Abschied am Flughafen Stuttgart und die Ankunft
Der Flughafen ist laut und hektisch, genau wie in meinen Gedanken gerade. Stimmengewirr, Rollkoffer auf glattem Boden, der Geruch von Kaffee und frischem Gebäck – alles so normal und doch so anders für mich heute. Ich kann kaum glauben, dass wir gleich abheben werden, auf dem Weg in unser neues Leben in Barcelona.
Neben mir steht Camilla, meine beste Freundin, die ich seit 18 Jahren kenne – mehr wie eine Schwester. Sie sieht genauso aufgeregt aus wie ich, ihre Locken fallen ihr wild über die Schultern, und ich frage mich, ob sie wohl auch diese Mischung aus Vorfreude und Nervosität fühlt.
„Tanina, glaubst du wirklich, wir schaffen das? Einfach alles hinter uns lassen?“ Camilla schaut mich an, ihre braunen Augen wirken einen Moment lang unsicher.
Ich will ihr am liebsten antworten, dass ich es auch nicht weiß, dass ich manchmal Angst habe, dass alles schiefgeht. Aber stattdessen nicke ich nur und sage: „Wir sind zusammen. Das reicht.“
Da kommt Nevio, mein kleiner Bruder, mit seinem schelmischen Grinsen, das er immer dann aufsetzt, wenn er merkt, dass jemand innerlich kämpft. Er ist zwanzig, drei Jahre jünger als ich, aber gefühlt der Lauteste von uns allen. „Na, große Schwester, bereit, die Spanier zum Staunen zu bringen?“, ruft er laut und hebt die Hände wie ein Comedian auf der Bühne.
Ich lächle, aber in meinem Kopf kreisen Gedanken wie „Werde ich hier wirklich mein Glück finden?“ und
„Wie wird es sein, ohne euch?“ Nevio merkt, dass ich kurz stumm werde und legt den Arm um meine Schulter. „Mach dir keinen Kopf. Du bist unsere Abenteuerkönigin. Und wenn du fällst, fangen wir dich auf.“
Francesco steht etwas abseits, seine dunklen Augen beobachten uns ruhig. Er ist auch zwanzig, mein bester Freund und Nevios, und obwohl er nicht viele Worte macht, spüre ich seine Unterstützung wie eine warme Decke um mich herum.
Camilla nimmt meine Hand und drückt sie sanft. „Ich weiß, dass das gut wird. Für uns beide.“
Der Moment fühlt sich an, als ob die Zeit langsamer wird. Ich will diesen Augenblick in mein Herz einbrennen – das letzte gemeinsame Lachen, die Witze von Nevio, die leisen Blicke von Francesco,
Camillas feste Hand in meiner.
Am Gate angekommen, sagt Nevio noch einen letzten Spruch: „Pass auf, dass du nicht mit einem heißen Spanier durchbrennst, okay? Sonst bringst du uns noch alle um den Verstand.“
Ich lache laut und rolle mit den Augen. „Das passiert nicht. Aber danke für die Warnung.“
Als ich durch die Sicherheitskontrolle gehe, drehe ich mich noch einmal um. Sie stehen da – meine Familie, mein Halt. Mein Herz zieht sich zusammen, und ich spüre Tränen, die ich wegblinzeln will.
Ich nehme all meinen Mut zusammen, atme tief ein und gehe weiter. Barcelona wartet auf mich.
Der Sitz am Fenster ist mein kleiner Ruhepol, während wir über die Wolken gleiten, die sich wie Zuckerwatte unter uns auftürmen. Ich lehne mich zurück und beobachte, wie die Sonne durch die Triebwerke des Flugzeugs blinzelt. Neben mir sitzt Camilla, die mit einem Lächeln auf den Lippen schon voller Pläne ist.
„Kannst du dir vorstellen, wie es wird? Unser kleines Apartment, der Pool direkt vor der Tür…“ Ihre Augen leuchten, während sie von der Eisdiele träumt, die sie bald eröffnen wird.
Ich nicke, streiche mir eine Strähne aus der Stirn und sage leise: „Ich freue mich darauf, hier als Sportlehrerin an einer deutschen Schule zu arbeiten. Es wird sicher eine Herausforderung, aber ich will gebraucht werden.“
Camilla schaut zu mir rüber, bewundernd und ehrlich: „Du bist so mutig, Tanina. Ich wünschte, ich hätte deinen Mut.“
Ich zucke mit den Schultern. Innerlich weiß ich, dass es nicht immer einfach wird. Manchmal frage ich mich, ob ich dem Druck gewachsen bin, ob ich in dieser neuen Stadt, mit fremder Sprache und fremden Menschen, wirklich zurechtkommen werde. Aber ich will es versuchen. Für mich. Für uns.
Langsam lässt die Aufregung mich ein wenig müde werden. Camilla lehnt sich zurück, die Augenlider werden schwer. Kurz darauf höre ich ihr leises Atmen – sie ist eingeschlafen. Neben mir, so nah, fühlt sich die Welt ein bisschen weniger fremd an.
Ich starre wieder aus dem Fenster, die Stunden vergehen schneller als gedacht. Zwei Stunden – so kurz und doch so lang für all die Gedanken, die in meinem Kopf kreisen. Gedanken an die Zukunft, an die Möglichkeiten, an das Unbekannte.