~ 1. Nathan ~
Schwarze Wolken ziehen über den Himmel von Detroit, als wollten sie mir etwas sagen.
Ich weiß nicht was - nur, dass ich schneller trete, den Kopf gesenkt, die Schultern gegen den aufkommenden Wind gestemmt. Ich will nicht durchnässt bei der Probe auftauchen. Das wäre zu klischeehaft, sogar für mein verkorkstes Leben.
Pünktlich zum ersten heftigen Schauer biegen meine Reifen quietschend in Tobis Einfahrt. Ich lehne mein klappriges Bike gegen ein morsches Rosenspalier - irgendjemand hat es mal mit viel Hoffnung gebaut, jetzt ist es nur noch rostig, tot.
Wie so vieles in dieser Stadt.
Ich öffne die Seitentür zur Garage. Der Geruch aus kaltem Metall, Cola, Staub und Kabeln ist mir vertrauter als das eigene Zuhause.
Wobei, was ist schon Zuhause?
Die Garage ist eng. Graue Steinwände, die sich nie entscheiden konnten, ob sie kalt oder einfach nur gleichgültig wirken wollen. An ihnen lehnen alte Regale, überquellend mit Werkzeug, das niemand benutzt. Ein Minikühlschrank rattert leise in der Ecke - älter als wir alle zusammen.
In der Mitte: der Teppich.
Fleckig, dünn, fast durchgetreten.
Und trotzdem ist er der einzige Boden, auf dem ich mich je sicher gefühlt habe.
„Scheiß Wetter", grummele ich und stelle meine Gitarre ab. Das Kabel klackt beim Ausrollen, ein vertrautes Geräusch.
Tobi dreht sich um, streicht sich durch seine blonden Locken. Er trägt das alte Nirvana-Shirt, das ihm eigentlich zu eng ist, aber das sagt ihm keiner - oder jeder, aber er trägt es trotzdem.
„Ich glaub, du hast es noch nie geschafft, bei Sonnenschein hier zu erscheinen", meint er grinsend.
„Sonne passt halt nicht zu mir."
Ich sinke auf unser schwarzes Ledersofa, das bei jeder Bewegung verdächtig quietscht. Ein Straßenschnäppchen - unförmig, durchgesessen, aber irgendwie echt.
„Wo sind Chris und Ben?", frage ich und sehe zur Tür, obwohl ich die Antwort kenne.
Tobi lehnt sich gegen den Verstärker.
„Die spielen Begrüßungskomitee für unser Mädchen."
Ich ziehe eine Augenbraue hoch.
„Unser Mädchen?"
„April. Semesterferien."
Er sagt ihren Namen so beiläufig, als wäre sie irgendein Besuch, aber das ist sie nicht.
April.
Ein Hauch von Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen, bevor ich es verdrängen kann.
Seit sie aufs College gegangen ist, war sie weg. Nicht aus den Augen, aber aus dem Leben.
Nicht, dass es mich gestört hätte.
Rede ich mir ein.
„Wieso besucht sie dich? Hat sie keine Angst, sich mit Dummheit anzustecken?" frage ich spöttisch.
Tobi lacht.
„Neidisch, weil sie nicht dich zuerst besucht hat?"
„Warum sollte ich?" Ich greife nach meiner Gitarre, versuche, cool zu wirken, obwohl mein Magen sich kurz zusammenzieht. „Sie war immer anstrengend. Streberin eben. Besserwisserin."
Was ich nicht sage:
Sie ist auch wunderschön.
Echt.
Und viel zu klug, um sich mit mir abzugeben.
„Vielleicht, weil du sie gern hast. Sehr gern. Und das seit einer Ewigkeit."
Tobis Stimme ist leise, aber spitz wie eine Nadel. Ich zucke mit den Schultern, sage nichts, weil jedes Wort zu viel wäre.
Ich schließe meine Gitarre an.
Der Verstärker knackt, der erste Akkord hallt durch die Garage.
Musik ist einfach. Musik stellt keine Fragen.
Tobi will gerade am Keyboard Platz nehmen, da meint er beiläufig:
„Ach ja, April gibt jetzt Nachhilfe. Spezielle."
Ich verfehle den Akkord, den ich gerade greifen wollte.
Ein schiefer Ton zerreißt die Luft.
„April? Im Leben nicht. Woher hast du das?"
„Chris", murmelt er, mehr nicht. Tobi - König der halben Sätze.
Ich will nachhaken, aber da quietscht die Seitentür auf.
Ich drehe mich um - bereit, Chris und Ben für ihre Verspätung einen Spruch zu drücken.
Doch dann sehe ich sie.
April.
Sie steht im Türrahmen wie aus einem verdammten Coming-of-Age-Film.
Rotbraunes Haar hochgebunden, ein paar Strähnen tanzen im Wind.
Ein dunkelblaues Kleid, das sich an ihre Taille schmiegt wie Stille an einen leeren Raum.
Ihre Haut wirkt fast durchsichtig in diesem Licht.
Und dann dieses Lächeln.
Ehrlich. Und gleichzeitig, als hätte sie es nur für mich aufgehoben.
„Hey, Nathan."
Ich schlucke.
„Hey, Bambi. Ich sehe, du hast es endlich geschafft, aus deinen Büchern herauszukriechen."
Sie verdreht die Augen und geht direkt zu Tobi.
Umarmt ihn.
Ich bin offensichtlich kein Umarmungs-Material. Ist okay. Daran bin ich gewöhnt.
Die Tür fällt zu, Chris und Ben kommen nach. Begrüßung mit einem stummen Nicken - wir sind halt nicht die Umarmungstypen.
Nicht mehr.
„Da Ernie und Bert jetzt auch da sind, können wir anfangen", murmele ich.
„Wie immer charmant", meint Chris und grinst, während er seine Haare zu einem Zopf zusammenbindet.
April setzt sich aufs Sofa. Ihre Beine übereinandergeschlagen, der Blick wach.
Sie wirkt nicht wie jemand, der zufällig hier ist.
Eher wie jemand, der weiß, was gleich passiert.
Die Probe beginnt.
Wir spielen gut - besser als sonst sogar.
Aber irgendwas fehlt.
Nach zwei Stunden hängen wir unsere Instrumente wieder an die Wand wie Waffen nach einem verlorenen Kampf.
Stille.
„Ihr seid echt gut", sagt April leise.
Ich zucke mit den Schultern.
„Gut, aber nicht gut genug. Kein Produzent interessiert sich für uns."
Es knackt in der Luft. Worte, die schwerer sind, als sie sollten.
Tobi wirft sich aufs Sofa.
„Vielleicht brauchen wir was Neues. Einen anderen Klang. Andere Texte."
Ich ziehe die Augenbrauen hoch.
„Willst du ernsthaft sagen, wir sollten Lieder über Einhörner schreiben oder was, Ben?"
„Vielleicht kann ich euch helfen."
Der Satz kommt leise, fast schüchtern.
April.
Ich drehe mich zu ihr.
„Das hier ist Musik, Bambi. Kein Literaturwettbewerb.
Mit Marie Antoinettes 'Sein oder nicht sein' kommt man hier nicht weiter."
Sie steht auf, verschränkt die Arme.
„Erstens: Das ist von Shakespeare, nicht von Marie Antoinette. Und zweitens: Ich schreibe Texte. Schon lange. Vielleicht ist was dabei, das euch gefällt."
Sie wirkt unsicher, kaut auf ihrer Lippe, als hätte sie Angst vor meiner Reaktion.
Ich trete einen Schritt näher, spiele mit einer Strähne ihres Haars, ohne darüber nachzudenken.
„Sieh mich an, Bambi."
Sie hebt den Kopf, ihre Augen treffen meine.
„Du glaubst wirklich, dass du was Passendes hast?"
„Du kannst es ja herausfinden."
Ich höre Ben schnauben. Tobi flüstert irgendwas. Wir sind ihre Privatshow.
Aber das ist mir egal.
„Okay. Morgen. Bei mir."
April blinzelt überrascht.
„O-okay."
Ich checke mein Handy. Nachricht von meinem Vater.
Kalt.
Kurz.
Wie immer.
„Ich hau ab", sage ich und schnappe meine Gitarre.
Die Tür quietscht, als ich sie aufstoße.
Draußen riecht es nach Regen und Wut.
Ich trete hinaus - in diese scheinheilige Vorstadtidylle,
in der alles funktioniert,
außer Menschen wie ich.