Kapitel 1
Evelyn
„Kommt ihr endlich? Es ist ja kaum auszuhalten, wie langsam ihr euch fortbewegt. Steffi, verflixt nochmal. Hör auf zu lesen, dann stolperst du auch nicht durch die Gegend!“
Evelyn Hauser schnaubte unwirsch, als sie bemerkte, dass ihre Freundinnen Sandra und Stefanie eher trödelten, als dass sie ihr freudestrahlend auf den Schulhof folgten. Nein, sie freute sich nicht auf die Schule an sich, aber sie freute sich auf die Leute dort. Auf ihren Freund, die Clique, in der sie alle waren und auf die jüngeren Schüler, die sie als Vorbild nahmen.
„Warum bist du heute so fröhlich? Und warum willst du unbedingt schnell zur Schule?“, fragte Sandra. „Wir schreiben in der zweiten Stunde Physik und ich habe keine Ahnung, was ich da gelernt habe.“
Steffi kicherte, hielt aber ihre Nase weiterhin dem Buch entgegen.
„Es geht um die Funktionen von Transformatoren und Generatoren.“, murmelte sie dabei.
Sandra stöhnte.
„Das hört sich nach Technik an und nicht nach Physik. Ich lerne diese Scheiße nie.“
Steffi zuckte mit den Schultern.
„Es ist eigentlich ganz einfach.“
Sandra stieß sie an.
„Ja, klar. Wenn man Stefanie Müller heißt, ist alles einfach. Du bist ein verflixtes Wunderhirn.“
Sie legte einen Arm um Steffis Schultern.
„Was ist dein Geheimnis? Woher hast du dein Wissen über diese Transformatoren und dem ganzen Zeug?“
Steffi zuckte mit den Schultern.
„Ich habe gelernt. Und Robin hat es mir erklärt. Er kann es ganz gut.“
Evelyn stöhnte und war froh, dass auch Sandra ihre Augen genervt verdrehte.
Robin Talheimer war der Streber der Schule. Er sah nicht besonders gut aus, was ihn in Evelyns Augen schon zum Außenseiter machte, mit dem man nicht abhängen wollte. Zumindest nicht freiwillig.
Robin litt an einer schrecklichen Akne, war etwas übergewichtig und, genau wie Stefanie, nur mit einem Buch anzutreffen.
Eigentlich passten er und Steffi sehr gut zusammen, denn auch Evelyns Freundin war nichts Besonderes.
Ihr Haar war mausbraun. Nein, nicht mausgrau, denn das wäre vielleicht noch interessant gewesen. Das Braun ihrer Haare war gewöhnlich und nicht besonders schön anzusehen. Da Steffis Eltern nicht reich waren, konnte sie sich keinen Frisör leisten und schnitt sich das Haar selbst, was nicht immer gut ausging. Ihre Kleidung trug sie immer als Fünfte, denn bevor sie die Klamotten bekam, trugen sie ihre Cousinen. Steffi hatte das Pech, die Jüngste in ihrer Familie zu sein und deswegen waren die Kleider immer ausgebeult, geflickt und verwaschen.
Aber das war nicht alles. Steffi war viel zu schüchtern. Niemand nahm sie wahr, obwohl sie mit Evelyn und Sandra schon seit Jahren befreundet war. Doch niemand bemerkte sie. Außer Robin natürlich. Und manchmal auch die anderen Jungs, wenn sie mit dem Lernen nicht hinterherkamen und Hilfe von ihr benötigten. Das war wohl alles, was Steffi erwarten konnte. Dennoch behielt Evelyn sie als Freundin, denn sie fand, dass sie neben Steffi strahlte und vor allem noch besser aussah. Das konnte ja nicht schaden.
Endlich kamen sie am Schulhof an.
Es war nichts Besonderes. Ein Schulhof wie jeder andere eben auch.
Einige mickrige Bäume standen traurig da. Es schien so, als ob sie in den Beton eingegossen waren, denn das Loch, das für sie ausgelassen wurde, war eher bescheiden.
Das Schulgebäude selbst war wohl früher mal ein moderner Bau gewesen, doch nun konnte man ihn nur als quadratisch und praktisch beschreiben. Nicht einmal als gut. Ein Betonklotz, indem man versuchte, Schülern Wissen einzubläuen. Trostlos und manchmal sogar depressiv.
Aber nicht heute, beschloss Evelyn.
In der hinteren Ecke standen zwei steinerne Tischtennisplatten, die aber kaum zum Spielen genutzt wurden. Stattdessen saßen jetzt schon einige der Schüler darauf und unterhielten sich. Man konnte schon das Lachen einiger hören, die sich keine Sorgen um Klassenarbeiten machten.
Auf der Treppe vor dem Eingang saßen die Streber und wie Evelyn es ahnte, saß auch Robin dort. Seine Nase, die ihr etwas zu groß erschien, steckte im Mathebuch. Ab und zu kritzelte er etwas hektisch auf einen Notizblock.
Sie schnaubte unwirsch.
Sogar seine Notizblöcke hatten alle unterschiedliche Farben und sie war sich sicher, dass er nie etwas von Mathe in das rötliche Notizbuch schreiben würde, denn Rot war die Farbe für Deutsch. Alles sortierte er in seiner eigenen Ordnung, die Evelyn wohl nie verstehen würde.
So ein Streber.
Als ob er die Anwesenheit der drei Mädels bemerkte, hob er seinen Blick und lächelte, als er Steffi entdeckte, die schüchtern die Hand hob und sich gleich zu ihm bewegen wollte. Doch dieses Mal wollte Evelyn nichts davon wissen. Sie schnappte Steffis Hand und zog sie mit sich.
Den bedauernden Ausdruck, den Steffi Robin zuwarf, störte Evelyn gewaltig. Steffi hatte doch das Glück, in einer coolen Clique zu sein. Warum musste sie sich unbedingt an diesen Robin hängen? Gut, er war ein sehr guter Schüler und seine Eltern waren sehr reich, aber das war nicht genug, um mit der coolen Clique abzuhängen.
Sie zog Steffi mit sich und ahnte schon, dass Sandra ihnen folgen würde. Auf Sandra musste sie nicht aufpassen, denn sie wusste, zu wen sie gehen sollte. Bestimmt nicht zu einem Streber wie Robin.
„Ey, Schönheitskönigin. Lass deinen Hofstaat doch selbst entscheiden, zu wem sie wollen.“, tönte eine gehässige Stimme in der Nähe von ihr.
Sie verdrehte die Augen, nachdem sie erkannte, wer ihr das zurief.
Es gab nur einen Kerl, der ihr so etwas sagen würde.
Das hatte ihr gerade noch gefehlt.
„Warum verschwindest du nicht einfach hinter die Schule und paffst noch deine letzte Zigarette vor der Schule? Ich kann dich wirklich nicht gebrauchen, Finn.“
Finn Gerber war ihr genauso ein Dorn im Auge, wie Robin, obwohl er das komplette Gegenteil von dem Streber war.
Finn und seine Kumpel waren die Rebellen der Schule. Wie sie es ja schon andeutete, traf man diese Clique vor und nach der Schule immer hinter dem Schulgebäude an. Dort rauchten sie ihre Zigaretten und fummelten an den Mopeds herum, die sie fuhren. Meist trugen sie schwarze Kleidung und eine Lederjacke war bei jedem Wetter Pflicht. Ebenso wie schwere Stiefel.
Es war nicht so, dass Finn schlecht aussah, aber er war kein guter Umgang. Und dass er sich nun so für Steffi und auch Sandra einsetzte, passte ihr nicht wirklich.
Er warf ihr ein Fluch hinterher und schlurfte dann aber tatsächlich zum hinteren Bereich der Schule, wo schon seine Freunde auf ihn warteten.
Evelyn schnaubte und ging weiter auf die Tischtennisplatte zu, die inoffiziell für ihre Freunde und sie reserviert waren.
Die jüngeren Schüler starrten sie bewundernd an und sie genoss die Aufmerksamkeit. Das war immer so. Man bewunderte sie und sie sonnte sich darin.
Wirksam warf sie ihr Haar hinter sich und lächelte bei den Leuten, bei denen sie es für angebracht hielt. Die anderen bekamen einen verachteten Blick. Das kam hier schon einem sozialen Todesurteil gleich und Evelyn wusste es. Sie besaß hier die Macht, jemanden zu zerstören und das nutzte sie auch aus.
Ihr Lächeln wurde breiter, als sie Ben erkannte, der ihr schon entgegensah. Sie ließ Steffi los und ging auf ihren Freund zu.
Benjamin Gabler, den jeder Ben nannte, war der Vorzeigeschüler hier auf der Schule.
Sportler, gute Noten und die schönste Schülerin als Freundin, nämlich sie.
Sie nahm seine Hand und er küsste sie auf die Stirn.
„Guten Morgen, Schönheit.“
Evelyn kicherte, als er sie beim Kosenamen nannte. Kurz darauf nickte er nach hinten und Evelyn sah sich verwundert um, wen Ben denn da grüßte, aber da standen nur Sandra und Steffi. Nun ja. Wahrscheinlich war Ben einfach nur nett zu ihren Mädels.
Levin Hauck, Bens bester Freund, sprang johlend von der Tischtennisplatte und stürmte auf Sandra zu. Als er sie fest umarmte und küsste, kicherte sie zuerst, bevor sie mit ihm in eine wilde Knutscherei versank.
Manchmal beneidete sie die beiden, denn Ben würde sie in der Öffentlichkeit nie so küssen, als ob sein Leben davon abhängen würde. Er war der Meinung, dass man so etwas nicht so zur Schau stellen sollte. Bei Levin sagte er nur nichts, weil der sein bester Freund und der Klassenclown war.
Immerhin legte er heute einen Arm auf ihre Schulter und zog sie etwas an sich.
„Hat Finn dir Ärger gemacht?“, fragte er, aber nicht sie, sondern Steffi.
Diese schüttelte den Kopf und lächelte.
„Natürlich nicht. Er macht mir keinen Ärger mehr.“, erwiderte sie leise.
Als ob so alles gesagt sei, senkte sie wieder den Kopf und setzte sich dann auf die Tischtennisplatte, um noch einmal ihre Notizen für die Klassenarbeit durchzugehen.
„Ich frage mich, ob sie irgendwann auch mal Spaß hat.“, maulte Evelyn leise. „Immerhin ist es unser letztes Jahr und sie sollte mal etwas anderes im Kopf haben als nur die Schule.“
Ben seufzte.
„Stefanie hat ihren Fokus auf ihre Ziele. Das weißt du doch.“
Diese Diskussion führten sie schon einige Male. Meist wurde es von Ben begonnen, der Evelyn vorwarf, etwas leichtfertig mit der Zukunft umzugehen. Und meist kam dann der Satz von ihm, den sie so langsam hasste. So wie jetzt.
„Du solltest sie eher als Vorbild sehen, als ihr zum Vorwurf zu machen, dass sie auf keine Party geht.“
Manchmal beschlich Evelyn das Gefühl, dass Ben in Steffi verliebt war, aber das konnte nicht sein. Sie war seine Freundin und Steffi einfach nur ein Mauerblümchen. Sie sollte sich keine Sorgen über Steffi machen.
„Ich weiß das. Sie will unbedingt Medizin studieren und hofft darauf, in Heidelberg angenommen zu werden.“
Ben nickte.
„Und deswegen benötigt sie gute Noten.“
Evelyn fluchte innerlich.
Sie wollte Steffi nicht als Vorbild nehmen, auch wenn sie ihren Weg schon bis ins kleinste Detail plante.
Sie schmiegte sich an Ben und lächelte ihn an.
„Ich weiß das doch. Ich mache mir nur Sorgen. Sie ist noch jung und verhält sich aber so, als ob sie eine alte Frau wäre. Aber wir sollten nicht mehr über sie reden.“
Er nickte, aber seine Aufmerksamkeit wurde von Levin abgelenkt, der johlend weitere Mitglieder der Fußballmannschaft begrüßte, die gerade verschlafen bei ihnen ankamen.
Sie wusste, dass nun ihre gemeinsame Zeit mit Ben vorbei war und seufzte.
Bevor er zu seinen Kumpels gehen konnte, hielt sie ihn zurück.
„Treffen wir uns heute noch?“
Er nickte.
„Ich komme heute Abend bei dir vorbei.“
Sie zog eine Schnute.
„Erst heute Abend?“
Er nickte.
„Ich muss lernen und es ist unter der Woche.“
Beleidigt schnaubte sie.
Auch Ben hatte seine Pläne, die er nach seinem Abitur verwirklichen wollte. Sein Ziel war es, ein BWL-Studium zu beginnen.
Sandra und Levin wollten beide nach Köln, um Sport zu studieren. Sie wusste, dass auch Robin studieren wollte, was sie nicht wunderte.
Jeder schien das als Ziel zu haben.
Nur sie nicht.
Wenn Evelyn ehrlich sein sollte, besaß sie nicht den Hauch eines Plans, was sie nach der Schule anfangen sollte.
Ein Studium kam nicht infrage. Dafür waren ihre Noten einfach nicht gut genug, was ihre Eltern ihr auch andauernd vorwarfen.
Am liebsten hätte sie etwas mit Mode gemacht, aber mehr als eine Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft würde es in der Richtung wohl nie werden. Oder ein Model, aber davon wollten ihre Eltern nichts wissen.
Sie sollte einen anständigen Beruf erlernen und vielleicht einen Mann heiraten, den sie unterstützen konnte, wie ihre Mutter ihren Vater. Der etwas Nettes zum Beruf hatte, für das man sich nicht schämen musste.
Nun, Ben war wohl dieser Mann. Seine Familie war sehr angesehen in der kleinen Gemeinde, aus der beide kamen. Sein Vater war Vorstand des Fußballvereines und Bens Mutter organisierte die Feste der Kirchengemeinde, wenn es wieder darum ging, Spenden zu sammeln.
Das war so langweilig.
Am liebsten würde Evelyn aus dem Dorf verschwinden, sobald die Schule vorbei war. Aber wie sollte sie das anstellen ohne Beruf, also ohne Geld? Sie wusste es selbst nicht. Außerdem war es in ihrem Dorf alles so bequem für sie. Warum also weggehen?
Nur eines war ihr mehr als bewusst.
Nach der Schule würden sich die Wege der meisten von ihnen trennen. Sie würden alle ihren Weg machen, nur sie würde wahrscheinlich zurückbleiben.
Und das gefiel ihr nicht sonderlich.
Das Läuten der Schulglocke riss sie aus ihren Gedanken. Steffi sprang sofort auf und nutzte den allgemeinen Trubel, um zu Robin zu gelangen.
Sandra zog Levin mit sich, der sich anscheinend nicht um die Schulglocke kümmerte.
Alle nahmen ihre Taschen, Koffer oder Rucksäcke und verschwanden mehr oder weniger motiviert in das Schulgebäude.
Ben kam endlich auf sie zu und nahm ihre Hand.
„Komm schon. Wir sollten nicht zu spät kommen.“
Sie nickte und freute sich insgeheim etwas, dass er sich dieses Mal nicht davor scheute, ihre Hand in seiner zu behalten.
So konnte es doch gerne weitergehen.