdem die dreizehn jungen Frauen ihre verbliebenden Worte flüsterten, ein Fluch, der in die Ewigkeit hallte: „In huius noctis flammis errat nostra vindicta. Sanguis pro sanguine. Terra ipsa meminit.“ („In den Flammen dieser Nacht irrt unsere Rache. Blut für Blut. Die Erde selbst erinnert sich.“) Der Wind hielt sie fest, trug ihre Stimmen weiter, ließ sie nicht sterben. Denn eines Tages würde jemand sie wieder hören. Und wenn die Zeit reif war, würde ihr Lied erneut ertönen und gehört werden.