Kapitel 1
Kapitel 1
Keuchend sog Marco Luft in seine Lungen. Zu sehr mit Atmen beschäftigt, um das Gemotze seines Freundes Romans neben ihm zu beantworten, tupfte er den in Strömen fließenden Schweiß von seiner Stirn, bevor ihm dieser in die Augen rann. Die Sprints am Ende der Trainingsstunde hatten ihm nicht nur körperlich den Rest gegeben, sondern auch mehr als deutlich gemacht, wie viel Arbeit noch vor ihm lag, wenn er jemals seine Ausdauer verbessern wollte.
„–Boxer, keine Sprinter.“, grummelte Roman. „Die Hälfte der Stunde sind wir heute blöd durch die Halle gerannt.“
Zur Antwort schnaufte Marco etwas, das irgendwo zwischen Zustimmung und Hilferuf lag.
Mitleidig klopfte ihm Roman auf die Schulter. „Vergiss nicht: Samstag ist Red Night’s angesagt. Endlich mal wieder richtig Party machen.“ Er verabschiedete er sich mit einem Handschlag von Marco, nachdem er in Rekordzeit in seine Klamotten geschlüpft war. „Wir sehen uns.“
Marco lehnte sich gegen sein Schließfach. Das kühle Metall stellte eine willkommene Abwechslung zur stickigen Trainingshalle dar und half, seinen Puls in etwas weniger bedenkliche Bereiche zu senken. Der Geruch nach Schweiß und übermäßigem Deogebrauch lag in der Luft, doch nach und nach verebbte das Geplauder um ihn herum, als die letzten Nachzügler die Umkleidekabine verließen.
Ganz allein war er allerdings noch nicht. Den Rücken zu Marco gewandt, durchwühlte der Neuling seinen Rucksack. Unauffällig musterte Marco ihn. Groß und schlaksig, die blonden Haare auf wenige Millimeter gestutzt. Völlig durchgeschwitzt. Wie kam man auch auf die Idee, in einem langärmligen Oberteil zu trainieren?
Marco setzte sein gewinnendstes Lächeln auf und sorgte dafür, dass es auch von seiner Stimme getragen wurde. „Ciao!“
Der Junge musste ihn gehört haben, denn er zog die Schultern nach oben, zeigte davon abgesehen jedoch keine Reaktion. Das wiederum bestätigte den ersten Eindruck, den Marco während des Trainings von ihm gewonnen hatte. In sich selbst zurückgezogen, hatte er sich auf die Übungen der Anfänger konzentriert, ohne Anstalten zu machen, sich den immer wieder aufflammenden Gesprächen der anderen anzuschließen. Kurzerhand entschied Marco, ihm eine Tür aufzustoßen, die er vielleicht nicht aus eigener Kraft öffnen konnte. „Du bist zum ersten Mal hier, oder?“
Nun drehte sich der Junge doch um. Er war attraktiv auf eine eher androgyne Art, mit ebenmäßiger Haut und hohen Wangenknochen. Dazu kam ein harter Zug um seinen Mund, für den er zu jung schien und ein Blick, der so deutlich ‚Verpiss dich‘ sagte, wie es nur der eines Teenagers konnte.
Nicht mit Marco. „Gefällt‘s dir bis jetzt?“
Zur Antwort zuckte der Neuling mit den Schultern und widmete sich wieder seinem Rucksack.
„Ich bin übrigens Marco.“
„… Erik.“
„Ich bin schon ziemlich lange hier. Sicher kein Trainer, aber wenn du irgendeine Frage hast oder Hilfe brauchst, kannst du jederzeit zu mir kommen.“
„Mhm.“
Vielleicht erwuchs Eriks Meideverhalten doch weniger Schüchternheit als schlichtem Desinteresse an sozialer Interaktion. Zähneknirschend gab sich Marco vorerst geschlagen und wandte sich seinem eigenen Schließfach zu. Zeit, die Boxhandschuhe zu verstauen und aus den stinkenden Trainingsklamotten zu kommen. Immerhin hatte er heute noch Pläne!
Als er die Umkleidekabine verließ, war Erik noch immer mit seinem Rucksack beschäftigt.
Der Duft nach Basilikum und frisch geriebenem Parmesan schwebte noch in der Wohnung, nachdem das Geschirr schon lange abgespült war. Ein letztes Mal sog Marco ihn tief in seine Lungen, dann öffnete er das Fenster und verkrümelte sich vor seinen Computer, wo er ungeduldig mit den Fingern auf der Tastatur trommelte. Das altersschwache Gerät benötigte eine gefühlte Ewigkeit, um in Gang zu kommen und die Uhr tickte.
Endlich öffnete sich das Browserfenster und er loggte sich in den Chat ein, dessen Besuch seit knapp drei Monaten zu seinen nahezu täglichen Ritualen zählte. Bevor er eine Chance hatte, den erhofften Namen zu erspähen, poppte bereits ein neues Fenster auf.
HessesRad: Hey :)
Italian_Stallion: ciao! sorry für die Verspätung
HessesRad: Kein Problem. Wie war dein Tag?
Italian_Stallion: lang
Italian_Stallion: deiner?
HessesRad: Auch :/
HessesRad: Irgendwas Besonderes passiert?
Marco zögerte. Sollte er Daniel von dem Neuling im Boxstudio erzählen? Nach kurzer Bedenkzeit entschied er sich dagegen. Zum einen handelte es sich dabei um keine wirklich interessante Geschichte und zum anderen fürchtete er, damit bei ihm einen falschen Eindruck zu erwecken. Am Ende dachte Daniel noch, Marco hätte Interesse an Erik, dabei schlug sein Herz für den Jungen auf der anderen Seite des Chats. Genau deshalb sollte er auch endlich die Frage stellen, die ihm seit Wochen im Kopf herumschwirrte. Nervös leckte sich Marco über die Lippen. Er tippte. Löschte. Tippte erneut. Löschte erneut.
HessesRad: Was denn, gleich so viel Neues? ;)
Marco atmete einmal tief durch und schickte die Nachricht ab.
Italian_Stallion: Ich hab mich gefragt, ob du dich mal irl mit mir treffen würdest.
Italian_Stallion: is doch unsinn immer nur hier zu chatten, wenn wir beide in stuttgart wohnen
Jetzt war es an Marco, auf eine Antwort zu warten. Abwesend knibbelte er am Schorf eines fast verheilten Schnitts an seinem Daumen, während er mit Argusaugen das Chatfenster beobachtete. Daniel hatte sich nicht einfach ausgeloggt, das wertete Marco als gutes Zeichen. Allerdings tanzte da auch keine Feder neben Daniels Namen, die anzeigte, dass er tippte. Er schien einfach gar nichts zu tun.
Nach einer gefühlten Ewigkeit zeigte sich endlich das heiß ersehnte Symbol und kurz darauf die noch heißer ersehnte Antwort. Die nicht ganz so ausfiel, wie von Marco erhofft.
HessesRad: Entschuldige, aber ich glaube, das würde ich lieber lassen.
HessesRad: Das hat nichts mit dir persönlich zu tun, ich fühle mich einfach unwohl bei dem Gedanken, mich mit jemanden zu treffen, den ich nur übers Internet kenne.
Freundlich, aber ausreichend deutlich, um keinen Raum für Diskussionen zu bieten, so unbefriedigend das für Marco auch sein mochte. Er beeilte sich, Daniel zu versichern, dass er ihm diese Entscheidung nicht übelnahm. Einen kleinen Zusatz konnte er sich dennoch nicht verkneifen.
Italian_Stallion: Warst du mal im Bunten Tässchen? Ist ein Cafe udn Treffpunkt für queere Jugendliche. Bin oft da.
Italian_Stallion: Falls du mal vorbiekommen wilst.
Italian_Stallion: (musst es mir auch nicht sagen, wenn du da bist. Ist einfach waas, ,was dich vielleicht interessieren könnte)
Seufzend starrte Marco auf seine Nachricht und wünschte sich, sie vor dem Abschicken nochmal durchgelesen zu haben. Er achtete nicht besonders auf Rechtschreibung oder Tippfehler, aber die schiere Masse von beidem innerhalb dieser wenigen Zeilen zeichnete ein deutliches Bild seiner Nervosität.
Wieder ließ die Antwort auf sich warten.
HessesRad: Mir ist heute aufgefallen, dass sie bei uns in der Nähe jetzt schon den Weihnachtsmarkt aufbauen. Anfang November! Ich weiß, ich klinge gleich wie ein alter Mann, wenn ich sage: „Das war doch früher nicht so!“ Aber ich sag’s trotzdem.
Marco lächelte matt. Deutlicher als so ein Themenwechsel konnte ein Hinweis kaum ausfallen. Daniels Zurückweisung schmerzte, aber immerhin brach er den Kontakt nicht komplett ab. Nach einem Seufzen, von dem er sich schwor, es würde das letzte an diesem Abend sein, setzte Marco zu einer Antwort an.
Ihr Gespräch wanderte von Weihnachtsmärkten zu Plätzchen, von Plätzchen zu möglichen Geschenken für ihre jeweiligen Schwestern – Marco ignorierte den Stich, den dieses Thema ihm versetzte – und von dort zum neu erschienenen FIFA 08, für das sich Daniel weniger, Marco dafür umso mehr begeisterte. Viel zu früh verabschiedete sich Daniel und ließ Marco mit der Frage zurück, ob ihre Freundschaft nicht doch auch außerhalb des Internets funktionieren könnte.
Um sich auf andere Gedanken zu bringen, widmete er sich seinem aktuellen Projekt, einer geschnitzten Spardose in Form des Eiffelturms. Er hatte den Holzblock bereits ausgehöhlt und die Grundform herausgearbeitet, nun ging es an die Detailarbeit.
Nachdem Marco etwa zehn Minuten zwischen seinen Vorlagen und dem Werkstück hin und her geblickt hatte, ohne es anzurühren, gab er auf. Er konnte sich schlicht nicht konzentrieren. Nicht, wenn Daniel ihm im Kopf herumspukte und schon gar nicht, solange seine Wohnung aussah wie der letzte Saustall.
Kurzerhand schwang er den Putzlumpen. Er verräumte den üblichen Kram, der sich auf mysteriöse Weise immer wieder an den unmöglichsten Orten ansammelte, wischte den Boden, die Küchenzeile und das Bad, putzte das Klo und zupfte an den Vorhängen, die nie ganz so fallen wollten, wie er sich das vorstellte. Bei seinem Versuch sein eher spärlich besetztes Bücherregal vom Staub zu befreien, beförderte er sein altes Fotoalbum auf den Boden, das aufgeschlagen liegenblieb.
Ohne hinzusehen, klappte Marco es zu und stellte es zurück an seinen angestammten Platz.
Die ganze Woche hatte sich Marco vorgenommen Erik bei ihrem nächsten Training in Ruhe zu lassen. Bis er ihn sah. Immer auf Abstand, aufs Nötigste beschränkte Wortwechsel und nicht der Ansatz eines Lächelns. Im Grunde sollte er sich auf sein eigenes Training konzentrieren, anstatt einem Neuling nachzustellen, der offensichtlich nichts mit ihm zu tun haben wollte und trotzdem … Ohne es wirklich zu planen, trödelte Marco herum, bis er ein weiteres Mal allein mit Erik in der Umkleidekabine zurückblieb.
Dieser saß mit geschlossenen Augen auf einer der Holzbänke, ohne Anstalten zu machen, sich umzuziehen. Wieder trug er ein langärmeliges Oberteil, wieder war er völlig durchgeschwitzt.
„Ist dir schwindlig?“, fragte Marco besorgt.
Erik öffnete die Augen lange genug, um Marco mit seinem Blick zu streifen. „Nein.“
Knapp und abweisend. Keine Veränderung zur vergangenen Woche, mit dem winzigen Unterschied, dass Marco dieses Mal darauf vorbereitet war. „Und? Was sagst du nach der zweiten Einheit? Besser als letzte Woche?“ Zur Antwort erhielt er lediglich das bereits erwartete Schulterzucken. „Vielleicht würde es sich für dich am Anfang lohnen, öfter als einmal pro Woche herzukommen.“
„Vielleicht würde es sich für mich lohnen, gar nicht mehr herzukommen.“
Marco verzog das Gesicht. Er hatte darauf gepokert, eine verbale Antwort zu provozieren, aber sie war ein wenig verstimmter ausgefallen als erhofft. Okay, deutlich verstimmter. „Scusa. Ich fürchte, ich muss noch daran arbeiten, meine gut gemeinten Ratschläge für mich zu behalten.“
Zunächst sah es aus, als würde Erik gar nicht mehr antworten, doch nach ein paar Sekunden stieß er pfeifend den Atem aus. „Passt schon. Ich fürchte, ich muss noch daran arbeiten, meine schlechte Laune nicht an anderen auszulassen.“ In einer versöhnlichen Geste drehte er die Handflächen nach oben. „Ich mag das Training nicht besonders. Ist dir vielleicht aufgefallen.“
Marco schnaubte. „Nah, das verbirgst du ganz gut.“
Der Hauch eines Lächelns erschien auf Eriks Lippen, verschwand aber so schnell, wie er gekommen war.
„Du könntest aufhören. Ich meine, ich fände es schade, weil ich weiß, wie viel Spaß Boxen macht, aber wenn du echt nichts damit anfangen kannst …“
„Ist dummerweise nicht meine Entscheidung.“
„Auflage vom Jugendgericht?“
„Was?“ Erik brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, dass Marco scherzte. Wieder flackerte ein Lächeln über sein Gesicht. „Mhm, du hast mich durchschaut. Wenn ich das nächste Mal einer Omi die Handtasche klaue, soll ich sie dabei gefälligst richtig k. o. schlagen.“
Marco nickte. „Vernünftiger Plan.“ Eine Idee durchzuckte seine Synapsen. „Wir könnten zusammen trainieren.“
Eriks Brauen hoben sich, als versuchten sie, sich unter seinem Haaransatz zu verstecken. „Trainieren?“
„Ja, ich …“ Hab mal wieder schneller gequatscht als nachgedacht. „… hab dich heute ein bisschen beobachtet.“ Die Brauen wanderten noch ein Stück höher und Marco beeilte sich fortzufahren. „Du bist flink und wendig. Was ziemlich gut ist. Das weiß ich, weil ich‘s nicht bin und dafür regelmäßig auf die Fresse kriege. Dafür habe ich Kraft und Technik. Wir ... würden uns ergänzen.“
„Ergänzen“, wiederholte Erik. „Und wie soll das aussehen?“
„Wir könnten …“ Denk nach, um Himmels Willen denk nach! „Wir könnten zusammen Joggen gehen!“
„Joggen. Du willst mit mir Joggen gehen?“
„Ähm … sì.“
Misstrauen ersetzte Eriks Lächeln. „Hier laufen jede Menge Leute rum, die dafür sicher besser geeignet wären. Warum gerade ich?“
Weil du einsam aussiehst. „Weil ich allen anderen damit schon auf den Sack gegangen bin und keiner Bock hat.“ Nur eine halbe Lüge. Marco musste definitiv an seiner Kondition arbeiten und auch desinteressierte Trainingspartner kannte er gut genug. Dennoch meldete sich sein schlechtes Gewissen. „Natürlich nur, wenn du Lust dazu hast. Ich dachte halt …“ Gar nichts. Das war das Problem. Er hatte nicht nachgedacht.
Lange sagte Erik nichts. Graue Augen, deren kühler Ton nicht recht zum warmen Blond seiner Haare passen wollte, musterten Marco eingehend, schienen jedes Detail abzuspeichern. Schließlich sackten seine Schultern ein Stück nach unten. „In Ordnung.“
„Echt jetzt?“ Rasch räusperte sich Marco. „Ich meine … Cool. Freut mich. Dann, äh … Wann hättest du denn Zeit?“
„Samstag?“
„D’accordo. Dann sehen wir uns Samstagvormittag.“
Erik verzog das Gesicht. „Nachmittag.“
„Aber da ist so viel los!“
Nach einer Diskussion, die mehr Worte beinhaltete als Marco und Erik bis dahin gewechselt hatten, schafften sie es, sich auf Samstagabend zu einigen, unter der Bedingung, das darauffolgende Treffen, sofern es ein solches gab, auf den frühen Vormittag zu legen.
Marco verabschiedete sich mit einem Winken – Erik suchte gerade erst seine Klamotten zusammen, als er sich bereits vollständig umgezogen hatte – und musste sich den gesamten Heimweg über bemühen, das selbstzufriedene Grinsen aus seinem Gesicht zu wischen.








