Kapitel 1 - Neuer Anfang
- Jahr 2020 -
Die Sonne schien durch einen Spalt im Vorhang direkt in mein Gesicht. Ich blinzelte. Mein Kopf dröhnte. Ein leises seufzen kam aus meinem Mund.Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war, dann fiel mir der gestrige Abend wieder ein. Verdammt, was war nur in mich gefahren? Kurz musterte ich die schlafende Frau neben mir. Dunkel erinnerte ich mich an ihren Namen.
Ich gähnte. Meine Blase drückte. Ich stand auf und stolperte aus dem Schlafzimmer auf der Suche nach dem Bad. Mein Mund schmeckte sauer. Mir war leicht übel. Gestern hatte ich definitiv zu viel getrunken. Das war mir schon lange nicht mehr passiert. Ich öffnete zwei Türen und fand die Toilette. Auf dem Rückweg blieb ich vor ein paar Fotos an der Wand stehen. Zwei kleine Mädchen sassen in einem Baum, sie lachten glücklich. Auf einem anderen Bild stand ein älteres Paar Arm in Arm mit Palmen im Hintergrund. Ich fragte mich, ob das ihre Familie war. Ein Lächeln glitt über meine Lippen, sie sahen glücklich aus. Eine perfekte Familie, dachte ich mir.
Die Wohnung war schön und ordentlich eingerichtet. Pflanzen standen auf einem Bücherregal im Wohnzimmer. Alles lag an seinem Platz. Sie war wohl in so einigem das Gegenteil von mir.
Ich ging zurück in das Schlafzimmer und musterte die Frau, die in dem Doppelbett schlief. Sie hatte lange dunkle Wimpern und schokoladenbraune Haut. Ihre schwarzen Locken hingen ihr in die Stirn, wozu sie gerade lang genug waren. Mit ihrem Arm hielt sie die Decke im Schlaf. An dem nackten Rücken zeichneten sich zart und doch deutlich die Muskeln ab. Ihr Atem ging ruhig. Sie trug nicht mehr als eine schwarze Unterhose. Mein Blick glitt kurz über ihre runden Kurven, dann drehte ich mich um und zog meine Jeans an, die am Boden lag.
«Gehst du?»
Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Ich nickte.
«Warum? Wir könnten das von Gestern wiederholen? Oder ich mache dir Pfannkuchen…»
Mein Magen knurrte, es klang verlockend. Ein leises Verlangen zog in meiner Brust. Es wäre schön noch ein bisschen in ihren Armen zu liegen. Ich fragte mich wie sie war. War sie lustig, gesprächig oder eher schweigsam? Gestern hatten wir nicht viel geredet. Es war ein Wunder, dass ich ihren Namen noch wusste. Lauren.
Ihre braunen Augen schauten mich geradeheraus an, während sie auf eine Antwort wartet.
Ich schüttle meinen Kopf.
«Ich bin erst Gestern hierhergezogen und morgen fange ich an zu arbeiten, ich muss noch eine Menge erledigen.»
Sie nickte, sprang aus dem Bett und beugte sich über ihr Nachttischchen. Ich warf mir mein T-Shirt über und dachte mir, dass ich sie nicht angelogen hatte.Vielleicht hätte ich ihr jedoch besser eine andere Ausrede gesagt. Eine die weniger offensichtlich war. Wobei sie es wohl früher oder später merken würde.
«Hier», sagte sie und reichte mir einen Zettel.
«Falls du jemanden brauchst der die besten Cafés von Basel kennt.»
Ich nahm den Papierfetzten entgegen. Darauf stand in blauer Schrift ihre Telefonnummer. Ich steckte ihn in die Hosentasche und lächelte sie an.
«Danke», sagte ich, obwohl ich wusste, dass ich sie nicht anrufen würde.
Es war besser so, für sie und für mich. Ich winkte und verliess ihre kleine Wohnung.
Unterwegs kaufte ich einen heissen Kaffee zum Mitnehmen. Er schmeckte bitter und süss. Der Bus brachte mich zu meiner Wohnung. Mit dem Schlüssel schloss ich sie auf. Überall standen halb geöffnete Umzugskartons. Das blaue Sofa war das einzige Möbel.Direkt vom Hahn in der leeren Küche trank ich Wasser und schluckte eine Tablette Ibuprofen. Das Geschirr war noch in einer der Kisten.
Mit pochenden Kopfschmerzen begann ich die neuen Ikea Möbel zusammenzuschrauben. Nach einer Weile bestellte ich Pizza und ass sie im Schneidersitz am Boden. Gegen Abend hatte ich das nötigste ausgeräumt und aufgebaut. Nur im Gang lagen noch die zusammengefalteten Kisten.Ich besass nicht besonders viel, das machte die Umzüge einfacher.
Erschöpft fiel ich in das Bett. Es fühlte sich fremd an, wie alles hier. Vielleicht würde ich mir dieses Mal mehr Mühe machen, die Wohnung einzurichten. Schliesslich hoffte ich vier Jahre hierbleiben zu können. Hoffentlich war ich hier so lange sicher.
In meinem Kopf kreisten die Gedanken um den morgigen Tag. Meinen ersten Tag. Ich erlaubte es mir zu träumen. Davon das hier alles anders werden würde.