Stille Plätzchen - Wo die Schatten sich verstecken

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Summary

"Stille Plätzchen – Wo die Schatten sich verstecken“ von Mrs. Edera: „Es ist still hier. Aber nicht friedlich.“ Ein abgelegener Wald im Berchtesgadener Land. Eine Leiche, kunstvoll drapiert im Schnee, mit Münzen auf den Augen und ohne sichtbare Spuren. Als ein rätselhafter Mord genau auf der Grenze zwischen Österreich und Bayern entdeckt wird, treffen zwei Ermittler aufeinander, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: der sarkastische Wiener Kommissar Nicholas Krammer und die kontrollierte, kühle Profilerin Ellie Maybach vom LKA München. Was anfangs wie ein symbolisches Einzelverbrechen wirkt, entpuppt sich als der Beginn einer verstörenden Serie. Die Morde sind präzise, rituell und zutiefst persönlich – aber wer steckt dahinter? Und was verbindet die Toten? Zwischen verschneiten Alpengipfeln, nebligen Tannenwäldern und alten Schuldgefühlen beginnt ein düsteres Katz-und-Maus-Spiel. Die Zeit läuft. Denn der Täter ist nicht nur ein Mörder – er ist ein Künstler.

Genre
Other
Author
Mrs. Edera
Status
Complete
Chapters
9
Rating
n/a
Age Rating
18+

Stille Tiere – Teil 1

„Es ist still hier. Aber nicht friedlich."Kapitel 1 – Weiß wie Schuld


Berchtesgadener Land, Grenze zu Tirol

Januar – 06:42 Uhr


Der Schnee fiel lautlos, wie Watte aus einem gerissenen Himmelskissen. Kein Wind, kein Laut, nicht einmal das leise Pfeifen eines Auerhahns, der sich sonst um diese Zeit bemerkbar machte. Förster Matthias Reitner stapfte durch den knietiefen Schnee, seine Bewegungen schwerfällig, als würde ihm nicht nur die Kälte die Glieder lähmen, sondern etwas anderes – etwas, das er nicht benennen konnte.


Der Morgen war glasklar. Die Fichten reckten ihre gefrorenen Finger zum Himmel, als würden sie ihn warnen wollen. Er kannte diesen Wald. Kannte jeden Baum, jeden verschneiten Pfad, jeden Hirschwechsel, jede Spur. Doch was er heute entdeckte, würde sich in seine Netzhaut brennen wie heißes Eisen.


Der Körper lag da, fast anmutig, in einer starren Pose, die weniger an Tod erinnerte als an ein archaisches Gemälde. Die Leiche lehnte aufrecht gegen einen alten Lärchenstamm, die Augen weit offen, die Lippen zu einem undeutbaren Ausdruck verzogen – irgendwo zwischen Schock und Frieden.


Ein paar Meter daneben lag eine tote Krähe. Unversehrt. Der Schnee darunter unberührt.


Reitner stolperte ein Stück zurück, dann griff er nach dem Handy in seiner Brusttasche. Seine Finger zitterten, nicht nur vor Kälte.


„Scheiße...", flüsterte er, und zum ersten Mal seit langem glaubte er, dass der Wald ihn nicht mehr kannte.


Kapitel 2 – Kaffee und Kälte


Grenzpolizei Tirol, Bezirk Kitzbühel – 08:01 Uhr


Nicholas Krammer stand mit einem abgewetzten Pappbecher in der Hand am Fenster des niedrigen Polizeigebäudes. Draußen fror die Welt in Scheiben, aber drinnen war es nicht viel wärmer. Die Heizung klapperte leise vor sich hin, wie ein alter Hund, der weiß, dass sein Bellen niemanden mehr interessiert.


„Wenn man mir noch einmal 'Grenzfall' sagt, schmeiß ich mich eigenhändig in die Saalach", murmelte Nicholas in seinen Kaffee hinein. „Am besten mit einem Schild um den Hals: ‚Wiener in den Bergen, überfordert mit Föderalismus'."


Er hatte nicht viel geschlafen. Das war an sich nichts Neues, aber seit er wieder hier war – in diesem grenzverspannten Niemandsland zwischen Österreich und Bayern – wachte er oft auf, bevor die Welt überhaupt damit begann, sich zu drehen.


Der Anruf kam, wie immer, zu früh. Eine Leiche an der Grenze. Der Tatort: symbolisch, politisch, unbequem. Man bat um Unterstützung von deutscher Seite.


„Natürlich...", murmelte Nicholas und griff nach seiner Jacke. „Was wären wir Österreicher auch ohne unsere Fähigkeit, den Deutschen das Morden zu erklären."


Kapitel 3 – Ein fremder Name


LKA Bayern, München – 09:17 Uhr


Ellie Maybach stand vor dem Aktenschrank ihres Büros und blätterte mit der konzentrierten Ruhe einer Chirurgin durch einen alten Fall. Ihre dunklen Haare waren zu einem strengen Knoten gebunden, als wäre jede abstehende Strähne ein Zeichen von Kontrollverlust. Sie trug Schwarz, wie immer. Nicht aus Stil – sondern weil es praktisch war, wenn Blut spritzte.


Ein leises Klopfen an der Tür.


„Maybach?" Die Stimme ihres Vorgesetzten, Kriminaldirektor Schwarz, war so routiniert wie ein Wasserschaden.


„Was ist los?" Ohne sich umzudrehen.


„Toter an der Grenze. Österreichische Seite. Sie fahren mit."


„Allein?"


„Nein. Sie treffen einen Kollegen aus Wien. Nicholas Krammer. Ein... spezieller Typ."


Sie schloss die Akte mit einem dumpfen Klack.


„Krammer? Der mit dem Sarkasmusproblem?"


„Der mit der Aufklärungsquote. Sie fahren jetzt."


Sie nickte. Keine weiteren Fragen. In Ellie Maybachs Welt gab es nur Fakten, nie Gerüchte. Aber ihr Unterbewusstsein war ehrlich: Es regte sich etwas. Neugier, vielleicht. Oder nur ein Gefühl, dass dieser Fall nicht wieder einer von vielen sein würde.


Kapitel 4 – Begegnung im Frost


Grenzgebiet Berchtesgaden/Tirol – 11:43 Uhr


Die Straße war vereist, der Himmel grau, der Nebel so dicht, dass er die Silhouetten der Bäume wie Schattenrisse erscheinen ließ. Ellie stieg aus dem Wagen, schloss die Tür leise und ließ den Blick über das Gelände gleiten.


Sie erkannte ihn sofort.


Nicholas Krammer stand ein paar Meter weiter, die Hände tief in den Taschen seiner wattierten Jacke vergraben, ein verbeulter Fedora auf dem Kopf, als hätte er ihn in einem Secondhand-Laden in Wien-Margareten ausgegraben. Sein Gesicht wirkte entspannt, fast gelangweilt – aber seine Augen nicht. Die scannten alles.


„Sie sind pünktlich. Sehr deutsch von Ihnen", sagte er zur Begrüßung und reichte ihr die Hand.


„Sie sind spät dran. Sehr österreichisch von Ihnen", entgegnete sie kühl und schlug ein.


Ein winziges Zucken in seinen Mundwinkeln verriet, dass ihm das gefiel.


„Willkommen am Arsch der Welt", sagte er und drehte sich Richtung Tatort. „Wir haben ein Opfer. Männlich. Mit einem seltsamen... künstlerischen Anspruch."


„Künstlerisch?"


„Kommt drauf an, wie man Kunst definiert. Ich finde ja schon den österreichischen Bundesadler ein bisschen viel."


Kapitel 5 – Münzen auf den Augen


Die Leiche saß wie eine verlorene Ikone an den Stamm der Lärche gelehnt. Der Körper war eingefroren, die Lider offen, der Blick ins Nichts gerichtet. Zwei alte Münzen bedeckten seine Augen – sorgfältig platziert. Keine Gewaltspuren, keine Blutlache. Nur... dieser seltsame Ausdruck von Ehrfurcht. Oder war es Furcht?


„Was soll das? Eine Art Ritual?" Ellie kniete sich neben die Leiche.


„Oder der Täter ist ein Cineast mit einem Faible für griechische Mythologie", murmelte Nicholas. „Charon lässt grüßen."


„Wer immer das getan hat, wollte gesehen werden", sagte Ellie. „Aber nicht verstanden."


Nicholas nickte, dann fügte er leise hinzu: „Oder er wollte uns zeigen, dass er Zeit hat. Und wir nicht."


Kapitel 6 – Spuren im Nichts


Später am Tag. Die Spurensicherung war durch, der Schnee mit Planen notdürftig abgedeckt. Die Münzen waren römische Denare. Echte.


„Der Typ hat sich Mühe gegeben", sagte Nicholas, während sie gemeinsam zurück zum Wagen gingen.


„Oder er wollte, dass wir glauben, er hätte sich Mühe gegeben."


Nicholas sah sie an. „Sie denken kompliziert."


„Ich denke strukturiert."


„Sie denken wie jemand, der sich noch nicht damit abgefunden hat, dass Menschen irrational sind."


Ein kurzer Moment der Stille zwischen ihnen, dann sagte Ellie: „Sie glauben also, wir haben es mit einem Serientäter zu tun?"


Nicholas blieb stehen. Sah zum Wald. Der Wind begann, durch die Bäume zu singen.


„Nein", sagte er. „Ich glaube, wir haben es mit einem Künstler zu tun. Und das hier... war nur die Skizze."


Kapitel 7 – Und in der Nacht


Die Kamera, unsichtbar, würde durch einen verfallenen Dachboden gleiten, wenn es ein Film wäre. Staub. Dunkelheit. Eine flackernde Lampe. Ein Mann. Oder eine Frau. Oder beides. Niemand weiß es.


Auf einem groben Holztisch liegt eine Zeitung. Auf ihr liegt eine zweite Münze. Eine dritte folgt.


Daneben: ein handschriftlicher Zettel.


„Sie haben mich nicht verstanden."