Ein Gebäude, tausend Knoten im Bauch

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Summary

Morgens klingelt der Wecker - und mit ihm der Krieg in Alessandro. Schon der Gedanke an Schule schnürt ihm die Kehle zu. Zwischen vollen Klassenzimmern und flüsternden Fluren wächst eine Angst, die ihm den Atem raubt. Er ist fünfzehn und fühlt sich doch schon alt, zerrissen zwischen Pflicht und Panik, zwischen dem Wunsch zu verschwinden und dem leisen Hoffen, dass es jemand merkt.

Status
Complete
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
13+

Kapitel 1

Mein Wecker klingelte. Ich schüttelte mein Handgelenk, um ihn mit meiner Smartwatch auszuschalten. „Guten Morgen!“ Franco, mein Vater kam in mein Zimmer. „Los Alessandro du musst aufstehen.“

Ein müdes „Mhm“ kam von mir als Antwort. Meine Augen waren noch so schwer und das Bett so weich und kuschelig. Es hielt mich fest und wollte nicht das ich aufstand.

„Ich muss jetzt los zur Arbeit“, erreichte seine viel zu gut gelaunte Stimme mein Ohr, „wir sehen uns dann heute Nachmittag. Viel Spaß in der Schule.“

Schule. Genau das Wort sorgte dafür, dass ich noch weniger hin wollte. Alleine bei dem Gedanken das Gebäude zu betreten, schnürte sich mein Hals zu und meine Augen brannten. Konnte ich nicht einfach irgendeine Krankheit haben? Fieber? Oder mich einfach übergeben? Dann könnte ich zuhause bleiben. Nur noch heute. Morgen würde ich dann ja wieder hingehen. Ich war gestern schon da. Naja, so halb. Ich bin nach der zweiten Stunde gegangen, aber ich hatte ja auch wirklich einen Arzttermin und danach einfach entschieden das ich nicht wieder hingehe. Warum sollte ich auch, schließlich wäre das so extrem unangenehm gewesen. Die anderen hätten mich komisch angeguckt und was hätte ich denn sagen sollen? Da bin ich wieder? Es hatte doch eh nur komische Sprüche gegeben und was, wenn die nicht in meinem Klassenraum gewesen wären? Dann hätte ich mich bloßgestellt und sie hätten sich wieder über mich lustig gemacht. Es war also besser, dass ich dann einfach in die Stadt gegangen bin. Papa sage ich dann einfach, dass ich nicht wieder eingetragen wurde aber da war.

Ich setze mich auf und nahm mein Handy in die Hand. Linus, mein bester Freund, hatte mir geschrieben. Ich tippte den Chat an , aber es war nur ein „Schlaf gut“. Zuletzt online war er gestern um 21:34. Also war er noch nicht wach. Sollte ich ihn anrufen? Dann könnte ich ihn fragen, ob er mich auf den weg ablenken kann. Ne das kann ich nicht schon wieder machen dann ist er wieder schlecht gelaunt und am ende hasst er mich dann, weil ich ihn immer nerve. Ich muss es doch so langsam alleine schaffen. Es ist doch nur eine Schule. Warum fangen meine Beine an zu zittern, sobald ich aus dem Bus aussteige? Warum habe ich das Gefühl keine Luft zu bekommen, sobald ich an die Schule sehe? Warum wird mir schwindelig so, als ich das Gebäude sehe? Kann man Angst vor der Schule haben?

Mit diesen Gedanken stand ich dann langsam auf. Meine Kleidung von gestern hatte ich die nachtüber an gehabt. Ja ich weiß ich sollte mir was Neues anziehen, wenigstens nicht damit schlafen und so. Papa hat das oft genug schon zu mir gesagt, aber wenn ich nur dran denke mich abends umzuziehen und morgens umzuziehen verlässt mich schon die Kraft. Wer schafft das schon? Es ist schon anstrengend genug morgens aufzustehen, Schuhe anzuziehen, meine Sachen für die Schule zusammen zu suchen, mir eine Jacke anzuziehen und an mein Busticket zu denken. Wie schafft man es da noch sich was anderes anzuziehen?

6:30. In einer Stunde kommt mein Bus. Ich kann das nicht. Es fing an sich alles zu drehen. Meine Hände zitterten. Ich musste hin. Mein Hals war zugeschnürt. Wie kann man nur Angst vor einem Gebäude haben? Lächerlich. Ich bin lächerlich.

Ein stumpfer Schmerz durchzog meinen Kopf, als ich meine Faust gegen schlug. Verdient. Ich hatte wieder angefangen zu weinen. Ich war einfach ein Weichei. Versager. Ich konnte verstehen warum keiner was mit mir zu tun haben will.

6:45. Meine Beine waren mit blei gefüllt. Den linken Schuh hatte ich geschafft anzuziehen. Jetzt nur noch den rechten. Zum Glück musste ich keine Schleifen binden. Zweiter Schuh geschafft. Wenigstens das konnte ich noch. Eine Benachrichtigung erschien auf meinem Handy. Linus hatte geschrieben. „Guten Morgen.“ Ich schrieb schnell was zurück. Zwar war es nur ein Hi, aber das passt schon.

„Und gehst du heute hin?“

Dankbar das er das Wort nicht hingeschrieben hatte, fing ich an zu tippen. „Ich versuchs“

„Ich bin stolz auf dich.“ Ein Lächeln erschien auf meinen Lippen. Er schaffte es immer. Egal wies mir ging. Ich bedankte mich und steckte mein Handy in die Hosentasche. Ich freute mich aufs Wochenende da würde er vorbeikommen. Wahrscheinlich laufen wir dann wieder durch die Stadt und reden einfach. Einfach ohne druck und ohne alles. Ich bin so froh ihn zu haben.

7:00. Die gute Laune verschwand als mir klar wurde das erst Mittwoch war. Noch heute Morgen und übermorgen. Es fühlt sich so viel an. Viel zu viel. Wie schaffe ich das nur. Meine Unterarme waren am Kribbeln. Der Gedanke an das kühle Stück Metall kam wieder. Vielleicht könnte mir ein kleiner Schnitt die Angst weniger machen?

Wenig später saß ich wieder auf dem Bett. Schublade geöffnet, neben mir lagen die beiden kleinen 0,02er Flaschen Alkohol und meine Klinge. Ich nahm sie in die Hand. In den Arm oder ins Bein? Bein merkt es keiner, aber Arm könnte ich vielleicht Hilfe bekommen. Jemand könnte es sehen und mich ansprechen. Ich könnte Hilfe bekommen. Also Arm.

Kurzer scharfer Schmerz. Die Gefühle nahmen fast sofort ab und kurzzeitig wurde alles um mich herum still. Mein Hals war frei. Meine Beine leicht. Gedanken gestoppt.

Ich warf die Klinge in die Schublade, schnappte mir ein Taschentuch und drückte es auf den neuen Schnitt. Dann schaffte ich es durch die Gedankenleere loszugehen.

Die Türklinge war kalt. Die Luft draußen noch kälter. Hände in die Taschen. Die rechte umschloss mein Handy, die linke die beiden Glasfläschchen. Jeder meiner Schritte wurde von einem leisen knirschen begleitet.

An der Bushaltestelle drehte ich mich um. Die Autofahrer durften nicht sehen das ich die beiden Flaschen trank. Die erste geöffnet. Hand eiskalt. Fläschchen an den Mund gehoben. Ein leichtes brennen im Hals. Zweite geöffnet. Ein zweites Mal leichtes brennen.

Ein Scheppern ertönte als die Flaschen den Weg in die Mülltonne fanden. Es war zu laut, jeder wusste jetzt das ich getrunken hatte.

Der Bus war warm. Ich setze mich auf meinen Platz. Links auf Höhe der mittleren Tür. Ganz am Fenster. Mein Rucksack am Gang. Der Bus fuhr los. Zum Glück war mein Kopf ruhig.

Ein Lächeln durchzog meine Lippen, als ich Martinhorn hörte. Ich sah nach hinten. Vielleicht fuhr das Fahrzeug ja bei mir lang. Ich tippte das ein RTW war. Vielleicht sogar der 1-RTW-3. Den sahen Linus und ich immer. Also fast immer. Ich hatte so unendlich viele Fotos von dem Rettungswagen auf dem Handy. Ja ich war ein kleiner Blaulichtspotter. Es war tatsächlich ein Rettungswagen. Die Funkkennung konnte ich leider nicht lesen, aber ich schrieb Linus. „Hab grad ein RTW mit blau gesehen.“ Warum auch immer machte es mich grad glücklich diesen RTW gesehen zu haben und richtig gelegen zu haben. Wenigstens das konnte ich noch.