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Vor langer Zeit, als die Götter noch unumschränkt herrschten über Himmel und Erde, erzählte man sich am Fuße des Olymps eine uralte Legende – eine Prophezeiung, so alt wie die Zeit selbst.
Es hieß, eine Tochter sei geboren worden, nicht als Sterbliche, sondern als vollkommene, unsterbliche Göttin – erschaffen aus der Macht der mächtigsten unter den Göttern: Zeus, der Herrscher des Himmels, und Hera, die Königin der Götter. Diese Tochter, Amara, sollte keine gewöhnliche Gottheit sein. Sie würde die ungezähmte Kraft der Natur in sich tragen, schön wie die Morgensonne, und mächtig wie die tosende See. Ihr Herz aber würde nach Frieden streben, auch wenn das Schicksal sie in den Kampf führen sollte.
Ihr Name hallt durch die Hallen des Olymps und widerhallt in den Stürmen der Erde – Amara, die unter dem Schutz der Götter stehende Auserwählte, deren Augen das Blau des Meeres widerspiegeln, deren Haar die Strahlen der Sonne einfängt.
Doch die Legende war nicht nur ein Märchen. Sie war eine Warnung. Denn in dunklen Zeiten, so wurde gesagt, würde eine Bedrohung aus den Schatten aufsteigen, eine Macht, die selbst die unsterblichen Götter erzittern lässt. Und nur Amara, mit der Gabe der Voraussicht, könnte das drohende Unheil sehen – und versuchen, es abzuwenden.
Amara
Es gibt diese Tage, an denen fühlt sich alles… richtig an.
Nicht zu laut, nicht zu leise. Einfach genau so, wie es sein soll.
Der Olymp liegt ruhig da, wie ein schlafender Riese aus Licht und Marmor. Selbst der Himmel wirkt entspannt – ein weiches Blau, durchzogen von ein paar Wattewölkchen, als hätte Helios heute früh gute Laune gehabt und seine Strahlen extra sanft über alles gelegt.
Ich sitze auf den breiten Stufen vor dem Tempel, barfuß, mit einem Becher warmer Mandelmilch in der Hand, und schau einfach nur in die Ferne. Keine Eile, kein Pflichtruf, kein göttliches Drama.
Und ja, das kommt nicht oft vor, glaub mir.
Meine Zeichensachen liegen neben mir. Nicht, weil ich gerade was zeichne – keine Vision, kein Zucken in den Fingern – sondern einfach, weil ich sie irgendwie immer dabeihabe. So wie manche ihre Rüstung oder ihren Dolch. Ich hab meine Kohle und mein Pergament.
Die Luft duftet nach Rosmarin, gemischt mit Lavendel aus den Gärten. Unten im Tal, weit weg von hier, erwacht die Welt der Sterblichen langsam. Ich spüre ihre Gebete, ihre Ängste, ihre kleinen Hoffnungen – wie ein sanftes Vibrieren in der Luft.
„Früh dran, was?“
Ich zucke nicht mal zusammen. Athene ist die einzige, die sich anschleichen kann, ohne dass man’s merkt – oder ohne dass sie es einem merken lässt.
„Morgen“, sag ich und lächle sie an.
Sie nickt mir zu, stellt sich neben mich, den Blick fest auf den Horizont gerichtet. In der Hand hält sie wie immer einen Becher mit irgendwas Bitterem drin. Keine Ahnung, wie sie das trinken kann.
„Kein Visionenstress heute?“ fragt sie ruhig.
„Noch nicht“, meine ich. „Nur ein bisschen Kopfrauschen. Aber nichts, was nach Zukunft klingt.“
Sie hebt die Augenbraue. „Gut. Ein bisschen Frieden kann uns allen mal guttun.“
Und damit verschwindet sie auch schon wieder – typisch Athene. Kommt, sagt was Kluges, geht.
Ich bleibe sitzen. Atme tief ein.
Und dann spüre ich ihn.
Ares.
Noch bevor ich ihn sehe, ist seine Energie schon da. So warm wie Feuer und genauso wild. Ich spüre das Kribbeln in der Luft, dieses Prickeln, wenn er in der Nähe ist.
„Da bist du ja.“
Ich drehe mich um. Da steht er. Halboffenes Leder, zerzauste Haare, dieser typische, müde Kriegerblick, der mir trotzdem jedes Mal den Atem raubt.
„Ich bin immer hier“, sage ich mit einem Grinsen.
Er setzt sich neben mich, lässt sich fallen wie ein Felsen – elegant ist was anderes, aber irgendwie macht genau das ihn aus.
„Ich hab dich gesucht.“
„Und gefunden“, erwidere ich, lehne mich gegen seine Schulter.
Er atmet tief durch. „Es ist zu ruhig. Ich trau dem Frieden nicht.“
Ich lache leise. „Du traust gar nichts, was nicht schreit, blutet oder explodiert.“
Er grinst. „Stimmt.“
Und dann ist da für einen Moment einfach… Stille. Angenehm. Nah.
Aber wie’s so ist – kaum denkt man, es bleibt so, flattert was Goldenes durchs Bild.
Natürlich. Hermes.
Er taucht auf wie ein Wirbel aus Licht, Schmetterlingen und übertrieben guter Laune.
„Aaaamara, mein Sonnenstrahl! Ares, du finsterer Fels. Was für ein Anblick!“
Ares verdreht die Augen. „Sag einfach, was du willst.“
„So unfreundlich. Dabei bringe ich gute Nachrichten! Die Menschen feiern in Athen ein Fest zu Ehren deiner Mutter, Amara. Hera ist ganz entzückt. Also… so entzückt wie Hera eben wird.“
Ich nicke. „Danke. Ich bring’s ihr selbst.“
Hermes zwinkert mir zu. „Mach das. Sie hört dir wenigstens zu. Im Gegensatz zu mir.“ Dann dreht er sich um und zischt ab wie ein Sonnenstrahl.
Und keine Minute später – als hätte sie’s gehört – erscheint Hera.
Elegant. Mächtig. Und mit diesem Blick, der dich sogar dann durchbohrt, wenn du nichts falsch gemacht hast.
„Amara“, sagt sie nur.
Ich stehe auf. „Mutter.“
„Athen erwartet dich. Ich möchte, dass du heute selbst die Gebete entgegen nimmst. Deine Präsenz… beruhigt sie.“
Ich nicke sofort. „Natürlich.“
Hera schaut kurz zu Ares, aber sagt nichts. Ihre Meinung über ihn ist – vorsichtig gesagt – kompliziert.
Dann verschwindet sie genauso würdevoll, wie sie gekommen ist.
Ich atme aus. Ares steht jetzt neben mir. Schweigend. Und dann greift er nach meiner Hand. Einfach so.
„Ich will, dass dieser Tag nie endet“, murmele ich.
„Tut er aber“, sagt er. „Aber ich bin da, wenn er es tut.“
Ich lege meinen Kopf an seine Schulter. Und für diesen Moment gibt es keine Kriege, keine Prophezeiungen, keine dunklen Vorahnungen. Nur Sonne, Wind und wir zwei.
Was ich da noch nicht weiß: Dass der Frieden schon Risse hat. Dass mein Innerstes bald nicht mehr ruhig ist. Dass etwas Altes erwacht. Und dass ich wieder zeichnen werde. Aber noch ist alles gut. Noch bin ich einfach Amara.Tochter von Zeus. Göttin der Voraussicht. Und dieser Tag gehört nur mir.