Prolog
Ich hätte sie nicht anfassen sollen. Nicht so fest. Nicht mit dieser Wut in den Fingern, die mich selbst erschreckt hat.
Aber sie bringt es jedes verdammte Mal soweit.
Ich sehe sie noch vor mir, wie sie im Türrahmen stand – das Kinn angehoben, die Lippen blutig vom Streit davor, und trotzdem voller Trotz, voller Feuer.
„Du glaubst, du bist der Nabel der Welt, nur weil du mit goldenen Löffeln gefüttert wurdest“, hat sie gesagt.
Und ich? Ich hätte sie einfach stehen lassen sollen. Die Tür hinter ihr schließen. So wie ich es mit allen mache.
Aber ich bin keinen Schritt zurückgewichen.
Ich bin näher gekommen. Zu nah.
So nah, dass ich sehen konnte, wie ihre Pupillen sich weiteten, als sie mich roch – den Whiskey in meinem Atem, das Adrenalin in meinen Poren.
„Und du glaubst, nur weil du aus der Gosse kriechst, gehört dir plötzlich alles“, habe ich geantwortet.
Meine Stimme war kalt.
Aber meine Hände haben gezittert.
Nicht aus Angst.
Aus Gier.
Nach Kontrolle.
Nach ihr.
Was zur Hölle hat dieses Mädchen, dass sie mich dermaßen aus dem Gleichgewicht bringt?
Sie ist wie ein verdammter Störfaktor in einem perfekt programmierten System.
Und ich habe mein Leben so eingerichtet, dass niemand mehr Zugriff auf mich hat.
Kein Chaos. Keine Fehler. Kein Risiko.
Aber Sage Rivera ist das Risiko.
Sie ist all das, wovon ich mich fernhalten sollte.
Straße. Stolz. Schmerz.
Und trotzdem kann ich die Finger nicht von ihr lassen.
Sie hat mich angeschrien. Mich weggestoßen. „Du bist krank, Noah. Du merkst es nicht mal!“
Und vielleicht hat sie recht. Vielleicht bin ich krank.
Denn ich habe sie wieder gegen die Wand gedrängt, obwohl ich wusste, dass ich aufhören sollte.
Nicht, weil sie schwach ist. Sie ist alles andere als das.
Sondern weil ich genau das in ihr sehe, was ich nicht ertrage:
Etwas Echtes.
Etwas, das mir gefährlich werden könnte.
Ich habe ihre Nähe gesucht wie ein Süchtiger. Nur um sie dann mit Worten zu verletzen, die selbst mich ekeln.
Weil ich nicht weiß, wie man jemanden hält, ohne ihn zu kontrollieren.
Weil ich nicht weiß, wie man liebt, ohne zu zerstören.
Sie ist aus dem Raum gestürmt. Und ich? Ich habe zugesehen.
Mit geballten Fäusten. Mit pochenden Schläfen. Mit diesem brennenden Gefühl in der Brust, das ich zu lange ignoriert habe.
Ich weiß, was ich tun müsste. Abstand. Regeln. Disziplin.
Aber die Wahrheit ist: Ich war verloren, seit dem Moment, in dem sie dieses Haus betreten hat.
Mit ihren zerrissenen Jeans, dem Blick eines Mädchens, das zu viel gesehen hat, und diesem verdammten Feuer unter der Haut.
Sie wird mich zerstören.
Oder ich sie.
Und vielleicht ist das hier genau deshalb so unausweichlich.








