Trubel
Wildes Kreischen schallte über den Vorplatz des Rathauses. Eine Flut aus bunten Pappschildern und Bannern säumten das Stadtbild. Eine Traube aus Teenies drängte sich dicht an dicht, fast ausschließlich weiblich. Verschiedenfarbige Lichter blitzten auf, zwischendrin leuchteten überall die Handybildschirme. Lina betrachtete den ganzen Aufruhr aus sicherer Entfernung. Vom Fenster ihres angemieteten Studentenzimmers aus hatte sie einen guten Blick auf das Treiben. Grund für den Tumult war eine der angesagtesten Boygroups der aktuellen Zeit – Quarter Past 8. Leon, auch bekannt unter dem Nicknamen Löwenherz, war definitiv der Favorit der Vierergruppe. Der größte Lärm kam von seinen Anhängern, obgleich die anderen Bandmitglieder ebenfalls von weiblichen Fans umzingelt waren.
«Ich will doch einfach nur meine Ruhe», jammerte Lina.
Das Studentenzimmer hatte durchaus seine Vorzüge, obwohl die junge Frau streng genommen gar keine Studentin war. Viel mehr befand sie sich im letzten Jahr ihrer Berufsausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel. Der Verdienst war okay, aber bei den Mieten in den Großstädten reichte es vorn und hinten nicht. Das ältere Ehepaar, welches ihr Vermieter war, hatte Mitleid für sie empfunden, weswegen es ihr das kleine Zimmer am Rathausplatz vermietet hatte. Wenn es nach ihren Eltern gegangen wäre, hätte Lina gar nicht hier sein sollen. Lieber hätten sie das Mädchen in der Kleinstadt festgehalten, in der es aufgewachsen war. Doch so klein war Linas Welt nicht. Dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagten, wäre sie nicht glücklich geworden. Das Großstadtleben hingegen hatte schon immer einen Reiz auf sie ausgeübt, aber es hatte seinen Preis, ihre Träume zu verwirklichen. Sie hatte sich den Segen ihrer Eltern erkämpft, wenn auch nur unter der Bedingung, dass sie es selbst zu finanzieren hatte. Sie verfügte somit ausschließlich über ihr Kindergeld und die Ausbildungsvergütung. Große Sprünge waren damit nicht möglich, aber es reichte, um für ihren Traum zu kämpfen. Und hier war sie, in ihrem eigentlich geliebten kleinen Zimmer, in einem sonst ruhigen Viertel der Großstadt. Der heutige Krach war ein wahrer Wermutstropfen.
«Quarter Past 8, Quarter Past 8», tönten die Stimmen von draußen.
‹Was für ein blöder Bandname›, maulte Lina in ihren Gedanken und setzte sich geräuschunterdrückende Kopfhörer auf. Es blieb nur zu hoffen, dass diese nervige Autogrammstunde bald ein Ende fand und die Band samt kreischendem Mob schnell in der Konzerthalle hinter dem Rathaus verschwinden würde.
Quarter Past 8 füllte inzwischen Stadien, weswegen es eher verwunderlich war, dass sie in dem verhältnismäßig kleinen Saal auftraten. Aus sicherer Quelle wusste Lina jedoch, dass es ein Konzert mit Meet and Greet war, für welches es ein Preisausschreiben gegeben hatte. Über diese sichere Quelle wollte Lina jetzt aber nicht nachdenken.
Allmählich versank die junge Frau in der klassischen Musik, die sie über ihre Kopfhörer genoss. Sie merkte nicht, dass sich der Trubel draußen zum Konzert verlagerte. Zwei Stunden später, als alles in ihr friedlich plätscherte, wurde ihr Fluss jäh von ihrem Messenger-Klingelton abgerissen.
«Was denn nun!», rief sie wütend aus.
«Liiiiinchen, möchtest du nicht doch zum Meet and Greet kommen? Es ist doch nur ein Katzensprung!» , stand in der Nachricht.
Lina fletschte ihre Zähne wie ein Hund, bereit zum Angriff. Mehrfach hatte sie diese Einladung schon abgelehnt. Warum konnte er es nicht gut sein lassen? Von niemand Geringerem als Leon aka Löwenherz war die Rede.
Wie die Dinge so liefen, waren Lina und Leon schon von Kindheit an miteinander bekannt. Um genau zu sein, waren sie früher Nachbarn gewesen. Aufgewachsen in der gleichen Kleinstadt hatten sie bereits den Kindergarten gemeinsam besucht. Man konnte sagen, dass sie seit eh und je Freunde waren. Leon hatte dem Mädchen zwar auch gern an den Haaren gezogen, sie geneckt oder ihre Süßigkeiten geklaut, einfach weil er ja der starke Junge war, aber gleichzeitig hatte das kein anderer gedurft. Die Sache war mehr oder weniger in beidseitigem Einverständnis geschehen. Lina drückte bei Leon gern mal ein Auge zu, auch wenn sie ein durchaus wehrhaftes Kind gewesen war. Leon hingegen hatte genauestens darauf geachtet, dass kein anderer der Jungs seinen Schabernack mit Lina trieb. Das behielten sie auch später in der Schule bei. Dort trennte sich allerdings die Spreu vom Weizen. Während Lina eher mittelmäßige schulische Leistungen erbrachte, fiel es Leon leichter. Doch hauptsächlich in den ergänzenden Fächern Kunst, Sport und Musik wurde der Unterschied besonders deutlich. In allen drei Fachrichtungen hatte der Junge stets mit Spitzenleistungen geglänzt. In Musik stufte man ihn sogar als außerordentlich begabt ein. Das hatte zur Folge, dass er speziell gefördert wurde, sowohl in den schulischen Arbeitsgemeinschaften als auch in der Freizeit durch seine Eltern. Es sollte erwähnt werden, dass diese finanziell besser aufgestellt waren als Linas.
Die Zeit, welche die Freunde miteinander verbrachten, war zunehmend knapper geworden. Das hatte dazu geführt, dass sich Linas Noten erheblich verbesserten, schließlich konzentrierte sie sich aus der Langeweile heraus mehr auf das Schulische. Dennoch stimmte die Situation sie eher traurig.
Als Leon zu guter Letzt an einer Talentshow teilnahm und diese gewann, hatte Lina das Gefühl, gar nicht mehr in sein Leben zu passen. Bald darauf folgte dann die Gründung von Quarter Past 8 und der Plattenvertrag samt Debüt. Spätestens da schloss sie komplett mit dem Thema ab und hielt sich weitestgehend aus Leons Angelegenheiten heraus. Aber aus irgendeinem unerklärlichen Grund ließ er einfach nicht locker. Dieses Verhältnis zog sich bis heute, drei Jahre nach dem Debüt.
Frustriert warf Lina ihr Handy auf das Bett. Sie hatte gerade angefangen abzuschalten, da hatte er sie wieder an seine Existenz erinnern müssen. Jegliche Entspannung war dahin und die junge Frau überlegte, was sie zur Ablenkung tun könnte. Die Wahl fiel auf einen Spaziergang im dunklen Stadtpark. Es war nach zweiundzwanzig Uhr und ihr Stadtteil lag eher abgelegen. Um diese Zeit befand sich daher kaum noch eine Menschenseele auf den Straßen. Der perfekte Moment, sich die nächtliche Brise durch das Haar wehen zu lassen, um den Lärm in ihrem Herzen endlich zum Schweigen zu bringen.









Lina & Leon, also die Namen passen schon mal zueinander.🤗
Wunderbar ❤️