Prolog - Die schwarze Nacht
Jahr 750
Schreie zerrissen die Nacht. Rauch stieg wie schwarzer Fluch gen Himmel, verschlang die Sterne, erstickte das Licht. Lodernde Flammen fraßen sich durch die engen Gassen der Hauptstadt Algerians. Häuser stürzten ein wie Kartenwerke aus Asche. Schwarze Gestalten bewegten sich durch den Qualm - lautlos, erbarmungslos. Sie mordeten ohne Unterschied, ohne Gesicht und ohne Seele.
In dieser Nacht wurde das Schicksal Algerians neu geschrieben. Agron Daytona, Lord von Finsterwacht, hatte sich erhoben. Ein Name, den man bis dahin nur in Schatten flüsterte, trat nun aus dem Dunkel hervor und stellte sich dem Königreich selbst entgegen. Haus Velyron, das Algerian seit der Eroberung regierte, wurde zum Ziel eines beispiellosen Verrats. Kein Vasall hatte es je gewagt, sich zu erheben. Doch Agron Daytona hatte nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu fürchten.
Mit eisigem Blick stieg er die Treppen zur Königsfeste empor. Der Wind zerrte an seinem schwarzen Umhang, dessen Saum den Stein streifte wie eine Klinge. Hinter ihm brannte die Stadt. Seine Männer, gehüllt in schwarze Rüstung, auf deren Brust die geflügelte Fledermaus der Daytonas prangte, marschierten schweigend durch die Feuer, ihre Schritte ein Echo des Untergangs. Die Schreie der Sterbenden mischten sich mit dem Klingen von Stahl und splitterndem Holz. Für Agron waren sie bloß Lärm, belanglose Stimmen auf dem Schachbrett seiner Ambitionen. Bauernopfer. Ersatzfiguren.
Er wollte den Thron. Algerians Krone. Und niemand, kein Gott, kein Drache, kein König, würde ihn davon abhalten.
Im Thronsaal der Königsfeste herrschte Unruhe. König Vaelor Velyron und Königin Lytiana hielten ihre Tochter Alyhra fest umschlungen, während der königliche Berater Amasis vom Haus Alpha hereinplatzte. Schweiß glänzte auf seiner Stirn, seine Augen waren weit vor Entsetzen.
„Die Mauern sind gefallen", keuchte er. „Daytona hat die Stadt eingenommen. Die Wachen sind tot. Eure Majestät, ihr müsst fliehen!"
Vaelor fuhr herum. Zorn brannte in seinem Blick. „Dieser Verräter... Dann soll er sich mir stellen. Mann gegen Mann. Ich werde nicht weichen."
Mut tropfte aus seiner Stimme wie Blut aus einer Wunde. In seinen Adern floss das Blut jener, die einst Drachen gezähmt hatten. Könige, Tyrannen, Legenden.
Amasis' Blick glitt zur Königin, die mit bleichem Gesicht ihre Tochter hielt. Sie wusste, was kommen würde. Jeder Atemzug war nun geliehen.
Ein gleißender Blitz zuckte über den Himmel, als die Türen des Thronsaals zerbarsten. Agron Daytona trat ein, das Feuer hinter ihm warf Schatten wie Dämonen an die Wände. Seine Soldaten folgten ihm mit erhobenen Klingen. Ein Pfeilhagel zischte durch die Halle, verfehlte Amasis und den König nur um Haaresbreite.
„Rettet meine Familie!", befahl der König. „Amasis, ich vertraue Euch."
Amasis zögerte nicht. Er hob die kleine Prinzessin auf den Arm, griff nach Lytianas Hand. Hinter ihnen schritten der König und Agron aufeinander zu, zwei Raubtiere, deren Pfade sich nun für immer kreuzten. Agron hob die Hand und seine Männer hielten inne.
„Tötet sie. Der König gehört mir", befahl er. Dann, leiser, fast genussvoll: „Spürt meine Rache."
Sein Schwert schimmerte dunkelviolett. Magie lag auf der Klinge. Oder ein Fluch.
Amasis fand die Falltür. Unter einem Teppich verborgen, auf dem die Ahnen des Hauses Velyron gestickt waren, lag der geheime Fluchtweg. Die Finger zitternd, öffnete er die Luke. Dann durchzuckte ein Befehl den Raum: „Feuer!"
Pfeile schossen erneut durch die Luft, diesmal trafen sie. Lytiana stürzte. Blut tränkte das Steinpflaster. Amasis wollte sie erreichen, doch ein Hagel aus Tod trennte ihn von ihr. Er schloss die Falltür und verriegelte sie von innen. Die Prinzessin weinte in seinen Armen. Über ihm bebte der Boden unter den Stiefeln der Angreifer.
„Lasst sie nicht entkommen!" Agrons Stimme dröhnte durch die Hallen.
Amasis lief. Wie im Rausch. Wie ein Mann, der weiß, dass seine Zeit abläuft. Hinter ihm loderte die Stadt. Alles, was gewesen war, lag in Trümmern. Alyhra, das letzte Erbe der Velyrons, schlief nicht. Sie schrie. Wie das Volk, wie der Himmel.
Er floh durch die Hügel der Königsebene, hinein in den Schattenwald. Die Soldaten jagten ihn. Pferde wie Gewitter. Atemlos hetzte er durch Dickicht, Dornen und Wurzelwerk, bis er stürzte. Die Prinzessin fiel ihm aus dem Arm, verschwand im Gebüsch.
Amasis wollte aufstehen. Doch seine Beine versagten. Hufe donnerten. Schwerter blitzten.
„Tötet ihn."
Schwärze fiel. Und mit ihr - die erste Seite einer neuen Ära.


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