Home Sweet Home

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Summary

Kurzgeschichte

Status
Ongoing
Chapters
3
Rating
5.0 1 review
Age Rating
18+

1

Home Sweet Home. Willkommen im Chaos meines Lebens. Mit gerunzelter Stirn und eng zusammengekniffenen Augen blicke ich auf einen mit weißen Holzbohlen verzierten amerikanischen Traum. Mein bester Freund aus High school und Collegetagen hat es tatsächlich getan und beim Anblick seines Hauses laufen mir kaltschweißige Schauder über den Rücken. Die Härchen auf meinen Armen salutieren fröhlich vor den Grauen meiner Vergangenheit. Genau hiervor bin ich geflüchtet. Mit achtzehn Jahren, einem Stipendium und nichts außer Flusen, einen alten Kaugummi und ein paar Dollern in den Hosentaschen. Ein spießbürgerliches Leben, Mittelklassewagen, nine-to-five Job, weißlackierter Gartenzaun, mit der Schere feinsäuberlich gestutzter kotzegrüner Rasen, Barbecues an den Wochenenden, fröhlich lachende Kinder und eine wie auf Koks grinsende Ehefrau mit rüschenbesetzter Schürze und blondierten Haaren. Wie konnte es nur so weit kommen? Jace hatte Pläne und unter dem farbenfroh gefärbten Haarschopf erwachten unsere Träume zum Leben.

Die Bostoner Sonne lacht mich aus. Dickbäuchige Hummeln schwirren um den süßen Nektar der im Vorgarten erstandenen Oase. Die weißen Kieselsteine unter meinen staubigen Boots knirschen bei jedem Schritt und der ebenso weiße Schaukelstuhl auf der frisch gestrichenen weißen Veranda lässt mich angeekelt Schnauben. Es ist noch schlimmer als auf dem ersten Blick vermutet und ich wäge meine Optionen ab. Mich meinen Dämonen stellen, die ausgebreiteten Arme meines alten Freundes genießen oder eine halbherzige Entschuldigung schreiben? Das Gewicht des Smartphones in meiner Hosentasche wiegt schwer bei dem Gedanken daran, Jace Gastfreundschaft mit Füßen zu treten. Beinahe zehn Jahre sind vergangen. Auch wenn er nicht über seinen Schatten springen und mit mir das Abenteuer Freiheit begehen konnte, so blieben wir uns im Herzen treu und beim Betreten amerikanischen Bodens galten meine Gedanken ihm und dem Grund meines Verschwindens.

Verschwinden. Der Wahrheit entfliehen. Der Realität nicht in die Augen blicken müssen. So nannte er es. Heute weiß ich, dass er mit allem, was er sagte, Recht behielt. Ich floh vor der Bestimmung meines Lebens, der Enttäuschung über den Verlust des Mannes, den ich über alles liebte und welcher mir unter Tränen und mit erstickter Stimme gestand, dass der Ring an seinem Finger, kein Erbstück der Familie, sondern den Bund der Ehe besiegelte.

»Was machst du denn schon hier?«, unterbricht die Stimme meines einst besten Freundes meine Gedanken. Ich reiße mich vom Anblick der Kleinstadtidylle los und blinzele. Einmal. Zweimal. Vor mir steht ein Kerl, der Jace ist, aber nichts mit dem Mann aus meinen Erinnerungen gemein hat. Jonathan Christopher Herondale. Statt einem grüngefärbten Mohawk ziert eine modische Kurzhaarfrisur sein Haupt. Das Haar erstrahlt in einem satten blond von dem ich weiß, dass es seine natürliche Haarfarbe ist. Die Seiten sind raspelkurz rasiert, das Haupthaar etwas länger. Ein leichter Bart ziert das kantige Gesicht. Der Körper, welcher mir so vertraut ist, steckt nicht länger in abgetragenen ausgewaschenen Bandshirts und löchrigen mit Nieten und Sicherheitsnadeln verzierten Jeans. Auch fehlt die schwarze Jeansjacke mit den Patches bekannter Metalbands und provokanten Sprüchen. Stattdessen steckt diese Version meines Freundes in sandfarbenen Chinohosen und einem hellblauen Poloshirt. Seine Füße sind nackt. Wenigstens etwas, das sich nicht geändert hat. Ich erkenne ihn nicht wieder. Bis auf sein Lächeln und den von Heterochromie gezeichneten Augen.

»Ich habe dich erst morgen erwartet«, sagt er und wartet geduldig auf eine Antwort. Jace steht im Türrahmen, lächelnd streckt er mir eine Hand entgegen. Ich dagegen stehe noch immer mit einem Fuß auf der untersten Stufe und dem anderen auf dem Kies, welcher laut unter meinen Schuhen knirscht, als ich das Gewicht verlagere und einen Schritt nach hinten mache. Es fühlt sich nicht richtig an nach all der Zeit in sein Leben zu platzen. Ein Leben, welches sich von unseren Träumen nicht weiter entfernen hätte können.

»Mein Flug wurde gecancelt«, setze ich zu einer Rechtfertigung an, doch Jace stoppt meine Worte mit einer einzigen Handbewegung. Mit einem Schritt hat er die Veranda überquert, nimmt zwei Stufen auf einmal und ich muss mich auf die Erdanziehungskraft und meine Instinkte verlassen als sein massiger Körper schwungvoll auf den meinen trifft. Jace ist kräftig, riecht noch immer nach dem teuren Duft eines mehr als eindeutig homosexuell lebenden Mannes und sein Griff... Seine Arme schlingen sich um meinen Hals und seine Wange schmiegt sich heilend an meine. Sein Atem kitzelt an meinem Ohr. Ich lasse meinen Rucksack fallen und erwidere seine Umarmung. Er verstärkt den Druck und ich lausche seiner Atmung, spüre seinen Herzschlag an meinem. Die Welt um uns herum verstummt. Jace seufzt als er einen Kuss auf meine Wange haucht und mir tief in die Augen blickt. In seinem Blick liegt all das Unausgesprochene, all die Fragen und noch immer keine Antworten.

»Ich habe dich vermisst«, flüstert er. Deutlich nehme ich seinen suchenden Blick wahr. Rastlos huschen seine Augen zwischen meinen und den Lippen hin und her. Er überlegt, ob er mir einen Kuss stehlen soll. Wie früher, bevor 'Er' in unser Leben trat.

»Ich habe dich auch vermisst«, erwidere ich und verpasse ihm eine Kopfnuss, löse die kribbelnde Spannung zwischen uns. Jace lacht und klopft mir auf die Schulter. Wie Kumpels, nichts dabei.

»Hallo Ed«, ruft er über meine Schulter hinweg und winkt einem Mann in seinen Vierzigern zu. Besagter Ed steht am Rande seines Grundstückes, welches die exakte Kopie von Jace Haus darstellt. Wie alle Häuser in der Straße fällt mir bei genauerer Betrachtung auf.

»Gab es Rabatt?«, frage ich. Jace sieht verwirrt zu mir zurück. Ed runzelt seine Stirn.

»Kennst du den?«, ruft Ed und seine Blicke könnten keine deutlichere Sprache sprechen. Ein Blick auf mich und meine Erscheinung reicht, um sich ein Urteil zu bilden. Ob dieses immer der Wahrheit entspricht, sei dahingestellt. Jedoch ist es nicht das erste Mal, dass mein provokantes Äußeres für reichlich Verwirrung und abschätzige Blicke sorgte.

Im Gegensatz zu Ed, welcher dem amerikanischen Klischee eines gutsituierten Vorstadtbürgers entspricht, haben meine schwarzen Haare schon länger keine Friseurschere oder Haarschneider gesehen. Seit Indien lasse ich meine Haare wachsen und trage sie an den meisten Tagen zu einem Bun gebunden. Lediglich mein Gesicht erfreut sich einer regelmäßigen Rasur. Regelmäßig bedeutet, im Abstand von drei Wochen. Oder vier. Okay, aktuell liege ich bei fünf Wochen und einem Tag. Eds Blicke wandern über meinen Körper und ich weiß genau, was er sieht. Meine staubigen Boots. Die einst schwarze, inzwischen selbstgebleichte fransige Jeans und das lässige Tanktop, welches die Tätowierungen auf meinen Armen hervorhebt und einen Teil meines Oberkörpers aufblitzen lässt. Die Piercings in meinem Gesicht, die Tunnel in den Ohren. All das passt nicht in die Vorstadt und den Köpfen ihrer Bewohner.

»Ja«, antwortet Jace leicht nervös.

»Das ist ein alter Freund aus dem College. Ich habe ihn erst für morgen erwartet. Aber nun ist er schon hier und bleibt es dabei, dass Debbie ihren Snack für das Barbecue heute Abend mitbringt? Wie heißt es noch gleich?«

»Paneer Tikki«, antwortet Ed prompt.

»Natürlich bringt sie ihr berühmtes Paneer Tikki mit und wir werden pünktlich um sieben da sein. Also…« Ed richtet seinen Zeigefinger auf Jace.

»Schmeiß den Grill an Herondale und spar nicht wieder an der Qualität des Fleisches. Wir wissen alle, dass deine Frau Millionen auf dem Konto hat.« Über sich selbst lachend hält Ed seinen überdimensionalen Bauch, biegt seinen Körper nach hinten und präsentiert mir ein Vorzeigedoppelkinn der teigigen Art. Seine blasse Haut ist von einem Schweißfilm überzogen und die Tropfen auf seiner Stirn rinnen an den Schläfen hinab. Das blütenreine weiß seines Hemdes, der gestärkte Kragen und die exakte Bügelfalte der anthrazitfarbenen Hose, zusammen mit den braunen Lederslippern. Ja, Ed ist das Klischee schlechthin. Schlechte Witze, teure Kleidung, provokante Sprüche. Ich gehe jede Wette ein, dass seine Frau dem gleichen Klischee entspricht.

Ich wende mich ab und schnappe mir meinen Rucksack. Eine Entschuldigung murmelnd drehe ich Jace und Ed den Rücken zu, setze einen Fuß vor den anderen. Simon hatte Recht. Ich hätte nicht herkommen sollen. Zu viel Zeit ist vergangen, zu wenige Worte gesprochen.