1. Kapitel - Der rote Morgen I
Kleiner Hinweis: Ich überarbeite von Zeit zu Zeit. Aber nur stilistisch.

I. Akt
Ich erwache in der abgestandenen Luft aus Feuchtigkeit und dem schimmligen Hauch der Strohmatratzen.
Der Lautsprecher hängt noch stumm an der weiß gekalkten Ziegelwand von Koinobion 316.
Koinobion – das bedeutet Zusammenleben. Für uns: Rahel, Jonan, Mikael und mich. Vier Seelen, vereint in unserer Berufung. Adepten an der Universität Sancta Lex zu Neu-Jerusalem. Letztes Semester vor der Magisterweihe. Ich träume davon, in die Domäne des Lebens aufgenommen zu werden. Magistra Tabitha – Ärztin. Bewahrerin des Lebens. Wie das klingt! Aber die Entscheidung liegt nicht bei mir. Nie.
Heute liege ich im matten Morgenschimmer, der durch eines der kleinen, glaslosen Gitterfenster in unsere Schlafzelle fällt. Die vier schmalen Betten wirken wie entlegene Inseln in einem Raum, kaum sechs Schritte breit. Ich habe sie gezählt. Oft.
Der Raum atmet überall gleich: feuchtes Holz, altes Wasser, dumpfer Matratzenatem, salzige Haut. In der Ecke hängt ein grober Vorhang. Dahinter: das Klo – kaltes Metall im Boden, ein Eimer, eine Kelle. Über dem Waschbecken ein trüber Spiegel. Im Glas erscheinen spiegelverkehrt die eisernen Buchstaben an der Wand gegenüber: Hier ist nicht Mann noch Frau. Wir sind alle eins im Licht.
Die Worte starren zurück, als würden sie mich beobachten. Mein Atem wird flacher, während sich die Schwere der Stille über mich legt. Und dann ist sie da – die Angst. Nicht laut, nicht verschlingend, sondern wie ein Schatten, der den Raum auskühlt und verdunkelt.
Gleich wird der Lautsprecher erwachen. Die Nacht ist vorbei. Keine Deckung mehr. Kein Schutz. Im Licht der Sonne gibt es kein Verstecken. Ein neuer Tag beginnt – ohne dass er mich um Erlaubnis gebeten hätte.
Wann habe ich mich das letzte Mal auf einen Morgen gefreut? Die Erinnerung bleibt aus. Alles, was ich will, ist schlafen.
Die Gedanken schlagen in Wellen – stoßen an, ziehen sich zurück, kommen wieder. Zweimal gezählt. Beim dritten Mal werde ich bestraft. Was werden sie mir nehmen? Die Schwestern sind erfindungsreich.
Und der kleine Aaron. Warum musste ich zusehen? Warum habe ich dich nicht beschützt? Ich zählte mit. Erstarrt. Kalt – wie sie. Schutzlos – wie du.
Plötzlich: grell. Das kalte Aufflackern der Neonröhren sticht in meine Augen. Dann: laut. Metallisches Heulen aus dem Lautsprecher. Ein langgezogener Befehl, den ich nicht verweigern kann.
Er trifft meine Haut wie ein Stromstoß. Als wäre ich aus Metall – in Resonanz mit diesem Ton, der die Gedanken fortbläst.
Der Tag, der nie um Erlaubnis bittet, ist da. Er wird seinen Tribut fordern – und wie immer wird er ihn von mir nehmen.
Ich werde zahlen.
Meine Sinne kehren zurück. Wie ein Tier, das sich nach einem Schlag wieder sammelt. Das niedrige Holzgestell des Bettes gibt ein leises Seufzen von sich, als ich mich aufsetze und meine Füße Halt auf dem Steinboden finden. Meine Blase drückt. Dringend.
Nur ein paar Schritte – bis in die Ecke des Zimmers. „Lichtreich und so weiter, Tabitha“, brummt Mikael, mein Zellenbruder. Er sitzt aufrecht, die Arme auf den Knien, der Blick noch trüb vom Schlaf. Sein Doppelkinn fällt in dieser Haltung besonders auf. „Und deiner, Mikael“, sage ich hastig im Vorbeigehen. Mir ist nicht nach Lächeln – auch nicht über seine Grußformel.
Ich hocke mich über die Metallschüssel. Mein Körper funktioniert – wenigstens das. Alles andere fühlt sich mangelhaft an.
Durch den Stoff höre ich Schritte, Rascheln, Atemzüge. Jonan, mein stillster Zellenbruder, leise, aber klar: „Lichtreich sei euer Tag.“ Rahel antwortet wie auf Knopfdruck: „Und euer, Geschwister Adepten.“
Nach einer kurzen Pause rufe ich: „Gedankt sei dem Gekommenen.“ Mikael steckt den Kopf durch den Vorhang, das Gewebe reibt an seiner Stirn. „Selig sind die, die morgens die Klappe halten“, flüstert er, das Grinsen in der Stimme.
Gefährlich. Und doch wäre mir fast ein Lächeln entwischt. Die Wände können zählen. Vielleicht haben sie längst den letzten Strich neben meinen Namen gesetzt. Hitze kriecht mir in den Nacken.
„Küchendienst. Wer ist dabei?“ „Ich freue mich drauf!“, rufe ich vom Klo, als hätte ich etwas gutzumachen. „Dann kommt her zu mir, die ihr hungrig und durstig seid – ich gebe euch Haferschleim.“ „Bruder Mikael, einen Dienst, den man an der Gemeinschaft tut, tut man dem Herrn“, stellt Rahel klar. „Amen.“ Jonans Stimme klingt, als wäre er noch nicht ganz hier – oder längst schon woanders.
Ich spüle mit der Kelle. Das Wasser gluckert dumpf in den Eimer, als wollte es das Gesagte verschlucken.
Mit fast automatischer Bewegung schiebe ich den Vorhang zur Seite. Sie stehen schon alle da. Nackt. Nur ich bin angezogen. Noch. Ich friere. Es ist, als läge etwas in der Luft, das nur darauf wartet, dass mein Nachthemd den Boden berührt.
Mikael sieht zu mir. Kein neugieriger Blick, kein wertender – nur wach, als wäre er bereit, alles aufzunehmen.
„Alles okay? Du siehst … mitgenommen aus.“
„Zwei Zählungen. Habe kaum geschlafen.“ Der Stoff zieht an meiner Haut – will mich festhalten.
Jonan runzelt die Stirn: „Oh. Das tut mir leid.“
Mehr nicht. Aber sein Ton ist weich. Echtes Mitgefühl – nicht mit der Schwachen, sondern mit der, die es trifft. Als hätte er eine Geschichte, die er nicht erzählen kann.
Rahel bewegt sich als Erste. Präzise. Geschmeidig. Ohne Eile, als wüsste sie, dass dieser Moment sich nie wiederholen wird. Ihre Haare: kurz, fast kahl. Sie erinnert mich an eine glatzköpfige Porzellanpuppe, die auf den Boden gefallen ist und wieder zusammengesetzt wurde. Zart. Gebrochen. Ihre Mimik bleibt verborgen, wie eine unbemalte Maske. Kein Blick zur Seite, nicht einmal ein Augenaufschlag.
Sie öffnet ihre Truhe. Nimmt die hellgrüne Robe heraus. Feierlich. Kein Zögern.
„Schwester Tabitha“, sagt sie kühl, „Der Herr kennt deinen Schmerz und wird dir zur richtigen Zeit Kraft schenken.“
Ich nicke. Keine Ahnung, ob sie es glaubt – oder nur sagt, weil es gesagt werden muss. Manchmal weiß ich nicht mehr, was ich hier noch glauben darf. Aber Gott ist bei mir – das weiß ich.
Die anderen beeilen sich nicht. Jonan steht aufrecht, so gut es bei seiner Größe und der niedrigen Decke geht. Neben seinem Bett betrachtet er, versunken, seine rechte Hand – ein langes, nacktes Phantom. Bereit zu verschwinden. Mikael sitzt auf seiner Truhe, kratzt sich erst den Nacken, dann den Bauch, dessen Hautfalten fast auf den Oberschenkeln liegen – als würde der Körper ihm zu groß werden.
Ich befreie mich aus meinem Nachthemd. Der trübe Spiegel fängt mich ein. Blasses Blau in einem milchigen herzförmigen Gesicht.
Langsam trifft mich der kühle Hauch der Morgenluft – wie eine Hand, die sich auf meine Haut legt, ohne Druck, ohne Berührung. Sehen wird zu Denken. Denken zu Fühlen.
Niemand sieht hin. Ich auch nicht. Und doch: Ich kenne seine Schultern, ihren Rücken, meine Hüften.
Rahel – der Rücken gerade, der Bauch still und flach wie gefrorenes Wasser. Ein ungreifbares Rätsel in Würde und Eleganz.
Jonan – lang und dünn, mit Haut wie sonnenverbrannte Erde, zwischen den Schulterblättern eine Narbe - ein Fragezeichen ohne Punkt. Eine gelöschte Inschrift. Verboten?
Mikael – breite Schultern, hängende Haut, Narben und dunkle Male, frische und verblasste. Ich kenne deinen Schmerz.
Mein Blick streift mich selbst. Fast zwanzig – und doch jünger, kleiner, weicher. Der Bauch geschwungen. Darüber zwei junge Zwillinge einer Gazelle. Darunter ein schwarzes Dreieck – flimmernder Schatten zwischen schmalen Hüften.
Schuld. Heftig. Grell. Einschneidend wie ein Blitz. Nicht sehen. Nicht denken. Nicht fühlen.
Ich ziehe die Robe über, verberge die Locken und das Feuer in meinem Gesicht unter der Kapuze. Setze mich auf die Truhe.
Sie waren nackt und schämten sich nicht.
Das war im Garten Eden. Hier sind nur vier Körper. Gefangen in Koinobion 316.
Wir sind bereit für die langen Gänge und weiten Hallen von Sancta Lex.
Jonan geht vorn. Schlaksig, fast zwei Köpfe größer als ich. Seine Schritte sind lang, der Boden nimmt sie ohne Geräusch.
Rahel folgt. Gerade wie ein Pfosten. Setzt die Füße so vorsichtig ab, als wolle sie keine Spur hinterlassen.
Mikael vor mir. Riesige Füße, die den Boden wie eine Trommelhaut in Schwingung versetzen. Kleine Beben wandern durch meine Fußsohlen – gleichmäßig, fast beruhigend.
Ich zuletzt.
Das orangene Licht der Wandleuchten legt sich wie ein warmer Teppich über den grauen Ziegel – leitend, aber nicht einladend.
Unter meinen Füßen: kühler, harter Stein. Früher haben die Kanten der Fugen ihre Muster in meine Sohlen gezeichnet. Heute gleiten sie über eine Hornhaut, die mehr schützt, als mir lieb ist.
Rechts: Türen der Schlafzellen.
Links: Schwesternzimmer. Eine Schwester je Koinobion.
316. 315. 314. Gleichmäßige Abstände. Gleichmäßige Schritte. Der Gang atmet in seinem eigenen Takt.
Hinter einer Tür murmeln Stimmen. Verstummen, als wir uns nähern.
Eine Tür sticht heraus: schmaler, schwerer.
Auf dem dunklen Holz wacht ein weinendes Auge über eine rote rechte Hand.
Ich will nicht hinschauen. Tue es trotzdem.
Meine Lippen formen den Namen – wie ein erfrorenes Lachen in der Kehle: Agnes.
Ich fühle die Haut an meinen Fußsohlen dünner werden – und unsere Schritte beschleunigen sich.