Bloodbound Redemption [GER] - ᴛʜᴏʀɴ ᴠᴀʟɪsᴀʀ - 𝔅𝔩𝔲𝔱𝔰𝔠𝔥𝔴𝔲𝔯

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Summary

Thorn Valisar ist weder Mensch noch Monster, weder frei noch verdammt. Durch einen Blutschwur gebunden, wandelt er durch die Reiche der Sterblichen als Assassine, Richter und Vollstrecker – dazu verdammt, andere zu erlösen, während seine eigene Seele in der Schwebe bleibt. Mit jedem Urteil nähert er sich der Wahrheit – oder fällt weiter von ihr ab. Denn nur durch das vollkommene Band mit seiner *Sel’hyn*, dem einen Spiegel seiner Seele, darf ihm Erlösung zuteilwerden. Doch das Band verlangt mehr als Erkenntnis: Es verlangt Nähe. Hingabe. Die Bereitschaft, sich ganz zu einzulassen – jenseits von Fleisch und Schuld. Und Thorn weiß: Wer sich öffnet, kann wieder zerstört werden. In einer Welt, in der Erlösung immer Blut kostet, ist Verlangen kein Trost – sondern Prüfung.

Status
Complete
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37
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18+
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✦1✦ Thorn Valisar

Die Schuld kennt keinen Tod. Nur Dienst.

Leitspruch der Bloodbound Redemption


Die Gassen von Kyzyl in Russland rochen nach altem Rauch, Blut und dem fauligen Atem der Abwasserkanäle. Über den bröckelnden Dächern zitterte das mitfühlende Licht der Sterne. Gewalt war der heimliche Herrscher dieser Stadt. Die Kriminalität überstieg die Vorstellung andernorts bei Weitem.

Niemand, der bei Verstand war, ging hier nachts auf die Straße. Nicht, wenn ihm sein Leben lieb war. Keiner sah hin. Alles schwieg. Außer denen, die bereit waren, alles zu riskieren. Oder zu sterben.

Und genau deshalb war Thorn Valisar hier.

Seine Silhouette schob sich aus der Finsternis, welche sich im Spiegel eines Schaufensters versteckte. Sein schwarzer Umhang umgab ihm, als wäre der Stoff selbst aus Dunkelheit gewoben.

In einer Halterung auf dem Rücken verwahrte er ein Breitschwert und in seinem Gürtel steckten zwei Dolche. Wer die Luft anhielt, könnte vielleicht das leise Rascheln des Leders erahnen.

Auf dem Asphalt machten seine Schritte keinen Laut. Die Schatten kannten ihn, ließen ihn durch wie eine Erinnerung.

In der Dämmerung zwischen zwei Glockenschlägen stand er plötzlich da. Vor dem kleinen Seiteneingang der Kathedrale. Staub wirbelte in den Lichtkegeln der beiden Laternen, während am anderen Ende der Straße ein Fenster leise quietschend geschlossen wurde.

Jemand hustete.

Hart. Nass. Sterbend.

Ein junger Mann, kaum älter als zwanzig, lag über die Treppenstufen gebeugt. Blut sickerte aus einem Riss in seiner Seite. Doch er atmete noch. Und fluchte. Rasselnd.

“Kommt nur! Ich fürchte euch nicht!” Seine Stimme zitterte, war aber aufrecht. Trotz der Wunde. Trotz der Dunkelheit, die um ihn kreiste wie Aasvögel.

Thorn trat aus dem Halbschatten, in schwarze, lange Stoffe gekleidet, die aussahen, als könnten sie jeden Moment abfallen. Oder lebendig werden. Möglicherweise auch beides. Auf der entblößten Brust prangte ein Dornenkranz. Das Mal der Bloodbound Redemption. Die uralte Schuld, die nur durch Dienst und Blut getilgt werden konnte. Es pulsierte, erachtete den jungen Mann auf dem Boden für würdig. Ein eindeutiges Zeichen.

Der Sterbende keuchte, sah auf.

“Wer…?”

“Dein Name”, forderte Thorn, ohne Eile. Seine Stimme war ruhig, wie der Atem eines vergehenden Sterns. In seiner dunklen Klangfarbe wand sich die Erfahrung von mehreren hundert Jahren.

“Elias Quinn. Ich wollte...”, begann er, doch ein Hustenanfall unterbrach ihn. Er hielt sich eine Hand vor den Mund, die er mit roten Rinnsalen füllte.

Thorn nickte kaum merklich. “Du hast dein Blut gegeben, um eine andere Seele zu retten. Du hast dich ihnen in den Weg gestellt. Obwohl du wusstest, dass die Typen dich töten würden, hast du ihr die Flucht ermöglicht. Du hättest selbst fliehen können. Hast es aber nicht getan.”

Elias hustete erneut, röchelte. “Nicht wie... bei meiner Schwester.”

“Deine Tat hat Gewicht”, sagte Thorn. Er zog eine graue Feder aus seinem Mantel hervor. Dann tauchte Thorn sie in das dunkle Blut, das aus Elias Leib sickerte. Sachte pulsierte es und leuchtete schwach auf. Er hielt Elias ein Stück weißes Pergament mit schwarzen Kanten hin. Ein Schwurvertrag.

“Du hast dir das Recht verdient. Einen einzigen Atemzug lang.”

Elias Blick flackerte zwischen Furcht und Unglauben. “Was… was bedeutet das?”

“Du wirst nicht gerichtet. Noch nicht. Die Halle der Spiegelwahrheiten entscheidet. Wenn sie dich annimmt... wirst du zurückkehren. Als Redemptor. Als einer von uns.”

Elias atmete schwerer, angestrengter. Von den Worten niedergerungen, wischte er sich über die Stirn. Ein Tropfen Blut verfing sich in seinen Augenbrauen, perlte auf seine Wange.

Thorn drängte ihn nicht. Doch die Wahrheit verlangte nach Aufschluss. “Wenn nicht… wirst du sterben, aber nicht umsonst. Auch dieser Weg steht dir frei. Doch wirst du deine Schuld anders abtragen.”

Ein Moment Schweigen.

Tränen mischten sich mit Blut auf Elias Wangen. “Ich… will’s versuchen.”

Thorn reichte ihm die Feder, die Elias’ Blut in sich gefangen hielt. Als es seinen Besitzer erkannte, leuchtete die karmesinrote Flüssigkeit kurz auf. Elias setzte seinen Namen auf das Pergament, das sich mit der Vollendung des letzten Strichs in schwarzen Rauch auflöste. Für einen Augenblick schwebte er dort wie eine unheilvolle Wolke vor Elias Brust, dann legte es sich zärtlich auf seine Haut und wurde eins mit ihm. Elias spürte es. Tief in seiner Seele. Das Erwachen. Den Ruf.

Sein Zuhause war nicht mehr die Welt der Sterblichen. Er wurde Teil etwas viel Weitreichenderem. Ein Mitglied der Bloodbound Redemption. Ein Mal begann zu erscheinen. An seiner linken Halsseite. Blass, unfertig. Aber es war da.

Thorn betrachtete es — in der Form einer zerbrochene Maske nahm es Gestalt an. Blieb aber durchscheinend. Wie ein Wasserzeichen auf Büttenpapier. Wartete auf den Siegelschwur, den Elias im Spiegelraum würde geben müssen.

“Dann lebe. Lebe und diene. Erlöse andere — und vielleicht sogar dich selbst”, murmelte Thorn.

Mit einer Geste rief er den Schatten. Einen uralten Ritus, ein Werkzeug seiner Pflicht. Elias wurde von Dunkelheit verschluckt, leise, schmerzlos. Dem Spiegelraum übergeben.

Dann war Thorn wieder allein.

Sein Blick glitt über die Stufen. Das Blut darauf bewegte sich, kroch auf ihn zu und verschmolz mit seinem Mantel. Eine weitere nützliche Fähigkeit. Lautlos trat er in eine Nische neben dem Kirchenschiff, wartend. Elias war nur ein Name auf der Schriftrolle gewesen.

Schon hörte er die Stimmen.

Die Täter lachten, wollten sich noch einmal ihr Werk besehen und sichergehen, dass keine Zeugen zurückblieben. Im schwarzen Ruhm der Gewalt baden. Eine Klinge schnappte auf und wieder zu. Ein scharfes, hungriges Geräusch. Thorn kannte es. Unzählige Male hatte er es gehört. Doch erreichen konnte es ihn nicht. Weder das Metall noch der Ton. Als Redemptor stand er jenseits von Zeit und Raum.

Ein kaltes Lächeln huschte über Thorns Gesicht. Die Drei kamen. Lärmend, siegessicher, nichts ahnend. Alle menschlich.

Der Träger des Messers bemerkte Elias Fehlen zuerst. Ein kurzer Laut der Verständnislosigkeit entwich ihm. Dann stach die Erkenntnis zu, versetzte sein Herz in Raserei. Doch diesmal nicht aus purem Genuss an Zerstörung. Nein, dieses Mal war es rohe Angst, die durch ihn hindurch jagte.

Das war der Augenblick.

Thorn ließ das schattengetränkte Blut frei, hetzte es auf den Mörder. Während es sich über den Boden schlängelte, hörte er es zischen. Als wäre es eine eigenständige Kreatur, die nach Vergeltung strebte. Mit langsamen Schritten folgte Thorn dem roten Wesen.

Der Blick des Jungen ruckte hoch, traf auf Thorns. Für eine endlose Sekunde begegneten sie sich auf existentieller Ebene. Der Mörder riss die Augen auf. “Verdammt. Alter, wer bist du denn?” Er schwankte zwischen Furcht und Wut. Die Wut gewann. “Hau ab, oder willst du der nächste sein?“, brüllte er Thorn an. Es wäre überzeugender gewesen, wenn seine Stimme nicht beim letzten Wort gebrochen wäre.

Seine beiden Sidekicks sahen ihn verwirrt an. “Von wem redest du?” Ihre suchenden Blicke konnten Thorn nicht entdecken. Als Redemptor war er unsichtbar. Wenn er es so wollte, war er nur für jene, die ein Urteil erfahren würden oder Träger der Splitter wahrnehmbar.

Doch der hier — der hier sollte gerichtet werden.

“Soll ich deinen Namen nennen? Oder tust du es?” Thorns Stimme schwang wie ein Henkerbeil durch die Nacht. Er zückte einen seiner Dolche.

Er war einer von Zweien und kaum eine Elle lang – doch in seiner schmalen Silhouette lag eine kunstvolle Endgültigkeit. Gefertigt in einer Pariser Werkstatt um das Jahr 1605, waren sie mehr als Metall. Sie hatten Geschichte geschrieben.

Doch das interessierte den Jungen vor ihm nicht, der ihn sprachlos anstarrte.

“Ich verurteile dich, Artem Sidorov. Möge das Blut deines Opfers dich richten.” Und mit einer winzigen Geste gab er den Auftrag. Wie von Thorn befohlen, schoss es nach vorn und drang in die Kleidung des Schuldigen ein. Artem hielt sich den Kopf, schrie und sackte zusammen. Aneurysma. Vollstreckung.

Doch Thorns Augen hatten einen abtrünnigen Tropfen entdeckt. Er flirrte zwischen den Schatten der beiden anderen Jungen hin und her, die nun panisch auf ihren Mitstreiter hinabblickten.

Unmittelbar bevor sie flohen, schlüpfte das letzte Quäntchen Blut in den, der von dem anderen mit Sergei angeschrien wurde.

Thorn sah den beiden nach, mit gerunzelter Stirn. Blut irrte sich nie. Doch der Junge entkam. Sollte er nicht gerichtet werden, so hatte das Blut oder die Schatten dennoch etwas in ihm erkannt. Was es war, würde sich noch zeigen.

Thorn wandte sich ab, um durch die Finsternis zurück in die Hallen der Schuld zu treten. Doch etwas hielt ihn ab. Der Wind flüsterte einen Namen, den er nicht verstand. Er blickte sich um. Seine Augen verengten sich. Als er nichts Ungewöhnliches ausmachen konnte, schritt er durch das Portal.

Und war zurück.

An dem Ort zwischen zwei Augenblicken — den er Zuhause nannte.


Thorn betrat die Kammer im südlichen Teil der Hallen der Schuld. Dem Heim der Bloodbound Redemption.

Aus schwarzem Basalt gebaut, öffnete sie Portale zur Welt der Sterblichen. Zugänglich nur für Redemptoren oder jene, die zu solchen bestimmt schienen.

Wasser tropfte zähflüssig, silbrig und unaufhörlich in steinerne Becken. Der Geruch von Asche und Weihrauch hing schwer in der Luft, schmiegte sich wie ein Kleidungsstück um den Geist. Erhellt von lichtlosem Leuchten, schimmerte der Raum wie ein flüchtiger Gedanke. Genauso wandelbar war er auch.

Zwei der Becken verschmolzen, flossen ineinander, bildeten eine Wanne.

Thorn legte das Breitschwert ab, dann die Dolche, den Mantel. Jeder Griff war bewusst, fast rituell. Als streife er nicht bloß Kleidung ab, sondern das Gewicht der Schuld. Seine Haut glänzte blass im schwachen Licht, übersät von Narben, Runen, dem Mal auf der Brust – der Dornenkranz, dunkel und lebendig.

Er stieg in das Becken. Das Wasser war kalt. Nicht aufdringlich – aber entschlossen. Es zog sich um seinen Körper. Ein feines Zittern fuhr ihm über die Wirbelsäule, als das Wasser sich zwischen seine Schenkel legte, über seinen Bauch stieg und schließlich seinen Brustkorb umhüllte. Er atmete ein, tief, scharf.

Die Kälte war nicht unangenehm. Im Gegenteil. Sie reinigte. Oder bestrafte. Manchmal beides.

Er blickte in die reflektierende Oberfläche. Nicht, um sein Gesicht zu sehen. Sondern um sicherzugehen, dass es noch sein Blick war, der ihn ansah. In seinen Augen lag die Leere eines verblassten Bildes, das ihn nie losließ. Auch nach all der Zeit nicht. Seine Aufgabe war es, andere zu erlösen oder zu verurteilen.

Das Tropfen um ihn herum verstummte.

Er wusste, dass er selbst nie auf Erlösung hoffen durfte. Von diesem Sehnen hatte er sich vor langer Zeit befreit.

Der Geruch des warmen Weihrauch wurde intensiver, kroch jetzt wie Nebel über das Wasser und schob sich zwischen sein Spiegelbild und seine Gedanken. Als wollte er der Vergangenheit Platz schaffen.

Er tauchte die Hände ein, fuhr über seine Unterarme, seine Schultern. Als seine Finger das Mal berührten, zuckte er leicht. Der Kranz zog sich zusammen, schnitt in seine Haut – nicht tief, aber deutlich. Er schloss die Augen.

Und da war sie wieder.

Eine Erinnerung. Ein Bild. Ungebeten, aber süß. Haut, die warm auf seiner Haut gelegen hatte. Maigrüne Augen hinter Locken, wie getrocknetes Blut im Sonnenlicht, über seinen Bauch gleitend. Ein Lächeln, das er nicht vergessen konnte. Oder wollte. Eine Stimme, leise und rau, die seinen Namen geflüstert hatte – nicht Thorn, sondern den anderen. Den, den er abgelegt hatte.

Ein Laut entkam ihm. Fast ein Stöhnen. Fast ein Gebet.

Er senkte den Kopf, ließ das Wasser sein Gesicht berühren. Sank ganz hinein. Spürte, wie sein Körper reagierte. Ein Flackern. Ein Hunger, den er längst verbannt hatte. Oder versucht hatte zu verbannen.

Doch das Mal auf seiner Brust pochte weiter. Und das Wasser, so kalt es war, ließ ihn nicht los. Schmiegte sich an ihn mit jeder Bewegung. Flüsterte ihm zu, in einer Sprache, die er vergessen wollte. Er tauchte auf.

Presste die Augen fester zu.

Nein.

Das hier war kein Ort für solche Gedanken. Für Sehnsucht. Er war allein.

Sollte es sein.

Denn je tiefer er sich in diesen Abgründen verlor, desto enger zog sich der Dornenkranz zusammen. Nicht nur auf seiner Haut. Er stach, schnitt, in sein Herz. Thorn genoss die Welle der Läuterung, die er dabei empfand. Es erinnerte ihn daran, dass es sinnlos war. Zu hoffen, zu warten.

Nur Narren ließen sich ein zweites Mal täuschen. Und er war gewiss kein Narr. Der einzige Sinn seines Daseins bestand darin, der Redemption zu dienen.

Das war sein Schicksal — oder nicht?


Als er die große Halle betrat, lag bereits ein neues Pergament auf dem Steinsockel. Das leuchtende Siegel in Form einer blutroten Feder zierte das graue Papier. Er entrollte es. Und ein einzelnes, in schwarzer Tinte gebranntes Wort erschien darauf.

Celia.

Sein Mal auf der Brust pochte. Nicht wie sonst. Nicht wie Pflicht. Es war ein Echo. Oder ein Ruf. Etwas... lebte in dem Namen. Etwas längst Vergessenes. Doch als Thorn die Schriftrolle aufnehmen wollte, stoppte er. Der Sockel darunter summte.

Gehe nicht allein. Der neue Redemptor muss diesen Pfad mit dir beschreiten. Der Schwur muss geprüft und besiegelt werden.

Die Bücher der Ewigkeit binden dich.

Thorn presste die Lippen zusammen. Der Spiegel in seinem Innern zeigte keine Regung. Nur einen leichten Schatten. Eine Vorahnung. Oder einen Riss.

Er nahm das Pergament an sich. Die Tinte pulsierte immer noch, lebendig.

Der Name hallte in ihm nach.

Celia.


Und in Edinburgh, weit entfernt, öffnete eine junge Frau die Augen, weil sie geträumt hatte.

Von Finsternis.

Von Blut und Basalt.

Und von einem Mann mit einem Namen, den sie nie gehört hatte… und doch kannte.

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