Das Schicksal von Valyrien - Band 3

All Rights Reserved ©

Summary

Die Gefahr mag besiegt sein, doch Linneas Herz kennt keinen Frieden. Sorius, ihr Seelengefährte, ist spurlos verschwunden. Während sie zwischen Angst und Entschlossenheit nach Antworten sucht, wird Aya in eine Welt gestoßen, die sie kaum kennt: An der Seite von Tarian, dem Kronprinzen der Fae, kehrt sie in sein Reich zurück. Doch der Rat der Fae sieht in Aya eine Bedrohung, keine Verbündete. Selbst Eorian, König der Fae, kann seine eigenen Reihen nicht zum Einlenken bewegen. Zwei Welten. Zwei Schicksale. Und dunkle Geheimnisse, die nur darauf warten, ans Licht zu kommen. Wird Linnea ihren Sorius wiederfinden? Und wird Aya ihren Platz in einer Welt behaupten können, die sie ablehnt?

Status
Complete
Chapters
103
Rating
5.0 9 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1: Was ist mit Sorius und Linnea?

• Linnea •

Ich finde keine Worte für das Leid, welches mich durchfährt. Noch immer stehe ich genau dort, wo Sorius verschwand.

Mitten im Reich der Zwerge, dem Königreich Talwinden.

An meiner Seite steht nur Assael, der Dämon, mit dem ich nach all den Höhen und Tiefen unseres Abenteuers einen Blutschwur eingegangen bin. Er folgt mir aktuell bis ans Ende der Welt, wenn es sein muss. Jetzt gerade ist das für mich aber genau hier, weil mein Seelengefährte spurlos verschwunden ist.

Für den 26. Juni des valyrischen Jahres 1414 sind die Temperaturen angenehm, die Umgebung um mich herum ist es jedoch nicht. Der leicht mit saftig grünem Gras bewachsene Boden des Schauplatzes ist mit Blut durchtränkt. Mittlerweile ist es dunkelrot und ziemlich verkrustet, aber die Spuren eines heftigen Kampfes sind noch sichtbar. Allem voran ist die minimal warme Luft mit dem Geruch verbrannter Leichen getränkt, was wirklich abartig stinkt. Nicht unweit von uns liegen ein paar kleine Haufen voller verkohlter Überreste, damit ein Blutmagier daraus nicht womöglich noch wandelnde Tote macht.

Ich bin so müde von allem.

Und im Augenwinkel sehe ich, wie diese neuartigen schwarzen Male auf meinen Armen sich wie Bemalungen mit Special Effects über meine Haut winden. Diese sind das letzte Überbleibsel des Dämons aus Devians Dämonenlinie, als ich gemeinsam mit meiner besten Freundin Aya die letzte schwarze Zone von Malakh aufgelöst habe.

Der Dämon gab sein Leben, damit meines weitergehen kann.

Aber wozu, wenn Sorius nicht hier ist? Ich muss herzhaft gähnen und halte mir aus Höflichkeit die Hand vor den Mund. Das ist so ein Reflex, der hier mitten im Nirgendwo nicht nötig wäre.

„Sorius wurde nicht von den Anhängern Malakhs mitgenommen”, verkündet Assael, der ganz ruhig und gelassen schräg hinter mir steht und mich beobachtet.

Mein Kopf schnellt herum und ich schaue mit großen Augen in seine Richtung. Er sieht sich um und scheint etwas zu sehen, was mir entgeht. Das ist nicht verwunderlich, immerhin ist er ein Dämon und ich bin ein Mensch. Der Vampirimus hilft mir auch nicht unbedingt weiter. Und mein Kern als ewiger Winter schon gar nicht.

„Du musst ein bisschen genauer werden, Assael”, fordere ich ihn auf.

„Öffne ein Portal”, sagt er schlicht.

„Wie bitte?“, hake ich nach.

„Öffne ein Portal”, wiederholt er geduldig.

Immerhin ist er nicht mehr nur ein Geist, der in mir lebt und mir ständig dieses „Ich beantworte keine Fragen” an den Kopf wirft. Zu Beginn unseres Abenteuers hat er mich damit echt wahnsinnig gemacht!

„Ok, warte. Kannst du bitte erstmal erklären, warum ich das tun soll?“, will ich wissen.

„Öffne ein Portal”, sagt er nun zum 3. Mal.

Ich rolle mit den Augen, seufze richtig laut genervt auf und kanalisiere schließlich meine Fähigkeit als Dämonengeborene. In Kombination mit meiner Schattenmagie, die nicht durch Schattenmale an meinen Händen begrenzt ist, vermag ich damit ein Tor von Valyrien ins Reich der ewigen Nacht zu öffnen.

Schattenmagier gibt es mehrere, aber keiner von ihnen kann das, was ich kann.

Das ist aber auch der einzige Skill, der mich hervorhebt. Ebenso bei meinem „ewigen Winter”, der mir eine große Macht an Eismagie zur Verfügung stellt und mich auf eine Ebene katapultiert, die weit über allen anderen Eismagier liegt. Dummerweise bin ich zwar mächtig, aber sonst nichts. Ich habe gerade mal die Anfänge des Kampfes gelernt und verstehe so gut wie nichts über taktische Kämpfe oder Kriegsführung.

Ja, ich kann Leute ziemlich krass töten. Aber wenn die besser im Kampf ausgebildet sind, was noch immer gefühlt auf so jeden Krieger zutrifft, sehe ich alt aus. In der Regel werde ich überwältigt, bevor ich agieren kann. Es wird Zeit brauchen, bis ich an so ein Niveau wie Sorius’ Eliteeinheit herankomme. Und damit meine ich nicht Amillan, Lukai, Ivarias oder Nowen, die seine „großen Vier” bilden. Unter Sorius versammeln sich noch weitere Einheiten, die höhere Fähigkeiten und Erfahrungen aufweisen, die er geschickt einzusetzen vermag.

Ich beschwöre nun endlich das Portal ins Reich der ewigen Nacht.

Bisher habe ich immer Dämonen hindurchgehen lassen, wobei der eine oder andere auch hineingeworfen wurde. Aber jetzt ist dieses Portal offenbar für Assael und mich, denn er packt mich einfach und hebt mich hoch. Da er viel größer ist als ich, hat er keine Probleme damit. Seine pechschwarze Haut ist auch rau und hat eine Widerstandsfähigkeit wie purer Stahl. Selbst wenn ich jetzt auf seinen Arm einhauen will, damit er mich loslässt, wird nichts passieren.

„Assael! Warte! Was zur Hölle machst du?“, hake ich leicht panisch nach.

Ja, ich bin eine Dämonengeborene und habe Assael als Kronprinz des Hofes von Var’Korvhus als sowas wie meinen dämonischen Partner, aber ich bin noch immer optisch ein Mensch! Dazu ein Vampir!

„Hör auf zu meckern, ich bringe dich zu Sorius”, meint Assael stumpf und geht einfach so durch das Portal.

Es ist das erste Mal, dass ich durch so ein Portal gehe. Und das, welches mich damals zurück nach Sylt gebracht hat, ist anders gewesen. Das hier fühlt sich nicht so an, als würde es meine Existenz zerreißen oder umstülpen. Genau genommen fühle ich fast gar nichts, außer, dass sich nun eine Art Kälte über meine Haut legt, die mich erschaudern lässt.

Im Reich der ewigen Nacht gibt es keine Sonne und das merkt man.

Nicht nur wegen der deutlich kühleren Temperatur, auch wegen der Umgebung. Über mir strahlt ein Mond an einem klaren Sternenhimmel, was die Heimat der Dämonen einen Hauch weniger unheimlich macht. Das macht die tödliche Präsenz, die in der Luft liegt und einem automatisch die Haare zu Berge stehen lassen, aber direkt wieder wett. Um mich herum erblicke ich Baumkronen und dazugehörige Bäume, dessen Baumrinde aber aus verschiedenen Schwarzschattierungen besteht. Auch das Laub, was keinem mir bekannten Baum ähnlich sieht, hat diese Schattierungen.

In der Luft liegen kleine, minimal leuchtende Punkte, die wie glitzernder Staub im Sonnenlicht herumschwirren. Das Leuchten ist nur minimal und vermutlich ist es eher das Mondlicht, welches sich darin widerspiegelt. Oder auch nicht, denn neben dem Weiß erkenne ich noch ein sehr schwaches Blau in der Leuchtkraft mitschwingen.

Vor uns erstreckt sich ein Weg und ich bin nicht mehr scharf darauf aus Assaels Armen zu entkommen.

„Du lässt mich hier aber nicht alleine, oder?“, hake ich sicherheitshalber nach.

„Das ist unerheblich”, gibt er von sich.

„Assael! Das beruhigt mich jetzt nicht!“, entgegne ich empört.

„Es wäre auch besser, wenn du dich nicht allzu sehr beruhigst”, haut er raus.

Ich habe echt keinen Schimmer, was ich darauf erwidern soll. Also klappe ich meine offene Kinnlade nach einem Moment des Schweigens zu und beobachte, wie Assael mich unaufhaltsam durch den dämonischen Wald trägt. Ehrlich gesagt habe ich immer mehr das Gefühl, als wenn ich auf meinen Untergang zusteuere.

Immerhin sehe ich Sorius dann wieder.

Sekunde, das meint er damit aber nicht, oder?

Vor uns taucht zwischen den Baumkronen auf einmal eine hohe Mauer aus schwarzem Gestein auf. Ich bestaune einen ganz kurzen Moment diese präzise Bearbeitung des Steins und die makellos glatt aussehende Oberfläche. Das Schwarz wirkt eher wie glänzender Obsidian.

Assael steuert direkt auf ein Tor zu, welches seine stabilen Pforten sofort für uns öffnet. Die beiden Türseiten schwingen zeitgleich auf und ich erkenne nicht einen einzigen Dämon, der sich servicemäßig darum kümmert. Entweder haben die richtig coole Technik mit Bewegungssensoren oder das hier ist einfach ein Horrorkabinett mit Geistern und wer weiß noch alles.

Er tritt hindurch und ich blicke mit einem Mal in die Gesichter von vielen Dämonen, die irritiert in unsere Richtung schauen. Es ist eine Straße mit mehreren Seitengassen, von der mehrere Grundstücke mit dicht gebauten Häusern abgehen. Die Dimension ist ein wenig größer, als bei uns. Immerhin sind die ganzen Dämonen, die offenbar aus der Linie von Assael stammen, auch so groß wie er. Es gibt zwar dezente Unterschiede in der Optik, die Art sieht aber gleich aus.

„Willkommen am Hof meines Vaters”, ist Assael so nett und erklärt, was hier vor sich geht.

Heilige. Verdammte. Scheiße.

Ich sage kein Wort und lasse mich weiter von ihm durch die Straßen tragen. Weiter vor uns überragt ein Gebilde die gesamte, kleine Stadt, die sich scheinbar ringförmig um das Zentrum erstreckt. Mittig steht aber ganz offensichtlich das Schloss von Var’Korvhus, also seinem Vater. Es ist noch einmal mit Mauern umringt und ich erkenne eine Art Schutzbarriere, die sich hauchdünn wie eine gigantische Kuppel über das Gebilde legt. Das Schloss wirkt von hier aus wie eine eigene kleine Stadt, das Gelände mit allem Drum und Dran muss ziemlich groß sein.

Herumfliegen sehe ich hier nicht einen einzigen Dämon. Wobei das nicht ganz stimmt, denn ich sehe hin und wieder schwer gepanzerte und bewaffnete Dämonen, die offenbar zum Militär von Assaels Vater gehören. Sie überblicken die Stadt und heben jedes Mal die Hand zum Gruß, wenn sie Assael erblicken.

Und jeder, an dem er vorbeigeht, verbeugt sich höflich.

Zumindest muss das für Assael höflich wirken, denn auf mich wirkt es eher leicht bedrohlich.

Ich sage noch immer nichts weiter und lasse diese kantigen, aber auch ästhetischen Gebäudestrukturen auf mich wirken. Dämonen lieben es scheinbar verrucht und verwinkelt. Überall ragen Säulen empor, die in die Bauwerke mit einbezogen sind. Und jede einzelne weist Verzierungen auf, es sind sogar regelmäßig kleine Lichter eingelassen.

Ob die wirklich nötig sind, weiß ich nicht, denn ausnahmslos alle haben diese tiefschwarzen Augenhöhlen.

Bis heute weiß ich nicht, ob Assael überhaupt „normal” gucken kann. Es war aber auch nie Thema und ich habe nicht nachgefragt. Und jetzt habe ich auch andere Nöte und Sorgen, denn er trägt mich auf direktem Weg immer näher zur gigantischen Schlossanlage inmitten der Stadt.

Übrigens hat es kein Eingangstor.

Assael breitet seine Schwingen aus und stößt sich knapp vor den Mauern vom Boden ab. Weiter oben ist auf dem Wehrgang der Mauer in der Barriere eine Art Eingang eingebaut, durch den er nun mit großer Selbstverständlichkeit hindurch fliegt. Die darum postierten Wachen mustern uns, sagen oder machen aber nichts.

Und schon fliegt er hinein und ich frage mich, ob ich als Einzelperson wieder herauskommen würde.

Mein Blick geht über die noblen Häuser, die sich am Rand in Richtung der Mauer drängen. Auf vielen der minimal engen Grundstücke sehe ich weitere Bäume, die aber nicht so hoch gewachsen sind, wie im Wald. Eher, um hier ein bisschen Natur zu haben, aber nicht übertrieben viel. Das Schloss selbst liegt auf einem nochmal leicht erhöhten Punkt und ist umstellt mit weiteren Wachen. Assael landet in aller Ruhe auf dem Podest vor dem Eingang, welches groß genug für ein Volksfest wäre.

Ich habe jetzt aber nicht das Bedürfnis, eine Reihe von Fressbuden hier aufzustellen und Glühwein für einen horrenden Preis zu verscherbeln.

Weit kommen wir nicht, denn Assael bleibt einige Schritte vor den großen Schlosstüren stehen. Diese gehen nämlich auf und bei dem Anblick des Dämons, der nun einen Fuß nach den anderen auf uns zusetzt, habe ich keine Zweifel bei dessen Identität.

Das ist garantiert Var’Korvhus.

Assael sieht ihm nämlich erstaunlich ähnlich, nur das Korvhus noch viel mehr Macht ausstrahlt und einen ganz anderen, heftigen Eindruck hinterlässt. Mit ihm schwingen wabernde Schatten, als wenn er die gar nicht erst kanalisieren muss. Er hat ebenso 2 große Schwingen, die kontrolliert mit der Bewegung mitgehen. Und auch 4 Arme, von denen er 2 vor der Brust verschränkt und 2 Hände in seine Hüften stemmt.

Ja, eindeutig Korvhus.

Assael hat auch ständig so eine Haltung drauf.

Ich muss echt schwer schlucken und frage mich, ob das hier ein schwerwiegender Fehler gewesen ist. Durch den Blutschwur ist Assael zwar an mich gebunden, aber ich bin mir nicht sicher, wem seine Loyalität gilt, wenn er zwischen seinem Vater und mir entscheiden muss. Am Ende ist das hier sogar ein Befehl.

Innerlich zwinge ich mir Ruhe auf und atme einmal tief ein und wieder aus.

Korvhus tritt die paar schwarzen Stufen seines schwarzen Schlosses hinab und kommt gute 3 Meter vor uns zum Stehen. Ich drücke mich aus Reflex leicht näher an Assael heran, aber damit ist wohl nun Schluss.

Er stellt mich auf meine Füße und ich blicke hoch in die Augen des Dämons, der der Fürst dieses Hofes ist.

Den schweren Kloß in meinem Hals bekomme ich nicht heruntergeschluckt.

* * *

Willkommen in Band 3 und viel Spaß beim Lesen! :)